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Nina Tecklenburg: Performing Stories. Erzählen in Theater und Performance.

Bielefeld: transcript 2014. ISBN 978-3-8376-2431-1. 348 S. Preis: € 34,99.

Rezensiert von: Monique Ehmann

Nina Tecklenburg ist nicht nur Theaterwissenschaftlerin, sondern zugleich Theatermacherin. Ihre praktischen Erfahrungen als Performerin, Regisseurin und Dramaturgin sind es, die sie dazu veranlasst haben, Erzählen im Theater jenseits von dramatischer Handlung oder epischer Rede neu zu denken und aufzuzeigen, dass Geschichten auch im mehrheitlich non-narrativ theoretisierten Performancebereich und postdramatischen Theater – auch ohne dass diese auf einer schriftlichen Textvorlage basieren – stattfinden. Es sind diese neuen Formen des Erzählens, denen sich Tecklenburg in ihrer Studie Performing Stories widmet.

 

Im Kontext von Aufführungstheorie und kulturwissenschaftlicher Performativitätstheorie strebt Tecklenburg eine Neupositionierung des Erzählbegriffs anhand der europäischen und angloamerikanischen experimentellen Theater- und Performanceszene des 21. Jahrhunderts an. Die Autorin zeigt auf, dass das vorherrschende dichotomische Verständnis von Narration (Wiederholung und Reproduktion) versus Performance/Aufführung (Präsenz und Unwiederholbarkeit) die narrative Qualität vieler aktueller Aufführungspraktiken außer Acht lässt. Ihr Ziel ist daher, diese bestehende Opposition aufzubrechen und ihr eine neue Konzeptualisierung des Narrativen entgegenzustellen.

 

Ein wichtiger Ausgangspunkt von Tecklenburgs Studie ist dabei die Feststellung, dass existierende Begriffe der Erzähl- und Dramentheorie der narrativen Qualität vieler aktueller Aufführungspraktiken nicht (mehr) gerecht werden. Um diese adäquat erfassen zu können, versucht Tecklenburg die Prozesshaftigkeit und damit – wie der Titel der Studie bereits verdeutlicht – die Performativität des Erzählens in den Mittelpunkt zu rücken. In den Fokus treten hierbei Aufführungen, bei denen das Erzählen als Ereignis und kulturelle Praxis selbst in Szene gesetzt und reflektiert wird:

 

"Das Erzählen selbst wird zur Aufführung: zum ephemeren, intersubjektiven und wirklichkeitsgenerierenden Prozess, dessen narrative und aufführungsspezifische Qualitäten sich, miteinander verschmelzend, im Verlauf der Aufführung zuallererst entfalten." (S. 75)

 

Am Beispiel von Uwe Mengels Performance 2½ Millionen (1996) entfaltet Tecklenburg eine "Konzeptualisierung des Narrativen als Prozess und Performanz" (S. 55). Das Narrative rückt in Tecklenburgs Studie dabei aus einer rezeptions- und performativitätstheoretischen Perspektive in den Fokus, welche nicht zuletzt die starke Involvierung der ZuschauerInnen in der aktuellen Aufführungspraxis als konstituierend berücksichtigt.

 

Mit dieser Neuperspektivierung des Erzählbegriffs schafft Tecklenburg die theoretische Grundlage und zugleich ihr begriffliches Instrumentarium für die darauf folgenden Einzelanalysen exemplarischer Aufführungen. Dabei weist die Autorin darauf hin, dass die einzelnen Kapitel in Performing Stories nicht chronologisch aufeinander aufbauen und damit je nach Interessensschwerpunkt der Lesenden unabhängig voneinander oder in anderer Reihenfolge lesbar sind. Anhand künstlerischer Arbeiten von Bobby Baker, Boryana Rossa, Forced Entertainment, Janet Cardiff, LIGNA, Lone Twin, plan b, She She Pop, SIGNA u. a. zeigt die Verfasserin in ihrem Analyseteil aktuelle Tendenzen der narrativen Aufführungspraxis im 21. Jahrhundert auf. Diesen, so Tecklenburgs These, ist gemein, dass das Erzählen als eine kulturelle, wirklichkeitsstiftende Praktik mithilfe unterschiedlicher narrativer Muster, Stoffe oder Erzählmedien in Szene gesetzt und erfahrbar gemacht wird.

 

In insgesamt vier Kategorien beziehungsweise Kapiteln – (1) Narrative Spiele, (2) Dinggeschichten: (Auto-)Biografisches Sammeln, Schneidern und Basteln, (3) Erzählbewegungen und Erzählräume sowie (4) Erzählereignisse – definiert Tecklenburg die inhaltlichen Schwerpunkte der exemplarischen Einzelanalysen, betont aber zugleich, dass nicht wenige der untersuchten Aufführungen für mehrere dieser Erzählpraktiken als Beispiele heranziehbar wären. Leider belässt sie es bei diesem Hinweis, obwohl eine dynamischere Einbindung so mancher Aufführung in mehreren der vorgestellten Erzählpraktiken spannend gewesen wäre: nicht nur, um dadurch ein umfassenderes, da von unterschiedlichen Perspektiven beleuchtetes Bild der Performances zu erhalten, sondern vor allem auch, um das Wissen der Autorin um ihre eigene konstituierende Funktion für die Erzählereignisse der analysierten Aufführungen deutlicher herauszuarbeiten.

 

Obwohl sich Tecklenburg bei den ausführlichen Analysen in den einzelnen Kapiteln auf nur zwei beziehungsweise maximal drei künstlerische Arbeiten beschränkt, besitzt die Autorin merklich eine breite Kenntnis zeitgenössischer Performances und Performancegruppen, die zu einem nicht geringen Teil aus ihrer eigenen Erfahrungen als Theatermacherin resultiert. Nicht zuletzt dadurch gelingt es ihr, die enorme Vielseitigkeit und den Variantenreichtum narrativer Praktiken der Nullerjahre zu vermitteln, zugleich aber gezielt markante Tendenzen der derzeitigen Aufführungspraxis herauszuarbeiten. Tecklenburg macht hierbei deutlich, dass diese Erzählpraktiken des 21. Jahrhunderts nicht isoliert, sondern im Kontext der jüngsten Entwicklungen unseres digitalen, globalen Onlinezeitalters zu betrachten sind, denn:

 

"Als soziale Ereignisse und als flüchtige Kunstformen par excellence vermögen sie nicht nur das Wahrnehmungsdispositiv eines interaktiv-kommunikativen Zeitalters besonders prägnant zu spiegeln, sondern sie reflektieren zugleich die unter neuen Kommunikationsbedingungen entstandenen Erzählformen und deren kulturelle Funktion." (S. 34f.)

 

Konsequent erklärt Tecklenburg das 'Narrative als Performanz' nicht nur zum Thema ihrer Studie, sondern zugleich zu ihrer Methode. Dadurch sollen zum einen die besprochenen künstlerischen Arbeiten in den Fokus gerückt werden, welche – da jenseits des traditionellen Stadt- und Staatstheaters angesiedelt – eine im Vergleich geringere mediale Beachtung erfahren. Zum anderen strebt Tecklenburg dadurch an, das Erzählereignis mit seiner ihm eigenen Dynamik und Qualität dem erzählten Ereignis gegenüber aufzuwerten und die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, "was sich im Erzählen ereignet und konstituiert, das heißt auf die Wirkungen, Effekte und Funktionen, die im Erzählvollzug realisiert werden" (S. 59). Es gelingt Tecklenburg, Theorie und Praxis miteinander zu verquicken, das Paradigma der wissenschaftlichen Objektivität zur Diskussion zu stellen und ihre Ausführungen gleichsam anschaulich, unterhaltsam und (zum Weitererzählen) anregend für den/die LeserIn zu gestalten.

 

Im Schlusskapitel von Performing Stories liefert Tecklenburg nochmals eine gründliche Zusammenfassung der einzelnen Kapitel sowie eine zusammenführende Formulierung der daraus resultierenden Thesen. Sie plädiert nicht nur dafür, die Praxis des Narrativen als epistomologische Dimension zu einem zentralen Anliegen in der Aufführungstheorie und Aufführungsanalyse zu machen, sondern ebenso dafür, die Prozesshaftigkeit und Performativität bei der Untersuchung narrativer Praktiken auch in der Erzähltheorie stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Tecklenburg weist darauf hin, dass sich eine performativ- und prozessorientierte Konzeptualisierung des Erzählens nicht nur für künstlerische narrative Aufführungspraktiken, sondern auch als "gewinnbringend für die Untersuchung von alltäglichen oder digital-interaktiven Erzählpraktiken" (S. 311) erweisen könnte.

 

Abschließend lässt sich festhalten, dass es sich bei Performing Stories um eine gelungene Studie gegenwärtiger narrativer Aufführungspraktiken handelt, in der es der Autorin gelingt, dichotomische Denkmuster wie 'Aufführung/Spiel vs. Narration' in Frage zu stellen und ihnen ihre Legitimität zu entziehen. Die übersichtliche und klare Strukturierung des Buches ermöglicht – trotz eines fehlenden Stichwortverzeichnisses – ein leichtes (Wieder-)Auffinden bestimmter Begriffe und Kernpunkte. Tecklenburgs Studie liefert neue Denkansätze, sowohl für Aufführungs-, als auch für Erzähltheorie, und ist dadurch nicht nur für TheaterwissenschaftlerInnen (und -macherInnen), sondern auch für LiteraturwissenschaftlerInnen anregend, die sich für zeitgenössische Erzählpraktiken und deren wissenschaftliche Neuperspektivierung interessieren.

 

Veröffentlicht am 29.06.2015 (Ausgabe 2015/1)

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