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Thomas Schärer: Zwischen Gotthelf und Godard. Erinnerte Schweizer Filmgeschichte.

Zürich: Limmat 2014. ISBN 978-3-85791-653-3. 701 S. Preis: € 68,–.

Rezensiert von: Thomas Ochs

Filmgeschichtsschreibung bedeutet oftmals eine Auseinandersetzung mit bestimmten ästhetischen Strömungen oder Interpretationen der Ästhetik einzelner Filme. Die Komplexität einer Filmproduktion, ihre Voraussetzungen und Bedingungen, also die Produktionsgeschichte, sind zu selten Teil dessen. Der Grund hierfür ist sicher nicht nur im mangelnden Interesse zu suchen; vielmehr resultieren solche Untersuchungen aus Schwierigkeiten, die mit einer Geschichtsschreibung verbunden sind, welche reale Lebens- und Arbeitsumstände einer konkreten Zeit thematisieren will. Als eine erweiterte Schweizer Filmgeschichte, die aus mündlichen Überlieferungen heraus entsteht, will Thomas Schärer seine Monographie Zwischen Gotthelf und Godard verstanden wissen.

 

Genauer legt der Autor seinen Fokus auf eine bis dato marginalisierte Zeit des Schweizer Filmschaffens, den Übergang vom alten zum neuen Schweizer Film. In den beiden Standardwerken der Schweizer Filmgeschichte von Aeppli/Wider und Dumont ist dieser Wandel als ein radikaler Bruch im Jahre 1964 bzw. 1965 beschrieben. "Die bisherige Geschichtsschreibung lässt den Schluss zu, dass es einen ästhetisch und thematisch nachvollziehbaren Bruch zwischen dem alten und dem neuen Schweizer Film gab, der durch das Selbstbild und das Kritikerbild zusätzlich zementiert wurde" (S. 8). Schärer setzt in seiner Publikation dazu an, dieses Simplifizieren und Ausklammern zu durchbrechen, die Lücken der Übergangszeit in den 1960er- und 1970er-Jahren zu erschließen und sich mit einem anderen Zugang den Bedingungen und Produktionen des Schweizer Films dieser Zeit auseinanderzusetzen. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild des Schweizer Filmschaffens und seiner Vermittlung. Alte Strukturen beginnen aus unterschiedlichen Gründen aufzubrechen.

 

Dahinter stehen junge Menschen, die passioniert und mit viel Initiative neue Ideen durchzusetzen versuchen. Diese Biographien sind Grundlage und Ausgangspunkt einer Filmgeschichtsschreibung, die fern jedweder ästhetischen Fragen die Filmbranche einer bestimmten Zeit und Nation charakterisiert. Zu Beginn der 1960er-Jahre dominierten in der Schweiz ausländische Filmproduktionen. 1960 betrug der Prozentsatz der importierten Filme des Gesamtangebots 98,7%; 1964 gar 99,8%: "Was den Film anbetrifft, war die Kolonisation der Schweiz nie grösser gewesen."[1] Eine nationale Filmbranche existierte fast gar nicht. Insofern ist die Auseinandersetzung mit den Bestrebungen und Interessen, eine solche in der Schweiz zu etablieren, nur dann möglich, wenn die Lebensläufe thematisiert werden: "Die individuellen Erinnerungen von Filmschaffenden, die Basis dieser besonderen Filmgeschichte, sollen nichts beweisen oder widerlegen. Sie stehen für sich, ergänzen oder widersprechen sich und tragen dazu bei, dass ein differenziertes Bild von der Übergangsperiode vom alten 'Schweizerfilm' zum neuen Film in der Schweiz entsteht" (S. 641).

 

Zwischen Gotthelf und Godard basiert auf einem Forschungsprojekt mit dem Titel Cinémémoire.ch an der Zürcher Hochschule der Künste, das von 2007 bis 2010 unter der Leitung von Thomas Schärer stand und von Prof. Dr. Maria Tortajada in der Romandie weitergeführt wird. Dadurch soll eine "erinnerte Gesamtschau der nationalen Filmproduktion" (S. 654) möglich werden. Im Rahmen dessen sind über 120 Stunden Interview-Material mit Zeitzeugen entstanden, die die Basis für ein 701 Seiten langes Buch geliefert haben und darüber hinaus für zukünftige Forschungsvorhaben dankbare Quellen zum Diskurs sein werden. Schärers Monographie zeigt eine erste Möglichkeit anhand dessen Filmgeschichte zu schreiben: Aussagen in einen Kontext zu stellen und Erinnerung zu differenzieren. Das ist mitunter die wichtigste Aufgabe eines solchen Vorhabens: die erinnerte Filmgeschichte in ein filmhistorisch nachvollziehbares Ordnungssystem zu bringen, von subjektiver Erinnerung hin zur Objektivierung.

 

Innovativ an dieser Publikation des Limmat Verlags ist erstens die inhaltliche und zweitens die typografische Konzeption. Abseits der Leistungen und Ergebnisse im Rahmen des Forschungsprojekts ist es auf eindrucksvolle Weise gelungen, eine Publikation zu veröffentlichen, die die Möglichkeiten eines Buches auf besondere Art nutzt. Im Rahmen des Forschungsprojektes bleibt es nur eine Präsentationsform; als Einzelnes betrachtet gelingt Außerordentliches: Inhaltlich findet Schärer eine Zwischenform von Vermittlung der erinnerten Filmgeschichten und Filmgeschichtsschreibung. Die Auswahl der Interviewtexte ist gelungen und belässt einen großen Spielraum für eigene Kontextualisierungen. Die transkribierten Interviews sind dem filmhistorischen Text gegenübergestellt. Typografisch sind die beiden Textformen in Blau und Schwarz auf je einer Buchseite voneinander getrennt und trotzdem miteinander verbunden. Eine Lektüre der einen Seite steht stets im Kontrast zur Lektüre der anderen Seite. Somit entsteht ein stimmiges Gesamtbild, welches sich über Bucheinband (vornehmlich Blau) und Abbildungen (grundsätzlich Schwarz/Weiß) erstreckt. Zudem ist zu Beginn eines jeden Kapitels ein Abstract gegeben, das die jeweiligen Fakten des Nachfolgenden prägnant zusammenfasst.

 

Es ist möglich und für ein tieferes Verständnis vielleicht notwendig, sich das Buch in hermeneutischem Sinne stets aufs Neue vorzunehmen, sich sukzessive die Schweizer Filme dieser Zeit anzusehen und dann zurück zu kommen zu Schärers Monographie. Das ist in bestem Sinne die Aufgabe einer Filmgeschichte.

 

Inwieweit diese Epoche des Schweizer Films gleichzusetzen ist mit anderen filmhistorischen Strömungen in Europa, bedarf einer anderen Fragestellung und kann vielleicht in den nächsten Jahren aufgrund des Forschungsprojekts Cinémémoire.ch beantwortet werden. Martin Schaub glaubte schon in den 1980er-Jahren eine Antwort darauf gefunden zu haben: "In einem Land, dessen Filmproduktion praktisch versiegt war, stellte sich das Problem der Erneuerung nicht wie in den grossen filmproduzierenden Ländern; ein Vergleich mit der französischen nouvelle vague oder mit dem englischen free cinema bringt eigentlich recht wenig. In der Schweiz ging es darum, dass sich einige Leute, die Filme machen wollten und es trotz einer evidenten ökonomischen Unmöglichkeit versuchten, den Film recht eigentlich sich aneignen, ihn für sich erfinden mussten."[2] Dass diese internationalen Entwicklungen bei Schweizer Cinephilen auf großes Interesse stießen, steht außer Frage. Die Lektüre von Schärers Publikation wirft einen sehr differenzierten Blick auf die Frage, ob die Bemühungen in der Schweiz um einen neuen filmischen Ausdruck zu vergleichen sind mit denen einer Nouvelle Vague: "Sie suchten Engagement, Reduktion, Poesie, generell einen persönlichen Blick und erreichten damit einen bis dahin nicht gesehenen Realitätsbezug von ethnografischer Dimension" (S. 149).

 

In Anbetracht der Lücken, die bereits Martin Schaub 1983 in einem Aufsatz ausmachte, sowie der schwierigen Situation für die einheimische Filmproduktion, war ein Forschungsprojekt wie das Cinémémoire.ch notwendig und ist die daraus resultierende Publikation Zwischen Gotthelf und Godard ein bedeutender Schritt Schweizer Filmgeschichtsschreibung. Konzeption und Umsetzung geben ein stimmiges und gleichzeitig inspirierendes Gesamtbild ab. Es bereitet Lust, Schärers filmhistorischen Text im Kontrast zu einigen Interviewaussagen zu lesen und sich eingehender mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Die beiliegende DVD mit fünf Filmbeispielen bietet Gelegenheit dazu. Als Einstimmung und Überblick zu dieser bis dato unerforschten Filmgeschichte ist diese verschriftlichte 'Oral History' unverzichtbar. Für ein Vordringen unter diese Oberfläche, oder das Begreifen der erinnerten Filmgeschichte bleibt jedoch die Rezeption vieler beschriebener Filme der Weisheit letzter Schluss.

 

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[1] Martin Schaub, "die eigenen Angelegenheiten", In: CINEMA. unabhängige schweizerische Filmzeitschrift 29, 1983, S. 7–119, hier S. 8.

[2] Ebd. S. 12. (Herv. i. Orig.)

 

Veröffentlicht am 25.06.2014 (Ausgabe 2014/1)

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