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John S. Nelson, Popular Cinema as Political Theory. Idealism and Realism in Epics, Noirs, and Satires.

New York: Palgrave Macmillan 2013. ISBN 978-1-137-37470-7. 272 S. Preis: € 75,–.

Rezensiert von: Alexander Dibiasi

"The ambition of this book is to show how we can learn from the political theories in these myths" (S. 2). Gemeint sind hier jene, vor allem durch Kino, Literatur und Fernsehen produzierten (politischen) Mythen, die den Alltag ihrer Rezipientinnen und Rezipienten prägen. Entgegen der üblichen Vorgehensweise, eine solche Mythenbildung von film- oder politiktheoretischer Seite zu durchleuchten, möchte Nelson die von ihm analysierten Filme als politische Theorie verstanden wissen – als direkten und für jeden verständlichen Ausdruck von politischem Idealismus und Realismus.

 

Einleitend platziert der Professor für Politische Theorie und Kommunikation deshalb Idealismus und Realismus als politische Ausdrucksformen des täglichen Lebens, aber gleichzeitig ebenso als Ausgestaltungen der kinematografischen Politik; somit verweist er auf eine starke Verbindung beider Diktionen. Während der Autor den realhistorischen Idealismus/Realismus-Diskurs wenigstens kurz umreißt, macht er sich diese Mühe auf filmtheoretischer Ebene nicht. Kurzerhand werden die 'Genres' Epic, Satire und Neo-Noir mit den beiden Theoremen kurzgeschlossen und dienen als Grundlagen der folgenden Analysekapitel. In einer Art Vorrede werden Idealismus und Realismus als "Political Style" (S. 4) anhand von Star Trek Into Darkness erprobt und so die Leserinnen und Leser auf weitere Ausführungen vorbereitet.

 

Von vornherein macht Nelson klar, man könne sein Buch auch "in Einzelteilen" konsumieren (S. 4). Somit kann also frei zwischen den drei bearbeiteten 'Genres' gewählt und quasi auch im zweiten, dritten oder vierten Teil des Buches eingestiegen werden. Möglich wird dies durch einen in sich geschlossenen Aufbau der einzelnen Kapitel. Aus filmwissenschaftlicher Sicht bleibt die angestrebte Klassifizierung jedoch hinterfragbar. So bezieht sich der Autor nicht auf etablierte Genretheorien, sondern entwickelt die Kriterien für seine 'Supergenres' teilweise selbst. Dies führt mitunter zu recht eigenwilligen Kategorisierungen. Erst bei mehrfacher Betrachtung wird klar, dass Nelsons Einteilung auch zugunsten der von ihm verwendeten politischen Theoreme passiert und deshalb formale Kriterien gelegentlich vernachlässigt werden.

 

Im ersten Kapitel geht es vor allem darum, Epic als politisches Genre zu begründen. Nelsons Ausführungen über das Genre mäandern von dessen Nachbargenres und genre-induzierter Politik hin zu verschiedenen Epochen der Epics, – jedoch zeitweise so erheblich, dass es relativ schwerfällt, konkrete Schlüsse aus ihnen zu ziehen. Greifbarer werden die Ausführungen, wenn der Autor die unpersönlichen Helden der Epics als republikanisch beschreibt, hinter jedem epischen Filmhelden einen politischen Mentor sieht und dann zu dem Schluss kommt, epische Filme würden solche Heldendarstellungen mit einer republikanischen Politik der Gemeinschaft, Identität und Freiheit mischen.

 

Dass dies alles darauf abzielt Epics als Konstitution einer "epic political theory" (S. 46) zu verstehen und mit ihrem aktuellen Wiederaufleben eine "(re)emergence of 'republican' politics with postmodern or even postwestern inflections" (S. 52) zu verbinden, ist dabei ebenso interessant wie hinterfragbar.

 

Um eine politische Mythenbildung der Satire herauszuarbeiten, schlägt Nelson daraufhin einen anderen Weg ein. Nicht mehr die Gesamtbetrachtung eines Genres sondern singuläre Analysen rücken in den Mittelpunkt. Die Arbeit der Satire sei es Politik in Worte zu fassen. Da aber Worte für das Kinopublikum zu langweilig seien, würden Satiren diese oftmals in Musik übersetzen. Musik bildet hier also den roten Faden für Nelsons Filmanalysen, welche er überwiegend an Bob Roberts und Bulworth, mit Abstrichen auch an Oh Brother, Where Art Thou? durchführt. Die Gedankensprünge des Autors sind auch in diesem Kapitel teilweise schwer nachvollziehbar. Klar wird jedenfalls, dass diese Filme durch ihre musikalischen Darstellungen eine bestimmte Art von politischer Ästhetik schaffen, die als politische Provokation mit populistischen Mythen des amerikanischen Kinos bricht. Wie es sich allerdings mit satirischen Filmen verhält, in denen diegetische Musik keine große Rolle spielt, bleibt genauso offen wie die Frage nach einer Verbindung zu etablierten politischen Theorien.

 

Ganz anders im dritten Teil. Realismus als beständiger Aspekt der Politik bildet hier den Ausgangspunkt. In Bezugnahme auf verschiedene TheoretikerInnen (Arendt, Hariman, Machiavelli, Nietzsche, u. a.) versucht Nelson politischen Realismus als Ausdrucksform der Politik, als 'politischen Stil' zu konstituieren, was dank stringenter Ausführungen auch gelingt. Ambivalenter stellen sich die folgenden Filmanalysen von The Prestige und The Illusionist dar. Während der Autor einige Anstrengungen unternimmt, The Prestige durch die Beschreibung formaler Aspekte als Neo-Noir Film zu klassifizieren und seinen 'politisch-realistischen Stil' über Nacherzählungen des Plots herauszuarbeiten, fällt die Betrachtung des zweiten Magierfilms weit weniger umfangreich aus. Neo-Noir sei The Illusionist aufgrund seines Superhelden-Plots und des genretypischen Voice-overs, und dass der Film ein idealistischer sei, ergebe sich schon aus seiner romantischen Darstellungsweise, schließlich wisse jeder um die Affinität der Romanze zu idealistischer Politik.

 

In einer 'Coda' kehrt John S. Nelson dann wieder zum theoretischen Ausgangspunkt des Kapitels zurück, um neben Realismus auch Idealismus als politische Ausdrucksform zu situieren. Mittels Verweisen auf die vorher schon erwähnten TheoretikerInnen und im Verlauf des Buches bereits bearbeitete Filme fasst Nelson dann Idealismus und Realismus ebenso als "crafts" (S. 114) der politischen Vermittlung, einsetzbar für populäre Genres der Information und Unterhaltung.

 

Um in einem vierten großen Kapitel zu argumentieren, dass die episodische Politik des amerikanischen Fernsehens eine epische Politik sei und die serielle Politik desselben eine Idealistische, widmet sich Nelson hier einer Ausnahme von dieser Regel, namentlich der Jesse Stone-Reihe, und versucht somit auch den Realismus als politische Ausdrucksweise des amerikanischen TVs zu argumentieren. Da politischer Realismus im Kino/im TV für Nelson mit Neo-Noir gleichzusetzen ist, entsprechen die Jesse Stone-Filme konsequenterweise diesem Genre. Deshalb beschreibt er in langen Passagen Neo-Noir über die Eigenheiten seiner Charaktere, seiner Handlungen sowie seiner Settings und schließt diese spezifischen Genrekonventionen nicht nur mit der Jesse Stone-Reihe kurz, sondern bezieht sich in seinen Ausführungen auf dutzende andere Filme und Serien, um dann plötzlich wieder das Genre Epic ins Spiel zu bringen. In weiteren langen, dem gleichen Schema folgenden Abhandlungen werden aus den Jesse Stone-Filmen also 'Epic-Noirs'. Was folglich bedeutet, dass die Politik der Jesse Stone-Reihe sowohl eine epische als auch eine realistische ist; konkrete Aussagen hierzu fehlen aber beinahe gänzlich.

 

Wenn Nelson hierauf verschiedene 'Noir-Hybriden' und 'Happy Endings' anführt, um die politische Mythenbildung der amerikanischen TV-Landschaft zu umreißen, führt dies mitunter zu Orientierungslosigkeit – zumindest beim Rezensenten. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass politische (TV-)Mythen auch als politische Theoriebildung gesehen werden können.

 

In einem letzten Kapitel widmet sich John S. Nelson dem Perfektionismus als Ausdrucksform von Politik. Durch die Gegenüberstellung von realistischen Perfektionisten in No Country for Old Men und idealistischen Perfektionisten in Hannibal soll klar gemacht werden: "Perfectionism out-idealizes idealism and out-realizes realism, even as it out-realizes idealism and out-idealizes realism" (S. 175). Diese Erkenntnis lasse Perfektionisten im Film mitunter als Sozio- oder gar Psychopathen erscheinen und könne helfen, auf die Grenzen und Gefahren des Idealismus oder aber des Realismus innerhalb der (Real-)Politik hinzuweisen.

 

Der Ansatz, Filme des populären (Hollywood-)Kinos als politische Theorie zu fassen, ist und bleibt zweifelsohne interessant; ebenso wie der Weckruf, sie als Artikulationsweisen von politischem Idealismus und Realismus zu sehen, die in ihrer Funktion als 'Mythenbildner' das Verständnis von (realer) Politik ihres Publikums prägen. Problematisch hingegen erscheint die oft unvermittelte Installation unzähliger Ansätze verschiedener Theoriegebiete bei gleichzeitigem Fehlen konkret filmtheoretischer Betrachtungsweisen. Gerade in Bezug auf Genreeinteilungen hätte dem Buch die eine oder andere spezifisch filmtheoretische Auseinandersetzung gut getan. Zu viele verschiedene Produktionsarten und Formate sind innerhalb der drei beschriebenen 'Supergenres' subsumiert. Als politiktheoretischer Essay durchaus annehmbar und faszinierend, führt Popular Cinema as Political Theory aus filmwissenschaftlicher Perspektive betrachtet zu zeitweiliger Orientierungslosigkeit. Ein Umstand, welcher sich auch innerhalb dieser Rezension niederschlägt.

 

Veröffentlicht am 25.06.2014 (Ausgabe 2014/1)

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