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Robert Gugutzer/Barbara Englert (Hg.): Sport im Film. Zur wissenschaftlichen Entdeckung eines verkannten Genres.

Konstanz/München: UVK 2014. ISBN 978-3-86764-483-9. 296 S. Preis: € 41,–.

Rezensiert von: Brigitte Stocker

Der moderne professionelle Spitzensport ist eine Erfindung der Medien. Sportliche Events werden geschaffen, um Auflagen von Zeitungen zu steigern, Einschaltquoten zu erhöhen und Kinokassen zu füllen. Das sportliche Ereignis verlangt seinerseits nach medialer Aufbereitung; narrative Elemente müssen eingefügt, dem Publikum müssen Identifikationsflächen und emotionale Momente geboten werden – letztlich um Sponsoren anzusprechen. Sponsoren setzen ihrerseits auf die Erzielung eines Imagetransfers, um ihre Produkte zu bewerben.

 

Dies macht den Medien/Sport-Komplex im Prinzip zum idealen Objekt für interdisziplinär angelegte Forschung. Film- und MedienwissenschaftlerInnen, SoziologInnen und SportwissenschaftlerInnen haben bisher aber nur wenig Interesse an der medialen Aufbereitung des Sports gezeigt. Der Sportfilm ist deswegen ein Stiefkind der Kulturwissenschaften – oder im Speziellen der Filmwissenschaften – und das, obwohl der Sport per se außerordentlich starke filmische Elemente aufweist. Dass es sich um ein verkanntes Genre handelt, konstatiert der vorliegende Band Sport im Film von Robert Gugutzer und Barbara Englert schon im Untertitel. Der Tagungsband (die Tagung fand im Januar 2013 am Institut für Sportwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt statt) versammelt Beiträge von Sport-, Medien- und FilmwissenschaftlerInnen sowie SozialwissenschaftlerInnen, die das Ziel verfolgen, den Sportfilm als Objekt der Wissenschaft zu etablieren.

 

Als Grund für die Marginalisierung des Sportfilms vermuten die HerausgeberInnen seine außerordentliche Popularität beim Publikum. Kulturwissenschaften hätten demnach aus einem elitären Bewusstsein heraus Berührungsängste mit dem Phänomen Sport im Film. Als einem Bestandteil der Populärkultur werde dem Sportfilm nicht der gleiche akademische Ernst zuteil wie den Artefakten sogenannter Hochkultur. Dies sei besonders eklatant für den deutschen Sprachraum, in dem eine solche Unterscheidung vehementer postuliert werde. Dazu komme, so eine fortführende Vermutung, dass man in den Kulturwissenschaften im deutschsprachigen Raum Sport an sich argwöhnisch betrachte aufgrund der Verstrickung von Volksgesundheit und Körperkultur mit der Propaganda des Dritten Reichs. Das Ignorieren des Phänomens ändert aber nichts daran, dass Sport ein fester Bestandteil der Gesellschaft ist und deren Kultur beeinflusst.

 

In der Einleitung betonen die HerausgeberInnen, dass Sportfilme eine Vielzahl an Funktionen erfüllen, indem sie Normen, Werte, Identitätsflächen und Rollenbilder an das Publikum zu vermitteln versuchen. Natürlich diene der Sportfilm wie überhaupt der Sport an sich auch hervorragend als Symbol für die Leistungsgesellschaft. Wie sehr dies der Fall sei, könne man etwa anhand der aktuellen Dopingproblematik studieren. Da der Sportfilm also die gesellschaftliche Umgebung, aus der er stammt, reflektiere, sei es notwendig, dieses Phänomen gebührend zu analysieren. Dies postuliert der Band an mehreren Stellen: Sportfilme transportieren Wertvorstellungen einer Gesellschaft und nehmen so Einfluss auf die Konstruktion von Race, Class und Gender. Insofern ist es das Verdienst des Bandes, auf diese Lücke hinzuweisen und den Weg für weitere Forschung zu bahnen.

 

Die AutorInnen versuchen etwa, den Sportfilm als Genre zu beschreiben und Kategorien zu etablieren. Sie beschäftigen sich mit Pathos und Körperbildern. Andere Beiträge gehen der engen Beziehung von Medien und Sport bzw. der Verbindung von Sport, Filmindustrie und Politik nach oder untersuchen, wie der Sportfilm die jeweilige Gesellschaft reflektiert. Ein Fokus liegt dabei auf dem amerikanischen Sportfilm. Das mag daran liegen, dass Sport in den USA möglicherweise stärker noch als anderswo die Gesellschaft auf all ihren Ebenen durchwirkt. Der Sportfilm dient als Schablone für den Pursuit of happiness. Er konstruiert Mythen und Helden. Er zeigt Aufstiegsszenarien, in denen es dem Einzelnen gelingt, die Determinanten von Rasse und Klasse zu überwinden und den amerikanischen Traum zu leben. Für diese Art von Heldengeschichten, die zweifelsohne Werte der amerikanischen Gesellschaft transportieren, eignet sich vor allem der Boxfilm. Auf diesem Genre liegt auch der Schwerpunkt des Bandes. Anhand der Hexalogie der Rocky-Filme, die nicht nur in den USA einen fixen Bestandteil des kollektiven Bewusstseins darstelle, wird die Konstruktion einer gleichsam mythologischen Figur und ihr sozialer Aufstiegsdrang gezeigt. Gugutzer vertritt sogar die Auffassung, dass Rocky der bekannteste Sportheld der Sportfilmgeschichte ist. Dementsprechend detailliert ist die Untersuchung der Filme, in der auch eindringlich auf den Wandel des Heldenkörpers eingegangen wird.

 

Fast jeder hat die pathosgeladenen Bilder des geschundenen Boxerkörpers im Kopf und wer in den 1980er-Jahren damit aufgewachsen ist, kann sich gut daran erinnern, wie der Boxkampf des 'Italian Stallion' Rocky mit der sowjetischen Kampfmaschine Ivan Drago den Kalten Krieg symbolisiert hat. In diesem Band wird konstatiert, dass der Kampfsport sich generell besonders gut für den Film eigne; aufgrund der hervorragenden Darstellbarkeit der kampfsportlichen Bewegungen, seiner aggressiven Körperlichkeit und weil der Boxsport traditionell ein proletarischer Sport sei, der dem Athleten die Möglichkeit des sozialen Aufstieges biete. Dies bilde die Grundlage für Narrative, die den Weg nach oben aufgrund von Trainingsfleiß, Disziplin und Durchsetzungsvermögen zeigen und natürlich auch für pathetisches Scheitern. Doch nicht nur Rocky wird hier einer Analyse unterzogen, sondern auch andere berühmte Boxfilme wie Raging Bull oder Muhammad Ali, the Greatest, die in ähnlicher Weise Heldenmythen der amerikanischen Gesellschaft transportieren. Die Verankerung dieser Filme in der Populärkultur hat jedoch vermutlich dafür gesorgt, dass kulturwissenschaftliche Forschung es bisher nicht für nötig befunden hat, diese unter ästhetischen Gesichtspunkten zu untersuchen.

 

Etwas besser scheint die Forschungssituation bei den Sportfilmen von Leni Riefenstahl zu sein. Zwei Beiträge des Bandes untersuchen die Ästhetik der Olympia-Filme, insbesondere die Zeitlupe und die Bedeutung der Olympischen Spiele 1936 für die nationalsozialistische Propaganda.

 

Fazit: Ein lesenswerter Band, in dem SportwissenschaftlerInnen, die sich für die Soziologie des Sports interessieren, genauso fündig werden wie Film- und MedienwissenschaftlerInnen, die sich über ein verkanntes Genre informieren wollen. Vielleicht kann Sport im Film ja dazu beitragen, eine akademische Beschäftigung mit dem Phänomen des Sports in Medien und Gesellschaft zu forcieren.

 

Übrigens: Das Zitat "früher standen sich die Menschen näher; die Waffen trugen nicht so weit" stammt nicht, wie in dem Beitrag "In der Arena des Blutes und der Ehre" vermutet wird, von Karl Kraus, sondern gehört zu den vielen ihm fälschlicherweise zugeschriebenen Zitaten.

 

Veröffentlicht am 29.06.2015 (Ausgabe 2015/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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