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Julian Hanich/Hans Jürgen Wulff (Hg.): Auslassen, Andeuten, Auffüllen. Der Film und die Imagination des Zuschauers.

München: Fink 2012. ISBN 978-3-7705-5398-3. 283 S. Preis: € 39,90.

Rezensiert von: Thomas Ochs

Im Sinne Husserls meint der Begriff Abschattung, "dass uns Dinge in Raum und Zeit immer einseitig, perspektivisch verzerrt, unter bloß einem Aspekt gegeben sein können, während alle anderen Seiten, Attribute, Merkmale nur indirekt mit angezeigt sind" (S. 40). Die Anwesenheit der abgeschatteten Elemente kann man mit dem Begriff der Appräsentation fassen, so Eckhard Lobsien in seinem Aufsatz "Leerstellen, Unbestimmtheiten, schematisierte Ansichten. Zur Phänomenologie des Auslassens und Andeutens". Lobsiens Essay leitet das erste Kapitel "Theorien des Auslassens, Andeutens, Auffüllens" der Publikation Auslassen, Andeuten, Auffüllen. Der Film und die Imagination des Zuschauers ein. Gefolgt von den drei weiteren Kapiteln – "Filmisches Auslassen und Andeuten", "Die Imagination des Zuschauers im Dokumentar- und Stummfilm" und "Transmediale Imaginationen" – begibt sich der Sammelband auf die Suche nach einer theoretischen, vor allem begrifflichen Grundlage zur bewussten oder unbewussten imaginativen Leistung des Zuschauenden: "Dieser Band ist ein Anfang. Er kann daher eine ganze Reihe von Fragen nur anreißen, deren weitergehende Beantwortung das Ziel künftiger Forschung sein muss" (S. 30).

 

So könnte man behaupten, dass einer wissenschaftlichen Buchkritik – so wie dieser Text eine sein will – eine abgeschattete, appräsentative Situation vorausgeht und die Rezension ausschließlich im Ansatz jene Eindrücke widerspiegelt, die der Rezipient bei der Lektüre des Buches haben kann. Diese partielle Konsequenz ist mit Blick auf eine Aufsatzsammlung in besonderem Maße gegeben. Dahingehend ist zu unterstreichen, dass nicht jeder Beitrag im Detail kritisch beleuchtet werden kann, sondern eher der Gesamteindruck der Publikation im Vordergrund stehen muss. Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit bei dreizehn so diffizilen Beiträgen deren komplexe – weil kaum erforschte – Ausgangslage im Rahmen einer Rezension gleichberechtigt zu beurteilen. Der Fokus liegt deshalb auf einzelnen Aspekten, um damit die wissenschaftliche Notwendigkeit zukünftiger Forschungen zu unterstreichen.

 

Julian Hanich schreibt in der Einleitung zum Sammelband programmatisch von einer angestrebten Initialzündung für die Filmforschung. Die Intention, für den deutschen Sprachraum ein grundlegendes Standardwerk zum "vertrackten Zusammenspiel von Film und Zuschauerimagination" (Buchrücken) darzulegen, ist insofern formuliert. Diesem Anspruch wird der Sammelband in mehrfacher Weise gerecht. Die im positiven Sinn ausufernde Suche nach präzisen Begrifflichkeiten kündigt sich bereits in Hanichs Einleitung vielversprechend an, indem der Autor u. a. Probleme und Ungenauigkeiten hinsichtlich anscheinend so disparater Begriffe wie Imagination, Synästhesie, Einfühlung/Empathie oder Ekphrasis, Enérgeia/Enárgeia, Illusionsbildung, Teichoskopie und Botenbericht (um nur einige zu nennen) darlegt.

 

Lobsiens eingangs anvisierte Phänomenologie des Auslassens stützt sich neben dem philosophischen Fundament Husserls (Abschattung und Appräsentation) auf Roman Ingardens und Wolfgang Isers Begriffe 'Leerstelle' und 'Unbestimmtheit': "Sie sind die entscheidende Umschaltstelle zwischen dem Werk als realem Artefakt und der individuellen Rezeptionsaktivität, die jedes Artefakt, jedenfalls der Möglichkeit nach, überführt in ein ästhetisches Erlebnis und, so Iser, eine potenzielle Selbstkonfrontation und Selbsterkundung des rezipierenden Subjekts" (S. 38f.). Damit argumentiert Lobsien die theoretische Grundlage der nachfolgenden, defizitären Untersuchungen.

 

In "Evokation. Zur non-visuellen Macht der Bilder – Eine Forschungsskizze" beschreibt Markus Rautzenberg die Anwendungsmöglichkeiten des Begriffs der Evokation im Kontext bildtheoretischer Aspekte und dessen Widerfahrnischarakters trotz non-optischer Sphären. Jens Bonnemanns Essay "Zwischen Wahrnehmung und Imagination. Jean-Paul Sartres (nie geschriebene) Phänomenologie des Films" lenkt den Blick in doppelter, selbstreflexiver Hinsicht auf Aspekte des Auslassens, Andeutens, Auffüllens, indem der Autor den wissenschaftlichen Versuch startet, eine nicht vorhandene, vielmehr (wohl) nicht konzipierte Phänomenologie des Films von Jean-Paul Sartre zu (re)konstruieren: "Die Anwendung der Imaginationstheorie auf den Bereich der Kunst in Das Imaginäre ignoriert den Film ebenso wie Sartres Profilierung der literarischen Prosa gegenüber den übrigen Künsten, in Was ist Literatur?" (S. 70). Die Argumentation, anhand Sartres Kunsttheorie ein Verständnis des Films darzustellen, kulminiert in bemerkenswerter Konsequenz: "Filme liefern also nicht nur wie prosaische Filme einen bestimmten Blick auf Realitäten, sie komponieren nicht nur wie poetische Filme eindrucksvolle Bilder, sondern sie machen deutlich, dass die Art und Weise, wie Realitäten von Subjekten erlebt werden, auf filmische Weise nur auf dem Weg einer Bildkomposition manifest werden kann" (S. 89).

 

In den Kapiteln zwei und drei versuchen die Autoren konkrete filmästhetische Aspekte wie u. a. das Zeitraffen oder die Ellipse aufzugreifen, um anhand gewählter Filmbeispiele wissenschaftliche Diskurse in Gang zu bringen. Dabei setzen sich Christine N. Brinckmann, Guido Kirsten und Guido Heldt mit ästhetischen und narratologischen Aspekten des Auslassens, Andeutens, Auffüllens auseinander. Britta Hartmann und Ursula von Keitz gehen auf Zusammenhänge von Imagination und Dokumentarfilm ein; Frank Kessler und Claus Tieber richten den Blick auf das klassische Erzählkino.

 

"Imaginative Prozesse, die über den einzelnen Film hinausweisen auf andere Medienangebote als Quellen des aktuellen Erlebnisses. Imagination ist hier als ein synkretistischer Vorgang zu verstehen, der gegenwärtige Filmwahrnehmungen mit früheren Medienerlebnissen zu einem neuen Erlebniszusammenhang verbindet" (S. 209). Jens Eder stellt sich mit seinem Beitrag zum Begriff der transmedialen Imagination des von Julian Hanich und Hans Jürgen Wulff herausgegebenen Sammelbandes Fragen zur Dimension von Transmedialität bzw. der sich daraus entwickelnden analytischen Differenz. Er weist auf den Nachholbedarf bezüglich dieser Thematik in der Filmwissenschaft hin und unterstreicht die damit verbundenen, komplexen Untersuchungsgegenstände.

 

Neben Hanichs Beitrag "Grosse Erwartungen" schließt Fabienne Liptay den Sammelband mit "La double vie de l'image" ab: "Was in Filmen ausgelassen, angedeutet, aufzufüllen ist, wird zumeist außerhalb der Bilder vermutet: im Off jenseits des Rahmens oder an den Schnittstellen zwischen den Einstellungen. Es lässt sich jedoch auch inmitten der Bilder selbst aufspüren, sofern es ein im Sichtbaren eingeschlossenes Unsichtbares gibt" (S. 263). Mit dem, was "aktuell oder vorübergehend nicht sichtbar ist" und dem, was "grundsätzlich unsichtbar bleiben muss" (S. 264) evoziert dieses Unsichtbare zwei Kategorien. Anhand des Films La double vie de Véronique von Krzysztof Kieslowski eruiert die Autorin die Verschränkung des Sichtbaren und Unsichtbaren im Rekurs auf das Veronikabild aus der Malerei und beschreibt die selbst angeleitete Dekonstruktion des Bildes in Form einer Selbstüberwindung; "über Bilder, die sich nicht mit der Erfüllung der Erwartung von Sichtbarkeit zufriedengeben möchten" (S. 275).

 

Insgesamt betrachtet dient die Lektüre von Auslassen, Andeuten, Auffüllen der Auseinandersetzung mit disparaten und weitreichenden Fragen zur Filmtheorie. Jeder einzelne Artikel verweist auf notwendige Forschungsmöglichkeiten bzw. stellt derzeitige Untersuchungen inhaltlich dar. In diesem Sinne wird die Publikation ihrer Ambition gerecht und öffnet damit ein weitgehend unbestelltes Feld. Dabei profitiert der Sammelband von der exquisiten Aufmachung durch den Fink Verlag. Die wissenschaftliche Publikation beeindruckt nicht nur durch typografische Stringenz, sondern insbesondere in der Ausrichtung als Nachschlagewerk: Jedem Aufsatz ist ein ausführliches Abstract vorangestellt, welches detailliert inhaltliche und strukturelle Aspekte zusammenfasst. Den Band nicht mit Farbabbildungen zu versehen, sondern auf das sparsame Schwarzweiß zurückzugreifen, stört insofern nicht weiter, da diese in dem theoretisch geprägten Band kaum im Vordergrund stehen. Vor allem liefert jedoch die Einführung von Hanich ein breites Spektrum an Fragestellungen, denen sich der Sammelband teilweise zu stellen versucht, schließlich aber weit darüber hinaus zu gehen vermag: Ein Anfang, kein Beginn (!) der filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Imagination des Zuschauenden ist damit vorgelegt.

 

Veröffentlicht am 19.06.2013 (Ausgabe 2013/1)

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