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Stefan Horlacher (Hg.): "Wann ist die Frau eine Frau?" "Wann ist ein Mann ein Mann?" Konstruktionen von Geschlechtlichkeit von der Antike bis ins 21. Jahrhundert.

Würzburg: Königshausen & Neumann 2010. ISBN 978-3-8260-4416-8. 289 S. Preis: € 39,80.

Rezensiert von: Sonja Lamprechter

Einen Titel, zwei Fragen, die untrennbar zusammenhängen, und viele Wege der Annäherung an Konstruktionen von Geschlechtlichkeit liefert der von Stefan Horlacher herausgegebene, zwölf Beiträge umfassende Sammelband. Darin wird vor allem die Frage aufgeworfen, ob die Infragestellung der Geschlechtergrenzen wirklich eine Erscheinung der letzten Jahrzehnte darstellt oder ob ein "kulturwissenschaftlicher-diachroner Ansatz nicht vielmehr deren Wandel- und Veränderbarkeit und somit auch die Relativität dessen aufzeigen kann, was wir Geschlecht nennen und nicht selten in einem Körper biologisch zu fundieren suchen" (S. 9). Der interdisziplinär ausgerichtete Sammelband umfasst Beiträge aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Musikwissenschaft, Soziologie, Geschichtswissenschaft sowie Geschlechterforschung und spannt dabei den Bogen von der römischen Antike bis zur Gegenwart.

 

Der in die Thematik einführende Beitrag des Herausgebers betont zunächst die Aktualität kulturwissenschaftlicher Geschlechterforschung und betrachtet Konstruktionen von Geschlechtlichkeit aus einer historischen Perspektive, die ihren Ausgangspunkt bei Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit bei Aristoteles nimmt. Horlachers fundierte, gehaltvolle und informative Einführung, die Einschnitte und Umbrüche im Geschlechterverhältnis hervorhebt, wird durch einen Überblick über die Geschlechterforschung und ihre Entwicklung in der Gegenwart abgerundet. Die sich anschließenden Artikel zeigen deutlich auf, dass die Frage nach Weiblichkeit und Männlichkeit keineswegs neu ist. Im Gegenteil: Der in diesem Band gewählte diachrone Ansatz rückt zeitlich und örtlich bedingte Konstruktionsmechanismen in den Vordergrund. Die einzelnen Beiträge untersuchen somit Geschlechterkonstruktionen auf unterschiedlichen Zeitebenen, wobei die Betrachtung in der römischen Antike einsetzt und bis in die Gegenwart führt.

 

Den Anfang macht der Aufsatz von Fritz-Heiner Mutschler, der sich der Frage nach der Konstruktion von Geschlechterrollen in der römischen Antike über lateinische Texte vom Beginn der römischen Literatur bis in die augusteische Zeit nähert. Thomas Kühns Artikel "Regieren in einer Männerwelt: Weiblichkeit bei Königin Elisabeth I." beschreibt Probleme und Möglichkeiten weiblicher Herrschaft in der frühen Neuzeit und arbeitet dabei besonders die Divergenz heutiger Darstellungen von Königin Elisabeth I. im Vergleich zu historischen Befunden heraus. Elisabeth Tiller wendet in ihrem Beitrag Theoriekonzepte Judith Butlers auf Erzählungen und Wissensdiskurse des humanistischen Frankreichs, genauer auf Geschlechtswechselnarrationen bei Michel de Montaigne und Ambroise Paré, an. Der Aufsatz von Susanne Schötz ist der Auftakt zu einer Reihe von Beiträgen, die sich mit Problemstellungen und Phänomenen des 19. Jahrhunderts beschäftigen. Konkret widmet sich Schötz der Erfolgsgeschichte von Putz- und Modewarenhändlerinnen im 19. Jahrhundert. Dabei arbeitet sie nicht nur jene Faktoren heraus, die zum Erfolg der Putz- und Modewarenhändlerinnen beitrugen, sondern weist auch darauf hin, dass "im 19. Jahrhundert eine größere Variabilität von bürgerlichem Frau-Sein möglich" (S. 132) war, als dies lange Zeit von der Frauen- und Geschlechterforschung angenommen wurde.

 

Die Beiträge von Kerstin Stüssel und Gaby Pailer setzen sich mit literarischen Texten des 19. Jahrhunderts auseinander: Stüssel spürt in Gottfried Kellers Pankraz, Theodor Storms Hans und Heinz Kirch und Wilhelm Raabes Abu Telfan oder die Rückkehr aus dem Mondgebirge erzählten Familien und familiärem Erzählen nach. Dabei geht sie besonders auf die Rolle des männlichen Erzählers ein und zeigt eine Geschlechterkonfiguration auf, die Familiarität konstituiert und positioniert. Pailer wendet in ihrem Aufsatz Judith Butlers Geschlechtertheorie auf Louise von François' Die letzte Reckenburgerin an. Dabei geht sie zunächst auf die Grundthesen von Butlers Gender Trouble, Bodies that Matter und Antigone's Claim ein, um diese dann in der Folge auf den Roman zu beziehen. Am Ende ihrer durch zahlreiche Beispiele angereicherten Ausführungen zieht sie den Schluss, der Roman habe mit vielen Aspekten von Butlers Geschlechtertheorie gemein, "dass Identität in ihrer Genderkodierung, in ihrer körperpolitischen wie familial-genealogischen Dimension, als 'konstruiert' und daher prinzipiell 'konstruierbar' erscheint" (S. 171).

 

Claudia Lainka nähert sich der Konzeption von Männlichkeit unter Berücksichtigung neuer Forschungsergebnisse der New Men's Studies und der Psychoanalyse Jacques Lacans, welche sie auf John Cowper Powys' Roman Wolf Solent bezieht, wobei sie aufzeigt, dass Männlichkeit – als momentum gedacht – prinzipielle Veränderbarkeit beinhaltet. An Laikas Beitrag schließt sich ein weiterer Forschungsüberblick des Herausgebers Stefan Horlacher an. Seine "Überlegungen zur theoretischen Konzeption männlicher Identität aus kulturwissenschaftlicher Perspektive" nehmen ihren Ausgangspunkt bei der Betrachtung der Problematik männlicher Identitätskonstruktion, welche zunehmend nicht nur von der Forschung, sondern auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Horlachers Überblick über gegenwärtige Konzeptualisierungen von Männlichkeit umfasst ebenso Erkenntnisse soziologisch orientierter Identitätsforschung wie der Kulturanthropologie, Psychoanalyse und den Masculinity Studies.

 

Abgerundet wird dieser Forschungsüberblick durch eine exemplarische Vertiefung, die "sich aus psychoanalytisch inspirierter Perspektive mit der aktuellen Diskussion um Männlichkeit als Narration beziehungsweise narrative Struktur zwischen Subjektposition, gender relations und Selbstverkennung befasst" (S. 199f). Ein weiterer Beitrag, der sich mit Männlichkeitskonzepten befasst, ist jener von Lothar Böhnisch, der sowohl die Ambivalenz der Geschlechternivellierung als auch Bewältigungsfallen im Laufe der männlichen Sozialisation kritisch beleuchtet. Lars Heiler analysiert in seinem Aufsatz drei britische Romane der Gegenwart in Bezug auf Regressionsmythen und Konstruktionen von Weiblichkeit: Ian McEwans The Cement Garden (1978), Jim Graces Arcadia (1992) und Julian Barnes' England, England (1998).

 

Der Sammelband wird schließlich von dem Aufsatz "Studies in Music History: No/More Gender?" von Annette Kreutzinger-Herr und Gesa Fink beschlossen, in dem der Frage nachgegangen wird, "wie ein Genderblick die Disziplin Musikwissenschaft auch methodologisch auf Trab bringen kann" (S. 167). Die Autorinnen weisen auf die Abwesenheit bzw. die marginale Rolle von Frauen sowohl in der Musikwissenschaft als auch im Konzertrepertoire hin. Sie sehen darum die Aufgabe der Gender Studies in der Musikwissenschaft darin, die Musik von Komponistinnen zu editieren und dadurch zugänglich zu machen sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Leistungen von Frauen in der Musikgeschichte voranzutreiben. Als sowohl exemplarische wie auch fruchtbare Beispiele werden von den Verfasserinnen die Trobairitz-Texte des 12. Jahrhunderts und die bislang wenig gewürdigten Leistungen Constanze Mozarts und Yvette Guilberts angeführt.

 

Der in diesem Sammelband gewählte Weg, Geschlechterkonstruktionen über die Grenzen wissenschaftlicher Einzeldisziplinen hinaus untersuchen zu wollen, bringt einerseits eine große Vielfalt möglicher Blickwinkel ins Spiel und zeigt unterschiedliche Wege auf, sich mit Geschlechterkonstruktionen zu beschäftigen. Andererseits fällt es mitunter schwer, die Übergänge und Zusammenhänge zwischen den doch sehr heterogenen Texten, die sich natürlich auch hinsichtlich der jeweils angewandten Methode unterscheiden, herzustellen. Horlachers Forschungsüberblicke erfüllen dadurch in diesem Sammelband nicht nur den Zweck, die Leserschaft in die Thematik einzuführen, sondern bieten sich auch als Referenzpunkte mit Brückenschlagfunktion an. Dieses Buch kann somit all jenen empfohlen werden, die eine kompakte, auch erste, Einführung sowie eine interdisziplinäre Annäherung an die Thematik zu schätzen wissen.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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