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Pamela Geldmacher: Re-Writing Avantgarde. Fortschritt, Utopie, Kollektiv und Partizipation in der Performance-Kunst.

Bielefeld: transcript 2015. ISBN 978-3-8376-3265-1. 376 S. Preis: € 39,99.

Rezensiert von: Magdalena Fürnkranz

Pamela Geldmacher begibt sich in ihrem 2015 beim transcript-Verlag erschienenen Buch Re-Writing Avant-Garde. Fortschritt, Utopie, Kollektiv und Partizipation in der Performance-Kunst auf die Spuren der historischen Avantgarde und beschäftigt sich mit der Frage ihrer Relevanz für zeitgenössische Performance-Kollektive.

 

Die Autorin geht der Frage nach, wo die performative Kunst heute steht, denkt man sie mit einer neuen Lesart in Verknüpfung jüngster Formen der Performancekunst mit der historischen Avantgarde. Dies erfolgt anhand von vier aus dieser Strömung herausgearbeiteten Parametern. Fortschritt, Utopie, Kollektiv und Partizipation benennt Geldmacher die Konzepte, mit denen eine Neubetrachtung der historischen Avantgarde geleistet wird. Die Autorin befasst sich eingehend mit verschiedenen Disziplinen und Forschungsansätzen, erwähnt musikzentrierte Performances, die in der theaterwissenschaftlichen Forschung meist ausgespart werden. Hierbei wird mehrmals auf die Arbeiten des Künstlers und Komponisten John Cage verwiesen, der "mithin als Vordenker des Happenings" (S. 319) bezeichnet wird. Geldmachers Versuch, eine Reformulierung der Avantgarde zu entwerfen, die sich im Vollzug ästhetischer Prozessualität realisiert, darf als spezieller Beitrag in der kulturwissenschaftlichen Betrachtung performativer Kunstformen gewertet werden.

 

Geldmacher gliedert ihr Buch in zwei Teile. Der umfangreiche Überblicksteil führt in die "Konstellationen des Performativen" und in die "Konstellationen der Avantgarde" ein. Hierbei kann sich das umfassende Wissen der Autorin zur Gänze entfalten. Für fachfremdes Lesepublikum bietet die Autorin im theoretischen Teil einen anschaulichen Überblick zu den Begrifflichkeiten Performance und Performativität und deren Verortung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Geldmacher setzt sich unter anderem mit Austin, Derrida, Mersch, Phelan und Fischer-Lichte auseinander und stellt deren Konzepte nicht nur nebeneinander, sondern verknüpft diese interdisziplinär. Der kontroverse Begriff Avantgarde wird als Zusammenwirken von Bewegungen und Ismen, die sich seit dem frühen 20. Jahrhundert herausgebildet haben, definiert. In ihrem Umgang mit ausgewählten Avantgardebewegungen bietet die Autorin eine historische und definitorische Einordnung und keine umfangreiche Epochenanalyse. "Um eine genaue Verortung der Avantgarden innerhalb aktueller künstlerischer Fragezustellungen zu erzielen, ist eine Fokussierung wichtig, die sie hinlänglich von einem Verblassen oder Verschwinden löst und sie vielmehr als weiterhin aktives und praxisorientiertes Reservoir begreift und zu diskutieren versucht" (S. 17). Die Definitionen von 'Performance' und 'Avantgarde' werden nicht nur neu gedacht, sondern ansatzweise neu definiert.

 

Der zweite Teil befasst sich mit der systematischen Abarbeitung der vier "Parameter der Avantgarde", die als Grundpfeiler für Geldmachers Analyse gelten. Die Autorin zeichnet nicht die einzelnen Ismen nach, sondern diskutiert diese im Kontext ihrer vier Leitkategorien. Fortschritt, Utopie, Kollektiv und Partizipation werden neu geschrieben, um Varianz, Zielsetzung und Wirkungsmächtigkeit von performativen Kunstformen greifen, analysieren und einordnen zu können. Jedes Kapitel wird um einen Zusatz erweitert, so entstehen die Paarung: Fortschritt/Kontinuität, Utopie/Gegenwärtigkeit; Künstler/Kollektiv und Künstler/Zuschauer. An diesen Stellen wäre eine gendersensible Kategorisierung wünschenswert. Geldmacher spricht sehr wohl von der Performerin, der Künstlerin, verwendet in ihren Kategorien jedoch das generische Maskulinum. Eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Geschlechterforschung kann man der Autorin jedoch nicht vorwerfen. Immer wieder finden sich beispielsweise Verweise auf Judith Butlers Diskurstheorie, die mit anderen theoretischen Zugängen der performativen Forschung verwebt werden. "Für die körperbezogene Performance-Kunst sind die Ausführungen Butlers spannend, da kulturell und sozial angeeignete Gesten darin ebenso zur Sprache kommen wie die von Derrida angesprochene Iterabilität" (S. 31). Zusätzlich beschreibt die Autorin verknappt Butlers Ausführungen zur performativen Aneignung des biologischen Geschlechts, der in Geldmachers wissenschaftlicher Auseinandersetzung keine Gewichtung zuteil wird, somit also kurz gehalten werden kann.

 

Die Beschreibung von jeweils zwei zeitgenössischen Performancewerken umrahmt das jeweilige Kapitel. Das eröffnende Exempel dient der Verdeutlichung und Diskussion des beschriebenen Parameters, wärend das Beispiel am Ende des Kapitels die Funktion hat, einen Praxisbezug herzustellen. Die Autorin verweist mit der Auswahl der Beispiele aus dem mitteleuropäischen Bereich auf eine umfassende Kenntnis der aktuellen Szene. Betrachtet werden unter anderem Schubladen von She She Pop (2012), Der dritte Weg von Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder (2011), Hunt for the Real von Via Negativa (2011), Wir – ein Solo von Andreas Liebmann (2012), Performances von Gob Squad/Campo Before Your Very Eyes (2011), SIGNA Die Hades-Fraktur (2011) und Die Hundeprozesse (2011) sowie Showcase Beat Le Mot mit Vote Zombie Andy Beuys (2008). Geldmachers Beschreibungen der ausgewählten Performances erfolgt als Deskription des Erlebten illustriert durch Fotografien, deren konkrete Funktion durch eine detaillierte Bildbeschreibung deutlicher herausgearbeitet werden könnte. Es ist der reflektierte Erlebnisprozess der Autorin, der versprachlicht wird. Gerade die direktere Ausdrucksweise, die oft in Geldmachers Argumentation vermisst wird, findet sich in der jeweiligen Werkbeschreibung wieder. Die Auswahl der beschriebenen Performances wird nicht immer plausibel begründet, kann aber im Kontext der bereits im Untertitel definierten Avantgardeparameter als nachvollziehbar und aussagekräftig erachtet werden.

 

Die Verortung des titelgebenden Konzeptes in der historischen Avantgarde und der Performancekunst wird pro Kapitel zwischen den zwei beschriebenen Performance-Beispielen eingebettet. Fokussiert werden einerseits Konzepte der historischen Avantgarde wie Expressionismus, Futurismus, Dada und Surrealismus und Konzepte der Neo-Avantgarde, die also nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, wie der Abstrakte Expressionismus, Happenings und Fluxus. Geldmacher verdeutlicht im weiteren Verlauf der Analyse, dass sich die Leitkategorien der historischen Avantgarde in zeitgenössischen Performances abbilden. Abschließend wird die Frage nach der Publikumspartizipation mit Fokus auf die Relation zwischen Künstler/in, Kollektiv und Zuschauer/in im Kapitel Künstler/Zuschauer ausführlich unter dem Gesichtspunkt des "performativen Mit-Tuns" theoretisch und praxisbezogen betrachtet.

 

Die Verortung und Historisierung von Performancekunst in der Kunstwissenschaft hat im 21. Jahrhundert noch nicht an Relevanz verloren, das demonstriert die Auseinandersetzung der Autorin mit der Thematik. Die dichte und kenntnisreiche Studie zieht immer wieder Querverweise zwischen den einzelnen Parametern. Die vorgelegte Studie ist ausführlich und exzellent recherchiert, verarbeitet kritisch ein breites Spektrum einschlägiger Forschungsliteratur weit über die kunstgeschichtliche Thematik des Buches hinaus.

 

Das Résumé fasst die Forschungsfrage "Wo also steht die performative Kunst heute, wenn wir sie mit einer neu zu lesenden Avantgarde denken?" ausführlich zusammen. Thematisiert wird hierin auch das oft beschworene "Scheitern", das die Autorin gekonnt dekonstruiert. "In der Performativität des Scheiterns, so zeigt es sich im Rückgriff auf diese Arbeit, kann der Widerstand überhaupt erst erprobt werden, da die Performativität besagte Setzung nicht zulässt" (S. 346). Kunst kann gesellschaftliche Transformierung gerade in den von Geldmacher angesprochenen Schwellenzuständen erzeugen. Die von der Autorin gewählten Performancebeispiele, die sich auf zwei Beispiele pro Parameter beschränken, spiegeln einen repräsentativen Charakter wider, Geldmachers Analyse darf jedoch nicht als abgeschlossen gelten. Es gibt noch eine Reihe an weiteren Forschungsfeldern zu erschließen, den Fokus beispielsweise auf Video Art oder musikzentrierte Performancevorgänge zu legen.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

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