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Frédéric Döhl/Renate Wöhrer (Hg.): Zitieren, appropriieren, sampeln. Referenzielle Verfahren in den Gegenwartskünsten.

Bielefeld: transcript 2014. ISBN 978-3-8376-2330-7. 288 S. Preis: € 34,99.

Rezensiert von: Brigitte Stocker

Was kann die vielbeschworene Interdisziplinarität tatsächlich leisten? Eine Antwort darauf bietet der von Musikwissenschaftler Frédéric Döhl und der Kunsthistorikerin Renate Wöhrer herausgegebene interdisziplinäre Band, der Beiträge von Theater-, Film- und MedienwissenschaftlerInnen versammelt. Die Publikation widmet sich dem Phänomen der Referentialität in den Künsten und beleuchtet Formen und Funktionen der Reproduktion, des Zitats oder der Referenz. Die Beiträge analysieren verschiedene künstlerische Disziplinen wie Film, Musik, Literatur, Tanz und Theater, und behandeln dabei eine erstaunliche Bandbreite an Bezugsphänomenen: "Re-Enactments" von Filmen, Comiczitate, "Wieder-Holungen" in Tanz und Performance, Rekursivität im Videoclip oder interpiktoriale Referenzen in der Dokumentarfotografie. Fest steht: Die Bezugnahme von Kunstwerken aufeinander ist allgegenwärtig. Ob als Zitat, Anspielung, Sampling oder "Re-Enactment" – Referentialität erscheint als Eigenschaft des Ästhetischen schlechthin.

 

Kein ästhetisches Werk ist denkbar ohne ein solches Verweissystem. Das gilt in jedem Fall für Werke aus künstlerischen Disziplinen, denen ein Zeitkonzept zugrunde liegt. Jedes Kunstwerk bezieht sich immer auch auf andere Kunstwerke, und die Fragen nach diesen Bezugssystemen stehen immer stärker im Fokus der Kunstproduktion. So werden in der bildenden Kunst etwa referentielle Formen an eine Reflexion über die Ausstellungspraxis gekoppelt. Durch Referentialität wird immer auch an eine Tradition angeknüpft oder es findet eine Auseinandersetzung damit statt. Für das Theater als intermediale Kunstform, die sich verschiedener Zeichensysteme bedienen muss, ist das Phänomen des Bezugs formgebend.

 

Das Bewusstsein gegenüber den Erscheinungsformen der Referenz, so erläutert der Band, ist natürlich nicht neu. Resonanz oder Rückbezüglichkeit sind in allen Künsten auftretende Phänomene, die jeweils mit einer anderen Terminologie versehen wurden.

 

Die Verwendung fremder Rede wird zuerst von der klassischen Rhetorik beschrieben, innerhalb deren System allerdings eine völlig andere Auffassung von Originalität und Urheberschaft herrschte, die sich mehr an erlernbaren formalen Normen als an Ursprünglichkeit orientierte. Mit dem Niedergang des ästhetischen Systems Rhetorik im 18. Jahrhundert wird dies durch den Geniebegriff und die Forderung nach Natürlichkeit und Individualität abgelöst.

 

Die lange Zeit maßgebenden literaturtheoretischen Überlegungen zu Intertextualität von Julia Kristeva und Gérard Genette finden in diesem Band nur noch am Rande Erwähnung – ein Zeichen dafür, dass sich die Beschäftigung mit dem Phänomen der Intertextualität zunehmend in Richtung Intermedialität und Interpiktorialität verschiebt. Überhaupt scheint das Interesse am Bild und seiner Referentialität im Vordergrund der Überlegungen zu Referenz zu stehen. Ein interdisziplinäres Schlagwort wird mit dem Begriff Rekursivität angeboten; ein Kunstwerk bezieht sich explizit auf andere, vorausgegangene Kunstwerke.

 

Der Band gliedert sich in drei Abschnitte: Im ersten werden einige theoretische Grundkonzepte etabliert, anschließend widmen sich einzelne Aufsätze eingehend dem Phänomen Medientransfer und im letzten Abschnitt dem Motivtransfer. Der erste Beitrag von Daniel Martin Feige etwa setzt sich mit Kunsttheorien von Nelson Goodman und Arthur Danto auseinander und versucht, Kategorisierungen von Bezugnahmen aufzustellen. An die Stelle traditioneller Begriffe wie Zitat, Anspielung und Plagiat treten Kategorien wie Denotation und Exemplifikation. Zudem thematisiert Feige das Problem des expliziten Einsatzes von Bezügen und knüpft damit an Fragen der Rezeptionsästhetik an.

 

Referenz- oder Resonanzphänomene werfen immer die Frage nach Originalität und Autorschaft auf. Durch die Digitalisierung oder allgemeiner den Fortschritt der technischen Reproduktionsmöglichkeiten ergibt sich eine neue Perspektive auf die Urheberschaft von Kunstwerken. Dieses Problem thematisiert der Band eingehend und fragt nach dem Umgang mit geistigem Eigentum. In der Literaturwissenschaft spiegelt sich dieser Paradigmenwechsel in dem Schlagwort 'Krise des Autors' oder gar 'Tod des Autors' wider.

 

Der Band beschreibt referenzielle Verfahren und Bezugssysteme wie Rekursivität und Sampling als formstiftend, etwa im Kontext populärkultureller Musikvideos und mancher Gattungen zeitgenössischer Musik. Matthias Weiß zeigt in seinem Beitrag die Strategien, die in Musikvideos von Robbie Williams verwendet werden, um diesen als Nachfolger der Pop-Queen Madonna zu etablieren. Im Rollen- und Geschlechterwechsel kommt es zu einer ironischen Distanz zu Zitiertem und Alludiertem. Der Beitrag geht außerdem der Frage nach der Inszenierung von Geschlechterrollen nach.

 

Dirck Linck beschreibt in seinem Essay anhand des globalen Mythos von Batman und Robin in der deutschsprachigen Pop-Literatur der 60er-Jahre Pop als Zitatkultur schlechthin. Die wichtigsten Eigenschaften des Samples sind dabei, dass es global funktionieren muss und doch exklusiv ist, das heißt es muss jedem bekannt und dennoch elitär sein. Linck beschreibt auch, inwiefern Referentialität ein Ergebnis der technischen Reproduktionsmöglichkeiten ist, die den Kunstbegriff grundlegend verändert haben.

 

Der Beitrag von Joy Kristin Kalu und Benjamin Wihstutz widmet sich dem Phänomen des Medientransfers. In der theatralen Inszenierung von Filmen werden neue Verfahren des "Re-Enactments" oder der "Re-Performance" verwendet. Im Falle eines In-Szene-Setzens von Andy Warhols Filmen wie Sleep, Empire oder Blow Job geht es dabei immer auch um die Unterscheidung von Original und Kopie.

 

Zitieren bedeutet zunächst einmal wiederholen. Referenz stellt einen Rückgriff auf Vergangenes oder eben dessen Wiederholung dar. Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Wiederholung zeigt: Repetition ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte oder einem bestimmten Erbe. So verweist der Band auf Deleuze und dessen Werk Differenz und Wiederholung: "Die Gegenwart ist das Widerholende, die Vergangenheit die Wiederholung selbst, die Zukunft aber ist das Wiederholte" (S. 84).

 

Michael Lück analysiert in seinem Essay die Wiederholung historischer Bilder am Beispiel Adolf Hitlers. Anhand der Inszenierung historischer Fotos setzt sich Lück mit der deutschen Erinnerungskultur auseinander. Renate Wöhrer zeigt, wie Dokumentarfotografie auf bestehende Bildtraditionen verweist und geht auf interpiktoriale Relationen wie etwa 'Bild im Bild'-Phänomene ein.

 

Die bemerkenswerten Phänomene liegen in der Abweichung, die jede Wiederholung zwingend mit sich bringt. Selbst bei einem wörtlichen Zitat kann es sich nie um eine bloße Wiederholung handeln, da das fremde Textsegment aus dem ursprünglichen Kontext gerissen und in einen neuen Zusammenhang transferiert wurde. Dass es keine absolute Gleichheit in der Wiederholung geben kann, beschreibt der Begriff der Iterabilität; Wiederholung geht demnach immer mit Differenz einher. "Re-Enactment" bedeutet also ein kritisches Nachvollziehen des Vorausgegangenen.

 

LiteraturwissenschaftlerInnnen werden in dem Band, der in der Einleitung als Fortführung eines interdisziplinären Dialogs im Rahmen eines Workshops an der Freien Universität Berlin beschrieben wird, über Strategien der Intertextualität wenig finden, ihr Wissen über andere (vor allem visuelle) Bezugssysteme aber enorm erweitern können. MedienwissenschaftlerInnen, die sich über Rekursivität in verschiedenen künstlerischen Disziplinen informieren wollen, werden sicher von der Lektüre profitieren. Das Wissen um Formen der Referentialität gewinnt zunehmend an Bedeutung, sodass in einem der Beiträge zurecht vom "Topos der Referenz" die Rede ist (Fiona McGovern, S. 114). Zitieren, appropriieren, sampeln. Referenzielle Verfahren in den Gegenwartskünsten ist ein gelungener Band, der der Tatsache Rechnung trägt, dass das Phänomen Referenz in der Gegenwartskunst seit einiger Zeit immer stärker in den Fokus rückt.

 

Veröffentlicht am 25.06.2014 (Ausgabe 2014/1)

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