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Christiane Voss, Lorenz Engell (Hg.): Mediale Anthropologie.

München: Fink 2015. ISBN 978-3-7705-5799-8. 298 S. Preis: € 39,90.

Rezensiert von: Nicolai Glasenapp

Innerhalb der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wird die Anthropologie als sogenanntes 'kleines Fach' eingestuft. Bei allen pejorativen Implikationen sollte dieser Terminus nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei ihr um eine äußerst anschlussfähige und vielschichtige Fachrichtung handelt. Wollte man ihre Wissenschaftsgeschichte visualisieren, käme man nicht ohne die Darstellung von Verästelungen aus – dem entspricht, dass sich in mehreren der großen Wissenschaftsdisziplinen eigene Teildisziplinen herausgebildet haben, die konsequent anthropologische Aspekte in den Mittelpunkt stellen, darunter etwa die historische, theologische, philosophische oder auch die literarische Anthropologie.

 

Ein neu erschienener Sammelband, der als Resultat einer internationalen Tagung aus Jahr 2012 mit dem Titel "Was wär' der Mensch? Anthropologische Projektionen" und den Aktivitäten einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Bauhaus-Universität Weimar verstanden werden kann, und an dem namhafte Wissenschaftler wie Jan Assmann, Astrid Deuber-Mankowsky, Lorenz Engell und Christiane Voss beteiligt sind, erweist sich als Versuch, einen eigenen Zugang zu anthropologischen Fragen und Problemen aus Sicht der Medienwissenschaft zu profilieren. Dabei wird die entfaltete Betrachtungsweise von den Herausgebern als medienphilosophische ausgewiesen, welche als Erweiterung und Ergänzung des anthropologischen Wissenschaftsdiskurses durch die Geisteswissenschaften zu verstehen sei, habe der Schwerpunkt in den vergangenen Jahren doch vornehmlich bei den empirischen, beziehungsweise naturwissenschaftlichen Disziplinen gelegen.

 

Die Aufsätze der Publikation nehmen sich zahlreicher Themenkomplexe an, darunter unter anderem einer Medienanthropologie des Spiels (Astrid Deuber-Mankowsky), filmspezifischer Betrachtung (Lorenz Engell), bildender Kunst (Hanna Engelmeier), einer Kritik durch Komik an anthropozentristischen Sichtweisen (Christiane Voss) oder auch der Bedeutung des 'Tiermenschen' für die Anthropologie (Bernhard Siegert).

 

Zweifelsohne gelingt es den Beiträgen – einzeln wie in der Summe – die Legitimität und Bedeutung einer dezidiert medienphilosophischen Perspektive auf die Anthropologie unter Beweis zu stellen. Gleichwohl lässt sich konstatieren, dass sie in verschiedener Hinsicht noch den Radius und Umfang dessen ausloten, was eine mediale Anthropologie im Allgemeinen und zukünftig ausmachen könnte. Davon hebt sich etwa der von Leander Scholz verfasste Text ab, der – ausgehend von Hans Blumenbergs These aus dem Jahr 1966, wir lebten zwar in einer technischen Zeit, aber mit dem Selbstverständnis einer vortechnischen Epoche – die Leistung der Medienphilosophie als Beitrag zu ebenjenem adäquaten Selbstverständnis beleuchtet. Dies gilt ebenso für den Aufsatz von Erhard Schüttpelz, der die Notwendigkeit einer theoretischen Aufarbeitung von Medien und Interaktion aufzeigt. Und auch Lorenz Engell trägt zu einer theoretischen Reflexion bei, wenn er Anthropogenese und Anthropomedialität als menschliche und mediale Verschränkungen mit je spezifischen und charakteristischen Resultaten – in seinem Beispiel handelt es sich dabei um den Film – thematisiert.

 

Damit soll anderen Beiträgen zum Sammelband keineswegs ihre Berechtigung oder Qualität abgesprochen werden. Jedoch bilden solche Beiträge, die im Vergleich zu einer theoretischen Reflexion Beispiele und einzelne Phänomene in den Vordergrund stellen, insgesamt ein Übergewicht innerhalb des Publikationszusammenhangs. Damit werden die Angriffspunkte für eine mediale Anthropologie ersichtlich – etwa in Form typisch menschlicher und medial verfasster Praktiken wie jener des Darstellens, im Rahmen einer Verschränkung von Ästhetik und Humor zugunsten einer Kritik an einer anthropozentristischen Perspektive oder im Verhältnis von Mensch und Technik –, nicht so sehr hingegen ihre Prämissen und Grundlagen. Entsprechend ist das Vorhaben, eine mediale Anthropologie zu profilieren und ihr zu einer hörbaren Stimme innerhalb des anthropologischen Wissenschaftsdiskurses zu verhelfen, zu forcieren. Dass es sich dabei um ein lohnenswertes Vorhaben handeln dürfte, demonstriert der Band buchstäblich in mehrfacher Hinsicht. Eine vom 7. bis 9. Juli 2016 angesetzte wissenschaftliche Tagung in Weimar unter dem Titel "Medienanthropologische Szenen" dürfte ihren Teil dazu beitragen, dass das Forschungsfeld erweitert und vertieft wird.

 

Veröffentlicht am 22.03.2016 (Ausgabe 2016/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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