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Zygmunt Bauman/David Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin - Ein Gespräch über flüchtige Überwachung.

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013. ISBN: 978-3-518-12667-7. 205 S. Preis: € 16,50.

Rezensiert von: Ralf Adelmann

In ihrem Gespräch, das eigentlich ein Austausch von langen, ausführlichen E-Mails ist, diskutieren Zygmunt Bauman und David Lyon das Thema Überwachung unter den gegenwärtigen sozialen und technologischen Bedingungen. Beide Autoren schließen damit an Überlegungen aus ihren früheren Arbeiten an und versuchen eine kritische Bestandsaufnahme der Überwachungs- und Kontrollgesellschaft in sieben locker begrenzten Themenfeldern von postpanoptischen Szenarien über soziale Medien bis zu einer "Ethik des Überwachens" (S. 163) zu erstellen.

 

Die englische Originalausgabe, die ebenfalls 2013 bei Polity Press erschienen ist, trägt den treffenderen Titel Liquid Surveillance. A Conversation. Im Begriff Liquid Surveillance fließen die zentralen Theoreme von Zygmunt Bauman und David Lyon zusammen. Der im Januar 2017 verstorbene Bauman erlangte unter anderem mit seinem Konzept der Liquid Modernity (siehe das gleichnamige Buch von 2000) eine weitreichende Aufmerksamkeit in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Dieses Konzept entwickelte er später in Nachfolgepublikationen wie Liquid Love (2003), Liquid Life (2005), Liquid Fear (2006) und Liquid Times (2007) weiter. David Lyons Forschungsinteressen liegen im Feld der Surveillance Studies, die sich mit allen sozialen Aspekten moderner und postmoderner Überwachungstechnologien beschäftigen. Er sieht in der Überwachung einen "Grundzug der modernen Welt" (S. 7). In Liquid Surveillance kommen also nicht nur die beiden Autoren zu einem Austausch, sondern auch ihre jeweiligen soziologischen Forschungsanliegen treten in einen Dialog.

 

In der vorliegenden deutschen Ausgabe wird Liquid Surveillance mit "flüchtiger Überwachung" übersetzt und schließt damit semantisch an die frühere deutsche Übersetzung von Baumans Konzept der Liquid Modernity als "flüchtige Moderne" an. In der Übertragung einzelner Argumente des Buches ins Deutsche kann diese Linie nicht immer durchgehalten werden, weil die semantischen Felder wie Fließen, Schmelzen oder Verflüssigen einen großen Raum im englischen Originaltext einnehmen. Ob die Übersetzung dabei immer den passenden deutschen Ausdruck gewählt hat, ist sicherlich auch eine Frage des individuellen Geschmacks. Aber eine editorische Fußnote des Übersetzers zu dieser offensichtlichen Übertragungsproblematik und zur Wahl der deutschen Terminologie wäre sehr hilfreich gewesen, denn so erscheinen viele Entscheidungen für die eine und nicht die andere Übersetzungsmöglichkeit bei zentralen Begriffen und Argumenten doch sehr willkürlich.

 

Der im Buch dokumentierte Austausch der E-Mails fand von September bis November 2011 statt. Die sieben Kapitel berühren jeweils thematische Schwerpunktsetzungen, die ausnahmslos jeweils zu Beginn des Kapitels zuerst von David Lyon eingeführt und dann dialogisch mit Zygmunt Bauman weiterentwickelt werden.

 

Von Lyon stammt auch die ausführliche Einleitung, die den sieben Kapiteln vorangestellt ist. Sie beginnt mit seinem soziologischen Credo: "Überwachung ist eine zentrale Dimension der modernen Welt" (S. 11). Von diesem Startpunkt aus zieht Lyon Verbindungslinien zu Baumans Konzept der "flüchtigen Moderne" und sieht im Zusammenschluss und Aufeinanderprallen der beiden Konzepte neue Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungen zu Überwachungs- und Kontrollgesellschaften.

 

Ausgangspunkt der Konversation sind im ersten Kapitel aktuelle Einlassungen von Bauman, die sich mit "Drohnen und soziale[n] Medien" (S. 31) befassen. Die originelle Suche nach Gemeinsamkeiten von militärischem Drohnenpersonal sowie Nutzerinnen und Nutzern von sozialen Medien findet eine Übereinstimmung in der Praxis der "sozialen Klassifizierung" (S. 37), die das Ende der Anonymität und der Selbstbestimmung markiert. Hiervon ausgehend entwickelt sich schon im ersten Kapitel eine lebhafte Diskussion über Themenfelder wie Konsumismus, Vergemeinschaftung über Medien oder Agency, die in den folgenden Kapiteln noch einmal aufgegriffen werden.

 

Das zweite Kapitel erarbeitet unter dem Titel Nach dem Panoptikum: flüchtige Überwachung (S.70) die postpanoptischen Dimensionen der "flüchtigen Moderne". Während das Panoptikum einen fixierten, architektonischen Raum beschreibt, bestehen Bauman und Lyon auf der Notwendigkeit einer Aktualisierung von Michel Foucaults Thesen zum Panoptikum durch die kommunikative Mobilität und Verflüssigung fester räumlicher Grenzen in der Postmoderne. Dabei diskutieren sie offen neuere Theorieansätze, die sowohl einen Bruch mit Foucaults Vorstellungen als auch eine historische Kontinuität dazu anbieten. An dieser Diskussion zeigt sich eine wiederkehrende Stärke der dialogischen Form des vorliegenden Buches: Die Leserin und der Leser werden in den Widerstreit der Argumente einbezogen und können sich – je nach Kenntnisstand der Debatte und der referenzierten Theorien – eine eigene dritte Position zu eigen machen.

 

Die Stichworte des dritten Kapitels – Distanzierung und Automatisierung (S. 98) – führen direkt zu den Fragen nach der Technologisierung unserer sozialen Welt. Sie stellt in gewissem Maße die Grundlage für neue soziale Klassifizierungen und Ordnungen dar. In diesem Sinne vertiefen Technologien und Medien die Bürokratisierung des Sozialen und schaffen neue Mittel der Ausgrenzung. Tendenziell sind sie für Bauman eher dystopische Faktoren, deren Wirkmächtigkeit beschränkt werden muss. Sie treiben "einen Keil zwischen den Menschen und seine moralische Verantwortung" (S. 120), wie es David Lyon zusammenfasst. Lyon verweist dagegen immer wieder auf die Produktivität neuer Technologien und Medien, die zuerst einmal keinerlei moralische Bewertung implizieren: "Haben die elektronischen Medien unausweichlich verderbliche Folgen, könnten sie nicht auch humane Wirkungen haben und soziale Beziehungen erleichtern?" (S. 120).

 

Diese Frage wird im folgenden Kapitel an den Themen Überwachung und (Un-)Sicherheit (S. 126) noch einmal im Widerstreit von literarischen Utopien und Dystopien diskutiert, ohne dass es zu einer eindeutigen Lösung kommt. So wie dieses Kapitel brechen manche Argumentationen einfach ab und lassen den Assoziationen und weiterführenden Gedanken der Leserinnen und Leser ausreichend Platz.

 

Insgesamt besteht zwischen Bauman und Lyon doch weitgehend Einigkeit über die Merkmale der "flüchtigen Überwachung". Dies wird im kurzen Kapitel Konsumismus, neue Medien und soziale Klassifizierung (S. 150) deutlich, das die Ökonomisierung und Verdatung unseres Lebens beispielsweise an der Erstellung von Profilen durch Industrie und Staat festmacht.

 

Die letzten beiden Kapitel fragen unter den Überschriften Eine Ethik des Überwachens (S. 162) und Was können wir tun, worauf hoffen? (S. 174) nach den moralischen Dimensionen von Techniken wie dem Profiling und wie wir als soziale Wesen damit umgehen sollen. Am Ende des Dialogs fehlen aber die versprochenen konkreten Handlungsanweisungen, da sich die Argumentation hauptsächlich auf Emmanuel Levinas' Moralphilosophie und "theologische Resonanzen" bei Bauman (S. 186) bezieht. Hier gleitet die Konversation ins Metaphysische. Ich sehe darin nicht nur ein Ausweichen vor der selbst gestellten Frage nach den Handlungsoptionen, sondern ebenso Ideenlosigkeit zur Agency von Individuen und Kollektiven im Kontext der "flüchtigen Überwachung" sowie eine Leerstelle in Bezug auf das Politische. Im gesamten E-Mail-Austausch des Buches stehen Analyse und Kritik im Mittelpunkt, aber die Ebene des politischen, medialen oder sozialen Handelns wird nur gestreift und häufig vernachlässigt.

 

Die dialogische Offenheit des Austausches habe ich schon gelobt und auf das hilfreiche Agenda Setting in den einzelnen Kapiteln durch David Lyon hingewiesen. Für meinen Geschmack aber etwas zu dick aufgetragen sind die Huldigungen von Lyon an Bauman, so schreibt er zum Beispiel über eine Publikation von Bauman: "Es ist zweifellos ein Meisterwerk" (S. 99). An dieser und anderen Stellen im Buch hätte ich mir mehr kritische Distanz und Widerspruch von Lyon gewünscht.

 

Insgesamt ermöglicht das Buch einen guten Einstieg in die Theoriewelten der beiden soziologischen Autoren, der gleichsam für diejenigen geeignet ist, die sich bisher nicht mit den Publikationen von Zygmunt Bauman und David Lyon beschäftigt haben. Viele zentrale Thesen tauchen in abgewandelter Form immer wieder in den einzelnen Kapiteln auf. Diese Redundanz ist aber keineswegs ermüdend, sondern erhellt das Geflecht von Bezügen und Umwelten der vorgetragenen Argumente.

 

Schon in der Einleitung und dann auch in den folgenden Kapiteln werden die Kontexte der Argumentationslinien vorbildlich offengelegt. Zum einen wird dabei die aktuelle soziologische Forschungslage zu Überwachung referiert, zum anderen werden paradigmatische Grundlagen wie beispielsweise Foucaults Disziplinar- oder Deleuzes Kontrollgesellschaft erläutert. Damit eignet sich der vorliegende Band aus der Edition Suhrkamp durchaus als eine erste Einstiegslektüre in die aktuelle Debatte über Überwachung und Kontrolle.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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