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Ian W. Macdonald: Screenwriting Poetics and the Screen Idea.

Hampshire: Palgrave Macmillian 2013. ISBN 978-0-230-39228-1. 288 S. Preis: € 63,30.

Rezensiert von: Claus Tieber

Drehbuchforschung ist noch immer ein Feld, das in der Film- und Medienwissenschaft wenig Beachtung findet. Das liegt auch daran, dass die Sicht auf das Thema mit einer Unmenge an sogenannter Drehbuchliteratur verstellt ist und dass simple Ratgeber wie man ein Drehbuch zu schreiben habe, den Diskurs allzu lange bestimmt haben. Die wissenschaftliche Forschung zum Thema erreicht hingegen erst in letzter Zeit langsam so etwas wie eine kritische Masse. Der Autor des vorliegenden Bandes, Ian Macdonald von der Universität Leeds, gründete daher 2006 das Screenwriting Research Network (SRN), eine internationale akademische Gesellschaft, die jährliche Konferenzen veranstaltet (die nächste im Oktober 2014 in Potsdam/Berlin) und das Journal of Screenwriting herausgibt.

 

Wie Ian Macdonald in diesem Buch feststellt, lässt sich Drehbuchforschung mittlerweile in mehrere Kategorien einteilen: ontologische Fragen nach der Stellung des Drehbuchs als Text im Verhältnis zu seiner intermedialen Funktion, Fragen der Kreativität, der Produktion und der Geschichte.

 

Die beiden für Macdonald zentralen Begriffe bei der Erschließung des Feldes finden sich folgerichtig im Titel des Buches: Screenwriting Poetics und Screen Idea. Macdonald geht davon aus, dass Drehbuchentwicklung ein kollektiver Prozess ist. Die 'Screen Idea' wird sodann von einer Gruppe von Menschen, der sogenannten 'Screen Idea Working Group' (SIWG) in die Form eines Drehbuchs, einer verschriftlichten Anleitung zur Produktion eines Films gebracht.

 

Dieses Verständnis des Drehbuchschreibens als – bei aller gruppeninternen Hierarchie – kollektivem Prozess in der Vorproduktion eines Films eröffnet nicht nur der Drehbuchforschung neue Wege, sondern ist auch im Stande, der Filmwissenschaft selbst einmal mehr eine Verschiebung weg vom Film als Text und hin zum Film als Prozess (bzw. als Manifestation von Prozessen) zu ermöglichen. Gleichzeitig stellt ein derartiger Ansatz die Frage der Autorenschaft und zwingt dazu, diese neu zu überdenken.

 

Den Begriff der Poetik übernimmt Macdonald von David Bordwell. Die Poetik des Drehbuchschreibens will diese Praxis untersuchen und dabei das Augenmerk auf die sie beeinflussenden Faktoren, Institutionen, Individuen und angenommenes, verbreitetes Wissen (das Macdonald mit Bourdieu doxa nennt) richten. Im Folgenden findet Macdonald gerade in den Drehbuchratgebern zumindest Elemente dieses auf Erfahrung aufbauenden 'Wissens' um die Arbeit des Drehbuchschreibens.

 

Im ersten Drittel des Buches führt Macdonald zum einen diese beiden zentralen Begriffe und deren Kontexte aus und bietet zum anderen eine Übersicht über die kurze Wissenschaftsgeschichte. Dabei erweist sich, dass gerade dieser interdisziplinäre, prozessorientierte Ansatz geeignet ist, um die unterschiedlichen Arbeiten – von ontologischen Fragen bis hin zur Prozessanalyse nebst Exkursen zur Geschichte und zu den Arbeiten individueller Drehbuchautorinnen und Autoren – zu vereinen.

 

Die Brauchbarkeit dieses Ansatzes beweist Macdonald sodann anhand unterschiedlicher Fallbeispiele. Emmendale, eine Soap Opera produziert von ITV, dient als Beispiel für die Analyse der Arbeit einer SIWG. Hierfür eignet sich eine Produktionsweise besonders gut, in der mehrere Drehbuchautoren in einem Team, vom Headwriter und Creator der Serie geführt, am Drehbuch arbeiten. Die Arbeit für Fernsehserien unterscheidet sich aber nur graduell und nicht grundsätzlich von der für Mainstream-Filme.

 

Die Frage der individuellen Handschrift, der persönlichen Kreativität wird sodann theoretisch erörtert, um schließlich am Beispiel des Drehbuchautors Eliot Stannard praktisch überprüft zu werden. Stannard schrieb in den 1920er-Jahren u. a. für Alfred Hitchcock.

 

Wie man konkrete Drehbücher am besten analysiert angesichts des Umstandes, dass es zum einen 'das' Drehbuch gar nicht gibt sondern nur verschiedene Versionen davon, und andererseits das Drehbuch kein eigenständiger Text ist, sondern in Hinsicht auf die Umsetzung in einem anderen Medium verfasst wird, versucht Macdonald wiederum zunächst theoretisch und dann analytisch zu demonstrieren am Beispiel des unverfilmten Drehbuchs von David Leans Nostromo.

 

Macdonald fasst im vorliegenden Buch den aktuellen Stand der Drehbuchforschung zusammen, hilft den theoretischen und begrifflichen Apparat zu erweitern und zu schärfen und demonstriert die Breite des Feldes mit Hilfe von ausgesuchten Fallbeispielen.

 

Gemeinsam mit vergleichbaren Büchern von Autorinnen und Autoren, die nun auch in der eigenen Buchreihe Palgrave Studies in Screenwriting publiziert werden, stellt dieses Buch einen Quantensprung für das noch junge Forschungsgebiet dar. Es beweist, dass Drehbuchforschung mehr sein kann als simple dramaturgische Analyse, dass der Wechsel vom Text zum Prozess geeignet ist, einen entsprechenden Paradigmenwechsel in der Film- und Medienwissenschaft zu stimulieren, der den Produktionsprozess selbst in den Mittelpunkt stellt.

 

Drehbuchforschung ist heute mehr als nur die Zusammenfassung dessen, was in ein paar Handbüchern und Ratgebern zu lesen ist; sie ist ein neuer Ansatz zur Analyse der Entstehung und Entwicklung kreativen audio-visuellen Erzählens. Dies verdeutlicht zu haben ist das Verdienst von Drehbuchforschern wie Ian Macdonald.

 

Veröffentlicht am 25.06.2014 (Ausgabe 2014/1)

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