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Konstanze Fliedl/Evelyne Polt-Heinzl/Reinhard Urbach: Schnitzlers Sprachen der Liebe.

Wien: Picus 2010 (Wiener Vorlesungen im Rathaus: 147). ISBN 978-3-85452-547-9. 79 S. Preis: € 8,90.

Rezensiert von: Andreas Ehrenreich

Schnitzlers Sprachen der Liebe nennt sich ein schmaler Band des Picus-Verlags, der drei Texte von Konstanze Fliedl, Evelyne Polt-Heinzl und Reinhard Urbach versammelt. Die darin enthaltenen Beiträge wurden als Teil der Reihe 'Wiener Vorlesungen im Rathaus' im Herbst 2006 vorgetragen; gemeinsames Thema der Ausführungen stellen die verschiedenen Facetten des Liebesmotivs im Werk Arthur Schnitzlers dar. Unisono gelangen die Autoren zu dem Befund, dass der titelgebende Ausdruck der Zuneigung nicht ganz so unproblematisch sei, wie man gemeinhin annehmen würde.

 

Den Anfang macht Konstanze Fliedl mit ihrem Beitrag "Schnitzlers Sprachen der Liebe". In zehn lose verbundenen Abschnitten legt die Literaturwissenschaftlerin eine kurzweilige Analyse aus feministischer Perspektive dar. Sie unternimmt einen auf den Liebesdiskurs fokussierten Streifzug durch die Literaturgeschichte und behandelt daraufhin dessen Philosophierezeption. Fliedl führt eminent misogyne Passagen in Schnitzlers Aphorismen auf die Lektüre von Schopenhauer, Nietzsche und Freud zurück. Es folgen Überlegungen zu einer "Sozialgeschichte der Leidenschaft" (S. 20), worin die nur allzu reale Prekarität unehelicher Beziehungen im Wien der Jahrhundertwende aufgezeigt wird.

 

Nach einer Auseinandersetzung mit der ultimativen Formel der Liebesrede, 'ich liebe dich', in die Fliedl auch systemtheoretische Ansätze miteinbezieht, werden intratextuelle Anspielungen auf literarische Werke als ein wesentliches Merkmal des Liebesdiskurses herausgearbeitet. Eine Funktionsbestimmung einzelner Elemente der Liebesszene/-rede folgt ebenso wie Bemerkungen zur "Sprachkritik des alten Schnitzler", die sich mit der "Inkommunikabilität der Worte überhaupt" (S. 32) befassen.

 

Wer angesichts dieser langen Inhaltsangabe glaubt, es mit einem sehr umfangreichen Beitrag zu tun zu haben, wird über diese knappen 26 Seiten überrascht sein. In Anbetracht der stupenden Vielzahl methodischer Ansätze, mit denen sich die Autorin Schnitzlers Dramen und Erzählungen nähert, scheint der Vorwurf der Inkonsequenz und Beliebigkeit durchaus berechtigt zu sein. Allerdings greift dieser Tadel in Bezug auf Fliedls Unternehmen nicht ganz. Offensichtlich handelt es sich bei "Schnitzlers Sprachen der Liebe" nicht um eine umfassende, auf Vollständigkeit bedachte Arbeit; vielmehr gerät das Sprunghafte und Fragmentarische des Textes regelrecht zu einer Methode sui generis. Dieser Aufsatz stellt nicht nur eine amüsante Manifestation germanistischer Gelehrsamkeit dar, sondern beflügelt den Rezipienten, sich selbst mit den nicht einlässlich ausgeführten Punkten intensiver zu befassen.

 

Die kursorische Darstellung des Liebesmotivs bei Schnitzler ist auf leichte Verständlichkeit hin ausgelegt und unterhält mit fein dosierten Spitzen. So heißt es in den Ausführungen zur Funktion des Kusses, die sich auf einen Reigen-Dialog beziehen: "Die Plattitüde von den 'süßen Lippen' macht den Mund, krude gesagt, zum Gemeinplatz, auf dem sich schon andere getummelt haben." (S. 28) Im Fahrwasser des leicht Bekömmlichen scheut sich die Autorin auch nicht, das Schnitzler'sche Werk mit dem Leben des Wiener Arztes kurzzuschließen. Dieses biographistische Vorgehen ist im gesamten Text jedoch nur so marginal vorhanden (vgl. S. 30), dass es die Freude an der Lektüre keineswegs schmälert.

 

Der Leser erhält den Eindruck, dass eine romantisch-verklärte Betrachtungsweise der Liebesszenarien, die der Reigen, Das weite Land, Liebelei oder Frau Bertha Garlan beinhalten, deren Prekarität nicht gerecht wird. 'Liebe' stellt sich als komplex und gefährlich heraus, ist bei Schnitzler mit Kommunikationsschwierigkeiten und Machtkämpfen untrennbar verbunden. Mit diesem Ergebnis stellt sich Fliedl der "österreichische[n] Schnitzler-Folklore"[1] erfolgreich und vor allem höchst publikumswirksam entgegen.

 

Evelyne Polt-Heinzl widmet sich im kürzesten Beitrag des Sammelbands, "Liebesrede und Machtfragen", dem Status des Weiblichen in Schnitzlers Dramen. Ihre Betrachtungen stützt sie vorrangig auf Professor Bernhardi. Über die Analyse der hochgradig marginalisierten Frauenfiguren dieses Stücks erweitert sie die literaturwissenschaftliche Perspektive in Richtung einer sozialhistorischen Untersuchung. Nicht nur in der Literatur besetzte das Feminine bestenfalls die Position einer Leerstelle – so tritt das Movens der Bernhardi-Handlung, die 'Sepsis', gar nicht lebend in Erscheinung (vgl. S. 40f.).

 

Grundsätzlich hatten Frauen um die Jahrhundertwende sehr eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten. Am Beispiel der Figur Fürstin Stixenstein legt Polt-Heinzl dar, über welche Umwege politisches Engagement möglich war: "Für Frauen, denen die Mitgliedschaft in einer politischen Partei verboten war, stellte der überparteiliche, humanitäre Verein die einzige Möglichkeit dar, sich [...] in politische Prozesse einzuschalten." (S. 43) Soweit Polt-Heinzl diesen literatursoziologischen Weg beschreitet, der den Schnitzler'schen Liebesdiskurs noch nicht unmittelbar berührt, weiß sie mit interessanten Fakten über teils bis heute bestehende gesellschaftliche Schieflagen zu überzeugen. Durch die Konzentration auf den Ansatz, außerliterarische Wirklichkeit durch den Bezug auf ihre dichterische Umsetzung zu erhellen, geraten die Schilderungen der Autorin noch eindringlicher als die methodisch bisweilen etwas zerfaserten Betrachtungen Konstanze Fliedls. Wo Polt-Heinzl näher auf die Liebesrede eingeht, fallen allerdings beträchtliche inhaltliche Redundanzen hinsichtlich des zuvor abgedruckten Textes auf.

 

Reinhard Urbach steuert den abschließenden Aufsatz bei. Dieser nennt sich "Entblößungen – Verletzungen. Bemerkungen zu Scham und Ehre bei Schnitzler" und verfolgt eben jene Motive durch das Schaffen des Schriftstellers. Als Ausgangspunkt seiner Überlegungen wählt Urbach den Reigen, um sich daraufhin zu Lieutenant Gustl und Fräulein Else vorzutasten. Was sich als klassische Stoff- und Motivanalyse anlässt, entwickelt sich zu einer Untersuchung, welche die Diskurse von Ehre und Scham in den Blick nimmt.

 

Urbach stellt seinem Text die Prämisse voran, dass die ursprüngliche Bedeutung dieser Vokabeln an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert schon irreparabel beschädigt gewesen sei: "Für Arthur Schnitzler werden die Begriffe Ehre und Scham fast nur noch in ihrer Hohlheit erfahrbar, als krampfhaftes Beharren auf längst desolat gewordenen Werten." (S. 56) Diese These erläutert der Autor anhand des Reigens, den er als "Bebilderung sexualanalytischer Erkenntnisse" (S. 57) und gesellschaftserhaltende Imagination des "Rundlaufs der Promiskuität" (S. 56) rasch abhandelt. Das hier dargestellte Schamgefühl sei unproblematisch, da es sich um eine – eigentlich irrelevante – Konvention der sexuellen Anbahnung handle. Daraufhin wendet sich der Autor Lieutenant Gustl und Fräulein Else zu, in deren fiktionaler Welt der Ehrverlust schon eher eine Bedrohung darstellt.

 

Leicht nachvollziehbar wird dargelegt, wie dieser Diskurs mit der formalen Gestaltung der Novellen, dem Stilmittel des Inneren Monologs, korrespondiert. Trotz der prekären Wirkung, die das demolierte Ehrgefühl zeitweise auf die Protagonisten ausstrahlt, kommt Urbach zu einem entlastenden Fazit: "Weder Verletzung der Ehre noch Schande der Entblößung greifen tief genug. Als gesellschaftlich vermittelte Komponenten sind sie von außen über die beiden jungen Leute als Normen, Konventionen, anerzogene Traditionen gestülpt worden." (S. 63) Daraufhin stellt der Wissenschafter den Bezug zu Friedrich Hebbel her, in dessen Texten die beschädigte Integrität noch radikale Konsequenzen hatte. Dieser Vergleich ist durchaus interessant, allerdings macht sich hier die Tendenz zur Inhaltsparaphrase negativ bemerkbar.

 

Zu guter Letzt versucht Urbach, Schnitzlers Intention in Bezug auf seine Leserschaft zu ergründen. Dass es sich dabei um eine überkommene Praxis handelt, muss wohl nicht speziell betont werden. Auch wirken die biographischen Annäherungen, womit jene abschließenden Passagen durchsetzt sind, etwas fragwürdig. Wo Urbach Rezeptionsforschung betreibt, gerät seine Untersuchung wieder seriös. Der Skandal um den Reigen wird als simple und übermäßig hysterische Publikumsreaktion dargelegt, welche phantastische Vorstellungen von im Stück nicht vorhandenen Sexualdelirien evoziert. Grundsätzlich handelt es sich bei Urbachs "Bemerkungen" um einen gelungenen Aufsatz, dessen Wert allerdings durch wiederholte Spekulationen hinsichtlich des empirischen Schriftstellers Schnitzler etwas gemindert wird. Zudem ist anzumerken, dass dieser letzte Beitrag wohl am weitesten von der Thematik der Liebesrede abweicht.

 

Ärgerlicherweise misst der Herausgeber wissenschaftlicher Zitation nicht den geringsten Stellenwert bei und verzichtet bei allen Texten auf Quellenangaben. Ein Literaturverzeichnis ist allein nach dem ersten Beitrag zu finden; der Grund für diese eigenartig inkonsequente Aufbereitung bleibt ungenannt.

 

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses Mankos handelt es sich bei Schnitzlers Sprachen der Liebe um eines der wenigen Beispiele der Sekundärliteratur, das den schwierigen Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung zu meistern scheint. Sowohl der vielzitierte Literaturinteressierte als auch der professionelle Leser wissenschaftlicher Publikationen könnte an den in ihrer Kürze kursorischen, aber dennoch sehr aufschlussreichen Beiträgen Gefallen finden.

 

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[1]  Statement der Arthur Schnitzler-Gesellschaft. http://www.arthur-schnitzler.at/asg_n/03_statement.html, 20. 03. 2011.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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