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Michaela Ott: Dividuationen. Theorien der Teilhabe.

Berlin: b_books 2015. ISBN: 978-3-942214-15-5. 324 Seiten. Preis: € 18,-.

Rezensiert von: Julia Preisker

Die grundsätzliche Annahme des nicht nur ästhetisch ansprechenden, sondern auch sehr leser*innenfreundlich lektorierten Buchs Dividuationen. Theorien der Teilhabe (2015) von Michaela Ott, liegt in der Beobachtung, dass Einzigartigkeit und "Unverwechselbarkeit" (S. 20) aufgrund von Vernetzung nicht möglich ist. Zwar wird die Unmöglichkeit von gedachter und wahrgenommener Einheit und harmonischer Balance nicht zum ersten Mal diskutiert, sondern ist in unterschiedlichen Ent- oder Desubjektivierungstheorien ein stets wiederkehrendes Moment, doch betont Ott zurecht die neu aufgekommene Relevanz der heutigen digitalen Kommunikationssituation.

 

Räumlich und zeitlich klar definierte und abgeschlossene Kollektive werden von flexiblen Teilhaben abgelöst, weshalb die Definition eines einheitlich-handelnden Individuums nicht länger tragbar ist (und, wie Ott betont, nie tragbar war). Die Gefüge, in denen wir agieren, sind offen, teilbar, kurzfristig und wandelbar. Das von Ott beschriebene Dilemma ist nun, dass das Subjekt dementsprechend weder als Individuum noch als Gemeinschaftswesen gedacht werden kann. Ott bringt deshalb den Begriff der 'Dividuation' in die Debatte über Neusubjektivierungen ein. Dieser Terminus impliziert die Wandelbarkeit und die Unabgeschlossenheit der "Einzelexistenz" ebenso wie die miteinander verschränkten "Teilhabeprozesse" selbst (S. 21). Den Begriff leitet Ott von Simondons Terminus der 'Individuation' her, der Subjekte als "nicht abschließbares Gefüge verschiedener (Teil)Individuationen von Einzelpersonen" (S. 54) definiert und damit eine Absage an Begriffe wie 'Individuum' und 'Individualisierung' erteilt.

 

Den Einstieg sucht Ott über ein Filmbeispiel (A Prairie Home Companion, 2006), das die Defizite des menschlichen Wahrnehmungsprozesses veranschaulichen und einen vereinzelten Wirklichkeitsbezug verdeutlichen soll. Dabei demonstrieren die filmische Kadrierung, Perspektivwechel, Kamerafahrten und damit das Gezeigte ebenso wie das Nicht-Gezeigte Verflechtungen, die auf der einen Seite über einen individuellen Blick hinausgehen, auf der anderen Seite den rezipierenden Blick unvorhersehbar teilen, verdoppeln oder brechen. In der Annahme, das menschliche Sehen und in Folge dessen das Wahrnehmen selbst sei grundsätzlich eingeschränkt, fragt Ott nach den individuellen Anteilen der Konstruktion einer Außenwelt sowie zugleich nach äußeren "Kräfteverhältnissen" (S. 14), die die menschliche Wahrnehmung mitbestimmen. Das einleitende Beispiel dient dabei der Veranschaulichung ihrer Grundannahme, dass Subjektivierungen niemals unabhängig von affizierenden Außeneinflüssen betrachtet werden können.

 

Die Argumentationsstruktur folgt gemäß der Gliederung einem klassischen Aufbau. In der im Verhältnis zu den anderen Kapiteln eher untypisch detaillierten Einleitung wird die anschließend folgende Argumentation verstärkt über die Beschreibung der Ausgangssituation dargelegt. Dabei geht Ott nicht von einer 'Krise des Subjekts' aus, der die irrige Annahme einer fixen ontologischen Zuschreibung vorausgehen würde, sondern betont eine historische Variabilität innerhalb der Subjektivierungstheorien, welche immer (auch) den fluiden, widersprüchlichen Charakter des Subjekts berücksichtigten. Diese nicht gesicherte und deshalb unzuverlässige Instanz des Subjekts wird demnach nicht als eine Zäsur verstanden. Aus diesem Grund ist es nur konsequent, dass Ott unterschiedliche Subjektivierungsansätze, die die menschliche Wahrnehmung in ein Verhältnis mit dem Weltwerden stellen, in dem ersten Kapitel Individuum/Individualität/Individuation voranstellt. Hierin präsentiert Ott eine chronologische Zusammenstellung unterschiedlicher Betrachtungsweisen, an deren abschließende Terminologie ihr Konzept der Dividuation direkt anknüpft. Begonnen bei den griechischen Atomisten richtet sich der Fokus noch sehr grundsätzlich auf die Frage nach einer möglichen Zusammensetzung eines vormals als Entität gedachten Kosmos, die eine Teilbarkeit bzw. miteinander in Zusammenhang stehende Teile impliziert. Diese erste Annäherung an das Teilbare wird über die philosophischen Ansätze des 17. Jahrhunderts weitergeführt. Interessant sind hier nicht nur das Wechselverhältnis zwischen Staat und Individuum, sondern zugleich die Vorwegnahme einer globalisierten Dimension, die aktuell in den Debatten um digitale Kommunikationsapparate aufgrund ihres scheinbar welt-verbindenden Elements wieder aufgegriffen werden. So liegen Assoziationen zwischen einer angestrebten "Menschengemeinschaft" (S. 84) und dem heutigen weltweiten Vernetzungsgedanken nahe. Ott verfällt hinsichtlich dieser Gedanken jedoch erfreulicherweise nicht in techno-euphorische Phantasmen, sondern behält ihren kritischen Blick, indem sie Schieflagen in ökonomischen und politischen Verteilungen sowie soziale, finanzielle und andere gesellschaftliche Ausgrenzungen immer mitbedenkt. Die Historisierung von Subjektivierungsweisen verbleibt hingegen bei westlichen Philosophien, wenn (Ent-)Individualitätskonzepte etwa von Marx, über Nietzsche, Locke, Rousseau, Freud, Canetti, Adorno und Arendt bis zu gegenwärtigen Gesellschaftstheorien wie die von Luhmann chronologisch abgehandelt werden. Zwar mag die Unverhältnismäßigkeit in Länge und Ausführung auf den ersten Blick verwirrend erscheinen (dieses erste Kapitel nach der Einleitung ist mit knapp 100 Seiten fast viermal so lang wie das zweite, das sich unter dem Titel Dividuell/Dividuationen mit dem zentralen Thema des Buches zu beschäftigen scheint), doch beinhaltet die Vorarbeit in Rückbezug zu Individuationstheorien bereits einige wesentliche argumentative Anknüpfungspunkte zum Dividuations-Ansatz.

Zudem liegt der Schwerpunkt primär auf der Einordnung in verschiedene Dispositive, denen Ott insgesamt drei Kapitel widmet sowie auf der Herausarbeitung der digitalen Medienspezifik. Die damit verbundenen Subjektivierungsstrategien werden von Ott jedoch wiederkehrend in einen historischen Bezug gestellt, der die genauere Betrachtung vergangener Entwicklungen nötig macht. Nichtsdestotrotz hätte diese historische Einordnung einen weniger allumfassenden Charakter erhalten können, um dem Gegenstand des Dividuellen auch formal Rechnung zu tragen.

 

Die an mancher Stelle eventuell unnötig verkomplizierenden Formulierungen (z.B. "bedingt unteilbare Vielfachunterteiltheit" S. 21) behindern die Klarheit der Ausgangsfragen und des Argumentationsverlaufs nicht wesentlich, wodurch die grundlegenden Überlegungen hinter Otts Gedanken des 'Dividuums' deutlich hervorgehen: Wie können wir uns noch als Agierende empfinden, bei dieser Vielzahl und Diversität von Vereinnahmung und Beeinflussung?

Stets geht es dabei um das Verhältnis von Beteiligungsmöglichkeit und Autonomie. Sind wir in der Lage unsere Teilhabe selbstbestimmt zu steuern? Auch hier vergisst Ott nicht, diese Frage in den Rahmen von sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung zu stellen. Denn neben dem Zweifel an Selbstbestimmung ist es auch eine, global betrachtet, ungleiche Verteilung von "Partizipationschancen" (S. 17), die Ott kritisiert.

Ganz im Gegenteil zum ersten haben die darauffolgenden Kapitel einen fast rhizomatischen Charakter. Dabei arbeitet Ott sehr überzeugend die Verknüpfungen unterschiedlicher Diskurse heraus. Mögen in der Einleitung Vergleiche zwischen biologischen Mikroorganismen und digitaler Beeinflussung, die eben nicht nur auf das Verhalten einwirken, sondern gleichermaßen an neuronale Reize 'andocken' und diese mitdeterminieren, noch befremdlich wirken, werden in Kapitel III bis V durchaus schlüssige Vernetzungen zwischen den Dispositiven der Biologie, Soziologie und Kunsttheorie hervorgehoben, die die Verhältnisse von Einheit und Teilbarkeit ebenso hinterfragen, wie die von Selbst- und Fremdbestimmung. Die gekonnten Überleitungen tragen zu einem größeren Argumentationsverständniss bei, zugleich eröffnet Ott durchlässige Verbindungslinien zur kognitiv-neuronalen Fremdbestimmung durch digitale Apparate.

So ergibt sich die Medienspezifik nicht aufgrund eines unbekannten Phänomens, da Subjektivierungsdebatten und der Zweifel an einem einheitlichen Individuum nicht neu sind. Vielmehr argumentiert Ott, dass sich die Ambivalenz und die widersprüchliche Erfahrung von Partizipation und Vereinnahmung in der digitalen Kommunikation am deutlichsten widerspiegeln. Ihrer Meinung nach führt die Nutzung aller vernetzenden Angebote zu einer Verschmelzung mit den Geräten, indem unser Nervensystem auf die Reize der Dauerrezeption reagiert. Die hervorgerufenen Empfindungen, der Wunsch nach Partizipation wird als eigen-evoziert und nicht fremdbestimmt wahrgenommen. Die Frage nach dem Einfluss ist hierbei entscheidend, der über die dividuelle Identität beschrieben wird, indem das Subjekt von diversen Eindrücken und Teilhaben beeinflusst ist und darüber hinaus überhaupt erst aus diesen entsteht.

 

Im letzten Kapitel Ästhetisch-künstlerische Dividuationen schafft Ott es, von einer spezifischen Medien-Anschauung auf ein größeres Weltverständnis zu verweisen ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Mithilfe konkreter Beispiele werden globale Zusammenhänge, die die unterschiedlichen Teilhaben berücksichtigen herausgearbeitet. Hieraus entstehen Angebote für ein neues "menschliches Selbstverständnis" (S. 311), die sich entschieden gegen Annahmen eines gesteigerten Individualitätsbestrebens richten. Dabei verfallen sie aber nicht in nostalgische Vorstellungen einer ökonomischen Gleichberechtigung durch globale Vernetzung. Einem 'One World'-Gedanken genau entgegengestellt, eröffnet Ott einen grundsätzlich kritischen Blick auf Subjektivierungsprozesse (S. 262) und Wirklichkeitsverhältnisse.

 

Der vielfältige Blick auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche der bio(techno)logischen, sozio(techno)logischen und ästhetisch-künstlerischen Ausverhandlungen unterstreicht ohne Zweifel die Relevanz der von Michaela Ott ausgeführten Darlegungen. Zugleich zeigt sich hierdurch verstärkt die Innovation ihrer Arbeit. Neben einigen sprachlichen Verkomplizierungen, die der ansonsten so auf Verständnis ausgerichtete Text nicht nötig hätte, fällt insbesondere die akribische Differenzierungsarbeit positiv auf. Und zuletzt trägt auch der strukturelle Aufbau zur Überzeugungskraft bei. Man kann davon ausgehen, dass sich am Ende des Buches das letzte künstlerische Beispiele mit dem Thema Wasser beschäftigt – das Element, mit dem die griechische Philosophie anfing über Einheit und Weltbezug nachzudenken.

 

Veröffentlicht am 31.05.2017 (Ausgabe 2017/1)

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