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Manfred Rasch/Astrid Dörnemann (Hg.): Filmarchivierung. Sammeln – Sichern – Sichten – Sehen.

Essen: Klartext 2011. ISBN 978-3-8375-0096-7. 332 S. Preis: € 29,95.

Rezensiert von: Thomas Ochs

In Zeiten der digitalen Umwälzung unserer Gesellschaft sind Archive mit zwei elementaren Problematiken konfrontiert: Langzeitarchivierung und Transparenz. Basierend auf mehreren Tagungen des Arbeitskreises Filmarchivierung Nordrhein Westfalen sind in dem Sammelband Filmarchivierung. Sammeln – Sichern – Sichten – Sehen zahlreiche Beiträge vereint, die sich dezidiert mit der Praxis von Filmarchiven befassen.

 

Sammeln, Sichern, Sichten, Sehen. Diese vier Begriffe bestimmen die Arbeit in einem Filmarchiv signifikant. Das Bewusstsein für die Relevanz und Notwendigkeit, sich um das Medium Film in all seinen Facetten zu bemühen, ist in den letzten Jahrzehnten durchaus gereift. Trotzdem ein erneuter Appell aus der Düsseldorfer Erklärung (2006): "Der Film ist Kulturgut mit einer mehr als 100-jährigen Geschichte. Er spiegelt unser Leben, unsere Welt, unsere Zeit in seiner ihm eigenen, besonderen Art. Er dokumentiert, informiert, belehrt und unterhält; er ist ein Gedächtnis in bewegten Bildern" (S. 319). Auf diesen Gehalt macht die Publikation mit Nachdruck aufmerksam. Sie liefert einen fundierten Einstieg in das Metier, geht aber nur an wenigen Stellen darüber hinaus. Grundsätzlich ist diesbezüglich zu betonen, dass es sich bei den Texten um überarbeitete Vorträge handelt, die im Rahmen mehrerer thematischer Tagungen von den jeweiligen Personen gehalten wurden. Dementsprechend ist die Vielfalt der Beiträge groß und sie geben eben zu jenen vier Begrifflichkeiten einen spezifischen Eindruck der gerade stattfindenden Diskurse.

 

"1. Öffentliche Fachtagung des AK Filmarchivierung NRW am 04. 10. 2007: Filme in Archiven: Sammeln – Sichern – Sichten." Der erste Abschnitt des Sammelbands liefert eine notwendige Einführung in die Aufgaben von Filmarchiven und den Umgang mit den fragilen Materialien. Dabei stellen sich die Autoren Sabine Lenk, Ralf Springer und Rainer Polley in ihren Aufsätzen Fragen der Prävention, Dokumentation und Präsentation des Filmmaterials. Insbesondere Sabine Lenks Hinweise zu Materialbestimmung und zur Behandlung von Filmmaterial verweisen auf grundlegende Aspekte der filmarchivalischen Arbeit. Inwiefern dabei stets aufs Neue für das jeweilige Material sinnvolle Entscheidungen getroffen werden müssen, betont Lenk mit Nachdruck: "Wie weit man in der analogen bzw. der digitalen Bearbeitung gehen darf, diese Frage muss sich der Restaurator täglich stellen" (S. 46).

 

"2. Öffentliche Fachtagung des AK Filmarchivierung NRW am 21. 08. 2008: Langzeitarchivierung – analog oder digital?" Der Diskurs um die Problematik der Langzeitarchivierung bestimmt in den letzten Jahren nicht nur die Filmarchive. Dennoch scheint es gerade dort zu größeren Problemen zu kommen. Es ist nichts Neues, dass Papiermaterial in großen Datenbanken vermehrt online zur Verfügung gestellt wird. Filmmaterial benötigt aufgrund seiner Eigenschaften jedoch ganz andere Speicherbedingungen, die vor allem von der Kapazität der Speichermedien abhängig sind. Es ist bezeichnend, dass das Bundesarchiv in Berlin – als eines der größten Filmarchive Europas – seine Materialien analog sichert. Zu den Gründen formuliert Egbert Koppe in "Das Filmsicherungskonzept des Bundesarchivs" Folgendes: "Zum einen liegen die Kosten für die Langzeitsicherung Studien zufolge für digitale Träger etwa um das zehnfache über denen traditionell analoger Filmträger. Des Weiteren gibt es aus Sicht des Bundesarchivs für die Langzeitarchivierung von Daten noch keine ausreichende Erfahrungen, welche die hohen Kosten eines solchen Transfers rechtfertigen würden" (S. 99).

 

"3. Öffentliche Fachtagung des AK Filmarchivierung NRW am 20. 08. 2009: Historische Filme: Präsentieren und Vermitteln." Die Festsetzung einer bestimmten Archivethik oder Politik eines Hauses ist oft damit verbunden, in welcher Form Filme präsentiert werden und insbesondere in welchem Format. Die Herangehensweise richtet sich zumeist eher nach finanziellen Möglichkeiten, als nach einer tatsächlichen Ideologie. Im dritten Kapitel des Sammelbandes richtet sich der Blick auf Aspekte der Präsentation von filmischen Materialien im Zusammenhang mit Projekten im Bundesland NRW, vor allem auch im Internet. Zwangsläufig kann bei diesen wenig Wert auf originale Vorführbedingungen gelegt werden, da solche Projekte eine Medientransformation voraussetzen. Dennoch sollte es der Anspruch sein, eine möglichst hohe Qualität zur Verfügung zu stellen.

 

"4. Öffentliche Fachtagung des AK Filmarchivierung NRW am 07. 10. 2010: Filme bewerten: Eine vernachlässigte Notwendigkeit." "Mit Recht muss man davon ausgehen, dass die Gesamtheit des Entstandenen nicht erhalten werden kann. Jeder Versuch dazu schlüge fehl, weil aus Kapazitäts- und strukturellen Gründen eine auch nur hinreichende Klassifikation und Erschließung, die dieses Gesamtkonvolut für Fragen an vergangene Zeiten aussagefähig machte, unmöglich ist" (S. 264). Das vierte Kapitel des Sammelbands vereint Beiträge zur Bewertung von Filmmaterial. Es gibt in Archiven stets aufs Neue Situationen, in denen eine Entscheidung getroffen werden muss, welche Materialien tatsächlich den Weg ins Archiv finden und welche nicht. Ein wichtiger Aspekt, den die Beiträge sehr disparat diskutieren. Schließlich ist der Sammelband gerade deswegen der Lektüre wert, weil die Bemühungen einer Region um den Film dargestellt werden.

 

Zurück zur Düsseldorfer Erklärung von 2006: "Nur gemeinsam besteht die Chance, die historischen Filme als unverzichtbares Kulturgut auf Dauer zu bewahren und zu nutzen" (S. 321). Gerade in diesem Sinne wird ersichtlich, welchen Wert Film als Zeitdokument für eine Region haben kann. Die Publikation dokumentiert eine ganze Reihe an Aktivitäten, die ohne dieses Buch über die Region hinaus vermutlich keinen Bekanntheitsgrad erlangen würden. Somit liefert sie auch einen Beitrag zur besseren Vernetzung und zu einem genaueren Überblick über die Möglichkeiten in NRW, die durchaus für nationale und internationale Institutionen interessant sein könnten. Insgesamt gesehen stellt der Sammelband darüber hinaus die momentan allgemein stattfindenden Diskurse prägnant dar. Trotzdem ist es notwendig, am Ende zu konstatieren, dass dieser Sammelband weit entfernt davon ist, neue Erkenntnisse zu liefern, die nicht bereits von englischer Fachliteratur bereitgestellt werden.

 

Veröffentlicht am 21.06.2012 (Ausgabe 2012/1)

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