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Emilie Bickerton: Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma.

Übers. v. Markus Rautzenberg. Zürich: diaphanes 2010. ISBN 978-3-03734-126-1. 191 S. Preis: € 19,90.

und

Bernd Kiefer/Thomas Koebner/Fabienne Liptay (Hg.): Jean-Luc Godard.

München: text+kritik 2010. (Film-Konzepte: 20). ISBN 978-3-86916-071-9. 116 S. Preis: € 22,-.

Rezensiert von: Thomas Ochs

Zum französischen Kino und insbesondere zur Nouvelle Vague lässt sich eine Vielzahl an Publikationen finden. Mit der Monographie A Short History of Cahiers du cinéma von Emilie Bickerton und dem 20. Teil der Reihe Film-Konzepte zu Jean-Luc Godard, herausgegeben von Bernd Kiefer, Thomas Koebner und Fabienne Liptay, ordnen sich zwei weitere Publikationen in diesen Kreis ein. Dabei lässt sich für beide Werke konstatieren, dass sie zwar in ihren Betrachtungen weit über die filmhistorische Bewegung der späten 1950er Jahre hinausragen, diese aber stets markanter Bezugspunkt der Betrachtungen bleibt: Die Nouvelle Vague bedeutete auch eine Suche nach anderen Möglichkeiten, filmisch über Film zu sprechen beziehungsweise zu denken. Die Cahiers du cinéma und Jean-Luc Godard waren ein markanter Teil dieser Versuche, Film/Kino aus anderen Perspektiven zu betrachten.

 

Die Autorin Emilie Bickerton hat 2009 mit ihrer Monographie A Short History of Cahiers du cinéma einen historischen Überblick zur renommierten Filmzeitschrift vorgelegt. Diesbezüglich startet sie ihre chronologisch angelegte Reise in den bedeutenden 1950er Jahren und endet ihre Betrachtungen bei der heutigen, marktorientierten Ausrichtung der Cahiers. Dabei rekurriert sie stets auf den cinephilen Geist der Entstehungszeit und hangelt sich von Redaktionsleitung zu Redaktionsleitung. Von André Bazin, über das Duo Serge Daney/Serge Toubiana bis hin zur Jahrzehnte andauernden Alleinherrschaft von Toubiana selbst beschreibt die Autorin die Geschichte der Cahiers auf eine anschauliche, durchaus kritische und informationsgeladene Weise. Die mit Toubiana verbundene Kommerzialisierung besiegelt für Bickerton schließlich den 'Tod' der renommierten Filmzeitschrift (vgl. S. 128). Resümierend bringt die Autorin diesen Niedergang mit der Veränderung der intellektuellen französischen Kultur in Verbindung: Sie schreibt von einer "'Normalisierung' der französischen Kultur", in der die politische Linke "sich nicht länger durch Kapitalismuskritik, sondern durch harmlosere Werte wie Gerechtigkeit oder Großzügigkeit" definierte (S. 131).

 

Die Publikation ist zunächst in acht größere Kapitel unterteilt, welche wiederum in mehrere Zwischenkapitel gegliedert sind. Grundsätzlich bietet der Text einen bisher nicht publizierten Überblick zur französischen Filmzeitschrift. Dabei reibt sich die Autorin unermüdlich an der Geschichte der Cahiers und präsentiert damit eine facettenreiche Filmgeschichtsschreibung: Ihr historischer Gegenstand ist dabei aber keineswegs Film oder Kino an sich, sondern deren Rezeption und Reflexion. Die Polemik und Kritik, die Bickerton in den Cahiers seit den 1980er Jahren vermisst, versucht die Autorin selbst zu formulieren. Gerade den Ausblick auf die heutige Filmkritik am Ende ihres Textes nimmt sie zum Anlass, zu neuen Tendenzen, Blickwinkeln und Perspektiven aufzurufen: "Gegen den Strich" (S. 151). 2010 – d. h. noch vor dem eigentlichen 60. Jubiläum der Filmzeitschrift – ist diese Monographie in einer deutschen Übersetzung von Markus Rautzenberg erschienen. Am 3. Dezember des selben Jahres wurde Jean-Luc Godard 80 Jahre alt. In der Gründungsphase der Cahiers du cinéma noch selbst Teil der Redaktion, avancierte der Filmregisseur seit seinem Film À bout de souffle (1960) zu einem Reibe- und Reizpunkt für die Cahiers der folgenden Jahrzehnte, völlig unabhängig von der wechselnden redaktionellen Ausrichtung (vgl. S. 80f und 114–117).

 

Dem 80. Geburtstagsjubiläum ist ein Sammelband der Schriftenreihe 'Film-Konzepte' gewidmet. Zu seinem 70. Geburtstag verfasste Colin MacCabe mit Godard. A Portrait of the Artist at Seventy (2003) eine Form von Biographie, die das Schaffen des Regisseurs in neue Sphären hob und ihn als einen der bedeutendsten (Film-)Künstler des 20. Jahrhunderts titulierte. Mit dem einleitenden Verweis auf diesen Text befrachtet der Gastherausgeber Bernd Kiefer den Sammelband mit ähnlicher Ambition. Diesem Anspruch wird die Publikation nicht gerecht.

 

Jean-Luc Godard 'skizzieren': Das meint auch seine Komplexität zu erahnen und bedeutet in keinem Fall, dessen Schaffen in bestimmte Richtungen zu drängen; gleichzeitig heißt das, nicht die Perspektivierung der Inhalte und Formen seines künstlerischen Schaffens zu negieren. Bernd Kiefer meint völlig einleuchtend: Godard "war Existenzialist, Strukturalist und Poststrukturalist, Marxist, Maoist, Feminist – und immer 'Modernist'" (S. 7). Doch was kann Godard noch sein bzw. ist er außerdem noch gewesen?

 

Konzepte entwerfen: eine Grundvorstellung, eine Skizze, eine erste Fassung eines Projektes oder Vorhabens; Konzepte können als eine Sammlung von Leitgedanken oder Eckpunkten verstanden werden. Bernd Kiefer schreibt in seinen einleitenden Gedanken: "Godard. A Portrait of the Artist at Eighty. Das wäre an der Zeit. Es kann hier nicht entworfen werden, aber einige Facetten sollen erscheinen" (S. 7). Das heißt: Keine Neuorientierung der Denkmuster, sondern eine Analyse von Facetten.

 

Im 20. Teil der 'Film-Konzepte' widmen sich acht wissenschaftliche AutorInnen anlässlich seines 80. Geburtstags der Person Jean-Luc Godard. Dabei bestimmt der Gastherausgeber Bernd Kiefer in seiner Einleitung die marginalisierte Auseinandersetzung sowie das Missverstehen von Godard bis zu seinem aktuellsten Film Film socialisme (2010) und verweist dezidiert auf die Klassifizierung von Godard als 'auteur'. Die einzelnen Skizzierungsversuche der jeweiligen AutorInnen bleiben von jener Ansicht inspiriert. In aller Konsequenz kerkert jedoch diese Situierung den Sammelband insoweit ein, als sich darin Godard nicht über die Klassifikation des 'auteurs' hinaus denken lässt (vgl. S. 6). Zwar beleuchten die einzelnen AutorInnen en détail sehr differente Aspekte des filmischen Schaffens von Godard, liefern jedoch nur marginal neu generierte Perspektiven zu aktuellen Inhalten und Formen seines Œuvres:

 

Norbert Grob, Andreas Rauscher und Ivo Ritzer setzen sich mit drei großen und gesamtwerkumschließenden Komplexen von Godard auseinander: Darstellung(en) des Weiblichen in Abgrenzung und Verbundenheit zum Männlichen, dem Topos des Krieges und Godards Beziehung zum Genre(kino). Diese wissenschaftlichen Essays analysieren zahlreiche Filme anhand ihrer gewählten Themenschwerpunkte und drängen alles Restliche an den Rand ihrer Betrachtungen. Mehr als eine Einleitung zu Godard liefern diese Beiträge in keinem Fall.

 

Ganz anders der Aufsatz von Oksana Bulgakowa zum Cinétracts Project und der Dziga Vertov Gruppe sowie die musikwissenschaftliche Analyse von Jürg Stenzl hinsichtlich der musikalischen Kontrastierung von Godards Filmbildern, im Besonderen zu Liberté et patrie (2002). In der Dziga Vertov Gruppe wird Godard zum "anonymen Film-Arbeiter" (S. 50). Bei Stenzl rücken seine filmessayistischen Arbeiten in den Vordergrund. Des Weiteren liefern Josef Rauscher und Oliver Keutzer Analysen zu Godards filmischer Philosophie und seinen audiovisuellen Erzählstrukturen. Bernd Kiefer entwirft in seinem abschließenden Text zu den mehrteiligen Histoire(s) du cinéma (1988–1998) eine Skizze davon, wie Godard Filmgeschichte filmisch ästhetisiert.

 

Aber sich mit Jean-Luc Godard auseinanderzusetzen erfordert stets aufs Neue ein Überdenken des bis dato Gedachten. Es reicht nicht aus, das schon Beschriebene zu erweitern. Das ist ein Kritikpunkt, den sich die AutorInnen und HerausgeberInnen der 20. Film-Konzepte gerade deshalb gefallen lassen müssen, da die Rahmung der Reihe anderes zu versprechen scheint: "Neue Ansichten und überraschende Einsichten zu Personen und Themen des deutschen und internationalen Films" (Buchrücken).

 

Fakt ist: Diese AutorInnen setzen sich bis auf eine Ausnahme aus wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und ProfessorInnen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zusammen. Das ist grundsätzlich natürlich nicht negativ zu sehen. Aber es ist sicher nicht verkehrt, auch diese statisch wirkende Perspektivierung kritisch zu hinterfragen. Ergänzt werden die neun wissenschaftlichen Essays durch eine Kurzbiografie und eine sehr sparsam formulierte Filmografie – wenngleich sich diese spärliche Form durch alle Ausgaben der 'Film-Konzepte' hindurchzieht.

 

Die Parallelität der Lektüre von Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma und dem 20. Teil der 'Film-Konzepte' zu Jean-Luc Godard offenbart gemeinsame Perspektiven und Bezugspunkte: Zunächst skizzieren beide Publikationen französische Filmgeschichte im Allgemeinen. Im Weiteren aber sind in beiden Büchern markante Denkmuster der AutorInnen formuliert. Dabei ist freilich die Herangehensweise völlig different: Emilie Bickertons Ansatz ist dezidiert historisch. Nicht nur im Sinne einer Filmgeschichtsschreibung, sondern auch aufgrund der Analyse der Cahiers als einem Impulsgeber zu politischen und philosophischen Diskursen – vor allem in den frühen 1970er Jahren. Konträr dazu schafft der kulturwissenschaftliche Sammelband zu Godard in neun Aufsätzen einen Überblick zu den vielschichtigen Elementen in seinen Filmen. Dabei liegt der Fokus nur marginal auf seiner journalistischen und philosophischen Tätigkeit. Die Auseinandersetzung mit beiden Publikationen liefert letztlich tiefere Einblicke in einige Aspekte des französischen Kinos, die teilweise in dieser Form zuvor nicht möglich gewesen waren.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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