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Robert Blanchet: Blockbuster. Ästhetik, Ökonomie und Geschichte des postklassischen Hollywoodkinos.

Marburg: Schüren 2003. ISBN 3-89472-342-4. 272 S., zahlr. Abb. Preis: € 20,40/sfr 34,40.

Rezensiert von: Gerald Singer

"Blockbuster" bezeichnete ursprünglich - zur Zeit des Zweiten Weltkriegs - eine Bombe, die mit einem Schlag ganze Häuserblöcke zerstören konnte (S. 132). Der Begriff wurde in den Fünfzigerjahren von Hollywood aufgegriffen und steht bis heute für die majoritäre Form eines Spektakelkinos, das durch standardisierte Erzählmuster, hohen (technologischen) Schauwert und aggressives, globales Marketing gekennzeichnet ist.

 

Robert Blanchet nähert sich dem Phänomen des "postklassischen Kinos", das im Wesentlichen jene neu formierten US-Großproduktionen (sog. Flaggschiffe!) nach Zusammenbruch des Studiosystems der Zwanziger- bis Vierzigerjahre umfasst, die bis heute für viele als Synonym für Kino gelten, aus unterschiedlichen, bereits im Titel seiner Publikation genannten Blickwinkeln: ästhetisch, ökonomisch und historisch. In drei umfangreichen Teilen, die, so ihr Verfasser, auch autonom gelesen werden können, werden "Veränderungen, Innovationen, Brüche, Reinstallationen und Kontinuitäten" (S. 9) aufgezeigt, sowohl innerhalb der Post-Ära als auch in Bezug auf "klassische" Filmproduktionen: "Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten [...] verändert. Vieles ist aber auch beim Alten geblieben oder stellt sich bei genauerem Hinsehen zumindest als nicht ganz so neu heraus, als es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag" (S. 242), so das Resümee des Autors.

Blanchet vertritt im ersten Kapitel "Ästhetik" die These, dass die vorherrschenden narrativen Strukturen der klassischen Hollywood-Ära nahezu ungebrochen bis in die Gegenwart hinein wirken. Um dies zu belegen, bedient er sich eines neoformalistischen filmwissenschaftlichen Instrumentariums (v.a. in Referenz auf David Bordwell, Kristin Thompson), das weniger an ideologiekritischen bzw. psychoanalytischen Lesarten interessiert ist, als sich "handfest" mit klassischen, kanonisierten Erzählmustern und filmtechnisch-stilistischen Patterns befasst. Die theoretischen Grundlagen dieses konstruktivistischen Ansatzes werden ausführlich nachgezeichnet und anhand zeitgenössischer Blockbuster wie Twister (1996), There's something about Mary (1998) oder Out of Sight (1998) exemplifiziert. Blanchet schließt aus seinen mit vielen anschaulichen Screen-Shots versehenen Analysen, dass, trotz zeitweiser Ausnahmeerscheinungen und Regelverstöße (z.B. Pulp Fiction , 1994), das "massentaugliche" Filmprodukt bis heute auf abgesichertem Terrain bleibt, die zumeist verdeckt agierenden narrativen Instanzen einen geschlossenen Aktionsraum konstituieren, in dem die Handlung vorwärts gerichtet ist und von einfachen, standardisierten und wiedererkennbaren Figurenkonstellationen und Konfliktsituationen getragen und bestimmt wird (vgl. u.a. S. 76f.).

"Die nachhaltigsten Veränderungen hat das Hollywoodkino sicherlich auf der ökonomischen und technologischen Ebene erfahren." (S. 242) Als Beispiele werden im zweiten Teil des Buches markante Zäsuren und Modifikationen im Produktions- und Distributionssystem Hollywoods nach der Krise der klassischen Major-Ära genannt: Ende der Fünfzigerjahre wird das "self-contained studio", das noch Stars, Produktionspersonal, –areal und Kinosäle durch dauerhafte Verträge an sich gebunden hatte, zugunsten eines "Package-Unit-Systems" zu Grabe getragen (S. 89). Folge ist eine Differenzierung in unterschiedliche Finanzierungsmodelle, die nicht als Unabhängigkeit von den neuen oder neu formierten Monopolisten zu verstehen ist. Mit zunehmender Globalisierung entstehen temporäre oder kontinuierliche Allianzen und Fusionen. Zweitverwertung über Fernsehkanäle, Video und DVD gewinnen an Bedeutung, um schließlich die größte Einnahmequelle zu bilden. Merchandising, Theme Parks und Promotionspartner aus verschiedensten Sektoren der Waren- und Werbewelt werden zu bedeutenden Mitspielern. Der Wirkbereich des Blockbusters wird in der Ära der Global Players über das Kinoerlebnis hinaus folgenreich erweitert, das Filmprodukt ist heute Teil eines weltumspannenden, komplexen ökonomischen Netzwerks.

Der dritte und umfangreichste Abschnitt zeichnet die Geschichte des "postklassischen Kinos" nach, wobei hier, wie schon in den vorangegangenen Kapiteln, auf ästhetische, ökonomische und technologische Wechselwirkungen, Zäsuren und Kontinuitäten Bezug genommen wird. Wieder werden der Kollaps des klassischen Studiosystems und dessen Auswirkungen thematisiert, u.a. im Kontext der "Paramount Degrees", die eine erste Destabilisierung der Majors bewirkten. Zudem zwingt das Medium Fernsehen das Mainstream-Kino dazu, sich einerseits mit der neuen Konkurrenz zu arrangieren und andererseits durch technologische Innovationen seine Stellung zu verteidigen (Breitwandformate, neue spektakuläre Aufnahmetechniken und Soundsysteme). Nach der kurzen Aufbruchsphase des "New Hollywood", die u.a. mit Spielberg und Lucas zwei wesentliche Proponenten des kontemporären Blockbuster-Kinos hervorgebracht hatte ( Jaws, 1975 und Star Wars ,1977), entwickelt sich das Hollywood-Kino hin zu jenem marktorientiert kalkulierten "Kino der Attraktionen" (vgl. S. 212ff.), das es ohnehin immer (auch) gewesen ist. Robert Blanchet verweist auf "High Concept"-Strategien der Achtzigerjahre, "einfache, prägnante, klar und schnell kommunizierbare Filmkonzepte und konkrete Handlungsmuster" (S. 158), aber auch auf die Frühgeschichte des Kinos: nicht oder nur rudimentär narrative Filme, die, einer Achterbahnfahrt gleich, damals wie heute körperlich offensiv ihr Publikum überwältigen (vgl. S. 218f.).

Den Abschluss bildet ein Kapitel über postmoderne Tendenzen im Kino, "doppelcodierte" und/oder selbstreferentielle Filmtexte, die sowohl auf diegetischer als auch auf metatextueller Ebene gelesen und interpretiert werden können (S. 226ff.). Zentrale Beispiel sind u.a. - wenig überraschend - Scream (1996) und Pulp Fiction (1994), aber auch Hitchcocks Rear Window . Inter- bzw. metatextuelles Kino, so der Autor, sei keine Innovation der letzten Jahrzehnte, aber "wie schon seit jeher basiert der globale Erfolg des Hollywoodkinos auf einer Kombination aus Schauwerten und leicht verständlichen Geschichten, die auch dort nicht verloren gehen, wo sie von Doppelcodierungen hinterfragt und ironisiert werden, und die mit ihrem universalen moralischen und emotionalen Appeal ein weltweites Massenpublikum anzusprechen vermögen." (S. 244)

Robert Blanchet bietet mit Blockbuster eine umfangreiche Annäherung an einen vielschichtigen Analysegegenstand, die zwangsläufig unvollständig bleiben muss. Sein Vorhaben scheint sich einem, so weit dies möglich ist, "objektiven", "wertfreien" Zugang verpflichtet zu haben, weshalb Kritik eher am Rande artikuliert wird, hier v.a. die Abflachung kontemporärer Filme im Vergleich zu ihren klassischen Vorgängern betreffend. Das Phantom "Kunstkino" oder "Arthouse" (und dessen Dialog mit dem "Mainstream-Film") geistert etwas schemenhaft durch diese Publikation. Jenen, die sich in die Basics einer sicherlich wichtigen, weil dominierenden Form des zeitgenössischen Kinos einlesen wollen, sei dieses Buch empfohlen.

 

Veröffentlicht am 20.07.2005 (Archiv)

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