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José van Dijck: The Culture of Connectivity. A Critical History of Social Media.

New York: Oxford University Press 2013. ISBN 978-0-19-997078-0. 240 S. Preis: £ 16,99.

und

Jonas Löwgren/Bo Reimer: Collaborative Media. Production, Consumption, and Design Interventions.

Cambridge, MA: MIT Press 2013. ISBN 978-0262019767. 208 S. Preis: $ 35,- / $ 25,- (E-Book).

Rezensiert von: Ramón Reichert

In den letzten Jahren sind zahlreiche Monographien und Anthologien veröffentlicht worden, die den Anspruch verfolgen, die sozialen Medien im Web 2.0 einer umfassenden Medien- und Kulturanalyse zu unterziehen. Sowohl das Web 1.0 als auch das Web 2.0 wurden als sozial relevante Medienumbrüche der Internetkultur verstanden. In dieser Periodisierung des Internets wurde oft ein richtungsweisender Indikator zur Bestimmung des gesellschaftlichen Wandels in Aussicht gestellt. In diesem Zusammenhang wurde in der einschlägigen Literatur die Vernetzung abwechselnd als diagnostisches Merkmal von gesellschaftlichen Transformationsprozessen, politischen Machtverschiebungen, ökonomischen Produktionsverhältnissen, Subjektivierung, digitaler Arbeit, Überwachung und Kontrolle, interaktiver Wertschöpfung oder medienkulturellen Konvergenzen beschrieben.

 

Auch José van Dijck versucht in ihrer im Jahr 2013 bei Oxford University Press publizierten Monographie mit dem Titel The Culture of Connectivity. A Critical History of Social Media den Stellenwert der netzbasierten Plattformen in Bezug auf die Genese und die Formation gesellschaftlicher Ordnungen auszudeuten und gliedert dabei ihren vielversprechenden Analyseansatz in zwei methodologische Perspektiven. Sie untersucht erstens die kulturellen Auswirkungen des technisch-infrastrukturellen Enviroments der sozialen Medien und versucht die dabei entstandenen Veränderungen zeitdiagnostisch zu fassen. Darauf aufbauend entwickelt sie zweitens innovative Methodenansätze, um die Ökonomisierung des Social Net sowohl kritisch-reflektierend als auch aus historischer Perspektive zu thematisieren. In den ersten beiden Kapiteln ihres Buches beschäftigt sich die Amsterdamer Professorin für digitale Medienkultur mit der Kultur der Konnektivität und thematisiert den Stellenwert der sozialen Netzwerkseiten bei der Konstruktion vernetzter Gesellschaften. Dabei geht sie der These nach, inwiefern Konnektivität und Kollektivität aus dem Medienumbruch der digitalen Vernetzung hergeleitet werden können. In diesem Sinne spielen die Vernetzungsmedien eine konstituierende Rolle bei der Bildung von Macht und treten folglich als eine Ermöglichungsmacht auf, deren Entstehung sie in der jüngeren Geschichte der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien verortet. Die digitalen Netzmedien haben nach van Dijck eine Ermöglichungsmacht in dem Sinne, dass sie den Kollektivitäten im Social Web die medial bedingte Fähigkeit verleihen, sich auf eine bestimmte Weise plural, anonym, widerständig zu verhalten. In konziser Rezeption der Software Studies, der Surveillance Studies und der Governmentality Studies schlägt die Autorin eine wissens-, medien- und machtanalytische Perspektivierung der Social Media vor und bettet die Teilphänomene der Social Media in eine kulturanthropologische Metatheorie digitaler Sozialität ein.

 

Konkret betrachtet sie die sich vernetzende Gesellschaft als einen Effekt der Verfahren, Möglichkeiten und Modalitäten der digitalen Vernetzungsmedien. Im ersten Kapitel "Engineering Sociality in a Culture of Connectivity" untersucht sie den Wechsel von der networked communication zur platformed sociality und kritisiert die in den sozialen Medien und den Portalen der Human Clouds vorherrschende Verwertungslogik der kollektiven Intelligenz, die grosso modo dem der Spieltheorie entlehnten Axiom der kollektiven Rationalität folgt, das davon ausgeht, dass kollektive rationale Lösungen auch die Summe des Einzelnutzens aller vorhandenen Spieler maximieren. Im zweiten Kapitel "Disassembling Platforms, Reassembling Sociality" versucht die Autorin, ihr Modell, das heißt ein Ökosystem konnektiver Medien (S. 18), auf techno-kulturelle und sozioökonomische Verhältnisse zu beziehen und vertritt die These, dass soziale Medien gegenwärtig zu einer primären Informationsbeschaffungs- und Wertschöpfungsquelle geworden sind, auf deren Grundlage individuelle Entscheidungen getroffen und kollektive Aktivitäten ermöglicht werde. Generell vermeidet sie aber eine technikdeterministische Position, sondern fragt immer auch nach der Strukturierung, Formierung und Kodierung von Sozialität – das sind praxisnahe Begriffe, die sie stets als einen offenen Prozess einführt und versteht.

 

Ihre Auseinandersetzung mit der rezenten und einschlägigen Literatur eignet sich hervorragend als Einstieg in den Gegenstand und bietet Studierenden eine gute Gelegenheit, sich mit den relevanten Frage- und Problemstellungen der Social Media Studies vertraut zu machen. Der Vorteil der leserfreundlichen Kompilation hat aber andererseits den Nachteil, dass sie selbst keinen eigenständigen, originellen Ansatz ausbilden kann. Die theoretische Rahmung der Case Studies (Kapitel 3–7) bleibt zusammenfassend und kumulativ und vermag kein theoretisches Alleinstellungsmerkmal auszubilden. Auch die versprochene historische Perspektivierung der sozialen Medien kann den bereits gegebenen Forschungsstand nicht überwinden und erarbeitet weder neues Material noch ist sie in der Lage, eine vielsprechende neue Kritikperspektive auf die angesprochene "Kultur der Konnektivität" zu entwickeln.

 

In ihren Case Studies der Kapitel 3 bis 7 konzentriert sich die Autorin auf die allgemein-verbindlichen Entwicklungen und Spannungsverhältnisse der technisch-sozialen Ökosysteme: Sie untersucht die sozial wirksamen Online-Plattformen Facebook, Twitter, Flickr, YouTube und Wikipedia und versucht in ihren Analysen die medienspezifischen Transformationen von sozialer Kommunikation herauszuarbeiten. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung, um das jeweilige soziale Medium in seiner spezifischen Medialität zu kennzeichnen. Im Argumentationsgang versucht sie, die sozialen Imperative der jeweiligen Medienumwelten pointiert und kenntnisreich in sozialkritischen Theorieangeboten zu verorten. In diesem Zusammenhang untersucht sie etwa die Trends und Entwicklungen von Konformität und geteilten Normen bei Facebook, den strategischen Zusammenhang von Partizipation, Konnektivität und Kommerz auf Flickr, die Widersprüchlichkeit zwischen Demokratie und Bürokratie auf Wikipedia und die Kommerzialisierung der Bewegtbildinhalte auf der Videoplattform YouTube. Der gemeinsame Nenner der differenzierenden Aufarbeitung der unterschiedlichen Online-Plattformen besteht in der Entwicklung einer theoretisch fundierten Kritikperspektive, die über bereits bekannte Thesen hinausgeht. Die Stärke des Buches liegt in seiner theoretischen Anschlussfähigkeit. Es versucht, die Theorieangebote der kritischen Diskursanalyse, der Culture Studies und der Machtanalytik auf die digitalen Ökosysteme zu übertragen, um eine Art politische Medienwissenschaft der sozialen Medien zu etablieren. Dieser kritisch-historisierende Ansatz ist mehr oder weniger gelungen, auch wenn kritisch eingeräumt werden muss, dass die von Dijck vorgelegte digitale Gesellschaftsdiagnose oft zu verallgemeinernd, vage und essentialistisch formuliert wird und dabei die kritische Schärfung des untersuchenden Blicks aus den Augen verliert.

 

Auch der 2013 veröffentlichte Band Collaborative Media. Production, Consumption, and Design Interventions der beiden schwedischen Medienwissenschaftler Jonas Löwgren und Bo Reimer versucht, Social Media in einem breiteren gesellschaftskulturellen Kontext zu verorten. Die Gliederung ihrer Arbeit ist sachlogisch, verständlich und aussagekräftig. Die einzelnen Kapitel stehen zueinander und zum Thema in einem klaren Zusammenhang. Auch die Methodenwahl wird konzise begründet und entspricht der leitenden Fragestellung. Im Zentrum ihrer Argumentation steht die Frage nach der kollaborativen Wirkungsmacht der sozialen Medien, die sie sozial schichten und dem Sozialen per se, den gesellschaftlichen Institutionen und den Formen der sozialen Tribalisierung zuordnen. Dabei verfolgen sie die grundlegende These, dass soziale Medien immer auch Navigationsräume darstellen, die qua Nutzung zur Implementierung eigenständiger und oft unkontrollierter Aneignungsweisen offen stehen. In enger Anknüpfung an die technologieorientierten Interface Studies interpretieren sie die digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien als eine rechner- und softwarebasierte Ermöglichungsmacht kollektiver Praktiken, die weite Bereiche unseres Alltagslebens dominieren. In der theoretischen Einfassung kollektiver Prozesse im Internet sehen sie im dritten Kapitel ("Researching Collaborative Media") die algorithmischen Standards, Normen und Protokolle als eine vermittelnde Instanz zwischen den kulturellen Praktiken und der technischen Infrastruktur an. In der Tradition medienmaterialistischer Ansätze und vor dem Theoriehintergrund der Science and Technology Studies fragen die beiden Autoren nach dem Stellenwert von kollektiven Schrift-, Sprach-, Bild- und Gedächtnissystemen, die von Programmen, Datenverarbeitungen und Datenbanken kooperativ produziert, prozessiert und analysiert werden und ununterbrochen neue Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten hervorbringen, die mithilfe unterschiedlicher Algorithmen berechnet und statistisch vermittelt werden können (S. 43). Dabei wird Software immer als ein historischer Wissensbestand verstanden, der seine eigene Geschichte aufweist und somit nicht nur technologischen Normen und Standards unterliegt, sondern ebenso sozialen, institutionellen und kulturellen Rahmenbedingungen. Die Prädikatisierung der Software als sozial konstituierende Macht bleibt aber begrenzt von der Umsicht, dass Geschichte nicht lückenlos geplant, sondern in unterschiedlichen sozialen Räumen und Kontexten nur als ein offener Prozess verstanden werden kann. Mit dieser Intervention eröffnen sie den zweiten Teil ihrer Arbeit und das vierte Kapitel "Collaborative Media and Society" (S. 47–68), welches den Zusammenhang von kollaborativen Medien und sozialen Dynamiken als offene Entwicklung untersucht. In Analogie zur Offenheit und Dynamik verteilter Netze entwerfen sie im abschließenden Kapitel "Insights and Conclusion" eine Denkfigur der Kollektivität, die sich konstitutiv der Identifizierung und der Repräsentation entzieht. Dieses Fehlen von Bestimmbarkeit wird von ihnen nicht zwingend als ein Mangel an Repräsentation aufgefasst, der sich positiv aufheben ließe, sondern als kritisches Potential, das zur Destrukturierung der Struktur der Zugehörigkeit selbst verwendet werden könne. Diese hochgradige Affinität zwischen der Topologie der verteilten Netze und der Machtfrage legt den Schluss nahe, dass die Machtanalyse der neuen Kollektivitäten der Gegenwartsgesellschaft immer auch eine Beschäftigung mit den Technologien der Vernetzung erfordert. Wenn die Interfacekultur und die Software-Architektur als konstitutive Bauteile der Figurationen von Machtbeziehungen geltend gemacht werden können, dann kann genuin von einer informationsästhetischen Verfasstheit von Kollektivität ausgegangen werden, "to characterize a design-oriented mode of knowledge production, integrating analysis and intervention in collaborative media research" (S. 43). Kollektivität kann in dieser Sichtweise als Machtnetz angesehen werden, das immer zugleich sozial und technisch verfasst ist. Bei dieser Denkfigur wird der freie und ungehemmte Fluss von Informationen durch die Zirkulation von freien und ungebundenen Inhalten und Diskursen überlagert und eine Strukturähnlichkeit zwischen dem Technologischen und dem Politischen in den Raum gestellt. In dieser Sichtweise sind menschliche und nicht-menschliche Akteure weder ontologisch noch methodologisch unterscheidbar: Beide sind Produkte von Relationen und Effekte von Netzwerkverbindungen. Mit dieser Perspektive kann die vorschnelle Hypothesenbildung, wonach Technologien soziale Praktiken einfach so 'konstituieren' würden, vermieden werden. Die Sichtbarmachung der Wissensprozesse und -prozeduren der sozialen Medien steht also vor der Herausforderung, das Verhältnis von Wissen, Technologie und Kollektivbildung nicht nur methodologisch, sondern auch methodisch näher zu bestimmen, ohne es dabei als deterministisches Zwangsverhältnis festzulegen.

 

Der Begriff der "digitalen Kollektivität"  (S. 69) verweist also darauf, dass Kollektivität vermittels der sozialen Medien im Web 2.0 konstituiert wird und dadurch überhaupt erst wahrnehmbar gemacht wird. Die technische Konstitution der Ein- und Ausschlussprozeduren digitaler Kollektivität findet sich sowohl grundlegend in den Anwendungsschichten als auch in der Schichtenarchitektur des Internets. Die für die nicht-hierarchischen und dezentralen Anwendungsarchitektur verantwortlichen TCP/IP-Protokolle basieren aber durchaus auf hierarchischen Ordnungsstrukturen, welche die Nutzung eindimensional machen und sich von daher immer auch im Spannungsfeld von flexibler Distribution und hierarchischer Restrukturierung verorten lassen können (S. 99). In dieser Hinsicht arbeiten die Autoren heraus, dass visuelle Navigationsräume nur vordergründig als herrschaftsfrei aufgefasst werden können, vielmehr schaffen sie eine Struktur der performativen Wirkmächtigkeit und der indirekten Kontrolle des Interaction Design in plattformspezifischen Medienökologien, wenn sie Nutzer "anrufen" und für eine kollektivierende "Interpellation" sorgen (S. 133). Die grafischen Navigationsräume der sozialen Netzwerke bilden ihrer Ansicht nach Merkmale der Orientierung und der Zugehörigkeit aus, welche die Mitglieder der Communities miteinander teilen. Als gemeinsam geteilte Kommunikationsformen migrieren die Anwendungen in das kollektive Gedächtnis und werden schließlich zum wiedererkennbaren Bilder- und Symbolvorrat, auf welchen sich die Mitglieder von virtuellen Gemeinschaften im Kommunikationsalltag beziehen, um sich untereinander auszutauschen (S. 161). In dieser Hinsicht stellen Löwgren und Reimer eine forschungspolitisch vielversprechende Überlagerung von Technologie, Medien und sozialer Nutzung in Aussicht und erarbeiten damit in ihrer Argumentation eine strategische Aufwertung des Interface Design, das als kultureller Apparat die politischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken des Web 2.0 zu regulieren vermag.

 

Beide Bücher beschäftigen sich mit den digitalen Vernetzungskulturen an der Schnittstelle von Online-Plattformen und mobilen Medien und sind gelungene Beispiele für eine produktive Zusammenführung von kulturalistischer und medienmaterialistischer Perspektive. Sie verstehen die Sozial- und Kulturanalyse von Nutzungspraktiken und die Medienarchäologie von digitaler Kommunikation nicht als unüberwindbaren Gegensatz, sondern als Chance, einen (längst fälligen) Perspektivwechsel auf neue theoretische Herausforderungen zu eröffnen.

 

Veröffentlicht am 29.06.2015 (Ausgabe 2015/1)

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