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Erika Meyer-Dietrich (Hg.): Laut und Leise. Der Gebrauch von Stimme und Klang in historischen Kulturen.

Bielefeld: transcript 2011. (Mainzer historische Kulturwissenschaften: 7). ISBN 978-3-8376-1881-5. 220 S. Preis: 29,80 €.

Rezensiert von: Heiner Stahl

Gewähren die jetzt stummen Zeugen genug Information, um Tonlandschaften der pharaonischen Welt zu rekonstruieren, fragt Erika Meyer-Dietrich in ihrer Einleitung zum Tagungsband Laut und Leise. Der Gebrauch von Stimme und Klang in historischen Kulturen. Er ist 2011 im Bielefelder transcript-Verlag erschienen. Ägyptolog_Innen diskutieren darin die unterschiedlichen Dimensionen von Klanglandschaften. Sie beziehen sich dabei sowohl auf literarische und religiöse Texte als auch auf stimmliche und musikalische Praktiken der Anrufung altägyptischer Gottheiten.

 

Zwar sei es verfrüht, so die Herausgeberin, "von einem sonic turn in den Kulturwissenschaften zu sprechen, doch gewinnt die Bedeutung von Stimme und Klang bei der Erforschung von Kulturen zunehmend an Geltung" (S. 8). Mit diesem ersten Satz gibt Meyer-Dietrich die programmatische Zielrichtung vor. Er liest sich als Ermutigung für die eigene Disziplin, die Kulturen des Hörens, die nicht-musikalische lautliche Performanz sowie "die Beteiligung der auditiven Wahrnehmung am Erinnern" und die "Rolle des Hörens im Zusammenspiel der Sinne" in den Fokus zu rücken und endlich "Hörereignisse und die Hierarchie des Vernehmbaren" (ebd.) zum Gegenstand kulturwissenschaftlicher Auseinandersetzung zu machen.

 

"Um die Welt durch Kulturen des Hörens zu verstehen, in denen Hör-Erfahrungen Wissen formen, ist die Erforschung der auditiv wahrnehmbaren Räume, der Praktiken der Schallerzeugung und der kulturellen Sinnzuschreibungsmuster für Stimmen, Laute, Töne und Geräusche in historischen Kulturen Desiderat" (ebd.).

 

Ähnlich argumentierte 2011 Jürgen Müller in der Historischen Zeitschrift. Er machte die Taubheit der historischen Profession als Hauptgrund dafür aus, dass das Hören als Ebene sinnlicher Wahrnehmung immer noch zu einer Randerscheinung seiner Disziplin zähle.[1] Das beginnt sich nun auch dort zu ändern. Beispielsweise hat der letztjährige Historikertag in Mainz ein Panel zur "Sound History" ins Programm genommen.[2]

 

Meyer-Dietrich geht zunächst auf den religiösen Zusammenhang des Sprechens und Hörens ein. "Lautpraktiken, wie der Einsatz und die Modulation der Stimme" und die "Verwendung des Körpers als Resonanzkörper" (S. 7) erlangen demnach Bedeutung für eine "zuhörende" Interpretation der Textquellen. Das schließt den "Gebrauch bestimmter Instrumente" mit ein, die für sich wiederum "Ideen von der Herkunft des Klanges, der Wirkung, der Reichweite, den Eigenschaften des Schalles" abbilden (ebd.).

 

Auf die Herkunft der Töne und Klänge aus der Tier- und Pflanzenwelt hebt insbesondere Colleen Manassa in ihren Überlegungen zu "Soundscapes in Ancient Egyptian Literature and Religion" ab. "The soundscapes of ancient Egypt include the mundane and secular as well as the esoteric and scared – very different sounds were experienced in the fields or in the temples" (S. 148). Manassa führt ebenso die Regulierung und Kontrolle von Geräuschkulissen durch PriesterInnen an.

 

Den "homo audiens" stellte Thomas Nisslmüller in den Mittelpunkt seiner Ausführungen über den Hörakt und das Predigtgeschehen im multimedialen Raum des Gottesdienstes.[3] Es sind akustische Verhaltensweisen, die sich zu kollektiven Regeln der Sinnzuschreibung bei Lautpraktiken wandelten. Darauf nimmt Meyer-Dietrich Bezug, wenn sie Institutionen die Fähigkeit zuschreibt, "über das akustische Gebaren ihrer Mitglieder" bestimmen zu können und "diese zu einem der jeweiligen Situation, dem Raum und der Zeit angepassten Verhalten" veranlasst (S. 11).

 

Nora Abdel Rahmans Beitrag "Zwischen Leben und Tod. Stimme und Klang im Echo-Raum" bereitet abschließend verschiedene Aspekte der gegenwärtigen Betrachtung von Stimmen auf. Sie geht auf Jacques Lacan, Mladen Dolar, Sybille Krämer und Jean-Luc Nancy ein. Dieser Überblick verklammert in durchaus geschickter Weise die sehr disparaten und inhaltlich weit gestreuten Beiträge.

 

Der von Erika Meyer-Dietrich herausgegebene Tagungsband Laut und Leise. Der Gebrauch von Stimme und Klang in historischen Kulturen bietet einen soliden Einstieg in die Auseinandersetzung mit der sinnlichen Wahrnehmung längst 'verklungener' Kulturen. In letzter Konsequenz ist er jedoch zu kleinteilig angelegt. Die großen Linien, die Meyer-Dietrich anfangs umreißt, können die einzelnen Beiträge dabei nicht verfolgen.

 

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[1] Vgl. Jürgen Müller: "'The Sound of Silence'. Von der Unhörbarkeit der Vergangenheit zur Geschichte des Hörens". In: Historische Zeitschrift 292, Heft 1 2011, S. 1–29.

[2] Gerhard Paul: "Sound History". Panel auf dem 48. Historikertag, Mainz. 2012. http://www.historikertag.de/Mainz2012/de/programm/wissenschaftliches-programm/sektionen/einzelansicht/article/sound-history.html

[3] vgl. Thomas Nisslmüller: Homo audiens. Der Hörakt des Glaubens und die akustische Rezeption im Predigtgeschehen, Habilitationsschrift Universität Dortmund. Göttingen: v&r unipress 2008.

 

Veröffentlicht am 19.06.2013 (Ausgabe 2013/1)

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