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Klein, Gabriele/Noeth, Sandra (Hg.): Emerging Bodies. The Performance of Worldmaking in Dance and Choreography.

Bielefeld: transcript 2011. (Critical Dance Studies: 21). ISBN 978-3-8376-1596-8. 264 S. Preis: € 31,80.

Rezensiert von: Daniela Pillgrab

Im Jahr 2001 öffnete mit dem Tanzquartier Wien eines der heute wichtigsten Häuser in Europa, die sich auf praktischer wie theoretischer Ebene zeitgenössischer Tanz- und Performancekunst verschrieben haben, seine Pforten. Die Auseinandersetzung mit tanz- und performancetheoretischem Wissen ist integrativer Bestandteil der Programmgestaltung – Ausdruck dafür ist etwa ein eigenes Theorie- und Medienzentrum, das von Krassimira Kruschkova geleitet wird, die Leitung der Dramaturgie obliegt Sandra Noeth. Der Anspruch einer Verflechtung von künstlerischer Praxis und theoretischen Positionen liegt auch in dem von Sandra Noeth gemeinsam mit Gabriele Klein herausgegebenen 21. Band der Reihe Critical Dance Studies zugrunde: Basierend auf der internationalen Konferenz "Performing Reality. 'Making Worlds' in Dance and Choreography", die im November 2009 in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg stattgefunden hat, versammelt Emerging Bodies. The Performance of Worldmaking in Dance and Choreography insgesamt 18 Beiträge in fünf Kapiteln, die zum Teil die im Rahmen der Konferenz erprobten, unkonventionellen Formate auch in der verschriftlichten Form aufgreifen. Die Lektüre gestaltet sich gleichsam als abwechslungsreiche Fahrt durch theoretische und praktische Gefilde einer lebendigen Landschaft vorwiegend zeitgenössischer Tanz- und Performancekunst.

 

Konstitutiv für den vorliegenden Band ist jene Ende der 1970er-Jahre von Nelson Goodman formulierte These der 'Ways of Worldmaking': 'Welt' wird dabei nicht als etwas Gegebenes betrachtet, sondern vielmehr als Schöpfungsprozess, und "Worldmaking is therefore always social, cultural, religious, framed, historically in flux and reliant on scientific and philosophical discourses and experiences" (S. 8). Daran anknüpfend geht es um die Frage, was denn das für Welten sind, die mit körperlichen und tanzästhetischen Mitteln geschaffen werden, und welche Potentiale im Tanz in Bezug auf Goodmans Thesen stecken. Seit den 1990er-Jahren sind es im Speziellen Prozesse der Globalisierung und Trans-Nationalisierung, die dem Konzept der 'Welterzeugung' auch innerhalb der performativen Künste einen neuen Bedeutungsgehalt zuweisen. Auf theoretischer Ebene manifestiert sich dies etwa in den Diskussionen um eine 'global history' oder in der Aneignung von Methoden aus den Postcolonial Studies in der internationalen Tanzforschung; auf praktischer Ebene haben diese Transformationen in Stilrichtungen wie dem post-strukturalistischen Tanz oder dem Konzepttanz Ausdruck gefunden.

 

Gabriele Klein und Sandra Noeth formulieren im Vorwort die These, auf die der vorliegende Band aufbaut: "This volume is based on the assumption that dance reveals its effectivity not in the representation of existing structures and systems, but unfolds its potentiality precisely in the offering of alternatives, of utopias, developed with the help of the body and through the organizations of movement" (S. 9). Darauf Bezug nehmend, gehen die Beitragenden der Frage nach, wie Tanz 'Welten' schafft; dabei wird das spezifische 'Worldmaking' von Tanz und Choreographie anderen Kunstformen und deren Forschungsmethoden gegenübergestellt.

 

Die ersten drei Texte zum Thema 'Social Realms' von Gabriele Klein, Randy Martin (Tisch School of the Arts, New York) und der Dramaturgin Bojana Kunst changieren zwischen den beiden Polen Ästhetik und Politik. Tanz eignet sich, um Politik zu denken – behauptet etwa Randy Martin, denn "Dance is a crucial analytic method that makes legible a larger sweep of how we move together" (S. 34). Martin spricht von einer sozialen Kinästhetik, die ihre spezifischen Verfahrensweisen global verbreitet und somit andere Methoden von Mobilisierung in Umlauf bringt – wie dies etwa bei Breakdance der Fall ist: Breakdance "elaborates upon the released hips of black popular dance, incorporates call-and-response forms grounded in practices such as the ring-shout, and inverts the cosmology of up and down, front and black" (S. 36). Ergänzt wird der erste Teil des Bandes durch ein Gespräch von Sandra Noeth mit der Hamburger Performancegruppe LIGNA über deren performatives Hörspiel Der Neue Mensch, das während des Kongresses präsentiert wurde. Die Performance verschränkt ästhetische Phänomene und politische Parameter – konkret setzt sie sich mit in den 1920er-Jahren kursierenden Diskursen zum Körper auseinander und fragt danach, welche Art von Körper formgebend für die Idee des 'Neuen Menschen' war.

 

Das darauffolgende Kapitel steht unter dem Motto 'Hybrid Spheres' und versammelt Beiträge von Susan Leigh Foster (Department of World Arts and Cultures, UCLA), Sabine Sörgel (Department of Drama, Theatre and Performance, Wales) und der Ethnologin Anette Rein, die bis 2008 Direktorin des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main war, sowie ein Künstlerinnengespräch zwischen Gabriele Klein und der Theaterregisseurin Monika Gintersdorfer. In den vier Texten sind ausgewählte Beispiele zeitgenössischer Tanz- und Performancekunst aus Thailand, Bali und Afrika Gegenstand der Diskussionen. Dabei wird immer wieder auf die Abhängigkeit der Kunst von gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen verwiesen; so unterstreicht Monika Gintersdorfer etwa die Tatsache, dass es in ihrer Zusammenarbeit mit afrikanischen Tänzer/innen in Deutschland immer auch um Aufenthaltsbewilligungen ginge – um die Erlaubnis also, sich zu bewegen.

Methodisch tanzt der Beitrag von Susan Leigh Foster etwas aus der Reihe: Foster stellt den Versuch an, die besondere Form, die sie bei der Konferenz für ihren Vortrag gewählt hatte, in einen verschriftlichten Beitrag zu übersetzen; sie inszeniert ihren Text gleichsam als imaginierten Dialog mit Jérôme Bel: "I stage a three-way conversation between French choreographer Jérôme Bel, myself as a feminist scholar writing about a piece he created in collaboration with Thai dancer Pichet Klunchun entitled Pichet Klunchun and Myself (2004), and myself watching the performance of the lecture along with Bel" (S. 73).

Mit ihrem Beitrag stellt Foster das Potential der Wissensproduktion in Performances aus und zeigt Möglichkeiten auf, durch die Künstler/innen und Wissenschafter/innen in Dialog treten können. Gleichzeitig überlässt diese Vorgehensweise der Theorie nicht das letzte Wort – so lässt Foster sich in ihren selbstironischen Ausführungen immer wieder von einem kritischen Bel unterbrechen: "But I have to say that it strikes me as very odd, this custom of standing in front of people and reading a peace of paper" (S. 77).

 

Im nächsten Abschnitt werden spezifische 'Art Worlds' abgeschritten: Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Julie Townsend (Johnston Center for Integrated Studies, Kalifornien), Knut Hickethier (Universität Hamburg) und der Berliner Kunsthistoriker Michel Diers weisen auf die Besonderheiten von Tanz unter Einbeziehung anderer Kunstformen hin. Während Gabriele Brandstetter in ihrem Beitrag etwa den Fokus auf die Performativität von Tanz im Verhältnis zur Performativität von Schrift – die sie für ihre Untersuchung in erster Linie als körperlichen Akt des Tanzens und Schreibens versteht – legt, zieht Julie Townsend Autobiographien von Tänzerinnen aus dem frühen 20. Jahrhundert heran, um jene Künstlerinnen in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext zu verorten. Knut Hickethier wiederum zeigt, dass Tanz und Film eine Gemeinsamkeit in ihrer Fokussierung auf Bewegung, Körper und Rhythmisierung haben; er fragt danach, wie Bewegung und Tanz in populären Filmen bestimmte narrative Räume eröffnen. Auch Michael Diers widmet sich in seinem Beitrag dem Film, konkret Michelangelo Antonionis Blow up (GB 1966), in dem das Medium Photographie dem Medium Film gegenübergestellt wird, um auf diese Weise Stillstand und Bewegung, bewegte Bilder und bewegte Körper in den Blick zu rücken.

 

Der vierte Teil des vorliegenden Bandes steht unter dem Leitgedanken 'Digital Worlds – Processing Bodies' und stellt drei Projekte vor, die auf künstlerisch-medialer Ebene Tanz in Beziehung zu Prozessen der Notation, Digitalisierung und Speicherung setzen. Zunächst geben Fréderic Bevilacqua, Norbert Schnell und Sarah Fdili Alaoui, drei Forschende am Institute for Research and Coordination in Acoustics and Music, Paris, einen Überblick über derzeit verfügbare technische Möglichkeiten der Aufzeichnung von Gesten und Bewegungen, die in Zusammenarbeit mit Choreograph/innen entwickelt werden. Im Anschluss daran stellen Stephen Turk und Norah Zuniga Shaw (Ohio State University) aus ihrer jeweiligen Perspektive das Projekt Synchronous Objects vor, bei dem sich Wissenschafter/innen verschiedener Disziplinen mit der Choreographie von William Forsythes One Flat Thing, reproduced (2000), einem Stück für 17 Tänzer/innen, auseinandersetzen.

 

In Forsythes Arbeit bewegen sich die Performer/innen in 15 Minuten 30 Sekunden durch ein Labyrinth aus Tischen: "Forsythe's furnishing of the performance space with an array of tables unbalances the conventional understanding of ground by providing a new surface datum which acts perceptually on the figure of dancers as their bodies are effectively bisected, sectioned and measured by the plane of the tables", so Turk (S. 196). Synchronous Objects versteht sich als ein gemeinschaftliches Projekt der Visualisierung von Choreographie, das sich vom Tanz hin zu Daten und Objekten bewegt: "The date are numeric translations of the choreographic structures/systems in the dance. And the objects – animations, graphics, computer applications – are visual expressions of those structures" (S. 208), erklärt Daphne Zuniga Shaw gemeinsam mit William Forsythe und Maria Palazzi, Creative Director des Projects.

 

Den Kern des abschließenden Segments über die 'Working Principles' bilden von den beiden Kuratorinnen des Tanzkongresses 2009 in Hamburg, Sabine Gehm und Katharina von Wilcke, geführte Gespräche über kuratorische, künstlerische und dramaturgische Arbeitsprozesse mit Gesa Ziemer (Universität Hamburg) und der Mitherausgeberin des Bandes, Sandra Noeth. Gehm und von Wilcke schildern in ihrem Beitrag, wie das Konzept des 'Worldmaking' auf die Struktur des Kongresses – den sie als "a temporary microcosm and in itself choreography" (S. 227) begreifen – Einfluss genommen hat. So dienen etwa in Performances erprobte Verfahrensweisen als Inspirationsquelle; gefragt sind vor allem partizipatorische Formate wie Salons, Lecture Performances, Werkstattgespräche oder öffentliche Meisterklassen.

 

Die jeweilige geographische und disziplinäre Verortung der insgesamt 21 Autor/innen und die von ihnen in den Blick genommenen Arbeiten spiegeln zum Einen die globale Vernetzung von Wissenschafter/innen und Künstler/innen wider; zum Anderen wird dadurch deutlich, dass sich die gegenwärtige internationale Tanz- und Performance-Szene nicht davor scheut, den Rahmen der eigenen Disziplin zu sprengen und die Qualitäten von Tanz- und Performancekunst von anderen Positionen aus zu befragen. Die beiden Herausgeberinnen bieten mit Emerging Bodies. The Performance of Worldmaking in Dance and Choreography einen umfassenden Einblick in praktische Positionen und theoretische Diskurse der internationalen Tanz- und Performancekunst. Beim Lesen mag man durchaus den Eindruck gewinnen, als würden die Texte des vorliegenden Bandes sich von den künstlerisch-ästhetischen Verfahrensweisen der Performances leiten lassen, und so auf ganz spezielle Art und Weise den Tanzkongress 2009 widerspiegeln, der den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet.

 

Veröffentlicht am 21.06.2012 (Ausgabe 2012/1)

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