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Hans Veigl/Iris Fink: Galgenhumor. Kleine Kunst im Großen Krieg. Ein Beitrag zur k. k. Unterhaltungskultur 1914 bis 1918.

Graz: Österreichisches Kabarettarchiv 2014. (Veröffentlichungen des ÖKA: 4). ISBN 978-3-9501427-4-7. 271 S. Preis: € 18,60.

Rezensiert von: Brigitte Dalinger

Während des Ersten Weltkriegs gab es in Wien eine florierende Unterhaltungsszene, in der Operetten, Singspiele, Revuen und Kabarettrevuen aufgeführt wurden, mit einer "tendenzielle[n] Aufhebung der Genregrenzen" (S. 15). Gespielt wurde in Theatern, Kabaretts und Restaurants, geboten wurden, vor allem zu Beginn des Krieges, hurrapatriotische Possen, in denen der Tod der Feinde in teils bis heute bekannten Versen beschworen wurde.

 

In der Vorbemerkung, "Unterhaltungskultur zwischen Propaganda und patriotischen Possen", kommt Karl Kraus zu Wort; Zitate aus seinem Werk (vor allem aus Die letzten Tage der Menschheit) sind wie ein roter Faden durch das Buch gespannt. Kurz wird hier auf die historischen und politischen Entwicklungen der österreichisch-ungarischen Monarchie eingegangen, ebenso wie auf die Umstrukturierungen der Unterhaltungsindustrie, in der nun auch Film und Grammophon eine Rolle spielten.

 

Im Kapitel "Kriegsbeginn und Kriegsbegeisterung. Kleinkunst in großer Zeit: Begrenzte Euphorie und allumfassende Generalmobilmachung" werden die historischen Fakten sowie die einflussreichen Persönlichkeiten (etwa Freiherr Franz Conrad von Hötzendorf) vorgestellt; letztere erscheinen nicht immer im besten Licht. Sehr eindringlich sind die Beschreibungen von "spontanen patriotischen Feiern" (S. 29) in Wien vor Ablauf des Ultimatums an Serbien, über die in den zeitgenössischen Zeitungen berichtet wurde, ebenso wie über entsprechende Vorgänge in reichsdeutschen Städten. Durch ausgiebige Zitate und Erläuterungen werden die damalige Kriegsbegeisterung und der herrschende Patriotismus auch dem heutigen Leser/der Leserin deutlich, wobei Veigl und Fink um eine ironisierende Ebene bemüht sind, aber auch dezidiert auf die ersten grausamen Ausschreitungen hinweisen.

 

Das Kabarett in Wien und Berlin stellte sich in diesen Anfangsmonaten des Krieges, als man noch auf ein rasches, siegreiches Ende hoffte, auf eine Mischung von "Kitsch und Chauvinismus" (S. 48) ein. Dabei wurde auch versucht, in puncto Sprache ein deutliches Zeichen zu setzen: Französische und englische Worte und Namen wurden eliminiert, die Namen von Kabaretts (Robert Nelsons Chat Noir in Berlin hieß nun Schwarzer Kater) ebenso 'übersetzt' wie die Speisekarte. Dass die patriotische Glut, die die Künstler und Kabarettisten anscheinend erfasst hatte, nicht nur aus Kriegsbegeisterung kam, wird bei der Lektüre des Abschnitts "Gut und Blut" klar. Vielmehr machte der Kriegsbeginn es den deutschen Theatern möglich, ihr gesamtes Personal zu entlassen, für dieses gab es in der Folge nur die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Mindesteinkommen, wie Veigl und Fink darstellen. Im Lauf des Jahres 1915 setzte eine langsame Umorientierung der Unterhaltungskultur ein; die (unerwartete) Dauer des Krieges führte, vor allem in Wien, zu einer Ausrichtung des Spielplans hin zu Ablenkung und Eskapismus, mit Themen wie der 'guten alten Zeit' oder der 'Liebe'. Abgesehen von Repertoire und Lokalitäten der Kabarettisten werden hier auch weitere Auswirkungen des Krieges auf die populäre Kultur beschrieben, etwa die Texte von humoristischen Blättern wie dem Kikeriki oder ein Kinderspiel namens Russentod, das zu Ostern 1916 stark beworben wurde.

 

Im umfangreichen Kapitel "Das Kabarett zieht in den Krieg" wird die "Populärkultur zwischen Schlachtenlyrik, Kriegsrevuen und Eskapismus" (S. 97) verortet und eine "Programmübersicht" geboten. Das Repertoire verschiedenster Bühnen, wie etwa der erfolgreichen Budapester Orpheumgesellschaft, wird zum aktuellen Kriegsgeschehen in Relation gesetzt. Dazu werden Zitate aus Theaterszenen mit Ausschnitten aus den entsprechenden Kritiken kombiniert; gleichfalls abgedruckte Faksimiles aktueller Zeitungsmeldungen bieten ein eingängiges Stimmungsbild.

 

Kriegsgeprägte 'Unterhaltung' boten jedoch nicht nur Kabarettbühnen und Operetten, sondern etwa auch die Wiener Kriegsausstellung, die 1916 im Prater zu sehen war, mitsamt Kriegstrophäen und einem begehbarem Schützengraben. Dabei konnte ein Marineschauspiel besucht werden, inklusive einer "Darstellung einer wirklichen Seeschlacht" und die "heldenhaft verteidigte" Stadt Görz wurde in einem "Riesendiorama" gezeigt (S. 128).

 

Eine Fülle von unterschiedlichen Kabarett-, Kleinkunst- und Operettenabenden wird vorgestellt, wobei die Inhalte mit dem Kriegsgeschehen und den jeweils aktuellen Problemen der Bevölkerung verbunden sind. Gezeigt wird dies etwa durch die Kombination von Werbung für bestimmte Lokalitäten der Kabaretts mit besonders "vorzüglicher Küche" (S. 171) mit Berichten über Hungerdemonstrationen. Sehr eindringlich wird in der Lektüre bewusst, dass das "Kabarett im Kriege", wie Veigl und Fink schon in der Vorbemerkung schreiben, sich "als relativ eigenständige kulturelle Formation" erwies und "unbeirrt von allen herrschenden amtlichen Obrigkeiten und Geschehnissen, wie verlorenen Schlachten und Provinzen, ermordeten Thronfolgern oder verstorbenen Kaisern niemals den Weg privatkapitalistischen Kalküls und eigenen Vorteils bei der Leitung der Etablissements verlassen sollte" (S. 15).

 

Im letzten Kapitel "An Wachtfeuern. Künstler als Kriegspropagandisten und Kriegsberichterstatter im Dienste des Kriegsarchivs und des Kriegspressequartiers" geht es zum einen etwa um Persönlichkeiten wie Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, die, sehr vereinfacht gesagt, unterschiedliche Strategien entwickelten, um sich dem Kriegsgeschehen nicht stellen zu müssen, oder wie Roda Roda doch davon zu profitieren. Zum anderen werden die damals bereits genutzten Sparten der Propaganda, die natürlich unter strengster Zensur stattfand, gezeigt, von Kriegsberichterstattung über Fronttheater, Malerei und Graphik bis hin zur Gründung der Ufa 1917 und dem Einsatz des Films.

 

In Galgenhumor wird eine ganze Fülle von 'populärkulturellen Aktivitäten' mithilfe von Primärquellen dargelegt; dabei werden auch Formen wie Ausstellungen und Kriegsspielzeug einbezogen. Sehr interessant sind die Ausführungen zur Kriegspropaganda, zum Kriegsarchiv und den 880 (!) beschäftigten Kriegsberichterstattern. Die Fülle an Daten und Namen, die in diesem "Beitrag zur k. k. Unterhaltungskultur" genannt werden, sowie die oft überbordenden Sätze machen die Lektüre nicht allzu leicht; durch das vorhandene Register ist der Band aber sehr brauchbar.

 

Veröffentlicht am 22.12.2014 (Ausgabe 2014/2)

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