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Haitham Saab: Restoration Orientalism. The representation of Turks in Serious Drama 1660–1700.

Saarbrücken: Lambert Academic Publishing 2010. ISBN 978-3-8383-4866-7. 225 S. Preis € 79,–.

Rezensiert von: Michael Hüttler

Der saudi-arabische Anglist Haitham Saab hat ein Buch mit dem Titel Restoration Orientalism vorgelegt. Darin beschäftigt er sich mit der Darstellung der Türken im englischen Drama der Restaurationszeit 1660–1700. Es ist zunächst einmal überaus erfreulich, dass sich ein arabischer Akademiker mit Themen auseinandersetzt, die im Allgemeinen von der europäisch-nordamerikanischen (Kultur-)Wissenschaft dominiert werden.

 

Selbst Edward W. Said, der durch sein Buch Orientalismus in den späten 1970er Jahren die Diskussion über den eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des Orients als "Western style for dominating, restructuring, and having authority over the Orient"[1] erst so richtig in Gang gebracht hat, lebte und arbeitete in den Vereinigten Staaten.

 

In den meisten kulturwissenschaftlichen Studienrichtungen wie auch in den Performance Studies ist die Einbeziehung der Postkolonialen Theorie bereits gang und gäbe; in der deutschsprachigen Theaterwissenschaft, von Ausnahmen wie Christopher Balme abgesehen, allerdings eher selten. Die Erwartungen des Rezensenten waren daher hoch, als die Studie eines Wissenschaftlers der saudi-arabischen Taibah Universität, Medina, zum Thema Orientalismus am Theater herauskam. Der unabhängige Blick von außen schien hier gewährleistet.

 

Doch zunächst zum Inhalt. Die ersten drei Kapitel des Buches befassen sich mit einleitenden Überlegungen zur Darstellung der Türken in der englischen Renaissance sowie in der Literatur der Restaurationszeit. Ausführungen zur Geschichte des Osmanischen Reichs und Betrachtungen über den Orient im Drama runden die Einführung ab.

 

Die folgenden vier Kapitel fokussieren auf die vom Autor ausgesuchten "Oriental Heroic Plays", die im Hinblick auf die Konventionen der Restaurationsdramen sowie auf die Darstellung von Osmanen bzw. Türken analysiert werden. Den Beginn macht ein Kapitel über William Davenants Stück The Siege of Rhodes (1656/1661), das Saab als erstes Heroic Play der Restaurationszeit überhaupt identifiziert. Der Umsetzung der historischen Figur Sultan Soliman I. auf dem Theater ist ein weiteres Kapitel gewidmet. In Roger Boyles The Tragedy of Mustapha, the Son of Solyman the Magnificent (1668) und Elkanah Settles Ibrahim the Illustrious Bassa (1676) sieht Saab den Beginn eines Wandels in der Darstellung des Türken auf der englischen Bühne vom 'Anderen' zum 'Gleichen'.

 

Den Umgang mit Zeitgeschichte untersucht Saab anhand der Stücke Ibrahim, the Thirteenth Emperor of the Turks (1696) von Mary Pix und The Conspiracy or the Change of Government (1680) von William Whitaker. Im Schlusskapitel wird anhand der Darstellung der Einnahme von Konstantinopel in Henry Nevil Peynes The Siege of Constantinople (1675) sowie der Eroberungen Tamerlans in Charles Saunders Tamerlane the Great (1681) und Francis Fanes The Sacrifice (1686) die Umsetzung historischer Stoffe auf der Bühne behandelt.

 

Wie nicht anders zu erwarten, greift Saab bereits in der Einleitung die Orientalismusthesen Edward Saids kurz auf, um sie dann allerdings gleich wieder für den Rest des Buches außer Acht zu lassen. Saab identifiziert zunächst jene Geschichtsbücher, die Theaterautoren der Restaurationszeit als Inspirationsquellen für ihre Texte verwendet haben: Richard Knolles Generall Historie of the Turkes von 1603 und Paul Rycauts History of the Present State of the Ottoman Empire (1665). Der Autor verweist dabei auf die Unausgewogenheit der Darstellungen und führt als Beispiel einen oft zitierten Satz aus Knolles Historie an, der die Türken als "the present terror of the world" (S. 18) brandmarkt.

 

Die Analysen der wenig bekannten Stücke aus der Restaurationszeit sind handwerklich korrekt durchgeführt und vermitteln durchaus interessante inhaltliche Informationen. Die Untersuchung im Hinblick auf den heroischen Charakter und Tugenden wie "love and honour, friendship and rivalry, and trust" (S. 153) steht allerdings zu stark im Vordergrund und verstellt dadurch den Blick auf andere Lesarten. Rein gar nichts zu lesen ist beispielsweise von Gayatri Chakravorti Spivak oder Homi K. Bhabha, neben Said die beiden wichtigsten Wegbereiter der postkolonialen Theorie, – und das verwundert bei einer Arbeit über Orientalismus doch ein wenig.

 

Das Hauptaugenmerk legt der Autor darauf, "the most relentless biases against the Turks' system of government and religion to be found" (S. 123) aufzuzeigen und auf populäre Missverständnisse und Stereotypen am Theater hinzuweisen. Saab kritisiert mehrmals vehement das verzerrte Bild, das seiner Meinung nach in den meisten Fällen am Theater vom Islam gezeichnet wurde. Bereits in den Werken englischer Historiker finden sich Ungenauigkeiten und Vorurteile, die sich dann auf der Bühne weiter verstärken. Die Verwendung von unpassender – weil christlicher – Terminologie für die Beschreibung der islamischen Religion evoziert ein falsches Bild des Propheten sowie eine falsche Interpretation der Texte des Korans. Der Autor gelangt dabei zur Erkenntnis, "once again, cultural differences and religious anxieties are confusingly revealed, only to underscore Christian superiority" (S. 128).

 

Interessant ist Saabs Einordnung der ägyptischen Königin Cleopatra als "typical Western protagonist of tragedy" (S. 167). Dies böte einen reizvollen Ansatzpunkt, die legitimen unterschiedlichen Sichtweisen europäischer und arabischer Wissenschaftler weiterzuverfolgen. Doch leider wurde dieser Punkt nicht näher ausgeführt.

 

Man kann dem Autor in seiner Kritik an der europäischen Darstellung des Orients durchaus folgen. Allerdings trüben historische und fachliche Unschärfen das Bild: Saab geht beispielsweise von der Einschätzung aus, dass die militärische Schlagkraft der Osmanen und damit die Bedrohung Mitteleuropas zum Zeitpunkt der Restauration (1660–1700) bereits im Abklingen waren. Jedoch kann man allenfalls von einem Wendepunkt sprechen, der sich gegen Ende dieser Periode abzeichnet. Erst nach der Belagerung Wiens 1683 und insbesondere nach dem Frieden von Karlowitz 1699 begannen der Rückzug und der langsame Niedergang des Osmanischen Reichs. Die Bezeichnung des kaiserlichen Gesandten Ogier Ghislain de Busbecq in Istanbul 1554/56–1562 als 'österreichischer' Botschafter ist zumindest als ungenau einzuordnen und Aussagen wie "Ahmed Koprulu […] led the war with Austria against the Habsburg" (S. 34) lassen an der Sattelfestigkeit des Autors in geschichtlichen Belangen zweifeln.

 

Auch Saabs grundsätzliches Verständnis von Orientalismus bleibt unklar. So argumentiert er beispielsweise, im anonymen Stück Irena von 1664 habe sich ein falscher Orientalismus der Restaurationszeit manifestiert, weil hier der Orient nicht als 'das Andere' sondern als etwas Gleiches repräsentiert werde. Orientalismus generell nur im Gegensatz zum 'Anderen' sehen zu wollen, ist allerdings eine unzulässige Verkürzung.

 

Der Autor bezieht sich hauptsächlich auf Sekundärliteratur aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und ist offensichtlich nicht über den neuesten Stand der Forschung informiert. So schreibt er beispielsweise im Kapitel über die Tamburlaine-Bajazet Legend and Heroic Misrepresentations über Marlowes Tamburlaine und Shakespeares Othello, bezieht sich aber mit keinem Wort auf die Arbeiten von Daniel Vitkus (u. a. Turning Turk. English Theater and the Multicultural Mediterranean, 1570–1630), der beide Stücke 2003 in diesem Zusammenhang untersucht hat. Ebenso wenig kennt der Autor Linda McJannets Buch The Sultan Speaks aus dem Jahr 2006. McJannet untersucht darin ausführlich die Einflüsse von Richard Knolles Generall Historie of the Turkes in Hinblick auf die Darstellung der Türken im englischen Drama.

 

Lässt sich über den Inhalt eines Fachbuches vortrefflich wissenschaftlich streiten, so sollte zumindest die Form außer Frage stehen. Leider wurden jedoch bei diesem Buch die Mindeststandards für moderne wissenschaftliche Publikationen nicht eingehalten. So enthält es beispielsweise weder eine Bibliographie noch einen Index. Komplett fehlen leider auch genaue Quelldaten zu den besprochenen Stücken. Saab macht meist nur unvollständige Angaben zu den Originaldaten; zitiert wird ausschließlich aus modernen Editionen, exakte Druck- oder Aufführungsdaten der Stücke oder gar zeitgenössische Rezensionen sucht man vergeblich. Manchmal werden sogar die Stück- oder Buchtitel nur unvollständig wiedergegeben. Dies ist für eine Arbeit, die sich in der Einleitung dezidiert als historisch verortet, unakzeptabel.

 

Unangenehm fällt dem Leser zusätzlich auf, dass es offensichtlich keinerlei Lektorat gegeben hat. Ungenaues Layout und eine Vielzahl von Tippfehlern beeinträchtigen die Lesefreude sehr stark. Bereits bei äußerer Betrachtung findet man auf der Buchrückseite die ersten Fehler; schlägt man das Buch auf, so entdeckt man im Inhaltsverzeichnis weitere Druck- und Layoutfehler. Das zieht sich durch die gesamte Publikation: Jede einzelne der sieben Kapitelüberschriften weist Formatierungsfehler auf, der Fließtext ist voll von Druckfehlern, Stücktitel sind falsch geschrieben, Zeilenabstände und Formatierungen für Titel und Fußnoten nach Lust und Laune gesetzt und nicht vereinheitlicht. Diese unsaubere Machart verstellt leider den Blick auf den Inhalt.

 

Der Autor wäre jedenfalls gut beraten, in Hinkunft genau zu kontrollieren, welchem Verlag er seine Manuskripte anvertraut. Dem – angeblich akademischen – Verlag Lambert Academic Publishing ist hier zur Last zu legen, unerfahrene Wissenschaftsautoren auf verantwortungslose Weise zu verheizen. Dazu kommt noch ein saftiger Preis von Euro 79,– für knappe 225 Seiten billigsten Digitaldruck als Book on Demand. Dies ist durch nichts gerechtfertigt. Leider keine Empfehlung.

 

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[1] Edward Said: Orientalism. London: Penguin books 2003 (1978), S. 3.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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