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Kai van Eikels: Die Kunst des Kollektiven. Performance zwischen Theater, Politik und Sozioökonomie.

München: Fink 2013. ISBN 978-3-7705-5140-8. 557 S. Preis: € 59,-.

Rezensiert von: Julia Wiegele

In seiner dichten, 535 Seiten langen Abhandlung widmet sich Kai van Eikels der kollektiven und politischen Dimension von zeitgenössischer Performance-Kunst. In Abgrenzung von klassischen Gemeinschaftsbegriffen, die oft von der Idee der Einheit oder der Verschmelzung der Einzelnen zu einem Ganzen ausgehen, macht van Eikels Begriffe wie Trennung und Zerstreuung stark, um die sozialen Relationen in westlichen neoliberalen Gesellschaften zu beschreiben.

 

Folgende Hypothese bildet den Ausgangspunkt seiner Überlegungen: "Wenn es in jüngerer Zeit neuerlich zu einer Politisierung des künstlerischen Handelns kommt, die bis in die Gegenwart hinein fortwirkt und zukünftige Entwicklungen beeinflussen kann [...], dann deshalb, weil es jetzt endlich ein anderes Denken des Kollektiven gibt" (S. 11).

 

Van Eikels betont immer wieder, dass er von der "Wirklichkeit der Praxis" ausgeht, um "Formen kollektiver Organisation" (ebd.) daraus abzuleiten ohne diese einem bereits vorher definierten Begriff von Gemeinschaft oder Kollektivität unterzuordnen. Jenen Ansätzen, die das gemeinschaftsstiftende Potential von Aufführungen betonen, will der Autor "eine Praxeologie von Performance gegenüberstellen, die dezidiert eine Praxeologie der Trennung, der Teilung und der Zerstreuung ist" (S. 13). Gemeint ist hier die sehr spezifische zeitgenössische künstlerische Praxis der Performance-Kunst, der es um den Vollzug von Handlungen geht. Man könnte mit Hans-Thies Lehmann gewiss auch von post-dramatischem Theater sprechen, das jedoch nicht allen Formen der Performance oder des Performance-Theaters gerecht wird. Eikels liefert keine neue Definition für den Performance-Begriff, sondern er geht vom sehr weit gefassten englischen Wort 'performance' aus: "In dieser Bedeutung eines verwirklichenden, praktizierenden, unternehmenden, etwas effektiv vollbringenden und dabei mehr oder weniger effizient Schritte, Bewegungen, Übungsdurchgänge zurücklegenden Agierens erschließt performance das gesamte Spektrum von Tätigkeiten im Hinblick darauf, wie etwas sich vollzieht und wie es sich macht in seinem Vollzogenwerden" (S. 21).

 

Im Laufe des Buches grenzt sich der Autor immer wieder von klassischen theaterwissenschaftlichen Methoden – wie der phänomenologischen Herangehensweise Erika Fischer-Lichtes – ab und versucht Theorien und Begriffe aus Ökonomie (z.B. negotiating, socialising), Biologie (Schwarmtheorie), Physik (Synchronisierung) oder Medientheorie fruchtbar zu machen. Der ambitionierte interdisziplinäre Ansatz fördert neue Denkansätze und bringt den notwendigen Prozess der Erweiterung von theaterwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden voran. Van Eikels Kritik am klassischen Gemeinschaftsbegriff und die damit einhergehende kritische Revision von marxistischer und Kritischer Theorie ist ein schwieriges aber notwendiges Vorhaben. Manche Theorien werden nur kurz gestreift, z. B. Walter Benjamins Überlegungen zur Menschenmenge, die Auseinandersetzung bleibt hier ungenügend. Ebenso scheint mir das Urteil voreilig, es handle sich bei Georges Batailles, Maurice Blanchots und Jean-Luc Nancys Denken der Gemeinschaft um einen "Primitivismus der Differenz, wie man ihn ähnlich auch bei Heidegger findet" (S. 63). Der Kritikpunkt, dass diese französischen Theoretiker zu sehr im Rahmen von Philosophie (und 'poiesis') verbleiben und zuwenig 'Praxis'-Bezug aufweisen, ist zwar nachvollziehbar, aber wäre es nicht die Aufgabe eines Theaterwissenschaftlers, diese zugegeben abstrakten philosophischen Theorien auf den Gegenstand der künstlerischen Praxis zu beziehen?

 

Zum Aufbau: Im 200 Seiten umfassenden Theorieteil erläutert van Eikels sein Verständnis von 'performance', dann folgt "ein historischer Durchgang zur Kollektivität künstlerischer Performance von der antiken Tragödie bis zum Performance-Theater der Gegenwart". Auf den verbleibenden 300 Seiten werden drei Beispiele zeitgenössischer Performance-Kunst aus den letzten zehn Jahren referiert, die jeweils "auf ihre Weise zerstreute Kollektive organisieren und dabei Übergänge zwischen künstlerischer Performance, politischer und sozio-ökonomischer performance erproben" (S. 14).

 

Diese spannenden Beispiele – LIGNAs Radioballett, Forced Entertainments And on the thousandth night, sowie die Geheimagentur mit Respekt: geben was man nicht hat bilden ein großes Spektrum an künstlerischen Arbeitsweisen, ästhetischen Formen und möglichen Relationen zwischen Performer_innen und Zuschauer_innen ab. Problematisch ist jedoch die Art und Weise der Diskussion. Der Autor hat sich bewusst gegen eine klassische Aufführungsanalyse entschieden, was aufgrund der Form der Performances – von denen nur eine in einem Theaterraum stattfindet und einer Aufführung im strengen Sinn entspricht – nachvollziehbar ist. In den Ausführungen zu den Performances zeigen sich zwei Tendenzen: 1. die theoretischen Überlegungen nehmen Überhand und 2. die langen Exkurse lenken vom Wesentlichen ab. Trotz der intensiven Auseinandersetzung mit den einzelnen künstlerischen Arbeiten unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Spezifika verlieren van Eikels Reflexionen aufgrund ausschweifender Exkurse an Prägnanz (z. B. die Abhandlung über Ruhm und Ehre in Bezug auf die Arbeit Respekt: geben was man nicht hat).

 

Wenn man genügend Ausdauer besitzt, bietet jedes Kapitel interessante Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, besonders in Bezug auf die sozio-ökonomischen Bedingungen der westlichen globalisierten Gesellschaft und ihre Auswirkungen. Ich muss gestehen, dass der barocke Schreib-Stil meine Konzentration beim Lesen erschwert hat. Vor allem die fast schon nominale Aneinanderreihung von sehr unterschiedlichen Theorien hat mich etwas unbefriedigt gelassen. Dennoch ist Die Kunst des Kollektiven ein lesenswertes Buch, nicht nur für jene, die an Performance-Kunst und dem Nachdenken über das Kollektive interessiert sind, sondern auch für diejenigen, die sich mit politischen Fragestellungen und der zeitgenössischen 'conditio humana' beschäftigen wollen. Besonders erfreulich und interessant finde ich van Eikels Versuch, die politische Relevanz von Kunst von ihrer Praxis her zu denken und nicht mit vorgefertigten Definitionen an die Beispiele heranzugehen.

 

Veröffentlicht am 22.12.2014 (Ausgabe 2014/2)

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