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Antje Budde (Hg.): Fiebach. Theater. Wissen. Machen.

Berlin: Theater der Zeit 2014. (Recherchen: 114). ISBN 978-3-943881-89-9. 320 S. Preis: € 22,–.

Rezensiert von: Thomas Ochs

In Fiebach. Theater. Wissen. Machen stehen die Zeichen auf Feierlichkeit. Die Herausgeberin Antje Budde kompiliert in diesem Sammelband Beiträge, in denen sich die Autoren und Autorinnen auf die Suche nach dem Leben und Denken von einem der vielseitigsten Theaterwissenschaftler überhaupt begeben: Hans-Joachim Fiebach wurde 1934 in Berlin geboren und war u. a. von 1987 bis 1994 Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft und Kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Überlegungen zu darstellerischen Kulturen des 20. Jahrhunderts in Europa und Afrika lassen sich in zahlreichen Monographien und Aufsätzen studieren.

 

Insbesondere sein vielfach formulierter und ausgedehnter Begriff der Theatralität bietet reizvolle Ansatzpunkte für theaterhistoriographische Forschungen: In seinem einprägsamen und sehr persönlichen Buch Inszenierte Wirklichkeit aus dem Jahre 2007 erarbeitet er eine Kulturgeschichte des Theatralen, in der gegenwärtige "Medieninszenierungen" (S. 6) im Vordergrund des Interesses stehen. Sein Standpunkt der Theatergeschichtsschreibung setzt jedoch voraus, dass das Gegenwärtige nicht ohne den analytischen Blick auf das Vergangene angemessen zu reflektieren ist. Fiebachs Theatralität hat stets mit diesem Rückblick auf die Kulturgeschichte zu tun. Sein theaterwissenschaftliches Denken dient jedem, der sich mit dem Fach, dessen Methodik und Begriffen auseinandersetzt, als Inspirationsquelle und Bezugspunkt. Die innovativen und vor allem politisch engagierten Praktiken, zu denen Fiebach anregen kann, sind Buddes Antrieb, Spuren seiner theaterwissenschaftlichen Praxis nachzuzeichnen.

 

In vielfacher Hinsicht ist das Buch Inszenierte Wirklichkeit die ideale Ergänzung zur Lektüre von Antje Buddes Sammelband, weil sich darin die Präzision und bedingungslose Begeisterung Fiebachs für sein Fach mannigfaltig widerspiegeln und gleichzeitig sein subjektiver Ton in besonderem Maße zum Ausdruck kommt. Grundsätzlich ist Fiebach. Theater. Wissen. Machen als Einladung zu verstehen, sich mit diesem Theaterwissenschaftler auseinanderzusetzen, ihn kennenzulernen oder die bisherige Begegnung mit ihm zu reflektieren – sei sie nun persönlicher oder rein theoretischer Natur. Insofern ist die direkte Lektüre seiner Texte über den Sammelband hinaus unerlässlich. Die Beiträge sind in fünf größere Abschnitte geordnet, die alle doch sehr eigenständigen Texte untereinander strukturieren. Radikales, Vertracktes, Gravuren, Machen und Zeitkapseln sind die Titel der Kapitel, unter denen sich unterschiedliche Aufsätze und Berichte finden, die alle in einer bestimmten Form auf Fiebach rekurrieren.

 

Sinnbildlich für die gesamte Publikation ist aus meiner Sicht der kurze Essay mit dem hegelianischen Titel Der Widerspruch ist die Regel für das Wahre von Andreas Kotte. Darin reflektiert der Professor und Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Bern seine Studienzeit an der Humboldt Universität u. a. bei dem noch jungen Theaterwissenschaftler Hans-Joachim Fiebach und die theatertheoretische Prägung, die ihm zuteil wurde. "Theater ist performativ, tut etwas mit Worten, sagt nur der, für den das vorher nicht inhärent war. Und was wäre dann nicht-performatives Theater?", fragt Kotte nicht ohne ironischen Unterton. Danach folgt eine bezeichnende Beschreibung von Fiebachs Denken: "Sein medialer Blick aufs Theater gehört zum Grundprinzip des Differenzierens. Das Fremde erklärt mir das Eigene. So berichtete er uns begeistert von einem Auslandsaufenthalt, bei welchem ihn die im Hotel verfügbaren dreißig Fernsehkanäle hinderten, abends einen Schritt vor die Tür zu setzen, was wir damals mit Kopfschütteln quittierten. Eine solche Offenheit des Horizonts, das Eine und das Andere zu mögen, vermisse ich manchmal, wenn ich lese, dass Menschen heute nur mehr medial miteinander kommunizieren könnten" (S. 167). Dieser Blick auf das Andere, dem Theater im ersten Moment Fremde, das Neue, bzw. vielmehr die Ganzheit der Kultur Betreffende, charakterisiert Fiebachs Verständnis von Theatralität. Relativität und Funktionalität sind für ihn dabei Begriffe, die Blicke auf den sich stetig wandelnden Gegenstand Theater auch stetig anders definieren lassen.

 

In ein Konglomerat von sehr unterschiedlichen und stets persönlichen Beiträgen sowie Zeitdokumenten sind ausgewählte Fragmente eines über fünfstündigen Gesprächs zwischen Antje Budde, Hans-Joachim Fiebach und Katka Schroth eingewoben, das am 03. und 15. Juli 2013 im Biergarten der Kiezkneipe Guido's am Prerower Platz 12 in Berlin-Hohenschönhausen aufgenommen wurde. Diese theatrale Veranstaltung folgte dem dramaturgischen Konzept, eine Diskussion für den Lesenden zu konstruieren, um ein bisschen Wissen über Fiebach zusammenzutragen für jene, die dieses Wissen noch nicht haben können. Auch aus dieser bewussten Konstruktion heraus entsteht zwischen den drei Protagonisten eine Komik, die dem Interview und somit dem ganzen Buch gut tut. Vierzehn Fragmente sind präzise und bewusst nicht chronologisch zwischen die Texte gesetzt und bilden einen roten Faden, der vor allem in Fiebachs Vergangenheit gräbt: seinen Begegnungen, seiner Arbeit, seinen Erfahrungen. Die kontrastreichen Interviewauszüge geben Einblick in seine Kindheit, seine Afrikaerlebnisse, seine Doktorarbeit zu Erwin Piscator und sein Multimediatheater bis hin zu einer Erfahrung mit dem Hussein-Regime. Der offene Rückblick auf einzelne Erlebnisse eines Lebens setzt die vielen persönlichen Erfahrungsberichte von den Begegnungen mit Fiebach und seiner Arbeit in Kontrast zu Fetzen seiner eigenen Lebensgeschichte sowie den engen Strukturen der DDR.

 

Ganz persönlich ist Fiebach. Theater. Wissen. Machen für mich der krönende Abschluss einer Entdeckungsreise durch die Texte eines Theaterwissenschaftlers, den ich zwar vom Namen her kannte, aber kaum gelesen hatte. Seinen hochkomplexen Schriften zur Theatertheorie und Geschichte europäischen wie afrikanischen Theaters ist zuletzt die bereits erwähnte Monographie Inszenierte Wirklichkeit gefolgt, die mich in meiner wissenschaftlichen Arbeit nachhaltig beeinflussen wird. Die collagenhafte und fragmentarische Form dieses Buches eröffnet Denkräume, die in der Geisteswissenschaft zu selten kreiert werden. Für mein Empfinden wird in diesem Buch Fiebachs dialektische wie systematische Konfrontation mit theatralen Vorgängen, ihrer Geschichte und ihren politischen Zusammenhängen zu einem Ergebnis unendlicher Inspiration. Antje Buddes Sammelband gelingt es, diverse Elemente von Fiebachs "vertrackt-phänomenalen Spuren" (S. 16) nachzuzeichnen und neben der ganzen theoretischen Begeisterung irgendwie einen Menschen vorzustellen, den ich gerne einmal kennenlernen möchte. Das Buch zeichnet ein Bild von Fiebach als Persönlichkeit und Wissenschaftler, indem es ihn als prägende Figur für zahlreiche Künstler und Künstlerinnen wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen offenlegt. Sein Denken hinterlässt Raum zur Interpretation. Sein Denken inspiriert und provoziert. Seine Arbeit und seine Schriften zeugen von der Bedeutung und Notwendigkeit theaterwissenschaftlicher Arbeit. Regine Herrmann bringt es in ihrem Beitrag Sich anderen Kulturen in Demut nähern auf den Punkt: "Die Künste brauchen die analytischen Schriften, die provozierenden Einsprüche, die realitätsnahe Pragmatik und die visionären Impulse von praxis- und prozessorientierten Wissenschaftlern wie Joachim Fiebach auch in der Zukunft!" (S. 48).

 

Veröffentlicht am 29.06.2015 (Ausgabe 2015/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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