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Robert Henke: Poverty and Charity in Early Modern Theater and Performance.

Iowa City: University of Iowa Press 2015. ISBN 978-1-60938-361-9. 198 S. Preis: $ 55,– bzw. ca. € 52,–.

Rezensiert von: Stefan Hulfeld

"Die grausame und heimtückische Armut hat mich zu einem Schatten werden lassen, missgestaltet und hässlicher als die Angst." Wie der Bänkelsänger Giovanni di Giorgio il Cieco haben viele Menschen unter Armut gelitten. Die Monographie von Robert Henke untersucht die Spuren des Elends und des Hungers im frühneuzeitlichen Berufstheater.

 

Große Gefühle, große Kunst und große Not sind die Zutaten romantisch aufgeladener Projektionen des historischen Wanderkomödiantentums. Dass Armut viele Komödiantinnen und Komödianten tatsächlich bedrängte, lässt sich auch historisch belegen. Es ist deshalb erstaunlich, dass das Phänomen der existenziellen Abgründe, welche die Herausbildung des neuzeitlichen Berufstheaters flankierten, nie in den Fokus einer Monographie rückte. Poverty and Charity in Early Modern Theater and Performance schließt diesbezüglich eine Lücke.

 

Methodisch ist die Studie von Robert Henke breit angelegt. Sie erforscht den historischen Kontext und interpretiert unterschiedliche Textsorten sowohl komparatistisch als auch hinsichtlich der Aufführungspraxis sowie eines zeitgenössischen Publikumsverständnisses. Transnational wird dieser Problemrahmen abgesteckt, der europaweit von ähnlichen Phänomenen, Haltungen, Verboten und Geboten geprägt ist. Die theaterhistoriographischen Untersuchungsfelder selbst betreffen hingegen den italienischen und englischen Sprachraum. Im letzterem bleiben die Werke von William Shakespeare der nahezu exklusive Untersuchungsgegenstand. Breiter gefächert sind die Untersuchungsgegenstände der italienischen Theatergeschichte, denn hier wird die Poesie der Jahrmarktssänger ebenso intensiv analysiert wie die Werke von Angelo Beolco detto Ruzante oder schriftliche Zeugnisse im Umfeld der Commedia dell'Arte. Die im letztgenannten Bereich vom Autor unter Beweis gestellte Fachkompetenz ist deshalb nicht erstaunlich, weil der an der Washington University in St. Louis lehrende Henke seit seinem 2002 erschienen Buch Performance and Literature in the Commedia dell'Arte als Spezialist genau dafür bekannt ist.

 

Die Monographie ist in sechs Kapitel gegliedert, die beiden ersten untersuchen die historischen Kontexte, die vier weiteren fokussieren jeweils auf eine Theaterform und die damit verbundenen Textsorten. Zunächst werden die "Historical Attitudes, Policies, and Practices" dargelegt, die vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit signifikante Verschiebungen erfahren haben. Zum einen unter wirtschaftsgeschichtlichen Faktoren, denn der allmähliche Übergang vom Feudalsystem zum Kapitalismus führte gegen Ende des 15. Jahrhunderts zu einer Verarmungswelle, die durch die steigende Zahl an Bettlern in den Städten sichtbar wurde. Die ehemals Leibeigenen, die im Zuge frühkapitalistischer Reformen zu Lohnarbeitern wurden, sahen sich bei den durch Missernten, Seuchen oder Kriegen verursachten Versorgungskrisen auf sich gestellt und strömten den Städten zu, wenn sie keine Beschäftigung mehr fanden oder schon verarmt waren.

 

Die Städte, entsprechende Gesetzestexte wurden in ganz Europa ab 1520 statuiert, begannen "legitime" von "illegitimen" Bettlern zu unterscheiden. Erstere wurden den Gemeinden zugeteilt und dabei allenfalls in ihre Herkunftsgemeinden zurückgeschickt, wo unter der Einbindung von Kirchen, Bruderschaften und Zünften ihre Versorgung gewährleistet sein sollte, letztere – da sie körperlich in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt zu verdienen – meist zu reduzierten Löhnen zur Arbeit gezwungen. In diesen Veränderungen machen sich die für die Zeit kulturhistoriographisch zu erwartenden Kategorien der fortschreitenden Rationalität, Disziplinierung und Institutionalisierung bemerkbar; zusätzlich formulierten die Humanisten aber einen Gedanken, der fortan die Haltung der Armut gegenüber bestimmen sollte. Galten im Mittelalter Reiche und Arme grundsätzlich als ökonomisch und moralisch komplementäre Existenzen im Sinne einer gottgewollten Ordnung, so begannen die Humanisten Armut als ein Problem zu begreifen, das es zu überwinden galt. Henke beschreibt unter Einbezug reicher Forschungsliteratur solche Verschiebungen ebenso pointiert wie präzise, ohne dabei Widersprüchlichkeiten zwischen allgemeinen Entwicklungen und regionalen Besonderheiten aus den Augen zu verlieren.

 

Das zweite Kapitel befasst sich mit jenen Katalogen, die in der jüngeren Kulturhistoriographie verschiedentlich diskutiert wurden (Basler Betrügnisse, Liber vagatorum, Speculum cerretanorum etc.) und die unter anderem durch die Aufzählung von spezifischen Bezeichnungen und Zuschreibungen die Gruppe der Bettler und Vaganten einer Binnendifferenzierung unterziehen. Henke widmet sich jenen Spezies, die theaterhistoriographisch relevant sind und beleuchtet dabei aus wechselnden Perspektiven eine Figur aus Shakespeares King Lear, die in gewisser Hinsicht die Lesenden durch die ganze Monographie begleitet, nämlich 'Poor Tom' oder 'Tom of Bedlam'. Diese von Edgar, dem legitimen Sohn des Grafen von Gloucester gespielte Maske lässt sich, wie Henke zeigt, zwar keiner historischen Kategorie zuordnen, sie vermag jedoch die in den 'Vagantenkatalogen' thematisierten theatralen Techniken in sich zu vereinen.

 

Das dritte, mit "Cheap Print and the Performance of Poverty" überschriebene Kapitel beschäftigt sich mit italienischen Drucken und Einzelblättern, die mit Jahrmarktsaufführungen jener Sänger in Verbindung zu bringen sind, die in der Regel selbst prekäre Existenzen fristeten. In diesem Feld haben einerseits Poeten wie Vincenzo Citaredo, Giulio Cesare Croce oder der eingangs zitierte Giovanni di Giorgio il Cieco glasklare Worte gefunden, um ihre Not zu beschreiben und anzuklagen, andererseits blühten in diesen Texten die Phantasien zum italienischen Schlaraffenland auf, dem "Paese di Cuccagna". In gewisser Hinsicht handelt es sich also um eine ganz besondere Facette des theatralen Verhandelns von Armut und Hunger, nämlich um jene, die den realen Mangel und drohende Zwangsarbeit in die Utopie eines Landes zu transformieren vermag, in dem Arbeit ohnehin verboten und darüber hinaus unnötig ist, weil dort gastronomische Abundanz und sinnliches Vergnügen harmonisch verschmelzen.

 

Diese Phantasie ist auch dem im vierten Kapitel umfassend diskutierten Autor und Schauspieler nicht fremd, dem Henke eine Sonderstellung in seinem Themenfeld einräumt: "No early modern playwright addressed the problem of poverty and hunger in such direct, sustained, and complex ways as did the Paduan Angelo Beolco, known as Ruzante" (S. 84). Henke plausibilisiert diese Einschätzung in seinem Ruzante-Kapitel, indem er einen großen Teil der überlieferten Texte diskutiert. Statt des Versuchs, die Komplexität von Ruzantes theatralem Armutsdiskurs, in dem sich auch die Hungersnot von 1527–29 im Großraum Venedig spiegelt, zusammenzufassen, sei an dieser Stelle der Hinweis erlaubt, dass dieses umfassende und doch knappe Buchkapitel sich als Einführungslektüre zu diesem außerhalb des italienischen Sprachraums vernachlässigten Theaterschaffenden eignet.

 

Das nachfolgende Kapitel über die Commedia dell'Arte ist davon geprägt, dass just jene Akteure, von denen Texte aus dem Umfeld dieser Theaterform erhalten sind, ausreichend Erfolg hatten, um der Not zu entkommen. Erzharlekin Tristano Martinelli diente zeitweilig in Mantua als Aufseher der Jahrmarktsartisten, denen er zeitlebens verbunden blieb. Andere grenzten sich hingegen bewusst von den 'gemeinen' Truppen ab, was aber interessanterweise nicht bedeutet, dass Armut als Movens und Motiv von Spielszenen deshalb ausgedient hätte. Nach dem Sonderfall des Harlekin Martinelli werden die von Flaminio Scala gedruckten Szenarien sowie die Spieltexte von Domenico Biancolelli untersucht, in denen Armuts-Lazzi zuhauf vorkommen. Eine weniger bekannte Ausprägung der Commedia-Spielpraxis diskutiert Henke anhand des Szenariums Ricco epulone (Der reiche Schwelger) aus der neapolitanischen Casamarciano-Sammlung. Gleich zwei biblische Gleichnisse aus dem Neuen Testament wurden dabei der Improvisationscomœdie anverwandelt, nämlich jenes vom "Verlorenen Sohn" und jenes vom "Reichen Mann und dem armen Lazarus". Das letzte Kapitel ist dann Shakespeare vorbehalten. Henke weist sowohl nach, in wie vielen Spielsituationen er Armut thematisiert, als auch, wie viele Formen gewährter und verweigerter Freigebigkeit seine Figuren an den Tag legen.

 

Insgesamt handelt es sich also um eine dichte, kenntnis- und lehrreiche Studie, die immer wieder Querverweise zwischen den einzelnen Themenfeldern zieht. Die etwas kurz geratene "Conclusion" zeigt aber auch, dass der Autor ein Themenfeld konturiert hat, dessen Quintessenz derzeit noch schwierig zu formulieren ist. Es ist deshalb anzunehmen und zu wünschen, dass Henkes Studie weitere Forschungen motiviert. Denn das Untersuchungsfeld ist auf andere Theaterformen und Sprachen auszuweiten. Es bleibt die Frage zu stellen, ob es Zufall ist, dass die Genese des europäischen Berufstheaters mit den Krisensymptomen des Frühkapitalismus koinzidiert und welche Bedeutung dabei die in der Monographie weitgehend ausgesparte Indienstnahme des Theaterbetriebs für die Alimentierung städtischer Armenkassen hatte, was besonders gut im deutschsprachigen und spanischen Raum zu untersuchen wäre. Schließlich bleibt ausgehend von den von Henke so präzise analysierten Beispielen auf theatertheoretischer Ebene zusammenzufassen, mit welchen unterschiedlichen Taktiken und Mitteln frühneuzeitliche Theaterformen Armut zu verhandeln wussten.

 

Veröffentlicht am 18.10.2016 (Ausgabe 2016/2)

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