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Milena Cairo/Moritz Hannemann/Ulrike Haß/Judith Schäfer (Hg.), unter Mitarbeit von Sarah Wessels: Episteme des Theaters. Aktuelle Kontexte von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit.

Bielefeld: transcript 2016. ISBN: 978-3-8376-3603-1. 664 S. Preis: € 39,99.

Rezensiert von: Monika Meister

Die vorliegende Sammlung von Texten, die aus Vorträgen des 12. Kongresses der Gesellschaft für Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum im September 2014 hervorgegangen sind, beeindruckt zu allererst durch die enorme Vielfalt an thematischen Zugängen. Dies lässt zugleich erkennen, dass einheitliche Definitionen des Gegenstands und der Methoden nicht länger angebracht scheinen und die Verzweigungen und Ausdifferenzierungen der kulturwissenschaftlichen Forschung in der Theaterwissenschaft entsprechende Resonanz finden. Das historisch gewachsene Profil des Faches ist längst in vielfältige, auch an den Rändern der Disziplin angesiedelte Diskurse und Forschungsfelder aufgefächert. Ob dies zur Stringenz der Begriffsbestimmung und notwendigen Selbstdefinition der Theaterwissenschaft (und Film- und Medienwissenschaft) beiträgt, wird sich weisen. Jedenfalls kann der Tagungsband als Orientierungshilfe dienen, um die in mehr als siebzig ausgewählten Beiträgen zur Diskussion gestellten Fachdiskurse in den größeren Zusammenhang der einzelnen Forschungsgebiete zu stellen. Die Herausgeber_innen betonen die grundsätzliche Frage nach dem Theater, die weit über Wissensvermittlung hinausgeht und eine "Verhältnisnahme" (S. 16) intendiert. Das bedeutet, Position zu beziehen, ganz im Sinne Brechts und Benjamins die eigene Geschichtlichkeit zu reflektieren, kurz "situiertes Wissen" herzustellen und die Praxis des "forschenden Findens" (ebd.) zu forcieren.

 

An der grundlegenden thematischen Setzung und der Frage nach den Epistemen des Theaters wird die offensichtliche Notwendigkeit deutlich, sich mit der Geschichte der Theaterwissenschaft und der mittlerweile methodisch verankerten kritischen Reflexion ihres Geworden-Seins in den veränderten gesellschaftlichen, politischen und ästhetischen Kontexten auseinanderzusetzen. Daraus ergeben sich für die gegenwärtige Theorie, Ästhetik und insgesamt für das Denkens des Theaters Erkenntnisse, die die Forschung nicht nur generieren und strukturieren, sondern auch deren Strategien bestimmen. Es geht also um "aktuelle Kontexte von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit", wie es im Untertitel heißt.

 

Neben einem einleitenden Block von drei unterschiedlich gewichteten Beiträgen ist das Buch in vier größere Abschnitte gegliedert: Theatertheorie, Modelle, Konstellationen – Historiographie, Gedächtnis, Zeit des Theaters – Kritik, Kunst, Forschung – Theaterarbeit, Kontexte, Recherchen.

 

Nach einer die Intention, thematischen Felder und methodischen Fragestellungen des Buches vorstellenden Einleitung der Herausgeber_innen eröffnet der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger die Debatte mit dem Vortrag Episteme zwischen Wissenschaft und Kunst, indem er auf die Praktiken von Wissenschaft und Kunst, die techné, das Wie des Tuns, das jeweilige Handwerk verweist, auf das sich unser Augenmerk richten sollte. Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann kommt im zweiten Eröffnungsvortrag auf das Theater als Bühne des Denkens zu sprechen und setzt damit die Theoriebildung und -genese prominent ins Zentrum des Fachdiskurses. Und zwar sowohl in ihrer geschichtlichen, politischen als auch ästhetischen Dimension. Dieser Forschungszugang, den Lehmann in beeindruckender Weise seit Jahrzehnten beharrlich und in immer neuen Wendungen praktiziert, stellt die selbstreflexive Praxis der Theorie und die Theorie der Praxis des Theaters dar. Aus der Erforschung der Denkmodelle und Konstruktionsstrategien des Theaters in seinen kulturgeschichtlichen Kontexten sind für die vielgestaltigen gegenwärtigen Formen des Theaters Analyseinstrumente und Begriffswerkzeuge zu gewinnen, die Erkenntnisse über die Strukturen der szenischen Ausdrucksformen zu generieren vermögen.

 

Im Rahmen des Nachwuchsförderungsformats der Gesellschaft für Theaterwissenschaft werden in der Keynote Sieben Positionen zu Epistemen von Doktorand_innen vorgestellt, die um historische und politische "Setzungen" angeordnet sind und die Herstellung und Distribution von Wissen umkreisen. Prinzipiell stellt die vorliegende Sammlung von Texten die Frage: Was heißt Episteme? Und wie konfigurieren sich die "Episteme des Theaters" im Kontext der theaterwissenschaftlichen Forschung? Von Michel Foucault ausgehend, der Begriff und Dispositiv der Episteme vor Jahrzehnten neu in die Wissenschaftscommunity einführte, bedeutet Episteme das historische a priori, welches das Wissen und dessen Diskurse begründet. Es geht mithin um die Bedingung der Möglichkeit von Wissen in geschichtlichen Formationen. Wie diese erkenntnistheoretische Voraussetzung in der Theaterwissenschaft neue Forschungsfragen zu generieren vermochte und weiterhin vermag und damit grundsätzliche kritische Positionen zur Geschichte des Faches evozierte, ist in diesem Band in vielfachen Ansätzen und Darstellungen nachzulesen.

 

Den avancierten Forschungsansätzen auf dem Feld der ästhetischen Diskurse des Theaters in historischen wie gegenwärtigen Kontexten gilt das Interesse, um zu erkennen, wie sich epistemische Konstellation zum Material der Künste des Theater in Konnex setzen und in ihren vielfachen differenzierten Ausformungen zu analysieren sind. Dass innerhalb dessen den Leerstellen, den geschichtlichen Formationen mitsamt den Auslassungen hohes Augenmerk zukommt, lässt die mögliche gesellschaftspolitische Relevanz theaterwissenschaftlicher Forschung erkennen.

 

Ein Terrain, sich dieser Frage anzunähern, stellt die Theorie des Theaters dar, in diesem Buch in einem Kapitel zusammengestellt, in welchem grundlegende Themen zur Kennzeichnung der Arbeitsfelder der Theaterwissenschaft verhandelt werden: das Theater als Dispositiv (Lorenz Aggermann, Gerald Siegmund, Eva Holling, Georg Döcker), gleichsam ein Buchstabieren der Elemente des Theaters; ein kollektiver Beitrag zu den Bühnen des Nicht-Menschlichen, in denen Naturszenen, Tiere, Roboter betrachtet werden; sodann wird die Theorie als Archiv des Wissens und Erkennens analysiert; steht das Theater im dramatischen Text zur Diskussion und damit kommt zugleich Kritik am Prä- und Postdramatischen in den Blick; der Begriff der Mimesis wird als eine Form der Wiederholung postuliert und Liveness auf die epistemologischen Bedingungen und im Kontext der Avantgarde befragt.

 

Nikolaus Müller-Schöll setzt das Singuläre, aus dem sich der Individualismus generierte (Samuel Weber), als wiedergefundene theoretische Kategorie ein, der sich bestimmte gegenwärtige Theaterpraktiken stellen. Wissenschaftstheorie und Theaterpraxis arbeiten gleichsam am durchgestrichenen Ursprung im Bewusstsein der prinzipiellen Brüchigkeit. André Eiermann rückt die Aufführung als Dispositiv ins Zentrum seines Textes, eng am Vokabular Foucaults argumentierend, und findet – und dies durchaus nachvollziehbar –, dass die Kategorie der Illusion im gegenwärtigen Diskurs neu zu denken ist. Marita Tatari fragt nach dem "Theater im dramatischen Text" und unterzieht die Kategorie des Postdramatischen einer Relektüre, indem sie die Differenz von dramatischen und postdramatischen Theaterformen in den unterschiedlichen sinnlichen Bezugsetzungen sieht. Im Textkonvolut der Gießener angewandten Theaterwissenschaft "Theater als Dispositiv" werden theatrale Kategorien in Hinblick auf ihren Status als Dispositiv analysiert und in den Kontext konkreter Theateraufführungen gesetzt.

 

Der Abschnitt Historiographie, Gedächtnis, Zeit des Theaters setzt sich mit der Wissensgeschichte des Theaters und deren Transformationen in der Theaterwissenschaft beziehungsweise den Lücken und Leerstellen historiographischer Dispositive auseinander. Die Leipziger Theaterhistoriographie-Forschung bildet ein kollektives Unterkapitel, in welchem nach konkreten Positionen von Theater und Wissen gefragt wird und die Methoden der Historisierung diskutiert werden. Geschichte als Genealogie im Sinne Foucaults steht auch im Mittelpunkt der Texte "Praktiken der Wiederholung. Episteme der Historiographie". Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Tanz, der Bewegung, dem Körperwissen und untersucht Theaterarbeiten, die sich als Forschungslabors darstellen.

 

Im letzten Teil sind Texte zur Theateranthropologie versammelt: Gabriele Pfeiffers Recherchen zu Grotowski, Mnouchkine und Bene als Quelle anthropologischen Wissens und Friedemann Kreuders Vorschlag, den ethnographischen Blick auf den Körper als Ort der Wissensproduktion für die Theaterwissenschaft fruchtbar zu machen; es folgen Texte zu Epistemen der Dramaturgie, zu theatralen Formen, in denen das Dispositiv des Dilettantischen verhandelt wird, sowie die Kategorien des Regietheaters, des "Gender Trouble" (Jenny Schrödl). Auch werden im vorliegenden Band Verweise auf die Lücken in der Wissenschaftsgeschichte des Faches angeführt; so beispielsweise stellen die Schweizer Kolleg_innen ihre Überlegungen unter dem Titel "Disziplinierung der Disziplin. Konstitutionsprozesse der Theater- und Tanzwissenschaft" zur Diskussion. "Gründungsgesten" (Beate Hochholdinger-Reiterer), die Forschungsgeschichte und Theatergeschichtsforschung sowie daraus resultierende "Episteme der Theatergeschichtsschreibung" (Constanze Schellow, Maria-Elisabeth Heinzer und Andreas Kotte) stehen im Fokus der Beiträge.

 

Einige Texte thematisieren die erkenntnishistorischen und -theoretischen Voraussetzungen mit Blick auf ideologische Zusammenhänge und schließlich fragt im letzten Text des Bandes – mit dem doch einigermaßen befremdlichen Titel Wollt ihr die totale Theaterwissenschaft? – Evelyn Annuß nach den Gründungsmythen und -narrativen. Diese werden näher untersucht und der Forschungsstand gekennzeichnet, Annuß weist aber auch darauf hin, dass die sogenannte Aufarbeitung der Vergangenheit nicht genügt. Selbstredend entsprechen diese Auseinandersetzungen der in den letzten Jahrzehnten in den Wissenschaften insgesamt stattfindenden kritischen Erörterung und Rekonstruktion der nationalsozialistischen Verstrickungen, die die Theaterwissenschaft nachhaltig bestimmten.

 

Interessant und aufschlussreich – und nicht zuletzt durch diese Publikation angeregt – wäre eine intensive Auseinandersetzung mit dem Dispositiv des Archivs und der Archive, anhand deren der Begriff von Geschichte zu denken ist. Und zwar derart, dass die jeweils gegenwärtige Position vermittels einer In-Bezug-Setzung zur Geschichte in den Blick kommt und das Theater in seiner "Vergänglichkeit" als Dispositiv des Archivs die Theorie der Archive zu bestimmen vermag. Dieses Ins-Verhältnis-Setzen von Gegenwart und Geschichte ist der virulente Punkt, der erkenntnistheoretische Potentiale eröffnet.

 

Die vielfältigen Forschungsfragen und methodischen Zugriffe, die in diesem Band präsentiert werden, ermöglichen einen differenzierten Blick auf die Theaterwissenschaft als Kulturwissenschaft. Zugleich ist zu beobachten, dass sich die Tendenz zu mikroanalytischen Betrachtungen des Gegenstandes verstärkt und die Frage nach dem Grundsätzlichen des Theaters weiterhin brisant bleibt.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

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