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Ingo Kammerer/Matthis Kepser (Hg.): Dokumentarfilm im Deutschunterricht. (Film – Bildung – Schule, Bd. 1)

Hohengehren: Schneider 2014. ISBN: 978-3-8340-1415-3. 213 S. Preis: € 19,80.

Rezensiert von: Julia von Dall' Armi

Das Thema "Dokumentarfilm im Deutschunterricht" stellt bislang ein wenig beachtetes Forschungsgebiet im Bereich der durchaus prominent besetzten Mediendidaktik dar. Der 2014 von Matthis Kepser und Ingo Kammerer herausgegebene Sammelband unternimmt nun einen vielversprechenden Versuch, die bisherige Lücke zu schließen, indem er die Beiträge des Symposions Deutschdidaktik (2012) zusammenträgt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht und gleichzeitig eine neue Reihe unter dem Titel "Film – Bildung – Schule" begründet.

 

Die Publikation umfasst sieben Aufsätze von neun Autor/innen sowie ein ausführliches Vorwort: In der Einleitung thematisieren die Herausgeber das Desiderat "Dokumentarfilm in der Schule", dessen Analyse im Gegensatz zur der des Spielfilms in den Lehrplänen der Bundesländer noch keine Berücksichtigung gefunden habe und das Dasein eines "mediale[n] Nischenphänomen[s]" (S. 19) friste. De facto handele es sich aber um ein von Schüler/innen häufig rezipiertes Medium, fassbar anhand des häufigen Konsums von YouTube-Videos, Wettbewerbsshows und Scheindokumentationen. Dies mache es notwendig, die Wahrnehmung für die komplizierten Grenzverläufe zwischen Fiktionalität und Faktualität zu schärfen. Die Einleitung schließt mit einer systematischen und hilfreichen Übersicht zum "Faktualitätsvertrag" (S. 31), "interne[n] Authentizitätssignale[n] des Dokumentarfilms" (S. 33) sowie den Subtypen des Dokumentarfilms und gibt wertvolle Anregungen für eine mögliche Umsetzung im Lehrplan.

 

An die allgemeine Einleitung schließt Klaus Maiwalds Beitrag "ʹDas Überleben dieser wunderbaren Geschöpfe …ʹ – Tierdokumentation zwischen Information und Indoktrination" mit einer ausführlichen, beispielhaften Analyse zum Thema Wale. Giganten der Meere in Gefahr (2004) an. Maiwald liefert darin den Beweis für selektive und emotionalisierte Berichterstattung über die Meeressäuger und nimmt eine Auslotung des didaktischen Potentials vor. Mit dem Folgebeitrag "Schule im Dokumentarfilm" reflektiert Petra Anders das Unterrichtsgeschehen anhand des Inklusionsfilms Ednas Tag (R: Bernd Sahling, DE 2009) und zeigt auf, wie Schüler/innen vermeintlich objektive Informationen im Dokumentarfilm für wahrheitsfähig halten.

 

Matthis Kepsers vergleichende Interpretation zweier amerikanischer Dokumentationen thematisiert in der Folge die Amokläufe an amerikanischen Schulen und zeigt anhand eines Sequenzprotokolls die didaktische Anschlussfähigkeit der Dokumentarfilminterpretation auf. Claudia Pinkas und Andreas Seidler widmen sich anschließend den "Ästhetischen und kommunikativen Strategien im Wissenschaftsfilm", indem sie ausgehend von einer Typologie des Wissenschaftsfilms den Unterschied zwischen Forschung und Populärwissenschaft herausstellen und mit einer exemplarischen Analyse von Absolute Zero (R: Robert Lee, US 2007) die filmische Umsetzung von Wissen vorführen. In "Nichtfiktionale Literatur auf der Leinwand – Vom Sachbuch zum Dokumentarfilm" beleuchtet Anja-Magali Trautmann schließlich die Transformation autobiographischer Sachbuchliteratur anhand der Filme Auf der Suche nach dem Gedächtnis (R: Petra Seeger, DE 2008) sowie Lenin kam nur bis Lüdenscheid (R: André Schäfer, DE 2008). Einer nicht minder interessanten Nische widmet sich schließlich Matthias Pauldrach, wenn er "Paratexte des Spiel- und Dokumentarfilms im Deutschunterricht" am Beispiel des Trailers untersucht. Ulf Abraham beschließt den Sammelband mit grundlegenden Überlegungen zu "Vom Film zur Sprache – von der Sprache zum Film", die die Möglichkeiten und Grenzen von Filmen aus sprachdidaktischer Perspektive aufzeigen.

 

Die Lektüre von Dokumentarfilm im Deutschunterricht ist in jedem Fall sehr empfehlenswert: Durch eine geschickte Verknüpfung grundlegender Interpretationsfragen mit dem Genre des Dokumentarfilms wie auch bereichernder Detailinterpretationen eignet sich die Rezeption des Bandes sowohl für den interessierten Laien als auch die Expertin, der/die die Lektüre als große Bereicherung empfinden wird. Dabei ist zu konstatieren, dass die Beitragenden einen Schwerpunkt auf die Filmanalyse selbst legen und so ein grundlegendes Handwerkszeug für die Vermittlung dokumentarischer Filme im Unterricht bereitstellen. Die Beispiele sind als durchweg praxisnah anzusehen, denn das Filmmaterial lässt einen problemlosen Bezug zur Lebenswelt der Schüler/innen zu. Sinnvoll wäre in diesem Kontext eventuell noch die Erörterung rechtlicher Grundlagen für das Vorführen von Filmen im Unterricht gewesen. Dies schmälert aber nicht die hohe Qualität des Bandes, der darüber hinaus eine ausführliche Bibliographie mit wertvollen Tipps zum Weiterlesen enthält.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

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