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Didier Plassard: Mises en Scène d’Allemagne(s).

Paris: CNRS editions 2014. ISBN: 978-2-271-07345-7. 383 S. Preis: € 59,–.

Rezensiert von: Eva Holling

Am Anfang von Mises en Scène d'Allemagne(s) steht ein Motto von Bernard Dort, der das deutsche Theater als bewundernswert bezeichnet, ein Eldorado, von dem man nur träumen könne – entsprechend beginnt der französische Sammelband zu deutschem Regietheater mit der Vorstellung, dass um 20:00 Uhr abends in der Bundesrepublik Deutschland nicht etwa die Tagesschau der Publikumsmagnet sei, sondern die Bühnen einer vielfältigen und einzigartigen Theaterlandschaft. So nimmt sich der Band vor, unterstützt von diversen Abbildungen, einen repräsentativen Überblick über Theaterproduktionen und -modelle aus der BRD und der DDR der letzten Jahrzehnte zu liefern. Dabei fokussiert er kein 'geteiltes Deutschland', sondern zwei Staaten mit verschiedenen Produktionsvoraussetzungen, deren Beziehungen sowohl formal als auch inhaltlich deutschsprachiges Theaterschaffen geprägt haben.

 

Es entstand ein Buch, das einen langen Vorlauf hatte; seine Beiträge wurden teilweise schon vor Jahren verfasst, mitunter kursierten bereits Zitate aus verschiedenen Aufsätzen daraus unter der Angabe "erscheint in …". Dies kann bereits als Anzeichen für die Notwendigkeit eines Bandes gedeutet werden, dessen Qualität nicht in schnelllebigen Kommentaren mit Verfallsdatum liegt, sondern in der Systematisierung und Analyse von Ansätzen und Ästhetiken. Der Band begreift sich mithin also als Beitrag zur Theater-Geschichtsschreibung. Damit liegt nun also dankenswerterweise endlich eine eingehende Auseinandersetzung mit deutschsprachigen Regietheaterpraktiken seit den 1960er-Jahren, ihren Tendenzen, Strukturen und Auswirkungen vor, die auf Deutsch bis dato fehlt.

 

Die Reihe, in der der Band erschienen ist, Les Voies de la Création Théâtrale, ist ein Organ des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), die sich der Grundlagenforschung verschiedener Bereiche widmet. Im Verlag der Organisation erschienen in der traditionsreichen Reihe seit 1970 bislang 25 Bände zu bedeutenden Themen und Personen des Theaters; der Herausgeber des Regietheaterbandes ist Didier Plassard, Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Montpellier 3. In zahlreichen Publikationen widmet er sich schwerpunktmäßig den Fragen von Regie und Dramaturgie im zeitgenössischen Theater, dem Verhältnis von Theater zu anderen Künsten und ihren Interferenzen sowie dem Puppen- und Marionettentheater in historischer Perspektive und im Hinblick auf dessen technologisch-avantgardistische Weiterentwicklung ins Heute. Seine Untersuchungsergebnisse zu deutschem Regietheater basieren auf einer jahrelangen Kooperationsarbeit mit theaterwissenschaftlichen Instituten, Kolleginnen und Kollegen in Deutschland. So verwundert es auch nicht, dass er für den Band prominente Namen der deutschsprachigen Theaterwissenschaft zu versammeln vermag.

 

Von deutscher und französischer Warte aus werden Grunddimensionen expliziert, d. h. die Beiträge bemühen sich um eine umfassende, systematisierende Herangehensweise, die einzelne bedeutende Personen und Phänomene beschreibt, aber darüber hinaus immer auch die Idee des Regietheaters geschichtlich und politisch verortet: "singularité" und "exemplarité" der Gegenstände werden gleichermaßen berücksichtigt. Dabei helfen der nachbarschaftliche Blick, der als ein Blick von außen fungieren kann, und der internationale wissenschaftliche Austausch bei dieser Systematisierung des Regietheaterbegriffes auf – kritisches, antiideologisches – Bildungstheater.

 

Der Band spricht damit eine Leserschaft an, die gleichermaßen im Überblick informiert werden als auch strukturell reflektieren möchte, was Regietheater als Begriff heute bedeuten und leisten kann. Er zeigt, auf welchen Formen die aktuellen, lebhaften Diskussionen im und um Theater durchaus noch immer basieren, auch wenn einzelne Personen möglicherweise in Vergessenheit zu geraten drohen und in der öffentlichen Wahrnehmung den Namen neuerer Generationen Platz machen müssen.

 

Didier Plassard stellt den profunden Beiträgen einige klar formulierte Prämissen voran, die die verschiedenen Aspekte zunächst bündeln und einen gemeinsamen Raum für die einzelnen, vertiefenden Untersuchungen eröffnen. So geht Plassard von der Beobachtung aus, dass es sich bei 'Deutschem Theater' in Verbindung mit dem 'Deutschen Staat' um eine späte Angelegenheit handelt, die im 18. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit dem Erstarken der Bourgeoisie im Zuge der Aufklärung entstand und bis heute in diesem Verbund gesehen werden muss. 'Regietheater' wird also zunächst als ein deutscher Begriff und 'Leitfaden' verstanden, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkommt und eine bedeutende Renaissance ab den 1960ern erlebt (in Durchsetzung und Erneuerung ebenso wie in Dekonstruktion), als Reaktion auf den Nationalsozialismus und den 'Muff' der 1950er-Jahre und Neu-Verhandlung des 'Bildungsauftrags' von Theater.

 

Die zur Debatte stehenden Regisseure, kaum Frauen, die ab den 1960er-Jahren ins Theater 'einbrechen', werden daher in ihrer Wendung gegen die Traditionen und besonders auch gegen nationalsozialistische Reste und Überbleibsel in der Gesellschaft dargestellt. Sie hinterfragen das Nachkriegstheater-System und entdecken Max Reinhardt, Leopold Jessner und Erwin Piscator wieder. Sie betreiben Aktualisierung und Relektüren des Repertoires, eröffnen Räume des Widerspruchs und der 'Frechheit', des Experiments, der Freiheit – und setzen so einen Standard, der nach wie vor auf deutschen Bühnen spürbar ist. Diese Impulse werden für BRD und DDR gleichermaßen angenommen, wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen und Bedingungen. Der Band verortet die Neuerungen und Ansätze des Regietheaters dabei konsequent in einem Universum künstlerischer und geschichtlicher Produktionsrealitäten und deren Interdependenzen, das am ehesten als 'deutsches' Charakteristikum in den Studien gelten kann: die Hauptreflexionsebenen Bourgeoisie und Pädagogik. Bedeutend sind dabei jedoch immer auch internationale Wechselwirkungen.

 

Die Untersuchungen fokussieren also Gesten der gleichzeitigen Autorität und des Revoltierens sowie avantgardistisch zu nennende künstlerische Techniken (wie z. B. die nach wie vor brisante Frage der Konfrontation von Bühne und Publikum, die Radikalisierung und Systematisierung von Strategien der Enttäuschung, Störung, Provokation, Ästhetik des Hässlichen), die in ihren Angriffen jedoch gerade ein präfiguriertes bourgeoises Milieu aufzeigen. Solch deutsches In yer face theatre (Aleks Sierz) steht so weiterhin im Dienste der Idee von Aufklärung und entsprechender Erziehung zur Mündigkeit.

 

Für solcherart Reflexionen schlägt die Lektüre in diesem Band drei Untersuchungsrichtungen ästhetischer Funktionen vor, die mithilfe des Begriffs des Dispositivs operieren, der in jüngster Zeit auch für die deutsche Theaterwissenschaft zentral zu werden verspricht. Zum Ersten ist vom "Dispositiv der Interpretation" die Rede, in dem eine Bewegung vom hermeneutischen Gestus der Inszenierung zum kritisch-subjektiven konstatiert wird. Zum Zweiten verweist das "Dispositiv der Kreation" auf die vielbeschworene Emanzipation der Bühnen vom dramatischen Text, während zum Dritten ein "Dispositiv der Erscheinung" das Spiel anvisiert, das theatrale (Re-)Präsentation in diversesten Formen und Verkörperungen anbietet und dabei, laut Plassard, immer wieder aufs Neue etwas aufruft zu erscheinen: l'humain.

 

Im Einzelnen enthält das Buch dazu folgende Beiträge:

In einem ersten Teil zu Produktionsbedingungen in Deutschland skizziert Henning Röper deutsche und europäische Theatergeschichte, Theater und Föderalismus, Finanzierungsmodelle, Stadt-/Staatstheater sowie Mitbestimmung im Theater und politische Relevanz des Theaters. Einzelne Positionen werden vertieft durch Laure de Verdalle (Theater und Wiedervereinigung), Henning Rischbieter (zum Schauspiel Bochum), Hans-Thies Lehmann/Patrick Primavesi (zur Geschichte des TAT Frankfurt), Ulrike Haß (Roberto Ciulli in Mülheim) und Nikolaus Müller-Schöll (über die Situation des Freien Theaters seit dem Jahr 2000). Unter dem Schlagwort Regietheater schreiben Didier Plassard und Christine Hamon-Siréjols über Peter Stein, Helga Finter und Philippe Ivernel über das Schaffen von Klaus Michael Grüber, Michael Raab zu Peter Zadek und Hans-Peter Bayerdörfer über Claus Peymann. Darauf aufbauend folgen unter dem Aspekt "neue Blicke und Macharten" Florence Baillet (noch einmal zur Wende), Sylvie Chalaye (über Thomas Ostermeier und die Baracke), Miriam Dreysse (zu Einar Schleef), Barbara Engelhardt (zu Frank Castorf) und David Roesner (zu Christoph Marthaler). Emmanuel Béhague schreibt zudem eigens über Beziehungs- und Inszenierungsformen von Texten (Andreas Kriegenburg/Dea Loher, Angela Richter, René Pollesch).

 

Vor diesem Hintergrund wird dann auch die Frage behandelt, ob nun Regietheater Teil postdramatischer Theaterformen sei oder doch eher umgekehrt – womit noch ein Ausblick auf die eher 'internen' theaterwissenschaftlichen Befindlichkeiten geboten wäre. Während es zum Verhältnis von Regietheater und Oper einige Schriften gibt, fehlt, wie gesagt, ein ähnlich systematisch-theaterwissenschaftliches Standardwerk zum Regietheater im deutschen Sprachraum. Es ist daher zu wünschen, dass der Band es (zum Teil wieder zurück) in eine deutsche Übersetzung schafft. Dabei könnte er um einen Beitrag zu Nicolas Stemann/Elfriede Jelinek und neuere Formen des Dokumentarischen ergänzt werden.

 

Veröffentlicht am 22.03.2016 (Ausgabe 2016/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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