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Georges Didi-Huberman: Überleben der Glühwürmchen.

München: Fink 2012. ISBN 978-3-7705-5225-2. 145 S. Preis: € 24,90.

Rezensiert von: Florian Telsnig

In Zeiten eines zur Religion gewordenen Kapitalismus und der grell ausgeleuchteten Städte, die ihren Bewohnern durch Überwachung all ihrer Lebenswelten jegliche Freiräume rauben, meint man den Zenit an möglichem Pessimismus erreicht zu haben. Das große und unangenehm blendende Licht (ital. luce) der Herrschaft und Herrlichkeit ist zum holistischen Weltunternehmen geworden. Diesem Zustand setzt Georges Didi-Huberman in seinem brandaktuellen Buch die fragilen Lichter (ital. lucciola) der Glühwürmchen (franz. lucioles) als Hoffnung und Widerstand entgegen.

 

Ihren Ausgang nimmt diese 'Geschichte' der Glühwürmchen 1941 in Bologna. In jenem Jahr schreibt der Student Pier Paolo Pasolini einen Brief voller Begehren und Freude, während rund um ihn der Krieg tobt. Eine Szenerie voller Dunkelheit und Gefahr, in der nichtsdestotrotz die Euphorie der unschuldigen Sehnsüchte und Überschreitungen ihre Nischen findet. "Kleine Geschichten inmitten der großen Geschichte" (S. 16). Nach einer kurzen Beschreibung über einen Aufenthalt in einem Bordell – "lucciola bezeichnet im umgangssprachlichen Italienisch die Prostituierte" (S. 18) – kommt Pasolini auf die Freundschaft zu sprechen. Er berichtet von einer mondlosen Nacht, in der er mit Freunden "eine Unmenge von Glühwürmchen gesehen" hat, die er und seine Freunde sowohl um ihre Liebe und Gemeinschaft als auch um ihr gegenseitiges Begehren beneidet haben. Evoziert durch dieses Schauspiel folgen schwärmerische Bekenntnisse über die Schönheit der Freundschaft. Dies wird in der Anmut des Lachens junger Männer manifest, welche "die Nacht mit ihren Rufen füllen".

 

Für Pasolini stellt der "Tanz der Glühwürmchen" einen Raum von Gesten der Freiheit dar, die sich dem Terror zu entziehen wissen. Sie sind die kleinen Lichter des Begehrens im grellen Licht des Faschismus und der Schuld. Die unschuldige Euphorie der Jünglinge repräsentiert wie die Glühwürmchen eine wahre Ausnahme innerhalb der zur Regel verkommenen Ausnahmezustände des Terrors, wenn Pasolini infolge von angsteinflößenden, "wilden Scheinwerfern, mechanischen Augen"[1] spricht, die ihre Lebenssituation kennzeichnen.

 

1975, im Jahr seiner Ermordung, veröffentlicht Pasolini eine Schrift über den wiedererstarkten Faschismus unter dem Titel Von den Glühwürmchen. Diese neue Macht hat eine allumfassende Nacht sowie ein beißendes Licht der Herrschaft nach sich gezogen. Dieser Text beklagt das endgültige Verschwinden der Glühwürmchen, die selbst in den dunkelsten Momenten noch Hoffnung gespendet haben. Mit dem Aussterben der Glühwürmchen und dem "kulturellen Völkermord" durch die Konsumgesellschaft hat die totale Verzweiflung Einzug in die Lebensrealität gefunden. Die sogenannten einfachen Leute, denen Pasolini zeitlebens stark verbunden war, wurden durch eine katastrophale Gleichschaltung um ihren Geist und ihre Vitalität gebracht. Das Verschwinden der Glühwürmchen steht demzufolge sinnbildlich für den Verlust von Gemeinschaft und Menschlichkeit, für den radikalen Entzug der Hoffnung und den letztgültigen Schwund der kleinen Schimmer, die Funken des Widerstandes angedeutet haben.

 

"Die menschlichen Geschöpfe unserer heutigen Gesellschaft", so Didi-Huberman über Pasolinis Zeitdiagnose, "sind wie die Glühwürmchen besiegt und vernichtet worden, sie wurden aufgespießt und ausgetrocknet unter dem künstlichen Licht der Scheinwerfer, dem panoptischen Auge der Überwachungskamera oder der todbringenden Agitation der Fernsehbildschirme" (S. 54).

 

Ausgehend von Pasolinis Einschätzung gilt es für Didi-Huberman "nicht mehr und nicht weniger" als das "Prinzip Hoffnung" (S. 55) anhand der Glühwürmchen neu zur Diskussion zu stellen. Für ihn führt die Konstatierung der Totalität nicht zwangsläufig zur Konsequenz – auch wenn alle Zeichen nichts als katastrophale Rückschlüsse zulassen – deren Sieg kampflos zu akzeptieren und "in Trauer und politischer Verzweiflung zu erstarren" (S. 48). Respektive hat er sich nichts weniger als Walter Benjamins Maxime der geschichtsphilosophischen Anschauung verschrieben, "in der das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer schimmernden Konstellation zusammentritt, aus der sich eine Form der Zukunft ergibt" (S. 55).

 

In solch einer Konstellation – Benjamin nennt sie "dialektische Bilder" – kristallisieren sich Glühwürmchen, die ein Bild imaginieren, das "die Art und Weise, wie wir Politik machen" (S. 56) konstituiert. Die Einbildungskraft ist der Akt, der "Bilder für das Denken" produziert. Im Nachleben, hier in der Tradition von Aby Warburg und Benjamin, zeitigt sich eine Kraft, die für die Einbildungskraft und vornehmlich für ihre "politische Funktion" ihre integrale Wesenheit darstellt. Das "Nachleben bedeutet, in poetischer wie auch in visueller Hinsicht [… eine] – mal vermittelte, mal unsichtbare, aber latent vorhandene, anderswo wiederaufscheinende – Unzerstörbarkeit der Bilder, die unablässigen Wandlungen unterworfen sind" (S. 58). Diese Bilder sind Glühwürmchen und ihr Nachleben nichts Anderes als ein schwaches, aber eindringliches Nachleuchten (Lumineszieren). Sie tauchen flüchtig auf, um dann wieder zu verschwinden, ohne aber ausgestorben zu sein. Wie lässt es sich, so Didi-Hubermans eigentliche Kritik an Pasolini, vom endgültigen Verschwinden der Glühwürmchen sprechen, wenn sie ein reichhaltiges Nachleben entfalten? Dies ist vor allem vor dem Hintergrund zu sehen, dass Pasolinis Filme der 1950er- und 1960er-Jahre selbst beispiellos von einem Nachleben zeugen.

 

Ein ähnlicher Pessimismus ist Didi-Huberman zufolge auch den jüngeren Texten von Giorgio Agamben eigen, die eine "latente Apokalypse" diagnostizieren. Der Erfahrungsverlust, den Benjamin in seinem Essay Erfahrung und Armut an der Katastrophe des Ersten Weltkriegs festmacht, ist Agamben zufolge nunmehr im Alltag manifest geworden. Nach Benjamin sind die Menschen aus dem Krieg nicht reicher, sondern ärmer an Erfahrung heimgekehrt, während laut Agamben den Menschen heutzutage im Alltag keine Übersetzungspraxis mehr gegeben ist, die eine Erfahrung hervorrufen würde. Zeichnet sich Benjamin zufolge die Nachkriegszeit noch durch ein Bewusstwerden der Erfahrungsarmut aus, die nicht mit ihrem absoluten Verlust gleichzusetzen ist, sind auf der anderen Seite die Menschen nach Agamben gänzlich um jedwede Erfahrung gekommen. Gemäß Benjamin ist die "Erfahrung im Kurse gefallen"[2], sprich in Bewegung, wohingegen nach Agamben alle Formen der Erfahrung zerstört und endgültig verschwunden sind.

 

Didi-Huberman hält Agamben entgegen, dass selbst die "Apokalypse in Permanenz" nicht absoluter Natur ist, da sich in ihr Potentiale, Reste eines Widerstands finden. Entlastet ist demnach die Menschheit von der angeblich einzigen Hoffnung einer letztgültigen Grenze. Nicht um den Horizont eines großen Lichts (luce) der Rettung, sondern um zerbrechliche Bilder (lucciola) der Hoffnung ringt Didi-Huberman. Denn auch "die berühmte 'kleine Pforte' des Messianischen bei Benjamin öffnet sich kaum: 'eine Sekunde', sagt er. Ungefähr die Zeit, die ein Glühwürmchen braucht, um seinen Artgenossen zu leuchten – um an sie zu appellieren –, bevor wieder das Dunkel die Oberhand gewinnt" (S. 78).

 

Weder dem Volk, noch den Bildern gesteht Agamben eine Kraft des Widerstands zu, da sie von der "Gesellschaft des Spektakels" (Guy Debord) unterdrückt würden. Ihm zufolge verharrt das Volk ausschließlich in der Akklamation. Agamben übersieht hierbei, so Didi-Huberman, die dialektischen Potentiale, die sowohl den Bildern wie auch dem Volk innewohnen. Trotz aller Kritik darf nicht vergessen werden, dass sich dieser Diskurs ohne Pasolinis und Agambens erschreckend zutreffende Analysen überhaupt nicht denken ließe. Agamben vergisst einzig über seiner "Archäologie der Akklamation" ihr eine "Archäologie der Manifestation, ja der Revolution" (S. 99) entgegenzusetzen. Dieses Gegengewicht sieht Didi-Huberman völlig zu Recht in den Schriften Benjamins verwirklicht, der sowohl eine "Geschichte der Unterdrückten" als auch eine Organisation des Pessimismus einfordert.

 

Anhand Hannah Arendts Lessing-Interpretation in

Menschen in finsteren Zeiten hebt Didi-Huberman die Bedeutsamkeit von einem "paradoxen Vermögen [ressource] eines […] Widerstands des Denkens, der Zeichen und der Bilder gegen die 'Zerstörung der Erfahrung'" hervor, welches die Kraft besitzt, die "Freiheit der Völker in Erscheinung treten zu lassen, trotz allem, trotz der Zensur durch die Herrschaft und trotz des gleißend blendenden Lichts der Herrlichkeit"

(S. 136). Diese Form des Widerstands ist der Rückzug aus dem grellen Licht (luce) in das Denken, der im gleichen Moment aber auf ein Handeln abzielt, das mitteilbar, erzählbar wird. In der Einleitung desselben Werks spricht Arendt von einer Geste der Erinnerung, die sich durch Nachleben auszeichnet. Dies nennt sie eine "diagonale Kraft", die durch Vergangenheit und Zukunft bestimmt wird, zeitlich aber ein unendliches Potential besitzt und als eine Metapher "für die Tätigkeit des Denkens" zu lesen ist. "Ebendies wäre letztlich die unbegrenzte Ressource der Glühwürmchen: ihr Rückzug, wenn er keine Selbstbezogenheit ist, sondern eine 'diagonale Kraft'; ihre heimliche Gemeinschaft eines vielfachen 'Stücks Menschlichkeit'" (S. 139). Selten und nicht unwiederbringlich, so lässt sich Didi-Hubermans These zusammenfassen, lassen sich noch Glühwürmchen finden, die sich dem Spektakel widersetzen.

 

Solch ein Schimmern im Pessimismus des philosophischen Diskurses – Derrida nennt dies den "apokalyptischen Ton" der Philosophie (vgl. S. 73) – erweckt Didi-Hubermans Buch Überleben der Glühwürmchen selbst, da es sich, trotz der weiten Horizonte der "apokalyptischen Eschatologie", für ein Nachleuchten der fragilen Lichter der Hoffnung einsetzt. Nicht ganz ungewollt, aber umso gekonnter, wird der Text so gesehen selbst zu einem Glühwürmchen, weil er für den Moment seiner Entfaltung an den Widerstand seiner Leser appelliert: "Die Erfahrung ist im Kurs gefallen, in der Tat. Es hängt aber jedoch nur von uns ab, nicht an dieser Börse zu spielen" (S. 113). Um daraus eine an Benjamin angelehnte Aufforderung zu generieren: "Wir sind 'arm an Erfahrung'? Dann lasst uns aus dieser Armut – diesem Halbdunkel – selbst eine Erfahrung machen!" (S. 113) Denn schon zu Lebzeiten Benjamins wussten ihm zufolge einige wenige wie Karl Kraus, Paul Scheerbart und Adolf Loos, anhand derer er das "neue Barbarentum" ausgerufen hatte, mit solchen Zuständen umzugehen und mit wenig auszukommen. Dies waren die "Unerbittlichen", die, um Orte der Erfahrung freizulegen, "erst einmal reinen Tisch machten"[3].

 

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[1] Pier Paolo Pasolini: "Ich bin eine Kraft des Vergangenen". Briefe 1940–1975. Berlin: Wagenbach 1999. S. 29.

[2] Walter Benjamin: "Erfahrung und Armut", in: Gesammelte Schriften. Bd. II, hg. v. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977, S. 213–219, S. 214.

[3] Ebd., S. 215.

 

Veröffentlicht am 19.06.2013 (Ausgabe 2013/1)

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