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Uwe Schütte: Thomas Bernhard.

Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2010. (UTB 3385; Profile). ISBN 978-3-8252-3385-3. 126 S. Preis: € 10,20.

und

Bernhard Judex: Thomas Bernhard. Epoche – Werk – Wirkung.

München: C. H. Beck 2010. (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). ISBN 978-3-406-60684-7. 186 S., broschiert. Preis: € 19,95.

Rezensiert von: Andreas Ehrenreich

Am 9. Februar 2011 wäre Thomas Bernhard 80 Jahre alt geworden – ein geeigneter Anlass, um den deutschsprachigen Buchmarkt zum wiederholten Mal mit Büchern von und über Bernhard zuzuschütten. Unter dieser Publikationsflut finden sich zwei neue Monographien zum Werk des Schriftstellers: Uwe Schütte und Bernhard Judex lassen es sich nicht nehmen, an der sekundärliterarischen Geburtstagsfeier teilzuhaben.

 

In der Reihe 'UTB Profile' erschien Uwe Schüttes Beitrag zum Bernhard-Gedenkjahr. Der schmale Band stellt das Schaffen des Schriftstellers in einer Einleitung, einem biographischen Abriss und acht Kapiteln dar, die jeweils einer spezifischen Gattung gewidmet sind. Die einzelnen Arbeiten Bernhards werden meist auf nicht mehr als ein bis zwei Seiten abgehandelt. Dass bei einer derart bündigen Erörterung tiefschürfende Einsichten bezüglich des Bernhard'schen Œuvres auf der Strecke bleiben, liegt auf der Hand.

 

Schütte liefert großteils minimalistische Inhaltsangaben, die mit Zitaten aus dem besprochenen Werk gestreckt sind, und gibt ansatzweise Erläuterungen zur literarischen Form, womit der Gehalt seiner Monographie wohl schon erschöpfend beschrieben ist. Seine Analyse beschränkt sich auf die beharrliche Wiederholung der üblichen Schlagworte, die in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Bernhard immer wieder bemüht werden. So seien die "vorherrschende[n] Motive" in Bernhards Kurzprosa "Krankheit, Tod, Wahnsinn, Ekel, Grausamkeit, Verzweiflung, Angst, Gleichgültigkeit, Schuld, etc." (S. 30). Auch wenn eine dergestalte Auseinandersetzung mit Thomas Bernhards Schriften nur wenig Substanzielles zutage fördert – zumindest vermittelt Schütte seinen Lesern in aller Deutlichkeit die grundlegenden Themen, welche das behandelte Werk dominieren.

 

Soweit in der exzerpierenden Vorgehensweise des Literaturwissenschaftlers eine Methodik zu erkennen ist, führt diese zu recht fragwürdigen Ergebnissen. Schütte bedient sich häufig eines psychoanalytischen Ansatzes, wobei er damit eben nicht Erkenntnisse über die Tiefenstruktur des jeweiligen Werks gewinnt, sondern unmittelbar auf die Biographie des Schriftstellers rückschließt. "Es liegt [...] nur nahe, dass die frühkindliche Trennung von der Mutter wesentlich verantwortlich war für das negative Frauenbild in Bernhards Texten, wie für die Abneigung, eine Partnerschaft einzugehen, geschweige denn eine Familie zu gründen" (S. 17), wird hier beispielsweise unverblümt festgestellt.

 

Was diese Herangehensweise besonders problematisch macht, ist die Tatsache, dass sich Schütte durchaus über deren zweifelhaften epistemologischen Wert im Klaren ist. Bernhard "inszenierte sich als realer Doppelgänger seiner Protagonisten, indem er deren Rede [...] in Leserbriefen, Ansprachen und Interviews so geschickt imitierte, dass allgemein an eine Identität von literarischer Figurenrede und Autorenmeinung geglaubt wurde." (S. 9). Auch wenn Schütte nach besonders gewagten biographistischen Unterstellungen – Bernhard konnte mittels seiner polemischen Schreibweise "vorübergehend das befreiende Gefühl auskosten, ein aggressiver Täter zu sein" (S. 10) – seine eigenen Ausführungen mitunter als "psychologische Spekulationen" (ebd.) abwertet, hält er durchgehend an dieser Methode fest.

 

Neben teils fragmentarischen bzw. nicht vorhandenen Quellenangaben tragen diese Deutungsversuche nicht unbedingt zur Seriosität von Schüttes Unternehmen bei. Zunehmend entlarvt sich seine Anwendung psychoanalytischer 'Verfahren' als billige Effekthascherei: Er entsagt nicht der Verlockung, das den geizigen Billigessern gewidmete Unterkapitel mit dem griffigen und v. a. irreführenden Titel "Anales Vergnügen" (S. 40) anzukündigen, ohne in den darauffolgenden Ausführungen näher auf das spezifisch Anale in Bernhards Erzählung einzugehen. Die auf zweifelhafte Wirkung ausgelegte Überschrift offenbart den schlechten Geschmack des Wissenschaftlers und dessen oberflächliche Inanspruchnahme literaturpsychologischer Interpretationsstrategien.

 

Thomas Bernhard. Epoche – Werk – Wirkung ist in der Reihe 'Arbeitsbücher der Literaturgeschichte' bei C. H. Beck erschienen. Der Literaturwissenschaftler Bernhard Judex, der als Mitarbeiter am Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden tätig ist, wird dem dezidierten Anspruch, seinen Lesern ein Arbeitsbuch zu bieten, in optimaler Weise gerecht. In fünf dichten Kapiten, die "sich auf einzelne werk- und wirkungsgeschichtlich relevante Texte konzentrieren" (S. 10), nehmen sachkundige Textanalysen und ausführliche bibliographische Angaben einen gleich hohen Stellenwert (und Seitenumfang) ein.

 

Nach einer summarisch gehaltenen biographischen Einführung und einer (literatur)historischen Verortung von Bernhards Leben und Schaffen (Kapitel 1) widmet sich Judex einer kleinen Auswahl an Werken: Die Beschäftigung mit Bernhards Lyrik sowie den Erzählungen Frost, Die Mütze und Der Kulterer bestimmt das zweite Kapitel; anschließend werden die Bühnenstücke Der Ignorant und der Wahnsinnige sowie Der Theatermacher beleuchtet (Kapitel 3). Es folgt eine Untersuchung der autobiographischen Schriften (Kapitel 4), um schlussendlich in Kapitel 5 die späten Texte, namentlich Auslöschung und Heldenplatz, in den Blick zu nehmen. Ergänzt wird dieser Band durch eine Gesamtbibliographie der Bernhard-Texte, eine Auswahlbibliographie an Sekundärliteratur sowie eine übersichtliche Zeittafel. Hinsichtlich der Werkauswahl ist ein entscheidendes Ungleichgewicht zu erkennen. Bernhards Theaterschaffen wird in dieser Publikation eher marginalisiert; ihr thematischer Schwerpunkt liegt v. a. auf der gründlichen Darstellung des Prosawerks.

 

In seiner Gliederung geht Judex stets nach dem gleichen Muster vor: An eine kurze Einführung, in der die in den folgenden Ausführungen behandelten Texte im Zusammenhang des Gesamtwerks betrachtet werden, schließen als "Grundlageninformationen" übertitelte Bibliographien zur Primär- und Forschungsliteratur an. Die knappen Annotationen, die letztere Angaben begleiten und Aufschluss über deren inhaltliche Ausrichtung geben, stellen sich angesichts der überwältigenden Menge und Vielfalt der sekundärliterarischen Produktion als außerordentlich hilfreich heraus.

 

Danach reihen sich Informationen über "Voraussetzungen, Entstehung, Wirkung" des jeweiligen Textes und dessen als "Textanalyse" bezeichnete literaturwissenschaftliche Interpretation. In diesem Abschnitt tut sich Judex als profunder Kenner der Bernhard-Forschung hervor: Der Autor stellt eine breite Palette von Deutungsansätzen vor, läuft allerdings dabei nie Gefahr, allzu intensiv auf eine bestimmte Forschungsmeinung einzugehen und damit vom eigentlichen Thema abzuschweifen. Seine Ausführungen bleiben fortwährend konzis und regen in ihrer kompakten Präsentationsweise wirkungsmächtiger Lesarten des Bernhard'schen Œuvres zu deren weiterführender, vertiefender Lektüre an. Dass der Standpunkt des Autors innerhalb einer solchen Akkumulation fremder Ansichten nur schwach durchscheint, bedeutet für Judex' Monographie keinen Mangel. Schließlich ist es nicht sein Ziel, eine neue Auslegung der Texte zu profilieren, sondern einen Überblick über bereits vorhandene Interpretationen zu vermitteln. Die Orientierung über die Sekundärliteratur ist zwar äußerst stilsicher formuliert, allerdings als komplizierte Montage von Zitaten realisiert.

 

Diese Art der Aufbereitung hat möglicherweise für den nicht einschlägig 'vorbelasteten', d. h. im Umgang mit Zitationsweisen versierten 'Literaturinteressierten' eine abschreckende Wirkung. Jener ominöse, am Buchrücken angesprochene Lesertyp, der in wissenschaftlichen Publikationen stets zur Ausweitung des potentiellen Kundenkreises adressiert wird, mag mit den in den Fließtext integrierten, den Lesefluss hemmenden Quellenbelegen überfordert sein. All jene, die mit einer solchen Aufbereitung keine Probleme haben, werden Thomas Bernhard. Epoche – Werk – Wirkung als nützliches Arbeitsbuch für Germanisten schätzen.

 

Wo Schütte aufgrund der Fülle besprochener Werke inhaltlichen Tiefgang vermissen lässt, zeichnet sich Judex mit einer viel kleineren Auswahl an Texten und konzentrierter, wertvoller Informationsvermittlung aus. Frei vom aufdringlichen Layout der Zitatkästen, die den 'Profile'-Band optisch dominieren und wissenschaftliche Genauigkeit offensichtlich ersetzen sollen, stellt Judex eine mustergültige Monographie zusammen, die den derzeitigen Zwischenstand der Bernhard-Forschung praktikabel festhält. Vor allem Studenten, die angesichts der Masse an Veröffentlichungen überfordert sind, können sich über dieses Buch freuen. Wer nach Inhaltsangaben sucht, wird in Schüttes Schnellsiederkurs fündig.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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