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Salvatore Vendittelli: Carmelo Bene fra teatro e spettacolo. A cura di Armando Petrini.

Torino: Accademia University Press 2015. ISBN 978-88-97523-89-5. 153 S. Preis: € 14,–.

Rezensiert von: Gabriele C. Pfeiffer

Das 2015 erschienene Buch Carmelo Bene fra teatro e spettacolo (Carmelo Bene zwischen Theater und Schauspiel) reiht sich in einen Schwung von Publikationen ein, die nach dem zehnten Todestag des außergewöhnlichen italienischen Theaterkünstlers Carmelo Bene (1937–2002) – Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Filmemacher, Philosoph in einer Person – in großer Zahl auf den italienischen Buchmarkt kamen.

 

Das Besondere an diesem fast quadratisch gestalteten Buch ist einerseits die Konzentration auf die ersten künstlerischen Jahre von Bene, eine Phase, die sich vorwiegend durch skandalöse Theaterinszenierungen und -experimente auszeichnete. Andererseits sind es die Schwarz-Weiß-Fotografien, die einen Einblick in einige der Aufführungen bieten oder teils noch händisch illustrierte Werbeplakate dokumentieren. Und drittens ist die Attraktion des Buches der Autor selbst, der ein Zeitgenosse und Künstlerkollege von Carmelo Bene war. Herausgegeben und betreut vom Theaterwissenschafter Armando Petrini (DAMS in Turin) gelingt es dem Maler, Bildhauer und Bühnenbildner Salvatore Vendittelli (geb. 1927) eine gut strukturierte, chronologische und über Anekdoten hinausgehende Darstellung des künstlerischen Schaffens mit Fokus auf Bühnenbild und Ausstattung und damit einen speziellen Beitrag zur italienischen Theatergeschichtsschreibung der sechziger Jahre zu liefern.

 

Salvatore Vendittelli lernt Carmelo Bene Anfang der sechziger Jahre in Rom kennen, die beiden schätzten sich sogleich: "Ci fu subito una reciproca simpatia" (sofort kam eine gegenseitige Sympathie auf, S. 4). Ihre erste gemeinsame Arbeit war Gregorio. Cabaret 800 und bereits Seite 7 zeigt eine diesbezügliche Skizze Vendittellis aus dem Jahr 1961. Freundschaft und Arbeit halten über zehn Jahre an; aus dieser Erfahrung speist sich das Buch. Aus zeitlicher Distanz heraus entstanden, erfreut es sich einer klareren Sichtweise auf die Ereignisse, wenngleich immer wieder freundschaftlich verbundene Geschichten zwischen den Beschreibungen und Darstellungen der einzelnen Inszenierungen zu lesen sind. Der erzählerischen Dokumentation der ersten Aufführungen, angelegt in einzelnen Kapiteln, ist eine kleine, zweiseitige Chronologie ebendieser Aufführungen von Carmelo Bene 1961–1971 vorangestellt. Dass Bene nach dieser noch eng mit den "cantine romane" (Kellertheaterbühnen in Rom) verbundenen Zeit sowie erster Experimentalfilme – etwa große Shakespeare-Auseinandersetzungen, Klassikerzertrümmerungen –, poetisch-barocke Aufführungen auf großen Theaterbühnen vorgenommen und über weitere dreißig Jahre die italienische Theatergeschichte bereichert hat, bleibt angesichts des persönlichen Zugangs des Autors vorerst ausgespart. An der einen oder anderen Stelle auf den letzten Seiten wird dann schließlich darauf Bezug genommen bzw. klingt es retrospektiv doch durch: zum Beispiel wenn Vendittelli darüber reflektiert, dass Bene ab 1971 in Italien und international auf großen Bühnen Anerkennung gefunden hat, während er selbst das harte Leben eines Bühnenbildners mit Pendeln und wenig Gehalt zugunsten einer Lehrerstelle aufgab. Und auch das – natürlich – exaltierte Ende ihrer Freundschaft kommt zur Sprache.

 

Die Erzählungen und Dokumentationen der einzelnen Arbeiten Carmelo Benes in der genannten Dekade sind umfangreich, liebevoll, humorvoll und detailliert erzählt. Das Gedächtnis des Autors brilliert mit einzelnen Erinnerungen an Beteiligte, Gespräche, Entwürfe, Vorkommnisse und Abläufe während der Proben und Aufführungen, teils auch der Rezeption. Abgesehen vom ersten gemeinsamen Stück und der Entstehungsgeschichte von Benes Laboratorium, "era diventato in moda, un luogo di rottura" (es war en vouge, ein Ort des Bruchs, S. 25), reichen die Erinnerungen beispielsweise von Benes erstem Hamlet über den 'neuen Hamlet', Pinocchio, Benes Beschäftigung mit Majakovskij oder Manon, bis zur filmischen Umsetzung seines Romans Nostra Signora dei Turchi (Unsere liebe Frau von den Türken), zu Don Giovanni oder Faust oder Margherita (und noch ein paar anderen).

 

Benes Theaterschaffen seiner jungen Jahre ist hier ausführlich dokumentiert und vorgestellt und nicht nur mit verklärtem Blick beschrieben. Es finden sich auch verschiedene Rückschläge ("avevano negato il premio di qualità per Nostra Signora dei Turchi"; die Qualitätsauszeichnung für den Film Unsere liebe Frau von den Türken wurde abgelehnt, S. 112). Es wird also nicht nur eine Erfolgsstory erzählt, wenngleich die Anerkennung des Œuvres von Carmelo Bene bis zum Schluss aufrecht bleibt ("Carmelo Bene [...] ha scritto una pagina della storia del teatro e dello spettacolo italiano, compreso il suo 'rifiuto' tout court", Carmelo Bene ist Teil der Theatergeschichte und Geschichte des Schauspiels, einschließlich seiner Verweigerung tout court, S. 147). Parallel dazu erhalten die Lesenden Einblick in die Arbeiten und das Künstlerleben des Autors als Bühnenbildner und Maler sowie in die Verhältnisse des damaligen italienischen Kulturschaffens, das sich wie in anderen europäischen Ländern vorwiegend auf die Hauptstadt, also auf Rom, konzentrierte und damit Künstlerinnen und Künstler sämtlicher Sparten – auch jene des Theaters anzog ("Roma era la capitale di questo fermento"; Rom war die Hauptstadt der Kreativität, S. 145). Diese arbeiteten eng mit Galerien, mit Institutionen wie EIST (Ente italiano per gli scambi teatrali con l'estero; Institut für Theateraustausch mit dem Ausland), ETI (Ente teatrale italiano; Italienische Theaterabteilung des Kunstministeriums) und der Universität (Università di Sapienza) zusammen.

 

Vendittelli verweist bei seinen systematisch aufbereiteten Aufzeichnungen immer wieder auf Aussagen von Bene selbst. Vornehmlich werden dabei Benes Lebenserinnerungen, niedergeschrieben gemeinsam mit Giancarlo Dotto in La Vita di Carmelo Bene (Das Leben Carmelo Benes) herangezogen; teilweise werden sie auch eingebettet in Theatergeschichte, wie etwa L'avantguardia teatrale in Italia (Die Theateravantgarde in Italien) von Franco Quadri oder recht unauffällig mit Pressestimmen ergänzt. Dies ermöglicht, die Erzählungen – von der ersten Idee über die Umsetzung bis zu einer Aufführung – als Dokumentation und nicht nur als Memoiren Salvatore Venditellis zu verstehen. Ein Werk- und Namensregister am Ende ist neben dem chronologisch nach Aufführungen aufgebauten Inhaltsverzeichnis sehr hilfreich, ebenso die vom Herausgeber Armando Petrini verfasste Einleitung zum Gesamtkontext von Carmelo Bene fra teatro e spettacolo. Insgesamt ermöglicht diese Lektüre ein leichtes Eintauchen in die wilden sechziger Jahre des in Aufbruchsstimmung befindlichen Roms – geführt durch die Erinnerungen von Salvatore Vendittelli und entlang einer Aufführungsgeschichte des ersten Aufblühens eines der extravagantesten Theaterschaffenden im Italien des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Carmelo Bene.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

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