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Margrit Tröhler/Jörg Schweinitz (Hg.): Die Zeit des Bildes ist angebrochen! Französische Intellektuelle, Künstler und Filmkritiker über das Kino. Eine historische Anthologie 1906-1929.

Berlin: Alexander Verlag 2016. ISBN 978-3-89581-409-9. 768 S., mit zahlreichen Abbildungen. Preis: € 34,90.

Rezensiert von: Hanno Berger

Einen Überblick über die frühe französische Filmtheorie bis zum Beginn des Tonfilms gibt dieser Band, der unter anderem Texte von Louis Feuillade, Abel Gance, Jean Epstein, Marcel L'Herbier, Germaine Dulac, Henri Bergson, Ricciotto Canudo, Jean Cocteau, Louis Aragon, Élie Faure, René Clair und Louis Delluc beinhaltet. Ziel des Bandes ist es, so die Worte der Herausgeber, "einen Einblick in die gedankliche Vielfalt und in die seit 1906 anhaltende Dynamik der französischen Diskurse zum Kino" (S. 25) zu geben. Und schnell wird deutlich, dass es sich bei dem 768 Seiten schweren Buch um ein neues Standardwerk für die Forschung zum frühen Nachdenken über das Medium Film in Frankreich handelt.

 

Dies liegt allerdings weniger daran, dass sich durch diese Anthologie fundamental neue Erkenntnisse über die frühe Filmtheorie ergeben würden. Zwar finden sich in den Texten durchaus auch Gedanken und Überlegungen, die überraschen – so etwa René Clairs stringente Vorwegnahme der Autorentheorie in seinem Text Der Kinematograph gegen den Geist aus dem Jahre 1927 –, doch sind die meisten Themen, um die die Texte kreisen, aus bereits auf Deutsch veröffentlichten Schriften der frühen Filmtheorie bekannt. Diese Themen kreisen zum einen um die Frage, inwiefern das Kino eine Kunst sei - wobei das Kino in den im Sammelband zu findenden Texten noch wahlweise als sechste (Canudo im Jahr 1911), fünfte (L'Herbier im Jahr 1918) sowie dann wiederum bei Canudo in seinem Manifest der sieben Künste als siebte Kunst bezeichnet wird - und was das Spezifische gerade dieser Kunst ausmache. So geht es immer wieder darum, das Kino von der Literatur und dem Theater (und somit auch von der Narration) wegzuführen und die Analogien zur Musik und zum Tanz und somit auch die Bedeutung der Bewegung und des Rhythmus für das Kino herauszustellen. Zum anderen geht es neben dem künstlerischen Stellenwert des Kinematographen auch wiederholt um die Frage, inwiefern das Kino in der Lage ist, einen anderen, nicht-menschlichen Blick auf die Welt zu richten und – eng damit zusammenhängend – welche Möglichkeiten sich insbesondere den Naturwissenschaften durch die neuen epistemologischen Bedingungen – wie etwa durch Filmaufnahmen eines Mikroskops – ergeben. Schließlich – dies kennt man im deutschsprachigen Raum auch aus den Texten von Béla Balázs – geht es auch in mehreren Beiträgen darum, das Kino als Nachfolger und Ablösung des Buchdruckes zu feiern und um die damit verbundene Hoffnung, das Kino könne eine universelle Sprache erschaffen, die zur allgemeinen Völkerverständigung führe; eine Hoffnung, die sich auch auf die kinematographischen Reiseberichte bezieht, die dem Publikum ferne Länder und Sitten näherbringen sollten - So heißt es gleich in dem Eröffnungsbeitrag von François Dussaud aus dem Jahre 1906, dass Phonograph und  Kinematograph dadurch den "endgültigen Frieden" (S. 47) in die Welt bringen werden.

 

Der Wert des Sammelbandes liegt, wie bereits erwähnt, nicht darin, dass die historische Diskussion dieser Themenkomplexe nun zum allerersten Mal im deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht würden. Er liegt vielmehr in der Vertiefung, Auffächerung und Kontextualisierung dieser Diskussionen, die der umfangreiche Sammelband ermöglicht. Veranschaulichen lässt sich dies beispielsweise am Begriff der Photogénie. War dieser doch bisher hauptsächlich bekannt als schwer zu greifendes Schlagwort, das insbesondere in der Filmtheorie Jean Epsteins eine immense Bedeutung inne hat und die Bewegung, die künstlerische Dignität und die erkenntniserweiternden Fähigkeiten des Kinematographen zusammenbindet. Durch den Sammelband lässt sich der Gebrauch dieses Begriffes nun jedoch auch in einem größeren Umfeld auf Deutsch nachverfolgen. So etwa in den Texten Louis Dellucs, in denen er den Begriff entschieden von der Photographie abgrenzt und so ein weiteres Mal die Bedeutung der Bewegung für das Medium Film und die Photogénie herausstellt. Es findet sich aber auch ein sehr schöner Text zur Photogénie der Tiere von Émile Vuillermoz in der Anthologie, in der diese gerade wegen ihres Nicht-Schauspiels als für das Kino und die Photogénie geeignet angesehen werden. Schließlich – und dies ist ein weiterer Verdienst des Buches – wurde auch Epsteins Bonjour Cinéma. Eine Sammlung von Traktaten erstmals vollständig, und das heißt auch mit den darin enthaltenen Gedichten, ins Deutsche übersetzt (mit 73 Seiten macht dieser Text dann auch den mit Abstand längsten Beitrag des Bandes aus). So lässt sich nun also auch eine bisher nur auf Französisch zugängliche Seite Epsteins genauer untersuchen. Zudem wurden bei diesem Text alle Abbildungen der Originalveröffentlichung, die einen integralen Bestandteil in der Gestaltung des kleinen Buches einnahmen, übernommen (und nicht nur in Epsteins Text finden sich Abbildungen – auch andere Beiträge wurden mit qualitativ hochwertigen, teils farbigen Bildern bestückt). Somit kann eine Rezeption des kleinen Bandes gewährleistet werden, die sich möglichst nah am Original orientiert.

 

Unterstützt wird diese Rezeptionsmöglichkeit durch die begrüßenswerte Entscheidung, das in den durchgängig sehr souveränen Übersetzungen versucht wurde, "Wortwahl und Sprachbilder weitgehend in ihrem historisch-semantischen Feld zu belassen, sie nicht zu aktualisieren oder zu vereinheitlichen" (S. 28). Auch gibt es in den Übersetzungen keine Bestrebungen, die Sprache und Ausdrucksweisen der Originaltexte zu simplifizieren, sondern ihre originale Komplexität wurde gewahrt.[1] Überhaupt liegt dem Band eine sehr gründliche und sorgfältige Herausgebertätigkeit zu Grunde. Nicht nur gibt es eine sachkundige Einleitung und ausführliche editorische Bemerkungen und Hinweise. Auch die Texte selber sind mit vielen hilfreichen, kontextualisierenden Anmerkungen der Herausgeber versehen und am Ende des Buches finden sich ein kommentiertes Personenregister, ein umfangreiches Sachregister sowie Angaben zu den Autoren des Bandes samt Biobibliographien. Des Weiteren haben beide Herausgeber jeweils ein umfangreiches und äußerst kompetentes Nachwort beigesteuert: Margrit Tröhler ordnet und verknüpft in überzeugender Weise die zentralen Themen der frühen französischen Filmtheorie auch über die in dem Band versammelten Beiträge hinaus (einzig ihr Versuch, in einigen Texten dieser Zeit eine "Rettung des Narrativen" (S. 598) zu erblicken, erscheint aufgrund der so häufig geforderten Abkehr von der Erzählung etwas gezwungen und beraubt die Texte zudem eines Aspektes ihrer theoretischen Sprengkraft) und Jörg Schweinitz unternimmt einen erhellenden Vergleich zwischen der frühen deutschen und der frühen französischen filmtheoretischen Debatte.

 

Gerade aufgrund der prinzipiellen Sorgfalt überraschen dann aber doch einige Ungenauigkeiten. So wird beispielsweise in der Autorenbiographie Aragons dessen stalinistische Karriere mit keiner Silbe erwähnt. Nicht ganz ersichtlich wird zudem, warum zuweilen auf eine bereits vorhandene Übersetzung zurückgegriffen und in anderen Fällen eine Neu-Übersetzung angebracht schien. So wird bei Bergsons dem Kino erstaunlich positiv gegenüber eingestellten Text Der Wert des Kinos eine schon veröffentlichte Übersetzung übernommen. Dass es von Epsteins zentraler Schrift Zu einigen Vorrausetzungen der Photogénie bereits eine überzeugende Übersetzung auf Deutsch gibt, wird jedoch nicht thematisiert.[2] Mit dem Beitrag von Bergson, der allerdings einer nicht gezeichneten und nicht mehr genau nachzuvollziehenden redaktionellen Bearbeitung unterworfen war, wie die Herausgeber anmerken, ist indes ein weiterer wichtiger Wert der Anthologie angesprochen. Wird in mehreren Texten doch immer wieder eine Nähe der frühen französischen Filmtheorie zu Bergsons Philosophie ersichtlich. Dies betrifft interessanterweise insbesondere die Beiträge der Regisseure Dulac, L'Herbier, Epstein und Gance (dass dessen pathosgeladener Text Die Zeit des Bildes ist angebrochen! auch den Titel für den gesamten Band geliefert hat, ist einleuchtend, wird von den Herausgebern jedoch leider nicht explizit kommentiert). Hier deutet sich die Möglichkeit an, die Welt mit Hilfe des Kinematographen nicht nur anders zu erblicken, sondern auch neu zu durchdenken – wie es dann später in der Filmphilosophie von Gilles Deleuze ausgeführt wird. Warum der Bezug zu Deleuze allerdings von den Herausgebern nicht geschlagen wird, ist nicht ganz einsichtig; drängt sich dieser doch geradezu auf. Überhaupt wird eine Verbindung der versammelten Texte zu aktuellen oder aktuelleren theoriebildenden Strömungen, sei es aus Frankreich oder aus Deutschland, in den Nachworten nicht erörtert. Dies ist schade, da solch eine Untersuchung die theoretische Bedeutung der durch den Band vorgestellten Epoche noch einmal stärker hätte herausstellen können. Positiv formuliert ist diese Leerstelle aber natürlich die Einladung an alle Leserinnen und Leser, sich selbst mit dem reichen und vielschichtigen Material zu beschäftigen, welches das Buch zur Verfügung stellt und eigene Rückschlüsse und Aktualisierungsmöglichkeiten zu ziehen.

 

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[1] Auf der Projektwebsite zum Band finden sich einige ausgewählte Texte im französischen Original, die einen Vergleich mit der Übersetzung erlauben. Vgl. die Website zum Buch: film.uzh.ch/zeit-des-bildes

[2] Zur bereits vorhandenen Übersetzung dieses Textes von Ralph Eue vgl. Jean Epstein: "Der Ätna, vom Kinematographen her betrachtet". In: Jean Epstein. Bonjour Cinéma und andere Schriften zum Kino. Hg. v. Nicole Brenez/Ralph Eue. Wien 2008, S. 43-54, hier S. 48-54.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

Dieser Rezensiontext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Dies gilt insbesondere für die Buchcover, deren Lizenzstatus Sie bei den Verlagen erhalten.

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