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Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals.

Zürich: diaphanes 2010. ISBN 978-3-03734-116-2. 223 S. Preis: € 14,90.

Rezensiert von: Dominik Maeder

Galt der Finanzmarkt der neoklassischen Theorie immer schon als Paradigma von Marktförmigkeit schlechthin, so stellt der Börsencrash von 2009 eine besondere Herausforderung für die wirtschaftswissenschaftliche Lehre dar. Dass die rezente Krise nicht als bloß akzidentielles Beiwerk unaufhörlich sich verwirklichender Vernunft beschrieben werden kann, argumentiert Joseph Vogl in seinem Essay Das Gespenst des Kapitals. In dieser Wissensgeschichte des Finanzkapitalismus skizziert er, wie die politische Ökonomie von jenen Geistern heimgesucht wird, die sie selbst herbeirief.

 

Als am 6. Mai 2010 der Börsenindex des Dow Jones Industrial an der New York Stock Exchange binnen Minuten blitzartig um fast 1000 Punkte einbrach, saß der verblüffte Börsenanalyst Jim Cramer im Studio des US-Senders CNBC und starrte auf das Kursdiagramm des 170 Milliarden Dollar-Konzerns 'Procter & Gamble', dessen Aktienpreis gerade von 62 auf 47 Dollar eingebrochen war. "It can't be there. That's not a real prize! Just go buy Procter!", entfuhr es ihm, während der Kurs weiter auf 42 Dollar purzelte – und der ehemalige Hedgefonds-Manager hatte die Begründung für seine Kaufempfehlung noch gar nicht zu Ende formuliert, da sprang die Aktie wieder auf einen Wert von 60 Dollar zurück.[1]

 

Dieser spektakuläre 'flash crash', bei dem unter anderem Aktien der 23 Milliarden Dollar schweren Unternehmensberatung 'Accenture' kurzzeitig für einen Penny zu erstehen waren, zeitigte zwar keine so anhaltenden Effekte wie die 'Black Week' 2009. Als erratische Figur, die noch erfahrenen Finanzökonomen ihr eigenes Metier opak werden ließ, führt sie jedoch ins Zentrum nicht nur einer gesellschaftlichen Unsicherheit über das zeitgenössische Spekulationswesen, sondern auch der Diskursgeschichte finanzwissenschaftlichen Wissens, die Joseph Vogl in seinem Essay Das Gespenst des Kapitals vorlegt. Gerade die Unheimlichkeit, mit der sich in Krisen, Crashs und Kurseinbrüchen das Finanzkapital selbst depotenziert, lässt für den Berliner Kulturwissenschaftler den Systemcharakter des Börsenkapitalismus schlechthin fragwürdig erscheinen.

 

Der heuristische Trick, der Vogls ambitioniertem Essay zugrunde liegt und ihn von einer Vielzahl rezenter Polemiken über das Finanzmarktgeschehen abhebt, gestaltet sich denkbar einfach, bringt aber weitreichende Konsequenzen mit sich: Anstatt zu fragen, ob der zeitgenössische Kapitalismus ein System unbeirrbarer Effizienzsteigerung und die Krise damit ein bloß flüchtiger Moment der Rejustierung von Marktmechanismen sei, erwägt Vogl, ob es sich beim Diktum der Systemförmigkeit des Marktes nicht nur um eine wirkmächtige Chimäre wirtschaftswissenschaftlicher Abstraktion handelt. "Oikodizee" tauft er diese Gründungsfigur, für die "einzig der Markt und seine Akteure als Garantien spontaner Ordnung, innerweltlicher Vorsehung und Systemhaftigkeit überhaupt funktionieren. Die Geschichte der politischen Ökonomie ist die Geschichte dieser Hoffnungsfigur." (S. 31)

 

Gekonnt, für aufmerksame Foucault-Leser jedoch wenig überraschend, verfolgt Vogl diese Naturalisierung des kapitalistischen Geistes ausgehend von den sich formierenden Humanwissenschaften. Dort entdeckt er ein insuläres Subjekt der Passionen und (Eigen-)Interessen, dessen Universalität zugleich einen natürlichen Raum sozialer Gesetzmäßigkeiten eröffnet. Regiert wird dieser von einer Kraft der Vorsehung wie sie emblematisch die 'unsichtbare Hand' Adam Smiths darstellt: "Darum ist der Markt […] Ort von sozialer Ordnung schlechthin: ein Katalysator, der Leidenschaften in Interessen, egoistische Interessen aber in einen glücklichen Zusammenhang transformiert und darin einem Naturgesetz folgt." (S. 45)

 

Dieser "Naturalismus des Regierens" (S. 47) grundiert – so Vogl – in modifizierter Form dabei noch den Finanzmarktkapitalismus unserer Tage. So erscheint denn das neoklassische Diktum vom Wettbewerb als Fortentwicklung des naturalistischen Interessenausgleichs als Ausbuchstabierung jener utopischen Implikationen – eines "prospektiven Realismus" (S. 55) – die eine Marktförmigkeit ökonomischer wie sozialer Tauschverhältnisse proklamieren, wo selbige allererst noch im Entstehen begriffen sind.

 

Folgt man dem Autor, ist den neoklassischen Theoretikern eine gewisse Hellsichtigkeit zuzuerkennen, wenn sie im von lässlichen Obstakeln wie Güterproduktion und -distribution nicht affizierten Finanzmarkt das Modell von Wettbewerbslogik überhaupt erspähen und die Kontrafaktizität der eigenen Theorie konzedieren. Im Neoliberalismus wird damit der proaktive Charakter ökonomischer Theorie, die Bearbeitung der Ermöglichungsbedingungen für Wettbewerbsgesellschaften programmatisch: "Der Wettbewerb ist also jene idealbildliche Abstraktion, die in den tatsächlichen Ereignissen des Marktes bloß mehr oder weniger erscheint. Das bedeutet andererseits, dass er keine elementare Gegebenheit ist, sondern hergestellt, gefördert, durchgesetzt und ermöglicht werden muss." (S. 58)

 

Die Privilegierung des Finanzmarkts als Paradigma von Wirtschaftshandeln schlechthin stellt für Vogl demzufolge einen "weltweiten sozialen Großversuch" dar, "der bis auf weiteres im Gange ist" (S. 114) und vor allem durch eine Verschiebung von Zirkulationsmodellen gekennzeichnet ist: Erschöpft sich ein an der Güterproduktion orientierter Markt tendenziell im Warentausch, so dynamisiert insbesondere der durch das Ende des im Bretton-Woods-Abkommens verbrieften Gold-Standards instituierte freie Devisenmarkt ab Anfang der 1970er Jahre eine "ökonomische condition postmoderne" (S. 87). Das freie Spiel der Banknotensignifikanten führt dabei zu einer prinzipiellen Unabschließbarkeit von Transaktionsgeschäften; das sich verselbständigende Kreditgeld bedingt einen unendlichen Aufschub von Zahlungsereignissen. Durch diesen "Markt der Märkte" (S. 90) gibt es kein Außerhalb der Spekulation mehr.

 

Kritisch wird diese Entwicklung für Vogl allerdings weniger durch die Referenzlosigkeit des Geldes, die letztlich als Konsequenz aus der Erfindung des Zinses – die Zeugung von Geld durch Geld als Zeit[2] – erscheint, sondern durch die Tilgung von Zukunft.[3] Gerade weil für den frei flottierenden Finanzmarkt allein die Antizipation von Werthaftigkeit den faktischen Wert bestimmt, erweist sich die Zukunft als über Erwartungen, Erwartungserwartungen und weitere Erwartungspotenzen stets schon in die Gegenwart eingepreist. Der aktuelle Preis ist stets der wahrscheinlichste zukünftige, der "real prize". Alles, was sich dann noch zu ereignen vermag, kann bloß schiere Kontingenz, mathematisierbare Zufälligkeit sein, das "Spiel eines Schimpansen […], der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf den Börsenteil einer Zeitung wirft."

(S. 100)

 

Für Vogl zeigt sich in den stochastischen Modellen zur Kalkulierung von möglichen Kursverläufen ("Random Walk Theory") damit nicht nur eine "Verwandlung von Ratespielen in Finanzwissenschaft" (S. 109), sondern eine fatale Selbstbezüglichkeit ökonomischen Wissens, das von einem präsupponierten Equilibrium probabilistischer Normalverteilung ausgeht und sich selbst durch seine massierte Anwendung in Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung Evidenz verschafft: Wenn genügend Marktteilnehmern ihre Investitionsentscheidungen anhand des gleichen Berechnungsmodells kalkulieren – oder zumindest erwarten, dass hinreichend viele andere Teilnehmer die Verwendung dieses Modells erwarten – verhält sich der Markt am Ende tatsächlich wie das Modell. In Zeiten vollständig computerisierten 'High Frequency Tradings' wird er damit aber auch anfällig für Ereignisse, die sich dem logarithmierten Kalkül der Normalverteilung entziehen. Gerade diese 'Black-Swan'-Ereignisse [4] führen dann zu einem kaskadenhaften Zusammenbruch der sich wechselseitig stützenden Erwartungsloops, der sich – wie beim 'Flash Crash' – notwendigerweise den Grenzen der Wahrnehmbarkeit entzieht: "Das Gespenst des Kapitals kommt stets aus seiner eigenen Zukunft zurück." (S. 172)

 

Die von beeindruckender intellektueller Spannkraft zeugende Wissenschaftsprosa des Essays beweist insbesondere in den kursorischen Darstellungen finanztheoretischen Denkens ein beinahe kabarettistisches Talent zur Pointierung von dessen Aporien. Wer sich davon – wie der Rezensent – jedoch eine konsequente Fortschreibung einer Poetologie des ökonomischen Menschen erhofft, wie sie Vogl in seiner vielbeachteten Habilitationsschrift Kalkül und Leidenschaft von der Theaterpoetik der Aufklärung bis zur Steuerungslogik des modernen Romans verfolgt hatte, der wird enttäuscht. Zwar setzt der Essay mit einer Lektüre von Don DeLillos verschlungener Bankersodyssee Cosmopolis ein und entwickelt daran die Frage, inwieweit die Wissensform der Finanzökonomie überhaupt noch eine Wahrnehmungsweise, ein Narrativ, eine Poetik hervorzubringen vermag. Allein, beantwortet wird sie nicht.

 

Stattdessen skizziert Vogl einerseits marginalisierte finanztechnische Modelle von Mandelbrots Fraktalrechnung zur Kalkulation des Nicht-Erwartbaren über postkeynesianische Theorien bis zu Minskys These transistorischer (In-)Stabilität, von denen er sich ein Ende der Oikodizee, also "Säkularisierung ökonomischen Wissens […], Ökonomien ohne Gott, Märkte ohne Vorsehung und Wirtschaftssysteme ohne prästabilisierte Harmonien" (S. 176) erhofft. Andererseits bricht sich gerade zum Ende des Buchs jedoch auch eine Fundamentalskepsis gegenüber einer Finanzökonomie Bahn, deren Reform zugleich mit ihrer Abschaffung in eins zu fallen scheint, weil der unendliche temporale Aufschub einer Kreditökonomie mit einer stets finiten Liquidität ökonomischer Akteure konfligiert: "Ökonomische Zeit ist maßlos, leer, unbestimmt, proleptisch und abstrakt, historische Zeiten sind angefüllt, konkret, bestimmt, irreversibel und beschränkt."

(S. 173)

 

Dass die Welt bunt, die Ideen der Finanzwelt aber bloß grau sind, ist für diesen geistreichen Essay dann aber doch ein reichlich vorzeitiges Fazit. 

 

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[1] 'May 6th 2010 Stock Market Flash Crash Part 5', http://www.youtube.com/watch?v=Mt2FMiFFERY&feature=related [29. 03. 2011].

[2] Vgl. Samuel Weber: Geld ist Zeit. Gedanken zu Kredit und Krise. Zürich/Berlin: diaphanes 2009.

[3] Vgl. auch Joseph Vogl: "Der Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit". In: Gefahrensinn. Archiv für Mediengeschichte. Hg. v. Lorenz Engell/Bernhard Siegert/Joseph Vogl. München: Wilhelm Fink 2009, S. 101–106.

[4] Nassim Nicholas Taleb: The Black Swan. The Impact of the Highly Improbable. London: Penguin Books 2008.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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