Druckversion

Iris Roebling-Grau, Dirk Rupnow (Hg.): 'Holocaust'-Fiktion. Kunst jenseits der Authentizität.

Paderborn: Fink 2015. ISBN 978-3-7705-5505-5. S. 298. Preis: € 49,90.

Rezensiert von: Eva Waibel

'Holocaust'-Fiktion – zum überwiegenden Teil auf Beiträgen einer 2011 an der LMU München veranstalteten gleichnamigen Tagung basierend – unternimmt den Versuch einer aktuellen Bestandsaufnahme zeitgenössischer Ausformungen der Erinnerungskultur und der damit einhergehenden künstlerischen Darstellungen des Holocaust. Das beeindruckend breitgefächerte Spektrum unterschiedlicher künstlerischer Formate, Formen und Medien, bzw. deren aktuelle Verhandlungen des Topos Holocaust, wird von insgesamt 15 internationalen Wissenschaftler_innen aus verschiedenen Fachrichtungen anhand zahlreicher Fallbeispiele zu fassen versucht.

 

Die im Buchtitel vereinten Termini 'Holocaust' und 'Fiktion' und die dieser Kombination scheinbar inhärente Differenz werden von den Herausgeber_innen Iris Roebling-Grau und Dirk Rupnow in der Einleitung kontextualisiert. Sie begründen die Titelwahl so, dass einerseits der Schwerpunkt des Bandes auf der Darstellung des Holocaust läge und andererseits sowohl künstlerische Auseinandersetzungen von Zeitzeug_innen als auch von Nachgeborenen bis zu einem gewissen Grad immer an eben jener Schwelle von 'Fiktion' und 'Authentizität' angesiedelt wären. Wenngleich dies keine neue Erkenntnis ist, so sei, laut Roebling-Grau und Rupnow, doch ein deutlicher Wandel im Umgang mit dem Holocaust seit der Jahrtausendwende erkennbar. Der Zugang zu den Ereignissen des Holocaust läge "heute nicht mehr primär in der Kommunikation von Faktenwissen, sondern vielmehr darin, uns emotional mit dem, was der Genozid an den Juden in Europa war, zu konfrontieren. […] Es geht nach wie vor um Vermittlung, auch wenn diese anhand neuer Fiktionen geschieht" (S. 12).

 

Zur Untermauerung ihrer Argumente zugunsten fiktionalisierter Darstellungen des Holocaust in den Künsten führen Roebling-Grau und Rupnow Texte von Saul Friedländer und Terrence Des Pres ins Feld. Vor allem Des Pres' 1988 veröffentlichte, bahn- und Konventionen brechende Argumentation hinsichtlich einer sogenannten 'Holocaust'-Etikette,[1] die sowohl unrealistische Darstellungsweisen als auch das Lachen im Zusammenhang mit dem Holocaust untersagt, und die es dementsprechend zu unterwandern gelte, wird wiederholt und in verschiedenen Beiträgen aufgegriffen.

 

Die Beiträge sind drei unterschiedlichen Sektionen – 'Rahmenbedingungen', 'Gattungen' und 'Manipulationen des Authentischen' (I und II) – zugeordnet, wobei der seitenmäßig quantitative Fokus auf dem Letztgenannten und damit auf konkreten Fallbeispielen liegt. Die historischen Rahmenbedingungen aktueller Erinnerungskultur, für eine historische Kontextualisierung unabdingbar, werden von Christian Schneider, Michael Rothberg, Eva Pfanzelter und Dirk Rupnow abgesteckt. Christian Schneiders 'Überlegungen zur Fiktionalisierung der Erinnerung' widmen sich im (bundes-)deutschen Erinnerungs- und Gedenkdiskurs unter anderem der Frage der Zeug_innenschaft. Der Autor untersucht die Thematik von Zeitzeug_innenberichten bzw. den Prozess des Zeitzeug_inneninterviews, in welchem der/die Interviewer_in zum 'sekundären Zeugen', zum 'Ohrenzeugen' wird. Dieser Vorgang, der die Interviewer_innen als potentielle Sprecher_innen der Opfer legitimiert, sie genealogisch sozusagen zu Nachkommen macht, "ist letztlich kein Zeugen-, sondern ein Zeugungsprogramm" (S. 30), so Schneider. Die Problematik des Übergangs vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis – angesichts des unaufhaltsamen Sterbens der Zeitzeug_innen – könne deshalb nur über den Weg der 'Zweiten Zeugenschaft' bewältigt werden: "Um die Authentizität der Erzählung zu retten, muss ihr Subjekt fiktionalisiert werden" (S. 28).

 

Michael Rothbergs Artikel "Von Gaza nach Warschau" ist ein Plädoyer für eine transkulturelle Erinnerung und gegen "die Logik eines konkurrenzbetonten Erinnerns" (S. 37). Aufbauend auf den Thesen seines Buches Multidirectional Memory[2] setzt Rothberg literarische Erinnerungen an das Warschauer Ghetto zum israelisch-palästinischen Konflikt in Bezug. Dabei stellt er Beispiele der Instrumentalisierung und Sakralisierung von Erinnerungen an den Holocaust jenen anschaulich gegenüber, die eine multidirektionale Sensibilität innehaben, die "Geschichte als ein relationales Gewebe ähnlicher, aber nicht identischer Stoffe zu verstehen" (S. 43).

 

Eva Pfanzelter widmet sich in ihrem Beitrag verschiedenen "Holocaust-Repräsentationen im Netz" und damit dem "fluiden Beziehungsgeflecht zwischen Individuum, kultureller Erinnerung und medialer Repräsentation" (S. 65). Der Gefahr des Verwischens der Grenzen zwischen Fakt und Fiktion und der damit einhergehenden Befürchtung einer Trivialisierung des Holocaust begegnet Pfanzelter – in Anlehnung an die theoretischen Konzepte von Marita Sturken und José van Dijck – mit der Analyse beispielhafter Erinnerungsprojekte in den sozialen Netzwerken, wie zum Beispiel der fiktiven Facebook-Seite des neunjährigen Holocaustopfers Henio Zytomirski.

 

Dem wachsenden generationellen Abstand zum Holocaust und den damit verbundenen Veränderungen hinsichtlich Interpretation und Repräsentation der Ereignisse geht Dirk Rupnow in "Jenseits der Grenzen. Die Geschichtswissenschaft, der Holocaust und die Literatur" nach. Rupnow argumentiert anhand ausgewählter künstlerischer und wissenschaftlicher Erinnerungsprojekte für einen erhöhten Stellenwert von Geschichtswissenschaft, Literatur, Film und Kunst, wenn es darum geht, Korrektive "zu den Rationalisierungen und Glättungen, den abstrahierten Begriffen und beschwichtigenden Ritualen" (S. 98) im aktuellen Erinnerungsdiskurs zu finden.

 

Stephan Braese, Jonas Grethlein und Achim Saupe widmen sich den unterschiedlichen Genres der Holocaust-Fiktionalisierung und dabei konkret der Komödie, der Tragödie und dem Kriminalroman. Braese spürt dem Verhältnis literarischer Komik zum Holocaust und dem Status des "Holocaust als Komödie" im 21. Jahrhundert nach. Mit Verweis auf die Theorien von Freud, Hobbes, Bergson und Des Pres sowie Hinweisen auf Brecht, Kraus und (Heinrich) Mann untersucht er Tabubrüche der sogenannten 'Holocaust'-Etikette u. a. anhand von George Taboris Drama Kannibalen und Roberto Benignis La vita è bella. Im Kontrast dazu thematisiert Grethlein in seinem Beitrag das Tragische, bzw. die "mannigfaltigen Tragödien der Shoah" (S. 113) anhand je eines Beispiels innerhalb der literarischen Gattungen Drama (Charlotte Delbo, Qui rapportera ces paroles?), autobiographische Erzählung (Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz und andere Erzählungen), historischer Essay (Andreas Hillgruber, Die Tragödie der Deutschen im Osten) und fiktionaler Roman (Jonathan Littell, Les Bienveillantes) und stellt diese in Bezug zu Aischylos' antiker Tragödie Die Perser. Dem Mythos, der Kriminalroman würde die "Darstellung des Undarstellbaren […] in den Bereich der Unterhaltung, wenn nicht sogar des Trivialen" (S. 133) überführen, hält Achim Saupe in seinem Beitrag mit seiner Charakterisierung des Geschichtskrimis als "mehrfach codierte Authentizitätsfiktion" (S. 133) entgegen. 

 

Die Bandbreite der konkreten Fallbeispiele in der Sektion 'Manipulationen des Authentischen' (I und II) reicht von spielerischen Zugangsweisen innerhalb der Holocaust-Repräsentation über Graphic Novels bis hin zu Film und Literatur. Ernst van Alphens Auseinandersetzung mit dem 'Lego Concentration Camp Set' (1996) des polnischen Künstlers Zbigniew Libera und dem Dokumentarfilm Photoamator (1998) des ebenfalls polnischen Filmemachers Dariusz Jablonski zeigt unterschiedliche Facetten eines 'spielerischen' Zugangs zum Thema auf. Das diesen Projekten inhärente Brechen mit Tabus führt van Alphen auf einen Generationenwechsel zurück: "It is no longer enough to store and present this historical information."

 

Brett Ashley Kaplan analysiert in ihrem Beitrag "Um wen trauern wir?" das Werk des französischen Nachkriegskünstlers Christian Boltanski. Kaplans sehr persönliche Wahrnehmung und Interpretation seiner Fotoskulpturen, denen von Kritiker_innen und Zeitzeug_innen wiederholt eine historische Unbestimmtheit, wenn nicht sogar Verfälschung historischer Fakten angelastet wurde, mündet in einem Plädoyer für die ästhetische und kraftvolle Wirkung von Boltanskis Werken. Einen historischen Abriss über sogenannte 'Gegendenkmäler' in Deutschland gibt Bill Niven in seinen Ausführungen. Ähnlich wie in van Alphens Beitrag wird auch von Niven der Generationenwechsel in der Erinnerungskultur hervorgehoben, der sich Niven zufolge auch in diesen 'Gegendenkmälern' deutlich materialisiere.

 

Ole Frahms Beitrag zum "Holocaust im Comic nach MAUS" analysiert zwölf zwischen 2000 und 2012 entstandene Graphic Novels dahingehend, wie sie jeweils "die Erzählung der Vernichtung der Juden rahmen und darin die Grenze der Darstellbarkeit, die Erinnerungsspur und ihre Überlieferung thematisieren" (S. 202). Schneiders zu Beginn der Anthologie formuliertem Plädoyer für eine "Fiktionalisierung der Geschichte" schließt sich auch Axel Dunker in seinem Text "Zwang zur Fiktion?" an. Unter Bezugnahme auf den Buchenwald-Überlebenden Jorge Semprún und mittels Analyse zeitgenössischer literarischer Werke kommt Dunker zu dem Schluss, dass Literatur etwas leisten könne, "was dem reinen (authentischen) Dokument nicht möglich ist: eine immer wieder neue Wahrnehmung des Holocaust" (S. 233).

 

Christina Nord untersucht in "Hitler goes kaput" die Perspektivenverschiebung innerhalb des populären Kinos und legt einem Schwerpunkt auf Tarantinos vielbesprochenen Film Inglourious Basterds. Letzterer müsse, so Nord, vor dem Hintergrund einer Entwicklung betrachtet werden, die den Deutschen zunehmend "einen Platz unter den Opfern der Geschichte" (S. 261) zuweise. Tarantinos "konterfaktischer Geschichtsfilm" stünde den deutschen Kinoproduktionen (u. a. Napola, Der Untergang und Anonyma) diametral gegenüber: "Während in populären deutschen Filmen die Opferrolle immer nonchalanter übernommen wird, träumt Tarantino einen ganz anderen Traum. Bei ihm werden die Täter identifiziert und nachträglich kalt gestellt" (S. 265).

 

Dem in zahlreichen Beiträgen als Beispiel für fiktionale Literatur aufgegriffenen Roman Les Bienveillantes von Jonathan Littell widmen sich Iris Roebling-Grau und Annette F. Timm in ihren Ausführungen eingehend. Während Erstere sich auf eine Gegenüberstellung mit Texten Batailles konzentriert, gibt Timm abschließend eine prägnante und spannende Analyse des Romans mit Fokus auf die Thematisierung von Himmlers 'Lebensborn Projekt'.

 

Wenngleich Roebling-Grau und Rupnow einerseits eine beeindruckende Bestandsaufnahme aktueller künstlerischer Formen und Darstellungen des Holocaust zusammengestellt haben, so erscheint es andererseits frappierend, dass bei einem bewussten Fokus auf 'Darstellungen' des Holocaust die darstellenden Künste – mit Ausnahme des Films – in dieser Anthologie beinahe vollständig außen vorgelassen wurden. Der Schwerpunkt auf Literatur- und Geschichtswissenschaft ist der Herkunft der Herausgeber_innen geschuldet und führt leider zur Vernachlässigung performativer Repräsentationen des Holocaust. So bleiben exemplarische Analysen aus den Genres Film und Drama weitgehend reduziert auf die inhaltlichen Ebene und die spannenden Facetten performativer Darstellung werden beinahe vollständig ausgeblendet.

 

---

[1] Terrence Des Pres: Holocaust Laughter?, in: Berel Lang (Hg.): Writing and the Holocaust. New York/London: Holmes & Meier 1988, S. 216-233.

[2] Michael Rothberg: Mulitidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford: Stanford University Press 2009.

 

Veröffentlicht am 22.03.2016 (Ausgabe 2016/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

>zurück>>>