Druckversion

Ulrike Bergermann: Verspannungen. Texte um WissenGendernMedien.

Berlin/Münster/Wien/Zürich/London: LIT 2013. (Medien'welten. Braunschweiger Schriften zur Medienkultur: 17). ISBN 978-3-643-11089-3. 384 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von: Gabriele E. Otto

Medien, Gender, Wissen – in ihren je eigenen Konstanten, aber auch Berührungen, ja Verstrickungen und gegenseitigen Bedingtheiten werden wesentliche Termini vertrauter Texte wissenschaftlicher Tradition ausgelotet und in neuen Kontexten auf ihre Tauglichkeit, Tragfähigkeit und Interpretierbarkeit abgeklopft. So möchte man den Haupttitel "Verspannungen" interpretieren, um so das diverse Ladegut zu umspannen, sicher zu vertäuen, und es damit in einer ForschungsGenderMediengegenwart zu verorten. Dieses In-Beziehung-Setzen und Abwägen prägt den größten Teil der 19 versammelten, sechs Subkapiteln zugeordneten und sehr vermischten Texte: Über Planeten und das Digitale sich Science und Geschlechter(-forschung) explizit zuwendend, widmet sich der Band schließlich Pop und Öffentlichem Raum. Hier finden sich Texte, an denen Andrea Seier, Felix Axter sowie Karin Harrasser in Ko-Autorschaft mitwirkten.

 

Ein ruhiges, akribisch-gründliches Verspannen 'gegenwärtigen Weltwissens' und 'gegenwärtiger Weltwahrnehmung und -aneignung' mit den jeweiligen Subkategorien von Wissen, Gender und Medien als Koordinaten ist in den ersten Teilen des Bandes zu beobachten. Im Eröffnungstext des Teils 'Planeten' erfolgt eine kritische Distanznahme von der Hegemonie der Weißen und des Weißen in Filmtechnik und -theorie ('Weißabgleich'), durch eine Selbstthematisierung von aus Afrika stammenden Forschern und Künstlern wie etwa Balafu Bakupa-Kanyinda. Die Problematik des tradierten Standpunktes filmischer Wahrnehmung wird bewusst gemacht und in ihrer Singularität aufgelöst. Zugleich wird darauf verwiesen, dass es die Entwicklung des technischen Vermögens digitaler Medien selbst ist, die die Polarisierung von Schwarz und Weiß im filmtechnischen Bereich zu relativieren vermag.

 

Im Bewusstmachen von Standpunkten und der damit einhergehenden Relativierung derselben sowie in der Reflexion und Erarbeitung von Wahrnehmungspositionen finden sich nicht nur Voraussetzungen von Wissen und Wissenschaft beschrieben. Es werden zugleich jene Verfahren der Wissenschaft selbst, nämlich mithilfe von Relativierungen Erweiterungsoptionen zu schaffen, als Grundmoment zeitadäquater wissenschaftlicher Praxis sanktioniert. Dies gilt in gleicher Weise für die bewusste Verortung des Planeten Erde wie für Positionen in den Wissenschaften, die jeweils von einer außenstehenden Position her in ihrer Bedingtheit beleuchtet, begrenzt und dadurch in ihrem Gültigkeitsanspruch in Frage gestellt oder durch alternative Terminologie auch substantiell anders gefasst werden. Bergermann zeigt dies anhand der Erörterungen um die Begriffe des Globalen und des Planetarischen in deren Historie. Der vom Europäischen ausgehenden Weltvermessung und Welteroberung als Globalisierung wird eine Selbstbehauptung etwa des Afrikaners Achille Mbembe entgegengesetzt: die Statuierung eines "'Afropolitanismus', der die Standortreflexion [kontrastiv zum Eurozentrismus und Kosmopolitismus] miteinschließen will" (S. 35).

 

Dem Kapitel 'Planeten' folgen unter der Rubrik 'Digital' zwei Texte: Den Computerkonstruktionen Konrad Zuses und deren technischem Vermögen wird im historischen Kontext nachgegangen. Die vom Forscher selbst reklamierte moralische Position der Selbstbegrenzung wird kritisch betrachtet. Außerdem werden Konsequenzen von Google für die Archive des Wissens ausgelotet. Bedeutsam ist die Frage nach der Rückwirkung eines sich über die Struktur der Technik partiell selbst generierenden Wissens.

 

Das Kapitel 'Science' leitet Bergermann mit einer kritischen Betrachtung der Neurowissenschaften und verschiedener durch sie evozierter Positionen ein. Dabei plädiert sie mit ˇi˛ek und Malabou dafür, trotz mechanistischer Betrachtungsweisen der menschlichen (Hirn-)Tätigkeiten nicht aus dem Blick zu verlieren, dass das Hirn nicht als fixe Masse zu begreifen sei, sondern sich die Intelligenz erst in "Interaktionsprozessen des Menschen mit seiner Umwelt" (S. 127) ausbilde. Ein wesentliches Moment stellt Bergermann im Verweis auf die Tanzforschung heraus, die zu dem Ergebnis kam, dass zum einen zwischen Körper und Geist der Tanzenden, zum anderen aber auch zwischen den Tanzenden und dem Publikum in der Antizipation der Bewegung eine Verbindung entstehe. In der Antizipation gespeicherter Bewegungen genieße das Publikum eigentlich "die Beherrschung des Körpers im vorhersehbaren Verlauf" (S. 130). Der Wiederholung in Folge der Antizipation, so stellt Bergermann abschließend fest, stehe die Abweichung als misslungene Wiederholung gegenüber, die es ermögliche, zu einer Erweiterung und Veränderung gespeicherten Wissens zu kommen.

 

Besonders spannend nimmt sich der im Zentrum des Bandes stehende Text über "Haptische Technologien und Taktilität in medialer Reproduktion" aus, unter der zusammenfassenden und zugleich technisierenden Betitelung "Tastaturen des Wissens" (S. 173). Ausgehend von dem Fehlen einer Bezeichnung für das Ausbleiben des Tastsinns geht Bergermann im Weiteren der Bedeutung des Tastsinns im Verlauf der Wissen(schaft)sgeschichte nach. Erlangte die Optik spätestens nach Kant gleichsam die Poleposition, das höchste Renommee, so ist es in jüngster Zeit die moderne digitale Technik, die dem Tastsinn einen neuen Platz einräumt. Der Begriff des Taktilen erfährt dabei eine Umdeutung und wird der konkreten Aktion enthoben und im Kontext der "Medialität aller Wahrnehmung" (S. 177) neu verortet.

 

Bergermann verweist dabei auf das "taktile Erkennen" (S. 178) bei Michael Taussig und nimmt im weiteren Bezug auf Georges Didi-Huberman sowie Walter Benjamin. Kennzeichnend für die Abstraktion des Begriffsverständnisses sei die Erfahrung, dass in der Moderne die Welt mit ihren Bildern dem Menschen "zustoße" (S. 178) und allein schon darin Berührung als Modus des Erlebens und der Wahrnehmung assoziiere. Veranschaulicht wird dies anhand der Konzeption moderner Wissenschaftsmuseen oder -labors, die Besucher nicht einzig zur Wissensaneignung auffordern. Hier verlangt der Prozess des Wissenserwerbs Eigenaktivität, bei der optische und haptische Systeme zusammenspielen und somit ein Erkennen ermöglichen.

 

Im Kapitel 'Geschlechter' geht Bergermann Marshall McLuhans Entwicklung der Begrifflichkeit des Medialen und deren Beziehung zur Maskulinität und Feminität sowie deren Interferenzen nach. Die Aufmerksamkeit gilt dem Changieren zwischen einer Weiblichkeit als Abstraktum und Frauen als Teil von Gesellschaft. Maskulinität und Feminität werden durch gesellschaftlich und medial geprägtes Verhalten in den Konturen verwischt. Das Abgleichen von herrschenden oder möglichen Bildern, die über Inszenierungen weiblich bzw. männlich konnotierter Kleidungsstücke an Körpern von Models auf das biologische Geschlecht verweisen und es zugleich verbergen, führt zu Fragen nach der Ausdrückbarkeit von Transgender und Queerness in Bildkompositionen am Beispiel von Werbephotos der Firma HvEden.

 

Zugang zu Wissen im Kontext früher feministischer Forschung bildete den Ausgangspunkt für weiterreichende Gender Studies, die darauf zielten, die festgeschriebenen Dichotomien und die ihnen innewohnenden Zuschreibungen aufzulösen. Bergermann kommt zu dem Schluss, dass eine Disziplin GenderMediaStudies "Berührungen von Geschlecht, Technik plus Stimme und Institutionen" (S. 245) erlaube und Formen der Selbstwahrnehmung zulasse.

 

Die Bologna-konforme Universitätslandschaft wird aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: Ist es zum einen ein scheinbar automatisiertes (Be-)Folgen, das Bergermann mit dem Bild der Anrufung durch die Gesetzesmacht zu beleben versucht, so werden zum anderen positive Aspekte des Bruches mit der Tradition bzw. personeller Tradierungen durch die Schaffung neuer Zugangsmöglichkeiten gesehen. Allerdings steht dem die Klage gegenüber, dass durch Bewertung und Quantifizierung von Studienleistungen auf der individuellen Ebene Zugang zur Essenz des Systems, dem Wissen, begrenzt werde. Es bedürfe Belebungen wichtiger Konstituenten des früheren Lehr-/Lernsystems durch die Wertschätzung nicht nur des Messbaren; aber für deren Re-Integration sei offenbar noch keine Blaupause verfügbar.

 

Das Kapitel 'Öffentlicher Raum' reagiert sensibel auf jene Veränderungen, die gewohnte und wertgeschätzte, im Wissenschafts- und Gesellschaftsdiskurs sanktionierte Parameter suspendieren oder in Frage stellen. Auf im wissenschaftlichen Diskurs gewonnenen Konsens wird verwiesen, der nun – wenn auch vereinzelt – in der Begegnung mit Realitäten nur (noch) in Spuren nachweisbar erscheint. Das Außer-Kraft-Gesetzt-Finden von Wertgeschätztem als einem dem Stand der (wissenschaftlichen) Kenntnis Entsprechendem scheint auch in der Betrachtungs- und Darstellungspraxis eben den oben erwähnten Duktus des ruhigen akribischen Abgleichens zu suspendieren.

 

Im Text über das Internationale Maritime Museum fehlt der explizite Vergleich von Quellen der 'gängigen' geschichtlichen Forschung im Kontrast zum Narrativ des Museums. Stattdessen zeigt eine Reihe von Beispielen das geschichtliche Narrativ der Ausstellung in seiner von den AutorInnen als überholt betrachteten Geschichtsvergessenheit. Subtil ergibt sich ein Verweis auf die einleitenden Ausführungen zum Weißabgleich, deren Perspektive in der Darstellung der maritimen Geschichte eine deutlich andere Geschichte evoziert hätte. Sich andeutende Erosionen bei Konstituenten im Wissenschafts- und Genderdiskurs betrachtet Bergermann kritisch, plädiert zugleich aber für ein Offenhalten ihrer Bewertung.

 

Veröffentlicht am 25.06.2014 (Ausgabe 2014/1)

>zurück>>>