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Bettine Menke: Das Trauerspiel-Buch. Der Souverän – das Trauerspiel. Konstellationen – Ruinen.

Bielefeld: transcript 2010. ISBN 978-3-89942-634-2. 280 S. Preis: € 25,80.

Rezensiert von: Florian Wagner

Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels gilt vielen als eines seiner schwierigsten Werke. Grund dafür ist die selbst ausgewiesenen Benjamin-ForscherInnen zuweilen nur schwer zugängliche "Erkenntniskritische Vorrede", die Benjamin seiner Habilitationsschrift voranstellte. Bettine Menke hält sich nicht mit diesem Minenfeld der Benjamin-Forschung auf. Sie bezieht die Vorrede nicht in ihre Untersuchung ein und plädiert vielmehr für die Neuentdeckung von Benjamins Habilitationsschrift als Arbeitsbuch.

 

Eine Habilitationsschrift einzureichen, die den intellektuellen Horizont der begutachtenden Personen überschreitet, ist – zumindest wenn man es an einer Universität zu Lebzeiten zu etwas bringen möchte – keine gute Idee. Für Walter Benjamin bedeutete die Studie Ursprung des deutschen Trauerspiels das Ende seiner akademischen Karriere. Neben hochschulpolitischen Gründen war es insbesondere die bereits erwähnte "Erkenntniskritische Vorrede", die seinerzeit nicht nur, aber vor allem das germanistische Establishment überforderte. In der späteren Benjamin-Forschung ist ihr wohl nicht zuletzt deshalb ein umso höherer Stellenwert zugesprochen worden. Ihr gegenüber mussten, so Menke, "alle, zunächst 'material' zu nennenden, Gesichtspunkte fast völlig zurücktreten". Deshalb stellt Menke "wiederum die 'Vorrede' zurück […], die in der Rezeption so vorrangig behandelt wurde" (S. 10).

 

Menke plädiert für eine Lektüre von Benjamins Habilitationsschrift "als materiale Untersuchung des barocken Trauerspiels" (S. 19). Ihr Ziel ist die Klärung der Missverständnisse zwischen Benjamin- und Barockforschung. Kritisiert werden in diesem Zusammenhang insbesondere die Parameter letzterer. Denn die "Eingewöhntheit der Missverständnisse wie der Grenzziehung hat nicht zuletzt mit der erstaunlich selbstverständlichen nationalen Beschränkung der deutschen Barockforschung und deren institutionellen Befestigung zu tun" (S. 22), so Menke.

 

In der Studie Ursprung des deutschen Trauerspiels wird Geschichte vom Standpunkt der Gegenwart – jener Benjamins – gedacht. In der Behandlung des Trauspiels schwingt deshalb nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit den zum Zeitpunkt des Verfassens aktuellen Theatertendenzen mit. Menke betont die Parallelen der Auseinandersetzung Benjamins mit dem deutschen Trauerspiel und mit dem Brecht'schen Theater der 1920er Jahre. Beide sind auf ihre Art Produkte gesellschaftlicher Krisen.

 

Die Gliederung von Menkes Trauspiel-Buch orientiert sich nur zum Teil an der von Benjamin gewählten Darstellungsform. Die erste Kapitelüberschrift – "Trauerspiel und Tragödie" – findet sich so auch bei Benjamin. Ab dem zweiten Kapitel wird eine von der Vorlage abweichende Gliederung gewählt. Unter den Schlagwörtern "Souverän, Märtyrer, Intrigant" behandelt die Autorin Benjamins Theorie der Souveränität, des Märtyrers als Tyrannen und vice versa. Das von Benjamin herausgearbeitete Rollenbild des Höflings als Intrigant und Heiliger sowie das des komischen Intriganten wird im Lichte der neueren Barockforschung verhandelt.

 

Statt eines Schlusswortes setzt Menke ein mit "Enden, ... im Spiel, ... im Ernst" überschriebenes Kapitel an das Ende ihres Buches. Reflektiert wird damit die Schwierigkeit zu enden, womit Menke letztlich wiederum ein Gestaltungsmotiv aus Benjamins Trauerspiel-Betrachtung übernimmt. "Einen Abschluss gibt (sich) das Trauerspielbuch weder damit, dass es in seinen letzten Abschnitten mit der spielerischen Einlösung das uneingeholte Vorbild des deutschen Trauerspiels vorstellt, an dem dieses versagt und diesem sich sperrt, noch aber (nur) mit dem Versagtsein dieses 'Einsatzes und Ausgangs' für das deutsche Trauerspiel im Ernst der Allegorie, an dem dieses das trümmerhafte Format seiner Rettung hat" (S. 246). Das Enden von Benjamins "Trauerspielbuch" kann laut Menke weder als Synthese von Trauer und Spiel noch als eine von Ernst und Scherz aufgefasst werden. Beide fallen nicht in Form einer Rettung zusammen – sie bleiben im Trauerspiel (und im "Trauerspielbuch") vielmehr unvermittelt nebeneinander stehen.

 

Während Benjamin im akademischen Milieu scheiterte, wurde die Beschäftigung mit seinem Werk seit den 1960er Jahren zu einem Karrieresprungbrett für viele junge WissenschaftlerInnen. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Folge ist eine mittlerweile unüberschaubare Benjamin-Rezeption.

 

Das Trauerspiel-Buch von Menke hat nicht den Anspruch, einen Überblick zum aktuellen Stand der Benjamin-Sekundärliteratur zu bieten. Vielmehr geht es um einen neuen Zugang zu Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels als einem wichtigen Beitrag zur Barockforschung, als der es lange nicht gewürdigt wurde. Der Fokus liegt auf den Primärtexten von Benjamin, in Beziehung gesetzt mit der aktuellen germanistischen Barockforschung und den großen Namen des französischen Poststrukturalismus. Doch selbst dieses Feld ist so groß, dass die Fußnoten mitunter umfangreicher als der Fließtext sind. Das ist kein Argument gegen Menkes Buch, sondern resultiert aus ihrer umfangreichen Materialsammlung, die Hinweise auf Primärtexte ebenso umfasst wie zusätzliche Erläuterungen, die – aus welchen Gründen auch immer – im dichten Fließtext keinen Platz mehr gefunden haben.

 

Menke versucht sich an einer späten Rehabilitierung des an den verhärteten universitären Strukturen seiner Zeit gescheiterten Barockforschers Walter Benjamin. Diese Rehabilitierung gelingt – es wäre eine Überraschung, täte sie es nicht.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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