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Robert Blanchet/Kristina Köhler/Tereza Smid/Julia Zutavern (Hg.): Serielle Formen. Von den frühen Film-Serials zu aktuellen Quality-TV- und Online-Serien.

Marburg: Schüren 2011. ISBN 978-3-89472-525-9. 448 S. Preis: € 34,–.

Rezensiert von: Dominik Maeder

Sei es True Blood, Mad Men oder Breaking Bad: Der Boom aktueller US-Serien scheint ungebrochen, ebenso die Produktivität der Serienforschung. Der Dokumentationsband der Züricher Tagung "Serielle Formen" sucht die historische wie intermediale Rückvergewisserung, um sich des Phänomens in seiner medienkulturellen Vielschichtigkeit anzunehmen. Entstanden ist eine reichhaltige Morphologie des Seriellen, die ausgreifende Theoriepanoramen genauso umfasst wie detaillierte Feinanalysen. Und en passant klärt sich auch noch das Geheimnis der mysteriösen LOST-Insel.

 

Mit der Nobilitierung US-amerikanischer TV-Serien in der vergangenen Dekade hat auch die Serienforschung rasanten Auftrieb erhalten: Mehrere englischsprachige Reihen (Reading Contemporary Television, Investigating Cult TV Series, Philosophy and Pop Culture) widmen sich bereits seit geraumer Zeit extensiv, wiewohl mit erheblichen qualitativen Schwankungen, einzelnen Serien und die Zahl an Einzelpublikationen mit unterschiedlichsten disziplinären Akzentsetzungen in Sammelbänden und Journalen ist immens. Zugleich existieren im deutschsprachigen Raum mittlerweile mehrere entsprechende Forschungsschwerpunkte (Ästhetik und Praxis populärer Serialität, Uni Göttingen; TV Series as Reflection and Projection of Change, Uni Weimar), denen eine ganze Reihe von Tagungs- und Sammelbänden wie Einzelpublikationen zur Seite stehen.

 

Während bisherige Veröffentlichungen unter den Gesichtspunkten von Erzählweise[1], Zeitlichkeit[2] oder Autorenschaft[3] Einzelanalysen nahezu ausschließlich zu zeitgenössischen Serien versammeln, beschreitet die Dokumentation der Züricher Tagung "Serielle Formen" den Weg medienhistorischer wie -komparatistischer Rückvergewisserung: Ambitionierten Theorieentwürfen zu den rezenten Transformationsprozessen im amerikanischen Fernsehen sind so neben den obligatorischen Fallstudien auch Beiträge zur Seite gestellt, die Formierungen des Seriellen in verschiedenen Epochen des Kinos ebenso wie im Internet untersuchen oder sich der Serienkultur abseits des üblichen amerikanisch-deutschen Fokus widmen.[4] Denn die Form des Seriellen, so Kristina Köhler (Uni Zürich) in der Einführung, sei gerade nicht – entgegen früheren fernsehwissenschaftlichen Behauptungen – medienspezifisch an den kleinen Schirm und seinen audiovisuellen 'Flow' gebunden; vielmehr zeige gerade die forcierte Multimedialität so prägender Serien wie LOST, dass Serialität verschiedene Medien zu affizieren vermag.

 

Es lohnt daher, den durchaus wuchtigen und reich illustrierten Band gemäß den Möglichkeiten des Printmediums von hinten aufzurollen: So verfolgt Filmwissenschaftlerin Seraina Rohrer kenntnis- wie materialreich die vielen Medienleben der populärkulturellen mexikanischen Figur der India María, die seit den 1960er Jahren – verkörpert von María Elena Velasco – über Bühnen wie Bildschirme mäandert. Der kulturellen Hybridität von Hure und Heiliger, Katholikin und Indigena entspricht so nicht nur eine generische (vom Horrorfilm bis zur Komödie), sondern auch eine mediale Uneindeutigkeit, die La India María zu einer wahrhaft "seriellen Figur" (S. 412) werden lässt, wobei Rohrer das parodistische Potential in deren exaltiertem Spiel nur anzudeuten vermag. Als Ergänzung bietet sich daher die Lektüre von Nicola Dusis (Universität Modena und Reggio Emilio) Beitrag zum 'Remaking' an, der von der Replik über das Update bis zu Parodie und Pastiche eine ganze semiotische Typologie von Serialisierungsverfahren entwirft.

 

Dass in der seriellen Rhythmik von Varianz und Repetition aber nicht nur Zeichenspiele, sondern auch immer spezifische Alltagsaffekte aufgerufen werden, verdeutlicht Glen Creeber (Aberystwyth University) in seiner Auseinandersetzung mit Online-Serien. Gerade angesichts einer zunehmenden Kinematographisierung des Fernsehens in den Quality-Serien avancieren für Creeber Webformate von der nonfiktionalen JenniCam über das berühmte Fake-Reality-Format LonelyGirl15 bis zur Online-Serie KateModern in ihrer Ästhetik des Unperfekten, des Häuslichen und Unmittelbaren sowie den damit evozierten Authentizitäts- und Intimitätseffekten zu legitimen Nachfolgern des 'gewöhnlichen Fernsehens' – das gerade in Robert Blanchets (Uni Zürich) langer Ko-Einführung als Abgrenzungsfolie zum Quality-Diskurs dient: "so schlägt der neue 'kleine Bildschirm' des Internets nun gegen den zunehmend 'filmischen Look' des heutigen Fernsehens zurück" (Creeber, S. 393).

 

Der filmischen Aufwertung der Quality-Serie diametral gegenüber zu liegen scheinen – so stellen serienjunkies-Redakteur Christian Junklewitz und Tanja Weber (Universität zu Köln) mit zögerlicher Verblüffung fest – die Diskurse rund um die Reihenformate des Kinos. Handwerkliche Exzellenz wie Unterhaltsamkeit mag die Kritik phänomenal erfolgreichen Blockbustern von Star Wars über Harry Potter bis zu Pirates of the Caribbean noch attestieren, eine Auseinandersetzung mit der "kunstvollen seriellen Erzählweise" (S. 355) der Cineserien scheinen die Autoren jedoch zu vermissen. Dabei sind gerade serielle Formate, wie Rudmer Canjels (Freie Universität Amsterdam) für Stummfilmserials nachzeichnet, schon in der Frühgeschichte des Kinos auch auf der großen Leinwand, wenn schon nicht beheimatet, dann doch wenigstens geduldet. Apropos alte Medien: Eine mehr als kursorische Erwähnung von Fortsetzungsromanen, Groschenheften wie auch Comicbänden hat der Rezensent leider vergeblich gesucht, die vielen Fallstudien zu US-Fernsehserien – insbesondere diejenigen von Tereza Smid (Universität Zürich) zur Kameraarbeit in Emergency Room und Grey's Anatomy sowie von Britta Hartmann (Universität Bonn) zu Thirtysomething – jedoch trotzdem instruktiv gefunden.

 

Damit aber dann doch zum Fernsehen: Die Annahme, dass der Strom von Ton-Bild-Kombinationen sich nur durch seine flüchtige Gegenwart auszeichne, aber kein Gedächtnis ausbilde, attackiert Lorenz Engell (Uni Weimar) mit systemtheoretischer Bescheidenheit. Denn es besitze zwar in der Tat keines – im Sinne eines Speichergedächtnisses – fungiere aber medientechnisch fortwährend als 'operatives Gedächtnis' im Sinne Elena Espositos. Während die Übertragungsbilder des Mediums nur durch technische Nachträglichkeit archivierbar gemacht und somit als genuine Speicherbilder verworfen werden können, markiere das Fernsehen doch permanent – am sinnfälligsten wohl in den Nachrichten – die Unterscheidung zwischen Neu und Alt, die gedächtnistheoretisch gerade für die Frage der Archivierwürdigkeit zentral ist. Und die Serie, so Engell – die Leitthese des Bandes nonchalant ignorierend – zeichne sich dabei gerade durch die Reflektion dieser Unterscheidung aus: "Verschiedene Serientypen und -stile können so als Varianten der Gedächtnisoperationen des Fernsehens und als Experimente mit ihnen beschrieben werden" (S. 121).

 

Auf vier Ebenen (Figur, Sendung, Serie, Programm) analysiert Engell die Leistungen von Erinnern und Vergessen, deren verschiedene Konstellationen dann aber doch eine recht konventionelle und beinahe teleologische Historiographie des Fernsehens abgeben: Ausgehend von der Episodenserie – "Die Folge erinnert, die Serie vergisst" (S. 123) – über die Soap Opera (Folge vergisst, Serie erinnert) und die nochmalige Binnenreflektion dieser Unterscheidung in der segmentierten "postmodernen Serie" (S. 125) mündet diese knappe, kompakte Seriengeschichte in die Quality-Dramen der Gegenwart, die Engell als "völlig neu" (S. 127) bewertet: An die Stelle von Negation und Reflexion trete bei ihnen die Paradoxierung von Erinnern und Vergessen; LOST als Klimax aktueller Serienproduktion operiere in dieser Hinsicht gar "doppelt rekursiv" (S. 129) und die berühmte Insel – wäre das also auch geklärt – sei demnach das "immer schon externalisierte Gedächtnis" (S. 130), als welches die Serie sich in sich selbst projiziere. Zumindest die beklemmend-faszinierende Unheimlichkeit autopoetischer Theoriebildung steht hier dem Untersuchungsgegenstand wohl in nichts nach. Immerhin einen kleinen Fluchtweg von der Insel der Systemtheorie gönnt Engell dem Leser: Der skizzierte Paradigmenwechsel könne nämlich – so die Vermutung – durch die Indienstnahme des Speichermediums der DVD für die Serienproduktion induziert sein.

 

Eben diesen 'gesammelten Serienwerken' widmet sich Jason Mittell (Middlebury College) in seinem lesenswerten Beitrag: Die Serienboxen sind nämlich nicht nur praktische Nachschlagewerke, sondern auch ästhetische Verlängerungen der Erzählwelt, deren Gestaltung durchaus die Rezeption einer Serie beeinflussen bzw. neue Genussformen überhaupt erst ermöglichen könne. Das Handwerk des Serienproduzenten sowie der Drehbuchautoren – deren Erzählstrategien Ursula Ganz-Blättler feingliedrig aufschlüsselt –  machten diese zusätzlichen Anforderungen freilich nicht einfacher. Denn auch in der DVD-Rezeption können die Spuren der Originalausstrahlung – so Greg M. Smith (Georgio-State-University) – nicht vollständig getilgt werden: "die Rhythmen von Geschichten, die zunächst zur Serialisierung bestimmt waren, scheinen besonders eng an ihre ursprünglichen Formate gebunden" (S. 97).

 

Hinterrücks schleicht sich damit in den Band, dem gerade an Serialität als transmedialer Form gelegen war, dann doch eine persistierende Medienspezifik, ein offenbar kaum brüchig werdender Konnex von Fernsehen und Serie ein, welcher der Serienforschung nochmals Anlass zur Grundlagenreflexion sein sollte. Denn unterhält die Serie zwar fraglos – und dies haben etliche Beiträge gezeigt – auch enge Bindungen an nahezu alle anderen Medien, so scheint sie als Form dem Televisiven doch in besonderem Maße zugehörig. Welch imposanter Theoretisierungsgehalt sich aus dieser Beziehung immer noch gewinnen lässt, hat nicht zuletzt Lorenz Engells – freilich in Buchform adäquater zu präsentierender – Beitrag gezeigt. Gerade eine Begutachtung weiterer serieller Fernsehformate – insbesondere des aus dem Quality-Diskurs radikal ausgeschlossenen Reality-Bereichs, der aber in der vergangenen Dekade in der Primetime ebenfalls eine Tendenz zur Serialisierung erfahren hat – hätte hier produktiv sein können.

 

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[1] Sascha Seiler (Hg.): Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen. Köln: Schnitt 2008.

[2] Arno Meteling/Isabell Otto/Gabriele Schabacher (Hg.): "Previously on …". Zur Ästhetik der Zeitlichkeit neuerer TV-Serien. München: Fink 2010.

[3] Christoph Dreher (Hg.): Autorenserien. Die Neuerfindung des Fernsehens/Auteur Series. The Re-invention of Television. Stuttgart: merz & solitude 2010.

[4] In dieser Hinsicht verspricht auch der für 2011 angekündigte Potsdamer Tagungsband eine Bereicherung für die Forschung zu sein: Susanne Eichner/Lothar Mikos/Rainer Winter (Hg.): Transnationale Serienkultur. Theorie, Ästhetik, Narration und Rezeption neuerer Fernsehserien. Wiesbaden: VS 2011. [im Erscheinen]

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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