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Sabine Coelsch-Foisner/Joachim Brügge (Hg.): My Fair Lady – eine transdisziplinäre Einführung.

Heidelberg: Winter 2015. ISBN: 978-3-8253-6519-6. 184 S. Preis: € 35,–.

Rezensiert von: Martina Gruber

Seit seiner Entstehung sieht sich das Genre Musical mit dem Vorurteil konfrontiert, oberflächlich und lediglich auf finanziellen Erfolg ausgerichtet zu sein. Häufig mag diese Meinung wohl auch zutreffen. Doch in der rund 100-jährigen Entwicklungsgeschichte der Gattung gibt es ebenso Ausnahmeerscheinungen, deren inhaltlich-thematische Komplexität und raffinierte (Musik-)

Dramaturgie ein Gegenexempel statuieren. Eines der berühmtesten Beispiele ist My Fair Lady, dem nun ein ganzer Sammelband gewidmet wurde.

 

Wie bereits der Titel der Publikation My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung verrät, kompilieren die Herausgeber Sabine Coelsch-Foisner und Joachim Brügge hier Beiträge aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Die Idee, sich dem Stück des US-amerikanischen Autorengespanns Alan Jay Lerner (Buch & Texte) und Frederick Loewe (Musik) gleich aus mehreren Forschungsperspektiven zu nähern, entstand während eines Seminars zu My Fair Lady, das 2005 von den Herausgebern kooperativ am Mozarteum veranstaltet wurde. Im Zentrum der Untersuchung standen und stehen die Textvorlage von George B. Shaws Pygmalion und die Musical-Fassung von Alan Jay Lerner. Musikwissenschaftliche Analysen ergänzen die literatur- und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen. Infolge der verschiedenen fachspezifischen Herangehensweisen ergibt sich "ein weitaus differenzierteres Gesamtbild des Meisterwerks […], als es Einzelanalysen je leisten könnten" (S. VIII), wie die Herausgeber im Vorwort versprechen.

 

Beginnend mit der Entwicklungsgeschichte des Genres Musical spannen die sechs Beiträge einen Bogen über die Entstehung von My Fair Lady bis hin zur einzigartigen Partnerschaft des weltberühmten Autorengespanns Loewe/Lerner. Einen Schwerpunkt bilden im weiteren Verlauf die Auseinandersetzung mit der Metamorphose aus kulturwissenschaftlicher Perspektive sowie die linguistische Untersuchung von Sprachelementen in den beiden Textvorlagen. Mit einer musikalischen Formanalyse endet diese transdisziplinäre Einführung.

 

Zunächst verfasst Andreas Jaensch mit "My Fair Lady als Prototyp und Höhepunkt des Operetten-Musicals" einen historischen Abriss zur Entstehung des Musicals. Gespickt mit unterhaltsamen Hintergrundinformationen ermöglicht er Leserinnen und Lesern, gattungsspezifische Zusammenhänge rasch zu erfassen und das enorme Erfolgspotential des Werks zu deuten. Ein wesentlicher Faktor für letzteres bestehe laut Jaensch in der Adaptierung des Aschenputtel-Motivs, einem universal gültigen Thema. Es gehe hier um das Bestreben des Menschen, seinen sozialen Status zu verbessern, auf dem auch der oft zitierte 'American Dream' basiere. Ein kurzer formal-analytischer Exkurs zeigt weiters, wieso gerade dieses Stück als Symbiose von Operette und Musical gilt, also immer noch den Konventionen der (europäischen) Operette verhaftet ist und gleichzeitig sämtliche Song-Typen des jüngeren Genres Musical aufweist. Jaensch vergleicht in diesem Zusammenhang My Fair Lady schließlich mit einem weiteren Meilenstein der Musicalgeschichte, Bernsteins West Side Story, der ebenso zur Weiterentwicklung des Genres beigetragen hat.

 

Auf die Entstehung des Meisterwerks geht Gisela Maria Schubert in ihrem Beitrag "Sie schreiben Lyrics, nicht wahr? – Szenen einer Partnerschaft: Lerner und Loewe und die Entstehung von My Fair Lady" ein. Sie befasst sich mit der intensiven Zusammenarbeit von Frederick Loewe mit Alan Jay Lerner und arbeitet die Einzigartigkeit dieser Kooperation heraus. Detailliert beschreibt sie jene systematisch entwickelte Routine, die das Autorengespann für sich gefunden hat, um mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen möglichst zeit- und ressourcenschonend, vor allem aber Konflikte vermeidend zu arbeiten. Exemplarisch skizziert sie die Schöpfung des bekannten Songs The Rain in Spain, der nach Lerners eigener Aussage innerhalb weniger Minuten entstanden sein soll, und sie analysiert die Gemeinsamkeiten der Figur Henry Higgins mit dessen Darsteller Rex Harrison, dem die Rolle trotz fehlender Gesangsausbildung gleichsam auf den Leib geschneidert wurde.

 

Da im Zentrum der Handlung von My Fair Lady die Wandlung der Protagonistin Eliza Doolittle steht, ist das Motiv der Metamorphose auch für den Sammelband zentral. Nach eingehender Begriffsdefinition zeigt Sabine Coelsch-Foisner, dass sich die Metamorphose allerdings nicht nur im dramaturgischen Konzept des Werks – also in der Entwicklung der beiden Hauptfiguren Eliza Doolittle und Henry Higgins – offenbart, sondern sich dieser Aspekt bereits in der Entwicklungsgeschichte des Stoffes selbst finden lässt: Shaws Pygmalion, der auf Ovids Metamorphosen und deren zahlreiche Bearbeitungen zurückgeht, habe sich auf dem Weg von der Verfilmung bis hin zum Musical und wiederum zu dessen neuerlicher Verfilmung vielfach verändert. In diesem Prozess wurde der Stoff aus dramaturgischen Gründen immer weiter simplifiziert und die Protagonistin Eliza durch die Verknüpfung mit dem Aschenputtel-Motiv schließlich in eine märchenartige Figur verwandelt.

 

Mit den Textvorlagen von George B. Shaw und Alan Jay Lerner befasst sich Gabriele Linke in "My Fair Lady – Kulturgeschichtliche Transformationen". Sie nähert sich den Texten aus sozial- und kulturhistorischer Perspektive, vergleicht sie in Bezug auf Entstehung und Rezeption und stellt sie in ihrem historischen Kontext dar. So stehen Konventionen aus dem spätviktorianischen Zeitalter bei Shaw jenen der Nachkriegszeit bei Lerner gegenüber. Anhand prägnanter Beispiele zeigt Linke, wie sich geringfügige Änderungen des Textes auf dessen Bedeutung auswirken können oder wie Figuren über äußere Erscheinungen, wie z. B. Kleidung charakterisiert werden. Auch auf soziale Hierarchien, Geschlechterrollen, Einflüsse des Postkolonialismus und der Wissenschaft auf die Gesellschaft geht sie ein und unterlegt diese Aspekte mit aussagekräftigen Beispielen. Den Leserinnen und Lesern werden bislang nicht bekannte Zusammenhänge klar, wodurch eine deutlich differenziertere Auseinandersetzung mit der Thematik möglich wird.

 

"Elizas Englisch – die Darstellung sozialer und regionaler Variation des Englischen in Pygmalion und My Fair Lady" ist der Titel jenes Beitrages von Alexander Brock, der sich mit Elizas Cockney-Englisch auseinandersetzt. Im Fokus steht die Frage, ob Higgins' Forderung nach einer Standardsprache aus linguistischer Sicht überhaupt vertretbar ist. Außerdem führt Brock aus, welche Position der irische Einwanderer Shaw selbst in dieser Diskussion einnimmt, da er einerseits die Eigenart der Engländer kommentierte, "einander aufgrund ihrer Sprache zu verachten" (S. 116) und an gleicher Stelle den mangelnden Respekt eben dieses Volkes vor der eigenen Sprache kritisierte. Brock erläutert im weiteren Verlauf die Charakteristika des Cockney-Dialekts und zeigt anhand von lautmalerischen Beispielen, wie Shaw und Lerner Merkmale dieser Sprachvarietät anwenden und so die Charakterisierung einzelner Figuren verstärken. Gleichzeitig weist Brock allerdings darauf hin, wie selektiv die beiden Autoren hierin vorgegangen sind, um die Verständlichkeit zu wahren.

 

Im letzten Beitrag "Formale und analytische Aspekte der Musik in My Fair Lady" widmet sich Joachim Brügge der musikalischen Umsetzung des Textes von Alan Jay Lerner durch Frederick Loewe. Er erläutert anhand einiger ausgewählter Beispiele, dass My Fair Lady sich zwar an die Gattungskonventionen hält, deshalb aber noch lange kein eindimensionales Werk darstellt, und er betont, dass die Kompositionsweise aufgrund der musikalisch verschränkten Sujets besonders geistreich ausgeführt wurde. Loewe setzte Musik gekonnt als dramaturgisches Mittel zur Charakterisierung von Protagonisten oder ganzer Situationen ein, wie Brügge im weiteren Verlauf anhand zahlreicher Notenbeispiele darlegt. Abschließend resümiert der Herausgeber noch einmal: "In seiner Dichte und Komplexität an Sprachwitz, musikalischem Einfallsreichtum und dramaturgischen Pointen verkörpert My Fair Lady wohl auch einen frühen Prototyp eines artifiziell anspruchsvollen Musicals, wie dieses vor allem durch Stephen Sondheim in den letzten dreißig Jahren an Bedeutung gewonnen hat" (S. 174). Brügge positioniert das Werk somit gleichsam im Olymp des Genres.

 

All jenen, die dieses Musical schätzen, sei die Publikation wärmstens empfohlen. Die übersichtlichen Artikel mit ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven auf das Werk ermöglichen es, mithilfe anschaulicher Beispiele die Bedeutung einzelner Elemente zu erkennen. Sie geben reizvolle Hintergrundinformationen und Anekdoten aus der Welt des Show-Business wieder und befähigen dazu, soziokulturelle Kontexte, Entwicklungen und Konventionen im Stück wahrzunehmen.

 

Jenen Leserinnen und Lesern, die Eliza Doolittle hier zum ersten Mal begegnen, wird der Einstieg in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Musicals im Generellen und My Fair Lady im Speziellen erleichtert. Und selbst fachkundige Rezipienten werden Gefallen an diesem Sammelband finden, da man eine derartige Behandlung der Thematik leider nur selten findet. Außerdem umfasst der Anhang eine ausführliche Liste weiterführender Literatur aus den beteiligten Disziplinen.

 

Ein Tipp zum Schluss: Besonders ratsam ist es, vor der Lektüre dieses Sammelbandes nach Möglichkeit nicht nur die Texte von Shaw und Lerner zu lesen, sondern vor allem die Verfilmungen anzusehen. So sind visuelle und auditive Elemente nicht nur präsent, sondern es bereitet umso mehr Freude, praktisch "hinter die Kulissen" zu blicken und die gewieften Raffinessen eines der im Sektor Musiktheater erfolgreichsten Autorenteams zu entdecken.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

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