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Karen Barad: Verschränkungen.

Berlin: Merve 2015. ISBN: 978-3-88396-353-2. 224 S. Preis: € 21,–.

Rezensiert von: Sabine Prokop

Eine "bunt zusammengewürfelte Crew queerer Kolleg_innen – unter ihnen soziale Amöben, Blitze, eine Phantomspezies der Dinoflagellanten, Akademiker_innen (eine merkwürdige Gefährten-Spezies), und Atome" (S. 125) sowie meist die Quantenphysik (ohne Mathematik!) sind die Assistenz der US-amerikanischen Quantenphysikerin, Philosophin und feministischen (Natur-)Wissenschaftstheoretikerin Karen Barad. Ihr bei Merve erschienener Band Verschränkungen ist charakterisiert von ihrem Vorhaben, "innerhalb der Natur- und Technikwissenschaften daran zu arbeiten, dass deren rassistische, kolonialistische, sexistische, heterosexistische Geschichten beachtet und dadurch ihre aktuellen Funktionsweisen gestört werden" (S. 175, Herv. i. Orig.).

 

Auch Schrödingers Katze erhält ihren Platz. Was im Detail ein Quantensprung, ein 'Welcher-Spalt-Detektor' oder ein 'Quantenradierer' ist, empfiehlt sich selbst nachzulesen. Ebenso wie die quasi bühnenreife Inszenierung einer Diskussion zwischen Heisenberg, Bohr und Einstein, in der Einstein schlussendlich verärgert feststellt: "Oder noch schlimmer, dass nichts da ist, bevor es gemessen wird, als ob Messungen Dinge in die Existenz heraufbeschwören?"

(S. 96f.)

 

In der Übersetzung von Jennifer Sophia Theodor werden deutschsprachige Leser_innen in das Denken Karen Barads eingeführt: "Auseinandersetzungen mit Bohr, mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen Sozialkonstruktivismus und Realismus, von den frühen Formulierungen eines Agentischen Realismus zu[r] späteren Beschäftigung mit der Queerness naturwissenschaftlicher Befunde. Ebenso geht es um […] Interpretationen aktueller Entwicklungen der Quantenphysik im Verhältnis zum Denken von Jacques Derrida und damit auch um Fragen der Dekonstruktion, Textualität und Materialität von Sprache" (so Theodor in Barad 2015, S. 174), also Themen, die für die mediale Vermittlung welcher Realitäten auch immer höchst interessant sind. Neben einem ausführlichen und sehr aufschlussreichen Gespräch der Übersetzerin mit der Autorin handelt es sich um ursprünglich in den Jahren 1996, 2010 und 2012 veröffentlichte Texte, die in unterschiedlicher, zeitweise ausgesprochen kreativer sprachlicher Gestaltung die komplexen Inhalte auf verschiedenen Ebenen durchdeklinieren. So wird in der mehrfachen Begegnung mit Konzepten und Gedanken ein Verstehen, ein Aha-Moment, eine Anregung zu eigenen Gedanken unterstützt.

 

Der erste Teil des handlichen Merve-Bändchens – inhaltlich entpuppt es sich schnell als höchst anspruchsvoll – führt uns in radikaler Umarbeitung des traditionellen Konzepts von Kausalität unter anderem in Barads Agentischen Realismus ein, als "eine Alternative zu objektivistischen Ansätzen der Wissensproduktion, die das situierte Wesen von Wissen verleugnen, und zu sozialkonstruktivistischen Ansätzen, die die Wirksamkeit von Wissenssystemen ausblenden" (S. 58). Als Schlüsselkonzept stellt sie die Intraaktion vor, die – im Gegensatz zur Interaktion – anerkennt, dass "Ereignisse ihrer Intraaktion nicht vorausgehen, sondern aus ihr hervorgehen bzw. durch sie hindurchgehen" (S. 112). Ein Beispiel dafür wäre "das Quant, dieser winzige Riss, der weder in Raum noch in Zeit existiert" (S. 83). Beim sogenannten Quantensprung werden Raum und Zeit eben "intraaktiv in der Herstellung von Phänomenen produziert; weder Raum noch Zeit existieren als determinierte Gegebenheiten außerhalb von Phänomenen" (S. 156). In dem Zusammenhang geht es dann auch um Messgeräte wie den genannten Quantenradierer oder den Welcher-Spalt-Detektor.

 

Barad selbst gibt an, sie habe – als ursprünglich aus einer keineswegs sprachaffinen (Natur-)Wissenschaftsdisziplin stammend – sehr hart daran gearbeitet, mit den "den Geschichten naturwissenschaftlichen Fortschritts zugrundeliegen[den]" (S. 77) Erzählformen zu brechen. Sie will keine "Märchen vom kontinuierlichen Zuwachs und der Verfeinerung naturwissenschaftlichen Wissens im Lauf der Geschichte, [keine] Sagen vom Fortschritt von einer früheren zeitlichen Epoche zu einer späteren, durchbrochen von Entdeckungen, die den Weg aus dem Sumpf der Ignoranz und Ungewissheit hinausweisen, hin zu der Basis soliden, sicheren Wissens" (S. 77) erzählen, sondern ihre Leser_innen an einer "imaginären Reise" (S. 77) teilnehmen lassen: "das heißt eine des/orientierende Erfahrung der Un/Verbundenheit von Zeit und Raum, Verschränkungen von hier und dort, jetzt und dann, ein geisterhafter Sinn von Dis/Kontinuität, eine Quanten/dis/kontinuität, die weder völlig diskontinuierlich mit Kontinuität ist, noch in ihrer Diskontinuität völlig kontinuierlich, und auf jeden Fall nicht eins mit sich selbst" (S. 77f., Herv. i. Orig.).

 

Die Autorin versucht ihr "Verständnis von Quantenphysik anhand von Agentischem Realismus als interpretativem Rahmen auszuformulieren" während sie wiederum Quantenphysik verwendet, um ihre "Ausführungen zu Agentischem Realismus klarzumachen – nicht in einem Teufelskreis, sondern durch die Methode der Diffraktion"

(S. 178). Diese auch in vielen anderen Feldern – wie auch der Medienwissenschaft – anwendbare, sehr interessante und ergiebige Methode beruht darauf, "dass eine Theorie eine andere nicht ersetzt, sondern dass deren Einsichten vielmehr durcheinander hindurch gelesen werden" (S. 193). Wie sie selbst feststellt, erfordert jedoch das Herstellen und Lesen dieser "Diffraktionsmuster […] sorgfältige Aufmerksamkeit fürs Detail" (S. 203), was ich als an Quantenphysik interessierte Nicht-Physikerin nach der konzentrierten Lektüre der Verschränkungen nur bestätigen kann. Zeitweise empfiehlt sich ein Anpassen der Rezeptionshaltung, etwa indem dazu übergegangen wird, den Text quasi aus den Augenwinkeln, mit Unschärfe, eher assoziativ zu lesen und die Hoffnung, alles zu verstehen, aufzugeben – was in gewisser Weise sogar den Intentionen Barads entsprechen könnte, wenn sie meint, dass es neben der Kritik als "eine Art Optik […], ohne die wir nicht auskommen" können, einer "beidäugigen Sicht [bedarf], in der die andere Linse darauf fokussiert, Kreativität und wohlwollendes Lesen zu fördern und Neugier zu kultivieren" (S. 200). Nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Studierenden hebt sie hervor, wie wichtig es ist, zu zeigen, "wie sie die Risse finden können, die sogar in den am stärksten totalisierenden Systemen existieren, und wie sie lernen können, mit diesen Öffnungen zu arbeiten" (S. 201). Sie fragt, ob wir – und das gilt für alle Wissenschaftsdisziplinen – nicht besser die "Hoffnung auf die Konstruktion von Theorien […], die wahre Repräsentationen von unabhängiger Realität sind" (S. 14), aufgeben sollten, denn: "Warum wären wir überhaupt an einer solche Sache wie einer 'unabhängigen Realität' interessiert? Wir leben nicht in einer solchen Welt!" (S. 56)

 

Wir werden als Leser_innen eingeladen, "die Vorannahmen des […] 'Anthropozentrismus' aufzubrechen, und […] dadurch einen Raum für Reaktionen zu öffnen, das heißt, das Andere einzuladen, zu antworten, indem man sich selbst aufs Spiel setzt und somit den Schritt geht, der notwendig ist, um wirklich eine Antwort auszuarbeiten. Dabei geht es auch darum, (ein bisschen) vom Gewicht der eingekrusteten Schichten nichtmenschlicher Unmöglichkeiten zu entfernen (oder zumindest ein Loch hineinzubohren und ein wenig Luft zirkulieren zu lassen)" (S. 120f.). Dieses kleine, neue Loch auch in unser Wissen zu bohren, die interessanten Risse zu finden, dazu verhilft dieses Buch, das "naturwissenschaftlich die emanzipativen Bemühungen kritischer Sozial- und Kulturwissenschaften bestätigt" (S. 204).

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

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