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Anke Roeder/Klaus Zehelein (Hg.): Die Kunst der Dramaturgie – Theorie, Praxis, Ausbildung.

Leipzig: Henschel 2011. ISBN 978-3-89487-655-5. 288 S. Preis: € 25,60.

Rezensiert von: Genia Enzelberger

Der von Anke Roeder und Klaus Zehelein veröffentlichte Sammelband Die Kunst der Dramaturgie umfasst rund 27 Beiträge von Dramaturgen, Dramatikern, Theater- und Musikwissenschaftlern, Regisseuren, Kulturredakteuren – vereinfacht gesagt: Theaterschaffenden. Auch die beiden Herausgeber blicken auf eine langjährige bzw. jahrzehntelange Theatererfahrung zurück. Anke Roeder ist Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin und unterrichtet als Professorin für Dramaturgie an der LMU München und der Bayerischen Theaterakademie. Klaus Zehelein war u. a. Künstlerischer Direktor des Thalia Theaters Hamburg und Intendant der Staatsoper Stuttgart. Er ist Präsident der Bayerischen Theaterakademie August Everding und leitet dort den Studiengang Dramaturgie; weiters ist er Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

 

Der Begriff der Dramaturgie findet sich bereits bei Aristoteles. Historisch gesehen kann man die Dramaturgie vereinfacht als die Analyse bzw. als die Lehre vom Aufbau des Dramas, seinen Regeln und Gesetzmäßigkeiten bezeichnen. Im Mittelpunkt stand dabei lange Zeit das Drama in Form eines geschriebenen Textes – so auch bei Gotthold Ephraim Lessing, der sich mit diesem Begriff in der Hamburgischen Dramaturgie ausführlich beschäftigte. Den Dramaturgen sah er als eine Art kritischen Leser, der sowohl klassische Texte als auch neue Stücke im Sinne eines bürgerlichen Wertesystems auslegen und bearbeiten sollte.

 

Im 20. Jahrhundert bedeutet der Begriff Dramaturgie weit mehr als eine kritische Textanalyse. Der Dramaturg tritt aus dem Schatten der Regisseure heraus. Die Formen im Theater haben sich aufgelöst und überschneiden sich. Der von Hans-Thies Lehmann geprägte Begriff der Postdramatik stellt den Theatertext in den Hintergrund und lenkt den Blick auf den Aufführungs-, Inszenierungs- oder Performancetext. Natürlich gehören Bearbeitungen, Übersetzungen oder Analysen von Texten nach wie vor zum Arbeitsfeld eines Dramaturgen. Aber immer mehr Dramaturgen stehen in leitender Position von Theatern: Sie treffen die Auswahl bei der Spielplangestaltung und entscheiden, welche Stücke gespielt und welche Regisseure, Schauspieler oder Tänzer engagiert werden.

 

Dieses Buch gibt einen Ein- und Überblick über die einzelnen Arbeitsfelder und Aufgabengebiete von Dramaturgen. So gibt es nach einer vorangestellten literarischen Liebeserklärung – "Der Text-Engel" von Elfriede Jelinek – verschiedene Beiträge zu den Überbegriffen: Schauspiel (Helmut Schäfer, Andreas Beck, Koen Tachelet), Musiktheater (Sergio Morabito, Hans Thomalla, Thomas Siedhoff), Tanz (Nicole Haitzinger), Performance (Luk Van den Dries, Josef Bairlein), Räume (Muriel Gerstner, Birgit Wiens), Medientheater (Christopher Balme, Marion Tiedtke, Christiane Kühl), Hörspiel (Herbert Kapfer) und Site Specific Theater (Wolf-Dieter Ernst, Björn Bicker).

 

Auch die verschiedenen Leiter der Studiengänge Dramaturgie kommen zu Wort und geben einen Einblick in ihre Ausbildungs- und Lehrangebote: Theaterakademie Hamburg (Michael Börgerding), Züricher Hochschule der Künste (Jochen Kiefer), Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (Jörg Bochow), Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt (Hans-Thies Lehmann, Katja Leber), Bayerische Theaterakademie August Everding (Stephanie Metzger), Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig (Petra Stuber), The Central School of Speech and Drama University of London (Joel Anderson). Schade ist, dass hier keine Studiengänge in Österreich vorhanden sind; dies gibt implizit darüber Auskunft, dass derartige Ausbildungsmöglichkeiten an den hiesigen Universitäten so gut wie nicht vorhanden sind.

 

Das Buch liefert einen umfassenden Einblick in die möglichen Arbeitsbereiche von Dramaturgen. Jeder, der nicht weiß, was Dramaturgie bedeutet, sollte es lesen. Zudem bietet der Sammelband einen guten Überblick über die einzelnen Studiengänge der diversen Ausbildungsstätten.

 

Veröffentlicht am 21.06.2012 (Ausgabe 2012/1)

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