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Joseph Garncarz: Maßlose Unterhaltung. Zur Etablierung des Films in Deutschland 1896–1914.

Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld 2010. (Nexus. Die kulturwissenschaftliche Bibliothek: 89). ISBN 978-3-87877-802-8. 251 S. Preis: € 29,–.

Rezensiert von: Thomas Ochs

"Noch immer gehen die Menschen ins Kino, unabhängig von den Distinktionen, die sie im Zuge ihres sozialen Lebens erworben haben. Noch immer wird weithin die Ansicht vertreten, dass das gemeinsame, öffentliche Filmerleben von Menschen, die einander tendenziell unbekannt und unähnlich sind, nicht ersetzt werden kann (und gar nicht ersetzt werden 'will') durch den privatisierten Filmgenuss, alleine oder familiär vor dem Schirm."[1] Mit diesen Worten beginnt Alexander Horwath im Programmheft des Österreichischen Filmmuseums von Mai/Juni 2011 sein Vorwort. Kino ist dieser Beobachtung nach noch immer ein lebendiger Ort in der Öffentlichkeit. Die Wortkombination 'noch immer' impliziert ein Faktum, das sich bis dato nicht geändert hat. Doch zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Prämissen hat sich das Kino zu diesem Ort entwickelt, den Herr Horwath in der digitalen Heimkinokultur als unersetzbar für öffentliches Filmerleben bestimmt? Genau dieser Frage widmet sich Joseph Garncarz in seiner Monographie Maßlose Unterhaltung. Zur Etablierung des Films in Deutschland 1896–1914 und betreibt damit Grundlagenforschung im besten, wissenschaftshistorischen Sinn. Er deckt die Herausbildung des ortsfesten Kinos als einem Ort der Massenunterhaltung auf und beschreibt zugleich ein Zeitbild der Jahrhundertwende. Dabei ist es sein dezidiertes Anliegen, "die Filmaufführung in den Mittelpunkt der Untersuchung" (S. 10) zu stellen.

 

Grundsätzlich ist es für eine solche Form der Grundlagenforschung unerlässlich, Fakten zu liefern und Begriffe zu definieren. In der Einleitung zu seiner Publikation argumentiert Garncarz grundlegende Begriffe – vom Kinematographen über Unterhaltung bis hin zum Kino – die sich in seinem Forschungszeitraum von 1896–1914 herausgebildet haben: Was ist Kino? "Als Kino bezeichnet man die Projektion von Filmen vor einem Publikum, wenn ausschließlich oder zumindest ganz überwiegend Filme gezeigt werden" (S. 11). Von dieser Definition lassen sich diverse Kinotypen ableiten, die jene Vielfalt des Mediums bestimmen, welche oft außer Acht gelassen wird: "Kinos sind durch eine große historische Vielfalt gekennzeichnet: Ob mobil oder ortsfest, ob die Filme unter freiem Himmel oder in einem geschlossenen Raum vorgeführt werden, ob es sich um eine private oder öffentlich zugängliche Vorführung handelt, ob die Öffentlichkeit etwa nach Maßgabe des Jugendschutzes eingeschränkt wird, ob ein Kurzfilmprogramm gezeigt wird oder ein abendfüllender Spielfilm, ob Eintrittsgeld erhoben wird, welches Publikum adressiert und angezogen wird – alle diese Aspekte können variieren und damit zur Unterscheidung unterschiedlicher Kinotypen dienen" (S. 11). Insofern lässt sich die Heimkinokultur von heute als eine Form von Kino betrachten, die in Horwaths Postulat ein wenig hinter das ortsfeste, öffentliche Kino zurücktritt. Die Definition des Begriffes Kino, die uns Garncarz liefert, betont demnach sehr präzise, welche Vielfalt darin steckt. Obgleich diese gegenwärtige Kinoformen mit einschließt, ist es vielmehr Garncarz' Intention, die Diversität des Kinos in der Phase seiner Etablierung aufzudecken.

 

In sieben Kapiteln entwirft der Autor ein Spektrum von sich unterscheidenden Kinoformen, die sich von Varietés bis hin zum ortsfesten Kino als einem institutionellen Ort in Form einer Entwicklungslinie beschreiben lassen. Internationale und lokale Varietés bildeten sich aus dem Varietétheater heraus und boten "ein Nummernprogramm mit hoch spezialisierten Künstlern unterschiedlichster Sparten wie Artisten, Sängern, Komikern und Tänzern" an. (S. 19) Hinzu kam der Film als eigenständiger Teil dieses Nummernprogramms und fungierte zumeist als Schlussnummer. Internationales und lokales Varieté unterschieden sich maßgeblich durch ihr Publikum. War das internationale Varieté ein Anlaufpunkt für die 'feine Gesellschaft' sprach das lokale Varieté ein sehr distinktes Publikum an, wodurch das Programm aufgrund der sich unterscheidenden Interessen zwischen den beiden Varietés sehr unterschiedlich ausfiel. "Mit dem Jahrmarkt- und Saalkino entstand erstmals eine eigene, mobile Aufführungsform für Filme, die bereits zeitgenössisch als Kino bezeichnet wurde." (S. 71)

 

Durch diese Form des Wanderkinos erreichte das Kino eine ungeheure Popularität und Reichweite. Dabei konstatiert Garncarz, dass diese Kinoformen vor allem die Bevölkerung auf dem Lande erreichten, die zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland eine weit größere Masse darstellte als die Großstadtbevölkerung. "Ab 1905 entstanden Ladenkinos oder 'Kientöppe' als die ersten ortsfesten Kinos in nennenswerter Zahl. Sie boten einen regelmäßigen Spielbetrieb an, indem sie ihre Programme aus dem Filmkontingent zusammenstellten, das für den Markt der lokalen Varietés und Wanderkinos hergestellt wurde" (S. 143f.). Garncarz konstatiert, dass sich das Phänomen der Ladenkinos auf Großstädte beschränkte. Mit der Etablierung des Kinotheaters entwickelt sich die Kinokultur jedoch in eine andere Richtung. "Der neue Typ des Kinotheaters bot mehr Komfort als das Ladenkino und ein zunehmend innovatives Programm, dessen Höhepunkt die Kinodramen wurden." (S. 159) Die verbesserten Strukturen und qualitativ höheren Rahmenbedingungen in einem Kinotheater verdrängten Stück für Stück die Form der Ladenkinos. Ein größeres Publikum konnte angesprochen werden. Das Ambiente und somit auch die Vorstellung von Kino bzw. Film veränderten und verbesserten sich. "In den Zentren deutscher Großstädte entstand in Konkurrenz zu den Kinotheatern ab 1912 eine neue Kinoform: der Kinopalast." (S. 199) Es handelte sich bei diesen Palästen stets um Neubauten, die dezidiert als Lichtspielhäuser konzipiert und konstruiert wurden. Sie erreichten noch breitere Bevölkerungsschichten, ohne dabei irgendeine Schicht ausgrenzen zu müssen. Darüber hinaus bestachen sie durch noch mehr Platz und Raum, wodurch sie eine höhere Anzahl an Zuschauern ansprechen konnten.

 

Im achten Kapitel ("Varietés und Wanderkinos unter Konkurrenzdruck") beschreibt Garncarz die Herausbildung des ortsfesten Kinos als wirtschaftlich stärkster Form. Varietés, Jahrmarktkinos und Saalspieler waren durch die Kinotheater und Kinopaläste einem starken Konkurrenzdruck ausgesetzt. Dabei wichen die mobilen Kinoformen, um wirtschaftlich überleben zu können, zunächst auf solche Orte aus, die noch kein ortsfestes Kino besaßen. "Dieser nachhaltige Umbruch der Unterhaltungslandschaft beruhte nicht auf der Einführung der neuen Medientechnologie in den Markt, sondern auf ihrer Institutionalisierung" (S. 212).

 

Das abschließende Kapitel "Zur Etablierung des Films als Unterhaltungsmedium" der stringent formulierten und klar strukturierten Publikation nutzt die gewonnenen Fakten, um ein Konzept des Kinos als Medium der Unterhaltung zu formulieren. "Damit leistet die Studie einen wertvollen Beitrag sowohl zur Geschichte des Kinos als auch zur Mediengeschichte der Unterhaltungskultur um 1900", so der Klappentext des Buches. Garncarz ignoriert dahingehend nicht die sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, welche die Etablierung des Kinos bedingten: Bedürfnis nach Unterhaltung, ausreichende Freizeit und die notwendigen finanziellen Mittel. "Ohne die Kreativität bzw. die Kapitalkraft der Macher entstehen keine neuen Aufführungs- und Programmformen, ohne den Zuspruch des Publikums wären diese nicht von Dauer" (S. 224). Durch seine präzisen Ausführungen wird dem Leser mehr als deutlich, unter welch komplexen Umständen sich der Film überhaupt erst entwickeln und später als ein fester Bestandteil der gesellschaftlichen Unterhaltung manifestieren konnte. Jener Prozess war weder vorherseh- noch vorhersagbar, sondern nur aufgrund komplexer Zusammenhänge möglich.

 

Ein gelungenes Konzept sowie eine präzise Aufmachung erfährt die Monographie im Verlag Stroemfeld in der Reihe Nexus: Die kulturwissenschaftliche Bibliothek. Dazu bekommt man eine Fülle an bisher unveröffentlichtem Bildmaterial, das im wissenschaftlichen Text visuelle Anreize setzt. Das reduzierte Schriftbild und die Typografie machen zudem bereits rein äußerlich Lust auf die Lektüre. Ausgestattet mit wissenschaftlicher Genauigkeit, Detailreichtum und einer hohen Faktenfülle sollte die Monographie von Joseph Garncarz zur Standardlektüre jedes Filmwissenschaftlers avancieren.

 

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[1] Alexander Horwath: "Filmmuseum ist. Ein Schiff", in: Programmheft, Mai/Juni 2011, S. 1.

 

Veröffentlicht am 11.12.2012 (Ausgabe 2012/2)

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