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Myrna-Alice Prinz-Kiesbüye/Yvonne Schmidt/Pia Strickler (Hg.): Theater und Öffentlichkeit. Theatervermittlung als Problem.

Zürich: Chronos 2012. (ITW: 11). ISBN 978-3-0340-1120-4. 256 S. Preis: € 39,50.

Rezensiert von: Sara Tiefenbacher

"Theatervermittlung ist kein einheitlich definierter Begriff […] und die Grenzen zu Pädagogik, Marketing oder Kunsttheater sind uneindeutig", erklären Myrna-Alice Prinz-Kiesbüye und Yvonne Schmidt in ihrem 2010 erschienenen Beitrag Theater für alle, aber nicht von allen?. Das aktuelle Forschungsfeld der Theatervermittlung konstituiert – durch die spezifischen Funktionen und die unterschiedlichen Vermittlungspraktiken und Zielgruppen, die begreiflicherweise in dieses Gebiet eingewoben sind – ein breites (Wissenschafts-)Spektrum. Dabei tritt immer häufiger der wissenschaftliche Diskurs in den Vordergrund.

 

Aufbauend auf theoretische Überlegungen und aktuelle Publikationen befasst sich der vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste herausgegebene Sammelband mit einem herausfordernden Vorhaben: Er will die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Diskurs und Praxiswissen verringern und die Theatervermittlung als reflexive Praxis mitgestalten.

 

Durch die fachlich soliden und praxisorientierten Beiträge von Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen aus verschiedenen Disziplinen wird auf reflexiver Ebene das Berufsfeld der Theatervermittlung (nach Ute Pinkert) 'auf dem Weg zur Professionalisierung' bestätigt. Die Analyse und Systematisierung des vorhandenen Praxiswissens unterstützt zudem die Herausarbeitung eines Fachdiskurses und die Positionierung von Theatervermittlung innerhalb des Tätigkeitsbereichs von Theater.

 

Die im Band enthaltenen Beiträge thematisieren in vielfältigen Vermittlungsansätzen die kulturelle Teilhabe verschiedener sozialer Schichten am Theater. Zahlreiche Formen der Partizipation stehen dabei zur Diskussion. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird die gesamte Bandbreite der Ausgestaltungen von Theatervermittlung auf ausgewogene Weise dargelegt, wobei der Schwerpunkt auf der Politik-, Theater- und Kulturlandschaft der Schweiz liegt.

 

Andreas Kottes Vorwort eröffnet den Band aus einer sehr öffentlichkeitsbezogenen, ökonomischen Perspektive mit der Frage nach den gesellschaftlichen Effekten von Kultur; einer Kultur, die sich – bestimmt durch wirtschaftliche Faktoren – in einem Kampf um Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit und Zahlen anpreisen muss.

 

Im ersten Teil des Bandes mit der Überschrift "Vermittlung – Kunst – Pädagogik" präsentiert Alexander Henschel Überlegungen zum "Begriff der Vermittlung" in kunst- und kulturwissenschaftlichen Diskursen. Sarah Uwer leistet anschließend einen historischen Überblick über die institutionelle "Kulturvermittlung in der Schweizer Kulturpolitik". Der vorwiegend theoretisch konzipierte und einleitende Teil wird durch die praktisch-vermittelnde Sichtweise von Myrna-Alice Prinz-Kiesbüye abgerundet. Sie veranschaulicht die Beziehungen von Theater und Öffentlichkeit anhand des Vermittlungsprojekts "Theaterattaché(e)s", welches vor allem für die erwachsene Zuschauer_innenschaft konzipiert ist und die Erweiterung des Publikums sowie den Austausch zwischen Publikum und Theaterhaus fokussiert.

 

In Folge stehen spezifischere Themenbereiche sowie die Exemplifizierung unterschiedlicher Perspektiven, die sich aus diesem Spannungsfeld (Vermittlung, Pädagogik, Kunst) entwickeln, im Vordergrund. Die an der Praxis orientierten Beispiele, die hauptsächlich in den transformativen Diskurs innerhalb der Theatervermittlung einzuordnen sind, legen Vermittlungsansätze aus den Bereichen Kinder- und Jugendtheater, Theater im öffentlichen Raum, Theater mit professionellen und nicht-professionellen Darsteller_innen, Theater mit Menschen mit Behinderung und Theaterprojekten von und mit Migrant_innen dar. Dabei wird das Verhältnis zwischen Kunst, Vermittlung und Pädagogik neu bewertet. Besonders herzuheben sind hierbei die vielen praxisnahen Beiträge, wie Ralph Fischers Workshopbeschreibung der im öffentlichen Raum arbeitenden britischen Gruppe Wrights&Sites, Virginia Thielckes Untersuchungen der freien experimentellen Theaterszene im Schulunterricht in Deutschland oder Charlotte Baumgarts Einblicke und "Beobachtungen zur ästhetischen Kommunikation im Kindertheater" der Schweiz.

 

Im zweiten Teil des Bandes, betitelt mit "Über Theater schreiben – über Theater lesen", der aus einem einzigen Artikel von Pia Strickler besteht, wird die Produktions- und Rezeptionsseite von Theaterberichterstattung am Beispiel des Berner Traditionsblattes Der Bund und der Berner Zeitung analysiert. Dieser umfangsmäßig schmal ausgefallene Teil des Bandes fokussiert die Frage, wie heutzutage in Printmedien zwischen Theater und Öffentlichkeit vermittelt wird. Strickler erklärt darin die vermittelnde Funktion der Theaterberichterstattung mit der Aufgabe, zwischen Gegenwärtigem, Vergangenem der "Geschichtlichkeit"

(S. 201) und der Öffentlichkeit zu verhandeln. Sie unterstreicht damit den transitorischen Charakter des Theaterereignisses. Mit einem deutlich auf die Medienlandschaft der Schweiz gelegten Schwerpunkt stellt sie dabei Bezüge zur 200-jährigen Praxis der Theaterberichterstattung im deutschsprachigen Raum her. Strickler öffnet das Untersuchungsfeld in Richtung 'kulturelles Gedächtnis' und Theaterkritik als unverzichtbares Erinnerungs- und Rekonstruktionsmaterial: "Theaterkritik [trägt] das Theaterereignis als künstlerischen Vorgang nach au[ß]en, befreit es von seiner räumlichen Begrenztheit und bringt es in schriftlicher Form ein in den regionalen, nationalen und internationalen Diskurs über Theater" (S. 248).

 

An diesem Artikel zeigt sich: der Band richtet sich an eine sehr praxisbezogene, im Theaterbereich arbeitende und mit theaterpädagogischen Thematiken vertraute sowie an Theatervermittlung/Rezeptionsforschung interessierte Leser_innenschaft. Auffallend ist der stark disziplinenübergreifende Charakter. Indem Vermittlung in diesem Sammelband in ihrer gesamten Bandbreite verstanden wird, stecken manche Artikel einen zu großen Rahmen an Themengebieten ab: vom Chormodell der Antike in zeitgenössischen Produktionen bis hin zu Fragestellungen der Postcolonial Studies, kulturellem Rassismus und dem von "Rassismen durchzogenen Diskursumfeld wie dem aktuellen Migrationsdiskurs in Deutschland" (S.175). Kaum anders verhält es sich mit den Beiträgen, die sich mit der Arbeit von Theatervermittler_innen im Kinder- und Jugendbereich sowie mit der Vermittlung zwischen Künstler_innen und Schulen (z. B mit dem Projekt Theater und Schule: TUSCH) beschäftigen, wobei hier die Suche nach neuen Verknüpfungen zwischen Theater und Öffentlichkeit besonders deutlich in den Vordergrund tritt.

 

Trotz dieser Kritikpunkte ist Theater und Öffentlichkeit. Theatervermittlung als Problem in summa betrachtet ein anregender, informativer und durchwegs notwendiger Forschungsbeitrag, der sowohl theoretisch als auch anhand von praxisnahen Beispielen die Vermittlungsprozesse zwischen Theater und Öffentlichkeit nachdrücklich thematisiert.

 

Veröffentlicht am 11.12.2012 (Ausgabe 2012/2)

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