Druckversion

Ingrid Hentschel/Una H. Moehrke/Klaus Hoffmann (Hg.): Im Modus der Gabe / In the Mode of Giving. Theater, Kunst, Performance in der Gegenwart / Theater, Art, Performance in the Present.

Bielefeld/Leipzig/Berlin: Kerber 2011. ISBN 978-3-86678-494-9. 207 S. Preis: € 25,90.

Rezensiert von: Melanie Letschnig

1924 erscheint erstmals Marcel Mauss' einflussreicher Essai sur le Don (Die Gabe), in dem sich der Autor mit der religiösen, rechtlichen, moralischen und ästhetischen Dimension der Gabe als 'System der totalen Leistungen' in sogenannten primitiven Gesellschaften auseinandersetzt. 2010 findet am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld ein Symposium statt, das sich mit Konzepten der Gabe in der Kunst beschäftigt. Den Beiträgen des dazugehörigen Tagungsbandes ist zu entnehmen, dass Mauss' Auseinandersetzung mit dem System der Gabe immer noch den Ausgangspunkt zahlreicher Überlegungen zu Fragen der Reziprozität, des (Aus-)Tausches, der Umwegrentabilität und des Schenkens auch in sogenannten westlichen Gesellschaften bildet.

 

Der Band versammelt zahlreiche Aufsätze von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven, als auch aus Sicht der Praxis den "Modus der Gabe" analysieren. Soziologische und theaterwissenschaftliche Ansätze sind genauso vertreten wie theologische und kunstpädagogische Positionen; theoretische Beiträge wechseln sich mit Schilderungen von Performances und Barter (Zusammenkünfte zum Tanzen und Schauspielen etc.) ab, deren Beschreibung durch beigefügtes Bildmaterial ein wenig an Plastizität gewinnt. Den meisten Beiträgen – entweder auf Englisch oder Deutsch verfasst – ist ein kurzes englischsprachiges Abstract vorangestellt.

 

Der Tagungsband gliedert sich in vier große Themenbereiche. Im ersten Teil beschäftigen sich vier Beiträge mit den "Theorien der Gabe". Zum Einstieg erläutert der Philosoph Gerhard Stamer unterschiedliche Definitionen und Bedeutungen des Begriffs der Gabe anhand der Theorien französischer Philosophen und Ethnologen (Alain Caillé, Marcel Hénaff, Maurice Godelier, Pierre Bourdieu, Jacques Derrida), die sich – in Anlehnung an Mauss – mit den religiösen, ästhetischen, politischen und moralischen Dimensionen der Gabe beschäftigen.

 

Der Soziologe Klaus Lichtblau nimmt in seinem Beitrag zuerst eine Definition des Begriffes "Ökonomie" vor, um dann überzuleiten zur Bedeutung der Gabe und ihren Erscheinungsformen in der westlichen Kultur. Wie Stamer bezieht sich Lichtblau auf die französischen Theoretiker, um schließlich den Begriff der "uneigennützigen Gabe" in Bezug auf den modernen Sozialstaat zu problematisieren.

 

Die Kunsthistorikerin Dorothée Bauerle-Willert untersucht in ihrem Aufsatz die Bedeutung der Gabe in der Bildenden Kunst als Motiv und gemeinschaftsstiftendes Element. Ausgehend von Kants Begriff der Kunst als "Zweckmäßigkeit ohne Zweck" begreift Bauerle-Willert das Kunstwerk als Möglichkeitsfeld der Gabe, als es in einem generösen Akt für den/die RezipientIn zwischen innerbildlichem Geschehen und außerbildlicher Wirklichkeit vermittelt.

 

Im abschließenden Beitrag des ersten Kapitels untersucht die Bildungswissenschaftlerin Kristin Westphal zeitgenössische Theaterformen, in denen das Konzept eines konsumierenden Publikums, dessen Reaktionen erst mit Ende einer Aufführung ausbrechen dürfen, durch ein situationelles Theater mit ZuschauerInnen als aktiven MitspielerInnen abgelöst wird. Westphal untermauert ihre Ausführungen anhand der Beschreibung einer Inszenierung von Tim Etchells aus dem Jahr 2007 mit dem Titel That Night Follows Day.

 

Der zweite Teil des Bandes ist den "Gaben der Kunst" gewidmet und wird eröffnet von einem Beitrag der Kunstvermittlerin, Theoretikerin und Künstlerin Hanne Seitz. Sie untersucht die reziproken Prozesse, die zwischen künstlerischer Intervention und RezipientInnen stattfinden. Seitz entwickelt ihre Thesen anhand einer Performance der Künstlerin Ulrike Möntmann mit dem Titel This Baby Doll will be a Junkie.

 

Es folgen drei kürzere Texte, in denen es um Intention und Wirkung einer Installation (White History Channel) von Christian Heilig und Thomas Henke, die "künstlerischen Feldforschungen" von Lili Fischer und die Performance wahr nehmen, weiter geben geht. Letztere ist ein Projekt von Studierenden der Hochschule für Kunst und Design in Halle und ihrer Professorin Una M. Moehrke, ihres Zeichens Mitherausgeberin des Bandes. Von ihr stammt auch der nächste Aufsatz, in dem sie – angelehnt an Theodor W. Adorno – den Moment der "Ich-Suspension" beschreibt, der eintritt, wenn die Kunst als Gabe fungiert.

 

Im gemeinsamen Gespräch loten der Künstler Tino Sehgal und Moehrke die Möglichkeiten aus, Kunst über die Performance hinaus als gleichberechtigten Tausch zwischen Publikum und Nichtpublikum zu begreifen. Daran geknüpft wird die Frage, ob das Sprechen/der Diskurs über die uneigennützige Gabe diese automatisch in den Markt der Zirkulation spült.

 

Der dritte Themenblock des Buches beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Gaben, Tausch und Gesellschaft. Der Theaterwissenschaftler Ian Watson analysiert die Barter des italienischen Regisseurs und Theatertheoretikers Eugenio Barba als soziökonomische Unternehmungen, in denen sich die Rollen von professionellen wie nichtprofessionellen PerformerInnen und ZuschauerInnen auflösen. Ergänzend zu Watsons Ausführungen beschreiben Klaus Hoffmann (Mitherausgeber des Bandes) und Indira Heidemann vom Theaterlabor Bielefeld Intentionen und Auswirkungen des Barters, der im Zuge des Symposiums 2010 auf dem Dürkoppgelände – einem aus einer Industriebrache entstandenen "Wohnquartier mit soziokulturellen Einrichtungen" (S. 135) – in Bielefeld stattfand.

 

Im darauffolgenden Beitrag zieht der Soziologe Dieter Haselbach den Schluss, dass Wirtschaft und Kultur eigentlich nie voneinander getrennt existieren können – ein Umstand, der laut Haselbach per se nichts Schlechtes bedeutet. Allerdings eröffnen sich aus der Beziehung zwischen Kultur und Wirtschaft Probleme, die der Autor in weiterer Folge zur Sprache bringt: die Subventionierung von Kulturbetrieben, die generell immer begleitet wird von diversen Rechtfertigungsdebatten (warum die Kultur wichtig ist für die Gesellschaft), und die Vereinnahmung von Kreativität als fortschrittsfördernder Zutat in florierenden Branchen, die so tun, als wäre Kreativität der primäre Motor ihrer Arbeit – Stichwort: creative industries. Insgesamt plädiert Haselbach dafür, die kulturpolitische Debatte der letzten vierzig Jahre in Deutschland neu aufzurollen und zielorientierter zu führen.

 

Wolfgang Zinggl – Kulturwissenschaftler, Künstler und Politiker – setzt sich anhand der Interventionen der Wiener KünsterInnengruppe WochenKlausur mit der Wechselwirkung von Kunst und Gesellschaft auseinander. Der Beschreibung erfolgreicher Interventionen von WochenKlausur stellt Zinggl einen weitschweifigen Kunstbegriff voran, der in der Aneinanderreihung von binären Gegensätzlichkeiten komplexere Zusammenhänge vermeidet.

 

Klaus Hoffman präsentiert in einem kurzen Artikel Theatre for a Change, eine NGO-Organisation in Ghana, die – angelehnt an die pädagogische Arbeit Paolo Freires und Augusto Boals 'Theater der Unterdrückten' – vor allem jugendliche ZuschauerInnen zu AkteurInnen macht, die mit theatralen Mitteln über soziale und gesundheitliche Missstände in Ghana aufgeklärt und ermutigt werden sollen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Die Künstlerin und Kunstvermittlerin Christine Biehler schließt den dritten Themenblock mit einem Einblick in LandArt07, ein Projekt, in dem über einen Zeitraum von drei Jahren EinwohnerInnen, Studierende der Universität Hildesheim, Lehrende, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen in Heinde (Niedersachsen) gemeinsam gelebt und gearbeitet haben.

 

Das letzte Kapitel trägt den Titel "Weitergaben – Interkulturelle Transfers" und beschäftigt sich mit Konzepten der Gabe anhand spezifischer religiöser, politischer und künstlerischer Phänomene. Der protestantische Theologe Gerhard Marcel Martin erläutert in einem etwas sprunghaften Artikel das Verhältnis zwischen Vor-Gegebenem und Be-Gabung unter Verweis auf die Glaubenslehren von Christentum und Buddhismus. Als Beispiele zur Untermauerung der Thesen dienen die nicht mit Händen gemalten orthodoxen Ikonen und die Holzschnitte von Munataka Shikō.

 

Klaus Hoffmann beschreibt eine Performance der israelischen Schauspielerin Smadar Yaaron, in der sie anhand der körperlichen Auseinandersetzung mit dem Davidstern das schwierige und laut Künstlerin unhaltbare Verhältnis zwischen Religion und Nationalität thematisiert.

 

Der Theaterwissenschaftler Mohammadreza Farzad untersucht in seinem Beitrag die politische Instrumentalisierung der Gabe durch SelbstmordattentäterInnen und die Ritualisierung der Trauer. Mittels anthropologischer und soziologischer Theorien unterscheidet Farzad verschiedene Funktionsweisen der Gabe. In Zusammenhang mit Opfertoden interessiert ihn vor allem jene Dynamik, die fremde Menschen durch eine radikale Maßnahme wie Selbsttötung (in Trauer und Zorn) temporär zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt. Farzad ortet anhand einer spezifischen Auslegung des Korans eine Verschiebung von Text zu Aktion und fordert abschließend dezidiert zur Wachsamkeit gegenüber politischer Instrumentalisierung auf, indem er auf die missbräuchliche Interpretation religiöser Texte aufmerksam macht, die zum Zwecke der Kriegslegitimierung erfolgt.

 

Im letzten Text des Bandes reflektiert die Theater-, Kultur- und Medienwissenschaftlerin Ingrid Hentschel (sie ist ebenfalls Mitherausgeberin des Buches) anhand der Erinnerung an einen im Zuge der 12. International School of Theater Anthropology stattgefundenen Barter das Verhältnis von Repräsentation durch Performance und unmittelbarer Erfahrung durch die Bildung von Gemeinschaft im Zuge theatraler Ereignisse.

 

Im Modus der Gabe zeigt die Vielfalt der Ansätze, mit der man sich dem Konnex von Gabe und Kunst nähern kann. So verschieden die Ansätze der AutorInnen sind, so offensichtlich herrscht Konsens über spezifische Charakteristika, die die Gabe kennzeichnen: Sie definiert sich nie über einen materiellen Kern im Sinne eines verwertbaren Objekts, das zu Zwecken des Profits veräußert wird. Vielmehr betonen die Beiträge die Bedeutung der durch Prozesse hergestellten Reziprozität, die die Unterscheidung zwischen AkteurInnen und ZuschauerInnen suspendiert. Allen Beiträgen gemein ist die Betonung der gemeinschaftsstiftenden und gesellschaftsverändernden Wirkung, die die Gabe mittels künstlerischer Interventionen hervorruft und die auch nach Auflösung temporärer (Arbeits-)Zusammenhänge weiterbesteht. Die teilweise Redundanz von Argumentationen und Interpretationen untermauert denn wohl auch die Bedeutung dieser Aspekte der Gabe. Insgesamt ist Im Modus der Gabe ein empfehlenswertes Buch für all jene, die Marcel Mauss bereits gelesen haben und jene, die es nicht erwarten können, ihn zu lesen.

 

Veröffentlicht am 21.06.2012 (Ausgabe 2012/1)

>zurück>>>