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Jens Roselt (Hg.): Regietheorien. Regie im Theater. Geschichte – Theorie – Praxis.

Berlin: Alexander 2015. ISBN 978-3-89581-344-3. 504 S. Preis: € 29,90 / € 23,99 (E-Book).

Rezensiert von: Konstanze Fladischer

Jens Roselts neuestes Werk Regietheorien. Regie im Theater. Geschichte – Theorie – Praxis lässt sich durchaus als Fortschreibung seiner 2005 erschienenen Publikation Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock bis zum postdramatischen Theater einordnen. Der Theaterwissenschaftler und Dramatiker, der seit 2008 als Professor für Theorie und Praxis des Theaters an der Stiftung Universität Hildesheim forscht und lehrt, fasst hier verschiedene Auseinandersetzungen mit der Berufsbezeichnung und dem Tätigkeitsprofil von RegisseurInnen aus knapp 200 Jahren in einem Band zusammen. Dabei lässt er die TheaterpraktikerInnen mit Originalbeiträgen selbst zu Wort kommen, die er jeweils zuvor kommentiert und historisch verortet. In ihren Abhandlungen hinterfragen die RegisseurInnen ebenso ihre Position im Theaterbetrieb wie sie persönliche Erfahrungen aus der Praxis mitteilen. Zusammen mit Jens Roselts wissenschaftlichen Erläuterungen geben die Texte der TheatermacherInnen ein umfassendes Bild von den historischen Entwicklungen im Theaterbetrieb und deren Auswirkungen auf das Tätigkeitsfeld der Regie. Auf diese Weise dient die Publikation dem besseren Verständnis einer künstlerischen und heutzutage in der Theaterrezeption als unabdingbar empfundenen Berufssparte.

 

Im Aufbau analog zu seiner früheren Veröffentlichung Seelen mit Methode, stellt Jens Roselt den Kapiteln zu den Regiepersönlichkeiten eine anschauliche und leserfreundliche Einführung voran. Diese enthält einen historischen Abriss der Theatergeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, wobei der Schwerpunkt deutlich auf der "Funktion von Regie im Inszenierungsprozess" (S. 16) liegt. Roselt arbeitet darin die einzelnen Strömungen und Ansätze heraus, die notwendig waren, um den SchauspielerInnen und Produktionsbeteiligten sowie dem Publikum Regie als zentrale Instanz einer Inszenierung bewusst zu machen. Wie in der Einleitung deutlich wird, wurde Regie nämlich lange Zeit nicht als künstlerische Beschäftigung aufgefasst, sondern mit Aufsichtsfunktionen und Verwaltungsaufgaben verbunden. Vielfach waren es die AutorInnen der aufgeführten Stücke und/oder SchauspielerInnen, die für den Inszenierungsprozess verantwortlich waren. Dementsprechend wurde Regie bis ins 20. Jahrhundert auch nicht zwingend als individuelle Leistung angesehen.

 

Fundiert und prägnant zeichnet Roselt in seiner Einführung die Entwicklungen des Theaterbetriebs im angelsächsischen Raum, in Frankreich und in Deutschland nach, um das Verständnis für den Regieberuf umfassend zu schärfen. Dabei geht er auf Wegbereiter wie z. B. David Garrick, Johann Gottfried Dyk, Ferdinand von Gall und Karl Leberecht Immermann ein, die zur Etablierung des Berufsbildes des Regisseurs beitrugen – sei es durch ihre Funktion als "stage-manager", ihren Anspruch an eine distanzierte Haltung zum Bühnengeschehen oder mit ihrer Idee von sogenannten "Musterdarstellungen", die stilbildend für weitere Inszenierungen sein sollten.

 

Schrittweise macht Roselt auf die unterschiedlichen Aspekte aufmerksam, die mit der zunehmenden Würdigung der Inszenierung als Kunstform einhergehen. Darunter fällt etwa das Konfliktpotential zwischen RegisseurInnen und SchauspielerInnen. Letztere fühlten sich durch den wachsenden Einfluss der SpielleiterInnen auf die Rollengestaltung in ihrem künstlerischen Selbstverständnis zurückgedrängt. Gleichzeitig verhalf die wachsende Bedeutung von Proben, die nicht länger als organisatorische Notwendigkeit, sondern als ästhetischer Prozess wahrgenommen wurden, zu einer Ausdifferenzierung des Berufsbildes.

 

Jens Roselt umreißt auf diese Weise bereits in der Einleitung das gesamte Spannungsfeld der Regie, von den Produktionsbedingungen bis hin zum veränderten Verständnis der Zuschauer, vom Handwerk hin zur künstlerischen Profession. Das Aufkommen ästhetischer Individualität im Regieberuf verortet er dabei zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt legen die RegisseurInnen eine zunehmend subjektive Haltung an den Tag und betonen das Schöpferische ihrer Regieleistung. Konsequenterweise taucht hier auch der Begriff des Regieeinfalls auf, der bis heute für Kontroversen sorgt. Anhand dieses produktionsästhetischen Begriffs macht Roselt die veränderte Rezeptionshaltung deutlich. Die künstlerische Inszenierungsleistung wird von nun an mit dem/der RegisseurIn verbunden, der/die als eigentliche/r UrheberIn des Bühnenwerkes rezipiert wird.

 

An die Einführung schließen die von Jens Roselt ausgewählten Primärtexte der RegisseurInnen an. Die einzelnen Kapitel widmen sich jeweils einer Person, von der eine oder mehrere Schriften vorgestellt werden. Den Originalbeiträgen stellt Roselt kurze Einleitungen voran, in denen er nicht nur relevante biographische Details zu den jeweiligen TheaterpraktikerInnen angibt, sondern auch Verbindungen zu anderen ausgewählten RegisseurInnen und deren Verständnis für das Bühnengeschehen aufzeigt. So gelingt es dem Herausgeber, die bereits in seiner Einführung angedeuteten Entwicklungsschritte punktuell zu vertiefen und detaillierter herauszuarbeiten.

 

Roselt setzt dazu im 19. Jahrhundert bei August Lewald, Franz Grüner und Herzog Georg II. von Meiningen ein. Des Weiteren nimmt er Überlegungen bekannter deutschsprachiger Theatermacher wie Max Reinhardt, Gustaf Gründgens oder Bertolt Brecht in seine Publikation auf. Doch auch andere Theaterpraktiker kommen bei Roselt zu Wort, wie etwa Carl Hagemann, Herbert Scheffler, Leopold Jeßner, Alfred Kerr und Otto Falckenberg. Darüber hinaus schafft er mit Texten von Adolphe Appia, Edward Gordon Craig, Konstantin Stanislawski, Wsewolod E. Meyerhold, Alexander Tairow, Jean Vilar, Richard Schechner, Anne Bogart und Katie Mitchell internationale Verbindungen und zeigt unterschiedliche Strömungen sowie Auffassungen von Regie als Berufsbild auf. Mit dieser Auswahl an Grundlagentexten gelingt es dem Herausgeber, einen Bogen von der Institutionalisierung des Theaters im 19. Jahrhundert bis hin zum Off-Theaterbetrieb bzw. zur freien Szene im 21. Jahrhundert zu spannen.

 

Die Zusammenstellung der Texte zeigt dabei die veränderten Rahmenbedingungen im Theater sowie deren Auswirkungen auf das Tätigkeitsfeld der Regie auf. Definierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts der Regieberuf überwiegend durch "das szenische Arrangement" (S. 129), so geht die Entwicklung des Tätigkeitsfeldes über die Funktion der RegisseurInnen als "beobachtendes Gegenüber" (S. 203) für die SchauspielerInnen, wie es etwa Max Reinhardt propagiert, hin zur "Anerkennung von Regie als Kunst des Theaters" (S. 238). Inszenieren wird ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr länger mit administrativen und organisatorischen Tätigkeiten gleichgesetzt, sondern als selbstständige, künstlerische Leistung aufgefasst.

 

Indem Roselt mit den Texten von Richard Schechner und Anne Bogart zusätzlich die Szene des Freien Theaters einbezieht, gelingt es ihm auf kollektive Arbeitsformen aufmerksam zu machen, mit denen seit den 1960er-Jahren auch ein gewandeltes Verständnis von Regiearbeit einhergeht. In "Produktionsgemeinschaften, die im Kollektiv arbeiten und damit eine politisch-emanzipatorische Motivation verbinden" (S. 397), werden RegisseurInnen nicht mehr länger als "stabile kulturelle Figur" (S. 398) aufgefasst. Viel eher teilen sie sich Zuständigkeiten und Verantwortung mit den SchauspielerInnen. Die hierarchische Struktur im Produktionsprozess wird damit aufgebrochen, wobei die Position des Regisseurs bzw. der Regisseurin nicht für überholt erklärt, sondern Regiearbeit vielmehr neu definiert wird.

 

Trotz dieser Vielfältigkeit lässt das Kompendium gegen Ende allerdings das Gefühl aufkommen, dass die Komplexität des gegenwärtigen Theaterbetriebs nicht mehr angemessen abgebildet werden kann. Während der Großteil der ausgewählten Texte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt, vermisst man einige bedeutende Namen des Gegenwartstheaters – darunter etwa Andrea Breth, Frank Castorf, René Pollesch, Rimini Protokoll oder She She Pop – in Roselts Publikation. Selbst Nicolas Stemann und Einar Schleef werden nur kurz in der Einleitung genannt, es finden sich aber keine Beiträge von ihnen in der vorliegenden Publikation. Die Zusammenstellung der Texte wird vom Herausgeber insgesamt nur wenig stichhaltig erläutert; man erhält demnach kaum Auskunft über die vorgenommene Schwerpunktsetzung. Stattdessen weist Jens Roselt darauf hin, dass die ausgewählten Texte "zumeist von Theaterpraktikern [stammen], die selbst als Regisseure oder Regisseurinnen gearbeitet haben und ihr Praxiswissen reflektieren. Nicht jeder erhebt dabei den Anspruch, eine Theorie zu formulieren. Dennoch sollen sie in den Kontext einer Theorie der Regie gestellt werden, insofern sie über die autobiografische Selbstauskunft hinausgehen und versuchen, den Produktionsprozess des Theaters zu systematisieren" (S. 65f.). Diese Worte lassen vermuten, dass viele der zeitgenössischen RegisseurInnen und Regiekollektive keine Aufnahme in dieses Kompendium gefunden haben, weil sie sich (bislang) nicht explizit in einem zusammenhängenden Beitrag mit ihrem Berufsbild und den Produktionsbedingungen des Theaters auseinandergesetzt haben.

 

Davon abgesehen ist Jens Roselts Publikation für einen ersten Einblick in das vielschichtige Feld der Regie ebenso geeignet, wie für die gezielte theaterwissenschaftliche Auseinandersetzung. Roselts Regietheorien. Regie im Theater richtet sich sowohl an theateraffine Interessierte, als auch an Lehrende und Studierende im theaterwissenschaftlichen Hochschulbereich sowie an Schauspiel- und Regieschulen. Die unterschiedlichen Originaltexte mitsamt den Anmerkungen des Herausgebers machen das Werk zu einer gelungenen Grundlage für weiterführende Reflexionen über den Berufszweig Regie.

 

Veröffentlicht am 29.06.2015 (Ausgabe 2015/1)

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