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Birgit Pargner und W. Edgar Yates (Hg.), "Kann man also Honoriger seyn als ich es bin??" Briefe des Theaterdirektors Carl Carl und seiner Frau Margaretha Carl an Charlotte Birch-Pfeiffer.

Zum 150. Todestag von Carl Carl (Quodlibet: Publikationen der Internationalen Nestroy-Gesellschaft, Bd. 6). Wien: Lehner, 2004. 160 S., 18 Abb. ISBN 3-901749-37-3. Preis: 19,90 €/sfr 34,80.

Rezensiert von: Brigitte Dalinger

Carl Carl (eigentlich: Carl Andreas Bernbrunn, 1787?-1854), Schauspieler und ebenso langjähriger wie umstrittener Theaterdirektor in München und Wien, seine Frau Margaretha Lang (1788-1861), eine beliebte Münchner Hofschauspielerin, die in Wien von der Bühne zurückgezogen lebte, und die Schauspielerin und später sehr erfolgreiche Dramatikerin Charlotte Birch-Pfeiffer (1880-1868) lernten einander am Münchner Isartortheater kennen.

 

Carl hatte sich an diesem 1812 eröffneten Volkstheater rasch als Schauspieler und Regisseur etablieren können, war zum Hofschauspieler avanciert und heiratete 1813 die Opernsängerin und Hofschauspielerin Margaretha Lang. Im selben Jahr lernten die beiden Charlotte Birch kennen, die im Alter von 13 Jahren ihr Bühnendebüt am Isartortheater gegeben hatte und schon als Fünfzehnjährige in der Rolle der Johanna von Orleans zu sehen gewesen war. Neben ihrem festen Engagement von 1819 bis 1826 am Königlichen Hoftheater in München unternahm die junge Schauspielerin zahl- und erfolgreiche Gastspielreisen und heiratete 1825 den dänischen Gelehrten Christian Birch. Ihre vielen Abwesenheiten führten dazu, dass Birch-Pfeiffers Engagement in München nicht verlängert wurde, auch am Burgtheater in Wien konnte sie nach einem Gastspiel 1828 keine feste Anstellung erhalten. In dieser Situation nahm sie Carls Angebot eines Engagements am Theater an der Wien an, wo sie vom 1. Juli 1828 bis zum 30. Juni 1830 blieb.

Hier wirkte Birch-Pfeiffer in den gängigen Melodramen und Spektakelstücken mit, allerdings, so Birgit Pargner: "Bei Carl sollte sie sich [...] weniger als Schauspielerin denn als Dramatikerin entfalten, wobei Carl ihre Anfänge in diesem Metier entscheidend geprägt hat; denn unter seinem Einfluss auf die Texte schrieb sie erstmals außer Romanen auch Theaterstücke, die in enger praxisnaher Verbindung mit dem lebendigen Theaterbetrieb der größten Wiener Vorstadtbühne geschrieben und uraufgeführt wurden." (S. 18) Charlotte Birch-Pfeiffer, die "bestverdienende Dramatikerin ihrer Zeit" (S. 19), lernte an Carls Bühne "das schnelle und schablonenhafte Fabrizieren von Theaterstücken, deren typische Kennzeichen stereotype Personenzeichnung und Handlungsführung [...] sowie eine überaus prunkvolle Ausstattung sind." (S. 18) Im Theater an der Wien gingen ab 1828 erstmals Stücke von Birch-Pfeiffer über die Bühne, bereits 1830 waren sie in Berlin zu sehen und ab 1836 auch am Wiener Hofburgtheater. Ihre erfolgreichsten Theatertexte - Dorf und Stadt , Die Waise aus Lowood und Die Grille - entstanden in den 1840er und -50er Jahren und machten die Schauspielerin und Autorin, die sich auch Rollen auf den eigenen Leib schrieb, weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt.

Für Carl und Margarethe Carl war Charlotte Birch-Pfeiffer eine Kollegin und vielleicht auch eine Freundin, darüber hinaus aber auch eine äußerst interessante Bühnenautorin. Die 46 Briefe aus den Jahren 1828 bis 1853, die im vorliegenden Band erstmals ungekürzt veröffentlicht sind, belegen das Werben der in Wien ihre Theater betreibenden Carls um die erfolgreiche Dramatikerin. Die Briefe sind Teil des handschriftlichen Nachlasses Birch-Pfeiffers, der sich in der Handschriftensammlung des Deutschen Theatermuseums in München befindet. Die meisten Briefe wurden von Margaretha Carl verfasst, einige auch von ihrem Mann. Birch-Pfeiffers Repliken sind nicht erhalten, auf ihre Antwortbriefe wird manchmal in Margarethes Briefen Bezug genommen, auch finden sich kurze Notizen zu ihrer Antwort am Ende einzelner Briefe.

Die Briefe sind theaterhistorisch in mehrfacher Hinsicht interessant: in Hinblick auf Birch-Pfeiffers Textproduktion und Anspruch; als Beispiele für die Zensurpraktiken; in Hinblick auf die umstrittene Persönlichkeit Carl Carls; und als sozialhistorische Zeugnisse / Belege zu Fragen nach Arbeitsbedingungen von SchauspielerInnen oder auch zum Umgang mit Krankheit und Seuchen.

Die meisten der erfolgreichen Theatertexte Birch-Pfeiffers wurden nach literarischen Vorlagen verfasst, etwa Die Waise aus Lowood nach Charlotte Brontës (damals unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlichtem) Roman Jan Eyre . Aus den Briefen geht klar hervor, dass Birch-Pfeiffer permanent auf der Suche nach brauchbaren Vorlagen war, mit einer Ausdauer, die sogar Margarethe verblüffte. Sie regte an, die Briefpartnerin sollte eigene Stoffe entwerfen. Deutlich wird in den Briefen ferner die Sicht auf Birch-Pfeiffers "Gebrauchsdramatik" sowohl aus der Perspektive der Helfer wie Margarethe, die für die Autorin auf der Suche nach interessanten Stoffen war, als auch aus der Perspektive des Theaterdirektors Carl, der vor allem den Bühnenerfolg im Auge hatte und der Dramatikerin Ratschläge zu ihren Stücken gab und Umarbeitungen anregte.

Ein zentrales Thema in Zusammenhang mit den Stücken, die aufgeführt werden sollten, ist die Zensur und der Umgang damit. Zensuriert wurde alles, was Religion, Staat, Sitte und Moral auch nur im weitesten Sinne tangierte. Theaterdirektor (und Autor) Carl versuchte, Auseinandersetzungen mit dem Zensor von vorneherein aus dem Weg zu gehen; gelang das nicht, schrieb er selbst auch Birch-Pfeiffers Dramen geringfügig um, wie etwa im Falle des von der Zensur nicht freigegebenen Robert der Teufel , das durch die ebenfalls von ihm erfolgte Umbenennung in Robert der Tiger offensichtlich "gefahrlos" wurde. (Vgl. S. 59) Und nachdem Birch-Pfeiffers dramatische Bearbeitung des Glöckner von Notre-Dame nicht zugelassen worden war, gab Carl folgende Ratschläge zum Umgang mit der Zensur (von Margarethe formuliert): "Lassen Sie daher Ihre Feder nicht stocken! was Ihren neuen Plan betrifft, so erwiedert Carl, Falschmünzer gingen wohl, nur mö[ch]ten Sie statt Räuber, Wegelagerer sagen, und das Wort Aufstand, oder Rebelion vermeiden. Wenn die Sache auch vorkommt, wenn sie nur nicht bei Namen genannt wird." (S. 83f.)

Aufschlussreich sind die Briefe ferner zur Einschätzung der Persönlichkeit Carl Carls, die in der Theatergeschichtsschreibung nach wie vor umstritten ist. Dass aber nicht nur er – und durchaus zum Vorteil seiner Ensemblemitglieder –, sondern auch die erfolgreiche Autorin Birch-Pfeiffer die materielle Seite ihres Berufes nicht vernachlässigten, wird ebenfalls deutlich. Für beide war Theater zweifellos ein Geschäft, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass die Korrespondenz über die Abgeltung von Birch-Pfeiffers Stücken von Carl geführt wurde, während Margarethe eher die Rolle einer Diskussionspartnerin und Freundin einnahm. Dennoch wird bei der Lektüre der Briefe klar, dass sie sowohl in intellektueller als auch administrativer Hinsicht intensiv mit ihrem Mann zusammengearbeitet hat und ihr Einsatz von ihm sehr geschätzt worden ist. (Vgl. S. 24)

Die edierten Briefe sind – wie aus den genannten Beispielen ersichtlich werden soll – in vielfacher Weise interessant. In der umfassenden "Einführung" sind detaillierte Angaben zu den Korrespondenten zu finden, darüber hinaus kann diese als kenntnisreicher Kurzbeitrag zur Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts gelesen werden, der auch einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand zu den genannten Persönlichkeiten und ihrem Einflussbereich bietet. Über die historischen und akademischen Erkenntnisse hinaus bieten die Briefe eine faszinierende Einsicht in das Theaterleben des 19. Jahrhunderts aus der Perspektive derer, die es mitgestaltet haben.

 

Veröffentlicht am 05.10.2005 (Archiv)

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