Druckversion

Norbert Otto Eke: Das deutsche Drama im Überblick.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2015. ISBN: 978-3-53424-773-8. 236 S. Preis: € 19,95.

Rezensiert von: Konstanze Fladischer

Die Ankündigung auf dem Buchrücken der neuesten Monographie Das deutsche Drama im Überblick von Norbert Otto Eke lässt Großes erwarten. Wie auf dem Umschlag zu lesen ist, will sich der Professor für deutsche Literatur an der Universität Paderborn in seiner Publikation dem Drama im Spannungsfeld von "Literatur und Theater, Textualität und Performativität" annehmen und folglich dessen "Gattungstheorie und Gattungspraxis" beschreiben, "ohne die Seite des Theaters aus dem Blick zu verlieren". Damit wird ein Bogen von den literaturgeschichtlichen Entwicklungen bis hin zur Umsetzung der Theatertexte auf der Bühne gespannt; ein Ansatz, der aufhorchen lässt, angesichts der Vielzahl literaturwissenschaftlicher Bücher, die sich mit der dramatischen Gattung beschäftigen.

 

Wie er in der Vorbemerkung präzisiert, geht es Norbert Otto Eke darum, das Drama nicht allein als sprachlich-fixierte Gattung anzusehen, sondern die Theatralität als Besonderheit mit einzubeziehen, denn weder der ausschließliche Fokus auf den Text noch die alleinige Konzentration auf dessen Ausgestaltung auf der Bühne könne dieser Kunstform vollkommen gerecht werden. Der interdisziplinäre Ansatz dieser Publikation wird hiermit offensichtlich. Zudem betrachtet der Autor Drama bzw. Theater "als Medien der Aushandlung von symbolischer Differenz, die sich zum einen in ihrer je eigenen Gegenwärtigkeit bestimmen, zum anderen selbst aber auch diese Gegenwärtigkeit (hier von Verhaltensmodellen, Wissensparadigmen, Geschichtsdeutungen, Individualisierungskonzepten, etc.) als kontingent erscheinen lassen" (S. 8). Die Kontextualisierung der Werke und der AutorInnen ist für Eke folglich unabdingbar. Demnach bietet sein dramengeschichtlicher Überblick auch zahlreiche historische, soziale und kulturelle Erläuterungen; die AutorInnen werden ebenso zeitlich eingebettet, wie auch einzelne Dramen im Kontext ihrer Entstehungszeit näher beleuchtet.

 

Sieben Kapitel unterteilen die Publikation und machen die Entwicklungen des deutschen Dramas chronologisch sichtbar. Unter dem Titel "Vorspiel: Drama und Theater von der Antike bis zur Frühen Neuzeit" werden die Anfänge des Dramas seit Aristoteles deutlich gemacht. Während das antike Drama, insbesondere die Tragödie, verhältnismäßig kurz abgehandelt wird, widmet sich der Autor in diesem Kapitel überwiegend dem geistlichen Spiel des Mittelalters und dem Übergang zum Humanistendrama. Dabei geht er ebenso auf die enge Verbindung von Kult und Spiel ein, wie er die theatralen Gegebenheiten der Simultanbühne oder die bühnenwirksamen Mittel des Jesuitendramas hervorhebt.

 

Der zweite Abschnitt behandelt die Frühe Neuzeit. In einem kurzen Abriss über die Geistesgeschichte des Barocks, in dem sich das Theater auf alle Lebensbereiche ausweitete, weist Eke auf das barocke Verständnis von der Unberechenbarkeit des Lebens und auf den Glauben an die Allmacht Gottes, der alle menschlichen Schritte lenkt, hin. Vor diesem Hintergrund verortet er das barocke Trauerspiel und die säkularisierte Tragödie, die das Tragische jeweils neu definieren und unterschiedliche Blicke auf den Wirkungsbereich von Herrschaft und Liebe werfen. Weiters nimmt sich der Autor der Komödienrezeption dieser Zeit an und beschreibt die Vielfalt derber Komik der Possenspiele, bei denen die Figuren Pickelhering, Harlekin oder Hanswurst im Zentrum stehen, bis hin zum barocken bzw. frühaufklärerischen Lustspiel mit seinem erzieherischen Nutzen.

 

Das anschließende Kapitel liefert unter dem Titel "Politik und Moral: Drama und Theater im Zeitalter der Aufklärung" eine umfassende Einführung in die geistigen und sozialen Denkpositionen des 18. Jahrhunderts. Ausgehend von Johann Christoph Gottscheds Theaterreform veranschaulicht Norbert Otto Eke in diesem Abschnitt die Entwicklung vom heroischen über das bürgerliche Trauerspiel bis hin zur literarischen Strömung des Sturm und Drang, jeweils unter Einbezug der sich verändernden Gesellschaftskonzepte. Das langsame Aufweichen der Ständeklausel, die Aufwertung der Komödie und die zunehmende Abkehr von den drei Einheiten gehören zu den dramenästhetischen Errungenschaften dieses Jahrhunderts, die der Autor hier sichtbar macht.

 

Darauf folgt der vierte Abschnitt unter der Überschrift "Drama im Zeichen von Klassik und Romantik". Darin wird zunächst das Konzept der ästhetischen Autonomie im Hinblick auf Kunst, Künstler und Rezipienten als wesentliche Konstante der Klassik herausgearbeitet. Nach einem Teilkapitel, das sich einzig und allein der Faust-Dichtung Johann Wolfgang von Goethes annimmt, kommt Eke auf das universalpoetische Drama der Romantik zu sprechen, das in dieser Epoche allerdings gegenüber der Gattung des Romans hintangestellt wurde.

 

Der nächste Abschnitt, "'Poesie der Gegenwart': Drama und Theater im Vormärz", beginnt mit einer etwas knappen Abhandlung über die Sonderstellung Kleists auf den Theaterbühnen um 1800. Sodann umreißt der Autor den Öffentlichkeitsanspruch des Theaters, das zwar zu dieser Zeit kulturell sehr geschätzt wurde, aber durch politische Überwachung bzw. Zensur und ökonomischen Druck in seiner Wirkungsmacht äußerst eingeschränkt war. Anhand Nestroys hebt Norbert Eke die Bedeutung des Komischen und Satirischen für das Drama in politisch wechselhaften Zeiten hervor. Besonderes Augenmerk wird in diesem Kapitel schließlich den beiden Autoren Christian Dietrich Grabbe und Georg Büchner geschenkt, deren Dramen zukunftsweisend werden sollten.

 

Bei der politischen und ästhetischen Zäsur des Jahres 1849 setzt das vorletzte Kapitel "Der Realismus und die Realität auf dem Theater. Drama zwischen Nachmärz und Moderne" ein. Hierin behandelt der Autor den Übergang vom Realismus zum naturalistischen Drama, der durch die realitätsnahe Abbildung des Hässlichen, Kranken und Leidvollen charakterisiert ist. Um 1900 verortet Eke schließlich die "Wendung vom 'Außen' zum 'Innen', [...] d. h. von der Darstellung der äußeren Wirklichkeit in ihrer sozialen Determination durch eine detaillierte Erfassung psychischer Empfindungen und Gestimmtheiten" (S. 170). Ab diesem Zeitpunkt werden die Formen und die oft parallel verlaufenden Strömungen so vielfältig, dass bei der Lektüre das Gefühl aufkommt, der Autor könne sie nur mehr kurz anreißen.

 

Dieser Eindruck verstärkt sich im letzten Kapitel, das bezeichnenderweise den Titel "Offene Enden: Drama nach 1945" trägt. Zwar werden durchaus die Entwicklungsstadien des dokumentarischen Theaters bis hin zu Rimini Protokoll oder Kathrin Röggla und die verschiedenen Arten aufgezeigt, mit der unmittelbaren Gegenwart auf der Bühne umzugehen; ebenso werden das epische Theater und die spezifische Dramatik in der DDR erwähnt. Doch die Phase des postdramatischen Theaters mit seiner Öffnung für nicht-theatrale Formen und neue Medien sowie die der gleichzeitig stattfindenden "Neodramatik" (S. 216) entpuppen sich als eine auf wenigen Seiten abgehandelte Aneinanderreihung von Autorennamen und Werktiteln. Die Vielfältigkeit der deutschen Gegenwartsdramatik wird somit von Eke nur angedeutet, die genauere Analyse einzelner Dramen sogar gänzlich weggelassen. Insofern löst sich das anfängliche Versprechen gegen Ende des Buches immer weniger ein, da gerade die Zeit, in der die Performancekultur zunehmend in die Textentstehung eindringt und dramatische Texte von Regisseuren während der Probenzeit oder im Laufe der Aufführungszyklen weiterentwickelt werden, zu kurz kommt.

 

Generell erkennbar an Ekes dramengeschichtlichem Überblick ist der Fokus auf die literarischen Strömungen und Gegebenheiten des deutschsprachigen Theaters, zumal manche österreichische AutorInnen und deren Beiträge zur Dramenästhetik gänzlich fehlen (u. a. Ferdinand Raimund, Werner Schwab) oder nur beiläufig erwähnt werden (wie Franz Grillparzer oder Elfriede Jelinek). Anzuerkennen bleibt jedoch die komprimierte Darstellung des Dramas in seiner jahrhundertelangen Entwicklung, die – wie im Vorwort zu lesen ist – ursprünglich sogar noch weit umfassender angelegt war und "aus verlagspolitischen Gründen um mehr als ein Drittel gekürzt werden musste" (S. 10).

 

Angesichts der Fülle von Fachtermini, Titeln und Autorennamen, die den Text äußerst dicht erscheinen lassen, helfen vor allem die Marginalien, den Überblick zu bewahren. Trotz dieser Hilfestellung stellt sich beim Lesen rasch das Gefühl der Überforderung ein, was insbesondere aus den komplexen Formulierungen des Autors resultiert. Aufgrund der sperrigen und oft holprig klingenden Syntax bedarf es während der Lektüre höchster Konzentration. Hinzu kommt das flüchtige Lektorat, das den Lesefluss immer wieder stört; "Woyzek" statt "Woyzeck" (S. 157) oder "wärden" statt "wären" (S. 189) sowie falsche grammatikalische Endungen sind nur einige der Beispiele für die mangelnde Endkorrektur. Zusammen mit dem Umstand, dass Fachtermini geradezu selbstverständlich verwendet werden, ließen sich als Zielpublikum nur bereits kundige Literaturwissenschaftler oder Theaterwissenschaftler ausmachen, denen Norbert Otto Ekes Publikation als Ergänzung zu anderen Dramendarstellungen dienen kann. Unerfahrenen Lesern als Einstieg in die Materie sei diese Publikation jedoch nicht empfohlen.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

>zurück>>>