Druckversion

Angelika Baier/Christa Binswanger/Jana Häberlein/Yv Eveline Nay/Andrea Zimmermann (Hg.): Affekt und Geschlecht. Eine einführende Anthologie.

Wien: Zaglossus 2014. ISBN 978-3-902902-10-8. 484 S. Preis: € 24,95.

und

Käthe von Bose/Ulrike Klöppel/Katrin Köppert/Karin Michalski/Pat Treusch (Hg.): I is for Impasse. Affektive Queerverbindungen in Theorie_Aktivismus_Kunst.

Berlin: b_books 2015. ISBN 978-3-942214-21-6. 148 S. Preis: € 16,–.

Rezensiert von: L* Reiter

In Pyjamas und Bademänteln steht der 'Feel Tank Chicago' erstmals am 1. Mai 2003 auf der Straße und knüpft mit dieser Aktion an einen zentralen Slogan der zweiten Welle der Frauenbewegung an: Das Private ist politisch. Ebenso sind ihre/unsere Depressionen als "kulturell[e] und sozial[e] Phänomen[e]" (AuG, S. 58) politisch, indem sie "Machtverhältnisse in Alltagspraxen" (AuG, S. 125) übersetzen. Oder um es mit Sara Ahmed körperzentrierter zu formulieren und die Aussage auf verschiedene Gefühle auszuweiten: "Feelings might be how structures get under our skin" (IifI, S. 10).

 

Wie Gesellschaftsstrukturen unter die Haut gehen und welche Bedeutung Gender und Race dabei spielen, wird in zwei Sammelbänden der queeren Verlage Zaglossus (Wien) und b_books (Berlin) diskutiert. Dabei sprechen sich die Herausgeber_innen für die Produktivität begrifflicher Vielfalt und gegen eine "definitorische Unterscheidung zwischen unbewussten Affekten und bewussten Emotionen" (AuG, S. 16) beziehungsweise "gegen eine Vereinheitlichung des Affektbegriffs" (IifI, S. 14) aus. In der Diversität der verwendeten Begriffe und behandelten Themen – vom Nachleben der Sklaverei, dem Nicht-Trauern-Können bei rassistischer Gewalt durch den NSU, von queeren Communities als 'Armies of Lovers', der Toxizität von Blei in Kinderspielzeug, eingetragenen Partner_innenschaft als assimilatorischer Anerkennungspolitik sowie der geteilten Sorge um Affekte – überwiegt die Beschäftigung mit negativen Gefühlen. So stehen alltägliche Emotionen nicht nur in Verbindung mit "der traumatischen Gewalt der Vergangenheit" (AuG, S. 68), sondern sind gesellschaftlich ungleich verteilt und betreffen verstärkt People of Color und LGBTIAQ*.

 

Allerdings sind dies keine homogenen Gruppen, sondern es existieren auch innerhalb dieser Gruppen Differenzen wie Yv Eveline Nay anhand der eingetragenen Partner_innenschaft in der Schweiz festmacht: "Privilegiert wird die glückliche Kleinfamilie von gleichgeschlechtlichen Paaren in eingetragener Partner_innenschaft" (AuG, S. 152), welche zudem soziale Zugehörigkeit an den rechtlichen Nationalstaat bindet. Mit Mike Laufenberg kann dies als Spaltung der "Perversen in happy gays und unhappy queers" (IifI, S. 66) durch das neoliberale Sexualitätsdispositiv bezeichnet werden. Während die 'happy gays' in einem heterosexuell geprägten Konzept der Kleinfamilie deren Glücksversprechen nachjagen, sprechen sich die Autor_innen durchgehend gegen derartige Normierungen aus. Stattdessen affirmieren sie – wie Ann Cvetkovich und Karin Michalski in ihrem Videofilm The Alphabet of Feeling Bad – die Sackgassen: "Being at an Impasse is not always a bad thing" (IifI, S. 17). Vielmehr seien Gefühle "in ihrer Negativität […] transformativ für politische Praxen" (AuG, S. 30) und setzten der kapitalistischen Fortschrittslogik ein utopisches Potential entgegen.

 

Auf die Frage, wie mit der Negativität und den Erbschaften von AIDS und Sklaverei umzugehen sei, ohne "dass die Wunde als Identitätsbeweis fetischisiert wird" (AuG, S. 88), eröffnen die Beiträge Übersetzungsprozesse. Affekt und Geschlecht beginnt mit linguistischen Übersetzungen, indem es sechs zentrale Texte der Affect Studies von Sara Ahmed, Lauren Berlant, Mel Y. Chen, Ann Cvetkovich, Elspeth Probyn und Eve Kosofsky Sedgwick aus dem Englischen ins Deutsche überträgt. Dabei werden sogar Begriffe wie 'Othering', die sonst oft ohne Übersetzung Eingang in deutschsprachige Texte finden, als 'Veranderung' übertragen. Die Übersetzer_innen des Kollektivs 'gender et alia' weisen in den Anmerkungen zudem auf politische Kämpfe bei Bezeichnungen hin und stellen ihre Übersetzungen als Vorschläge explizit zur Diskussion. Mit dem Anknüpfen der deutschsprachigen Beiträge entsteht durch die "kulturelle Übersetzungsarbeit [ein] Begegnungsraum" (AuG, S. 42), der theoretische Konzepte in anderen politischen Kontexten weiterentwickelt. Gelegentlich führt dies im Sammelband zu sehr textzentrierten Lektüren, an anderer Stelle dienen die Ausgangstexte der drei Kapitel (Affektive Politiken – Politiken der Affekte; Affektive Grenzen und Durchlässigkeiten; Lektüren von Affekten – Affektive Lektüren) als Bezugspunkte in interessanten eigenständigen Argumentationen.

 

Die Übersetzungsprozesse sind jedoch nicht nur linguistisch und kulturell von Interesse, sondern beinhalten auch eine zeitliche Dimension, denn Affekte sind "eine Frage der Zeit/der Zeitigung" (AuG, S. 416). Sie verhandeln Verbindungen zwischen Vergangenem und Künftigem unter Bezugnahme auf Traumata und Utopien. Das Kino bietet nach Chris Tedjasukmana die Möglichkeit zu einer queeren Gegenöffentlichkeit, in der eine "affektive Produktion von neuen Zusammenhängen durch die Konfrontation mit vergangenen Auseinandersetzungen" (IifI, S. 30) stattfindet. Zugleich ermöglicht es, "Subjekte temporär von Handlungsimperativen und Identitätszwängen zu befreien" (IifI, S. 27) und ebnet den Weg für ein Verständnis von Communities, das nicht auf Identität beruht. An die Stelle einer Identitätspolitik oder der Berufung auf gemeinsame Erfahrungen tritt laut Laufenberg eine "geteilte Sorge" (IifI, S. 69) um negative Affekte. Entscheidend für das Community-Building ist die Rezeptionsweise. So eröffnet das Kino als Gegenöffentlichkeit ganz andere Möglichkeiten als das Fernsehen, das als Medium "noch immer in der Rezeption vorwiegend an den privaten/familiären Raum gebunden ist" (IifI, S. 113). Anschließen könnte hier die Frage, welche historischen Veränderungen die Entstehung neuerer Rezeptionsweisen wie Video-on-Demand mit sich bringt.

 

Allerdings beschränken sich die Beiträge in I is for Impasse vorwiegend aufs Kino, während der einzige filmwissenschaftliche Text in Affekt und Geschlecht – neben hauptsächlich literatur- und kulturwissenschaftlichen Beiträgen – eine Filmanalyse darstellt. Anja Michaelsen zeichnet die Ästhetik von Nos traces silencieuses (R: Myriam Aziza/Sophie Bredier, F 1998) nach, welche "weniger die Leiden der Protagonist_innen ausstellt, sondern stattdessen Räume unbestimmter Affektivität eröffnet" (AuG, S. 161). Sie verweist im ästhetisch orientierten Artikel darauf, was affektwissenschaftlich ausgerichtete Ansätze ermöglichen: Sie verschieben nach Laufenberg den Fokus von einer "molare[n] Organisation repräsentierbarer politischer Subjekte" der Filmcharaktere zu einer "molekulare[n] Ökonomie der Affekte und Begehrensströme" (IifI, S. 69) der Rezipient_innen.

 

Indem sie Körper als Schnittstellen von diesen mikropolitischen Kräften und makropolitischen Gesellschaftsstrukturen verstehen, eignen sich die Gender Studies besonders als Ausgangspunkt für Debatten um Affekte. Außerdem betonen sie die Unmöglichkeit einer unbeteiligten, objektiven Position und verweisen auf (die eigene) Situiertheit, wie Tedjasukmana ausführt: "Denn die Radikalität queerer Politik besteht anders als in einigen radikalen politischen Zusammenhängen nicht nur aus einer kritisch-reflexiven Erkenntnis, die Welt so und so verändern zu wollen, sondern zugleich aus einer Existenzweise, aus bloßem Sosein, wie man ist oder erscheint" (IifI, S. 25).

 

Das bloße Sosein findet auch Eingang in die Textproduktion, welche "die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Schreibens als Praxis künstlerischen Schreibens auszuloten" (AuG, S. 38) versuchen. Mel Y. Chen schildert, wie der eigene Körper von anderen oft als toxisch angesehen wird und wie Chen in der eigenen Intimität keinen Unterschied zwischen Liebhaberin und Couch macht. Abgesehen von Chens biografischem Schreiben und einem Witz[1] von Eve Kosofsky Sedgwick bleibt Affekt und Geschlecht jedoch einer akademischen Artikelstruktur stark verhaftet.

 

I is for Impasse bietet hingegen der Entfaltung von Affekten nicht nur eine wissenschaftlich-textliche Ebene. Der Band setzt sich nämlich aus wissenschaftlichen und künstlerischen Beiträgen zusammen. So versammelt er Spoken Word Poem, Gespräche, Interviews, künstlerische Arbeiten, das Transkript eines Videofilms, Memes und Fotos. Diese mediale Vielfalt wird dem Anspruch gerecht, Verbindungslinien zwischen Theorie_Aktivismus_Kunst zu schaffen, was im Untertitel durch den Unterstrich angedeutet ist. Dieser verweist auf ein "verbindendes Dazwischen sowie [auf] die Leerstellen und Zwischenräume" (IifI, S. 14).

 

Durch sein Layout regt das Buch zur Auseinandersetzung mit den Fragen an, welche Rolle Medien für die Entstehung von Affekten haben und welche medialen Formen sich für Affekte besonders eignen. Als Alternative zur Gestaltung eines Buchs ausschließlich mit Texten, welche Affekte vorwiegend semantisch zu fassen versuchen, wird dem Interview von Karin Michalski mit Heather Love beispielsweise eine Fotostrecke von vier kurz hintereinander aufgenommenen Bildern hinzugefügt. Diese zeigen minutiöse Veränderungen in der Mimik und Gestik von Heather Love und evozieren neben der semantischen auch eine affektive Ebene.Im "Impasse Archive" von Katrin Köppert und Karin Michalski wiederum tragen die Zwischenräume maßgeblich dazu bei, dass sich neue Verbindungen ergeben. Die Fotografien künstlerischer Arbeiten gehen über Seitenränder hinweg, die Bilder sind somit abgeschnitten, manche Bildstellen werden verdoppelt und die Grenzen neu gezogen. Sie sind nun nicht mehr durch den Bildkader bestimmt, sondern verflüchtigen sich, indem sie zum Hin-und-her-Blättern anregen und dadurch stärkere Verbindungen mit anderen Bildern schaffen. So entstehen durch die Gestaltung des Sammelbandes affektive Verbindungen zwischen Text, Bild und Leser_innen und führen, wie Tedjasukmana in Bezug aufs Kino formuliert hat, zur "affektive[n] Produktion von neuen Zusammenhängen" (IifI, S. 30).

 

---

[1] "Es ist wie im alten Witz: 'Genoss_in, wenn die Revolution erst einmal da ist, bekommen alle jeden Tag Braten zum Essen.' 'Ich mag aber gar keinen Braten, Genoss_in.' 'Wenn die Revolution erst einmal da ist, Genoss_in, wird dir der Braten schmecken.' Wenn die Revolution erst einmal da ist, [wirst du] definitiv zwanzig bis dreißig Mal am Tag heißen Sex haben wollen. […] Du wirst Deleuze und Guattari niemals sagen wollen: 'Heute Abend nicht, meine Süßen, ich habe Kopfschmerzen'" (AuG, S. 388f.).

 

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

>zurück>>>