Druckversion

Susanne von Falkenhausen: Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies.

Paderborn: Fink 2015. ISBN: 978-3-7705-5973-2. 270 S. Preis: € 34,90.

Rezensiert von: Sabine Prokop

Seit dem Aufkommen der Visual Culture Studies um 1990 in den USA und Großbritannien prägen eine Abgrenzungsrhetorik und der Kampf um die Deutungshoheit von visuellen Kulturen der Gegenwart das Verhältnis zwischen den Visual Culture Studies und der Kunstgeschichte. Susanne von Falkenhausen, emeritierte Professorin für Neuere Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Moderne an der Humboldt-Universität zu Berlin, setzt sich in ihrer Publikation Jenseits des Spiegels mit der Lektüre elementarer Texte aus beiden Gebieten auseinander und lässt diese Dynamik hinter sich. Das Sehen verbindet beide Wissenschaftsdisziplinen, es strukturiert "die Visualität der Visual Culture Studies ebenso grundsätzlich wie den Modus Operandi der Kunstgeschichte" (S. 15).

 

Beim ersten Durchblättern des Buches über Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies war ich etwas enttäuscht, dass es gar keine Bilder enthält, nur eine einzige, schlichte Grafik. Aber schon das detaillierte, sehr aufschlussreiche Inhaltsverzeichnis beruhigte mich wieder und ein Streifzug durch das Literaturverzeichnis versöhnte mich vollends, waren dort neben den von mir erhofften Quellen noch viele, viele mehr zu finden. Das abschließende Personen- und Sachverzeichnis versprach eine für die eingehende Auseinandersetzung oder auch nur die Orientierung im Thema Visualität hervorragend geeignete Publikation.

 

Im ersten der sieben Kapitel des Buches geht die Autorin auf die Kunstgeschichte ein, deren Textmaterial üblicherweise das Sehen als Voraussetzung ihrer Praxis unausgesprochen lässt. Sie wählte jedoch solche Texte aus, die von einem jeweils unterschiedlichen "Modell für die Blickbeziehungen zwischen Objekt (Kunstwerk) – BetrachterIn – KünstlerIn" (S. 20) ausgehen. Es handelt sich dabei um Erwin Panofskys Perspektive als symbolische Form (1927) und Ernst Gombrichs Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation (1960), die beide eine lange und kontroverse Rezeptionsgeschichte haben, auf die von Falkenhausen in ihrer kritischen Analyse eingeht. Mit Otto Pächts Methodisches zur kunsthistorischen Praxis (1977) folgt ein selten rezipierter Text. Weiters wird Michael Baxandalls Painting and Experience in Fifteenth Century Italy (1972) einer selektiven Lektüre unterzogen, ebenso wie Svetlana Alpers' The Art of Describing (1983), der als "Initialzündung für den Begriff der Visual Culture angesehen" (S. 21) wird. Den Abschluss der untereinander und gleichermaßen mit vielen anderen kunstgeschichtlichen Texten in Verbindung gebrachten Lektürebeispiele bildet Wolfgang Kemps Der Anteil des Betrachters (1983).

 

Das zweite, deutlich kürzer ausgefallene Kapitel ist den Visual Culture Studies gewidmet, die als junge Wissenschaftsdisziplin "noch keinen der Kunstgeschichte vergleichbaren Kanonisierungsprozess durchlaufen" (S. 23) haben und in einer kurzen Genealogie dargestellt werden. Da die für die folgenden sieben Kapitel ausgewählte Literatur auf den Blicktheorien von Sartre und Lacan aufbaut, wird im dritten Kapitel zu 'Gaze' eine Konzeptualisierung des Sehens anhand dieser zwei Autoren vorgenommen, mit Texten von Norman Bryson unter dem Titel "Das bedrohte Subjekt" und Margaret Olin im Abschnitt "Der böse Blick und ein Gegenmodell" abgerundet und durch ein Zwischenresümee abgeschlossen.

 

In "Visuality/Visualität: Das Sehen im kulturellen Feld", dem vierten Kapitel, fragt die Autorin zu einem Text von W. J. T. Mitchell "What is Visual Culture?", diskutiert mit Nicholas Mirzoff "Visualität als Ereignis" und kommt mit Mieke Bal, die "nie als Propagatorin der Visual Culture Studies im engeren Sinn aufgetreten ist" (S. 163), zu dem Schluss: "Sehen ist lesen" – der zugleich der Titel ihres Textes ist. Als verbindendes Element zwischen Bryson, Mirzoff und Bal wird die "Tendenz eines gewissen Präsentismus" festgehalten, bei Mirzoff sind es die "des faszinierten und manipulierten Konsumenten", bei Bal und Bryson die "des sehend lesenden Interpreten" (S. 171).

 

In Kapitel fünf, "Sehen als politische Ressource in den Visual Culture Studies", werden Brysons Text "Todd Haynes's Poison und Queer Cinema", der 1999 in Invisible Culture. An Electronic Journal for Visual Studies erschienen ist, und der 1992 publizierte "The Oppositional Gaze – Black Female Spectators" von bell hooks (deren Name leider nicht immer kleingeschrieben wird) einer eingehenden Lektüre unterzogen. hooks' Beitrag kam "aus der Filmwissenschaft, die spätestens seit Mulvey stark von feministischen Positionen geprägt war und sich intensiv mit Fragen der Betrachterpositionen und den Blickregimes auseinandersetzte" (S. 182). Als Gemeinsamkeit von Bryson und hooks benennt von Falkenhausen, die sich selbst als Feministin bezeichnet, "dass sie ihre Evidenzen aus den Elementen der Erzählung, des filmischen Plots holen" (S. 186), was sie als "methodische Folge der identitätspolitischen Agenda der Visual Culture Studies" (ebd.) bezeichnet. Die seit Stuart Hall theoretisierte "Gleichsetzung von Kultur mit der Produktion von Bedeutung und von visuellen Objekten als Orten der Repräsentationsolcher Bedeutung" (S. 186, Herv. i. Orig.) führe, wie sie explizit salopp kritisiert, zu einer "inhaltistischen Haltung gegenüber Gegenständen der Interpretation" (S. 187). Der darauffolgende "Integrationsversuch aus der Kunstgeschichte" folgt einem von Lisa Bloom 1999 herausgegebenen Reader zu den Visual Culture Studies und versucht, die Kunstgeschichte "mit den Blickkonzepten der Visual Culture zu erneuern" (S. 187). Gegen Ende dieses Kapitels versammelt die Autorin eine Menge aufgetauchter Fragen zu den Evidenzen und kommt zu folgendem Schluss: "Es gibt also kein Objekt, sondern Objekte, auf die sich Evidenzen beziehen müssen. Die Objekte wie die Evidenzen ergeben sich aus den Fragen, nicht umgekehrt. Beide sind nicht in dem Sinn objektiv, dass sie objekthaft da sind; sie sind extrem diskursabhängig und müssen konstruiertwerden" (S. 192, Herv. i. Orig.). Den Abschluss und quasi die Ergänzung dieses spannenden Kapitels bilden die "Evidenzen des Nicht-Sichtbaren", die sich mit Repräsentationspolitiken und Rassismen auseinandersetzen.

 

Das vorletzte Kapitel ist mit der Lektüre zweier Texte von Nicholas Mirzoff – einer aus dem Jahr 1998, der andere von 2011 – "Utopische[n] Blickregimes: Diaspora und Countervisuality" gewidmet, bevor im letzten Kapitel unter dem Titel "Fragen der Ethik: Sehen als wissenschaftliche Handlung" Dimensionen herausgeschält werden, die "zwischen den beiden Feldern Kunstgeschichte und Visual Culture Studies verhandelbar sind" (S. 223). Als Kernproblem hat sich die Frage nach "der Anerkennung von Alterität, von Fremdheit im Akt des Sehens herausgestellt" (S. 25, Herv. i. Orig.). "Wenn jedoch die Spannung zwischen dem interpretierenden Subjekt und der Fremdheit des Objekts wachgehalten wird, erzeugt sie eine Vermischung, welche die Kritikfähigkeit gegenüber jenen Macht- und Diskursverhältnissen wesentlich hervorbringt, aus denen unsere Gegenstände hervorgehen und in denen wir arbeiten" (S. 26f.). Diesen Auftrag können und sollten die interessierten Leser/innen in ihre eigenen Forschungen und Überlegungen und in ihr Agieren in der visuellen Gegenwartskultur mitnehmen.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

>zurück>>>