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Ödön von Horváth: Don Juan kommt aus dem Krieg. Hrsg. v. Nicole Streitler unter Mitarbeit von Julia Hamminger und Martin Vejvar.

Bd. 9 der Wiener Ausgabe sämtlicher Werke. Historisch-kritische Edition, am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek herausgegeben von Klaus Kastberger. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2010. ISBN 978-3-11-022627-0. 516 S. Preis: € 286,90.

Rezensiert von: Genia Enzelberger

Mit Don Juan kommt aus dem Krieg, herausgegeben von Nicole Streitler, erscheint ein weiterer Band der von Klaus Kastberger initiierten historisch-kritischen Edition sämtlicher Werke von Ödön von Horváth, der sogenannten Wiener Ausgabe (WA). Diese enthält neben abgeschlossenen und fragmentarischen Werken des Autors auch Lebensdokumente und Briefe. Der Horváth-Nachlass befindet sich seit 1990 zu einem Teil in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek; der andere Teil wurde von der Österreichischen Nationalbibliothek erworben und an das Österreichische Literaturarchiv weitergegeben. Die Gliederung des Bandes ist in drei Abschnitte geteilt: in Vorwort, Lesetext, in dem alle vorhandenen Konzeptionen zum Stück in voller Länge abgedruckt sind, und den Kommentarteil.

 

Im Vorwort bietet die Herausgeberin Nicole Streitler einen guten Einstieg in Don Juan kommt aus dem Krieg. Sie gibt einen kurzen Überblick über die Werkentstehung und das vorhandene Nachlass-Material; weiters erklärt und begründet sie die Anordnung in diesem Band. Der Nachlass umfasst 299 Blatt; großteils handschriftliche Materialien (Entwürfe und Textstufen). Horváth dürfte zwischen 1934 bis 1936 an dem Don Juan-Projekt geschrieben haben. Die Uraufführung fand erst nach seinem Tod am 12. November 1952 unter dem Titel Don Juan kommt zurück im Theater der Courage in Wien (Regie: Edwin Zbonek) statt. Der Erstdruck wurde von Traugott Krischke 1961 bei Rowohlt herausgegeben.

 

Die Kritiken zur Uraufführung waren großteils negativ, was weniger auf die Regie, sondern viel mehr auf den Text zurückgeführt wurde. Don Juan kommt aus dem Krieg wird als ein eher schwaches Horváth-Stück bezeichnet. Die Herausgeber versuchen dies mit dem Desinteresse des Theaterpublikums der Nachkriegszeit an Kriegsthematik und Heimkehrerstücken zu erklären. Tatsache ist aber, dass aufgrund des schwachen Baus und der fehlenden sprachlichen Raffinesse Don Juan kommt aus dem Krieg hinter den großen und bekannteren Volksstücken Horváths, wie Kasimir und Karoline, einzureihen ist.

 

Horváth schwebte ein historisches Stück vor, in dem sich die Seele auf eine Reise durch die Zeit begibt. Für ihn sind Seele und Zeit miteinander verwoben. Als Stoff für sein Zeitstück wählte er den Typus des Don Juan. Jede Zeit hat ihren Don Juan. Horváths Figur ist in der Zwischenkriegszeit nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt. Don Juan kehrt aus dem Krieg zurück und glaubt, ein anderer Mensch geworden zu sein. Doch diese Haltung ist allenfalls Selbstbetrug: "Es ist typisch für unsere Tage, wie sehr sich jeder Einzelne in seinem innersten Wesen ändert, infolge der Katastrophen, die die Allgemeinheit betreffen. So kommt auch Don Juan aus dem Krieg und bildet sich ein, ein anderer Mensch geworden zu sein. Jedoch er bleibt, wer er ist. Er kann nicht anders. Er wird den Damen nicht entrinnen" (S. 379).

 

Don Juan entdeckt im Krieg seine Treue. Was er jedoch nicht ahnt: Seine Braut ist bereits tot – gestorben aus Kummer über seine Treulosigkeit. Horváth lässt alle Frauen namenlos auftreten. Die Älteren scheinen Juan alle zu kennen, in den Jüngeren sucht er seine Braut. Es scheint als suche er sich seine große Liebe stückweise zusammen. Die auftretenden 35 Frauen werden auf neun Rollen aufgeteilt. Horváth sieht sie als Grundtypen, die immer wiederkehren: z. B. "Zweite Rolle: zweite ältliche Subrette (I) Witwe (II) Erste Dame (II III)".

 

Wie bei allen Arbeiten Horváths gibt es auch bei diesem historisch grundierten Charakterdrama verschiedene Entwürfe und Konzeptionen, die im Abschnitt Lesetext chronologisch gereiht abgedruckt sind. Konzeption 1: Ein Don Juan unserer Zeit – Zeitstück; Konzeption 2: Ein Don Juan unserer Zeit – Filmexposés; Konzeption 3: Ein Don Juan unserer Zeit – Großmutter; Konzeption 4: Don Juan kommt aus dem Krieg in vier Teilen; Konzeption 5: Don Juan kommt aus dem Krieg in drei Akten und schließlich Don Juan kommt aus dem Krieg. Schauspiel (Endfassung, emendiert). Der Entstehungsprozess kann in zwei große Arbeitsphasen geteilt werden: Ein Don Juan unserer Zeit und Don Juan kommt aus dem Krieg. Die zeitliche Abfolge der Textträger ist leichter rekonstruierbar als bei anderen Werken des Autors, da Horváth den Großteil des Textes in Notizbücher geschrieben hat und man davon ausgehen kann, dass er diese nacheinander verwendet hat. Material in Form von losen Blättern ist im Gegensatz zu anderen Stücken hier kaum vorhanden. Horváth wendete allerdings auch in diesem Fall seine Technik vom Schneiden und Kleben an. Mittels zahlreicher Faksimile-Abdrucke wird das Material anschaulich dargestellt. Sämtliche handschriftlichen Materialien sind als Schwarzweiß-Reproduktionen jeweils auf der linken Buchseite abgebildet, vis-à-vis findet sich ein Abdruck der entzifferten Handschrift.

 

Der dritte Teil der Ausgabe beinhaltet den Kommentar mit chronologischem Verzeichnis sowie Simulationsgrafiken. Diese Grafiken sind auf den ersten Blick schwer verständlich; wenn man aber die Arbeitsweise Horváths näher kennengelernt hat, so erscheinen sie durchaus schlüssig und hilfreich. Im Anhang findet der Leser Editionsprinzipien, Siglen, Abkürzungen und das Literaturverzeichnis vor.

 

Mit dieser Ausgabe von Don Juan kommt aus dem Krieg steht das gesamte Material erstmals vollständig und hervorragend ediert zur Verfügung; gleichzeitig wird der lebendige Produktionsprozess dokumentiert. Man bekommt eine Ahnung davon, weshalb sich Horváth mit diesem Verführer, Mörder, Kavalier und Verbrecher, der gegen jede Form von Sitte und Anstand verstößt, beschäftigt haben könnte: "Er ist der große Verführer, der immer und immer von den Frauen verführt wird. Alle erliegen ihm, aber – und dies dürfte das Entscheidende sein: Wirklich geliebt wird er von keiner. (Drum hat auch dieses Stück keine einzige Liebesszene.)" (S. 379).

 

Bei Don Juan kommt aus dem Krieg handelt es sich um ein klassisches Stationendrama; der Protagonist erfährt keine Entwicklung, die kurzen Szenen sind fast 'filmisch' aneinandergereiht. Diese Ausgabe lädt zu einem interdisziplinären Dialog ein, ist aber aufgrund ihrer Genauigkeit und ihres Umfanges weniger für den Otto-Normalverbraucher bestimmt. Zielpublikum sind vielmehr Theaterschaffende, Germanisten und vor allem Horváth-Liebhaber.

 

Veröffentlicht am 21.06.2012 (Ausgabe 2012/1)

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