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Dominik Schrey: Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur.

Berlin: Kulturverlag Kadmos 2017 (Kaleidogramme: Bd. 147). ISBN 9-783865-993458. 406 S., 40 farbige Abbildungen. Preis: € 29,80.

Rezensiert von: Bianca Westermann

Die Smartphonehülle zitiert die Musikkassette, während Blockbuster einen analogen Look durch digitalisiertes Filmkorn erhalten; gleichzeitig zelebrieren Fans analoger Spiegelreflexkameras die Entschleunigung der (Digital-)Fotografie und immer mehr Musiker_innen lassen ihre Alben parallel zur digitalen Veröffentlichung wieder auf Schallplatten pressen. Dominik Schreys Dissertation untersucht diese Faszination des Analogen, dessen Fetischisierung es gleichsam als "Sehnsuchtsort digitaler Medienkultur" (S. 148) erscheint lässt. Seine umfassende Analyse macht deutlich: Die Analoge Nostalgie ist weit mehr als ein ästhetischer Effekt; sie ist ein Diskursphänomen, das es erlaubt, den (digitalen) Medienwandel der letzten Jahrzehnte zu reflektieren.

 

Formuliert Schrey zu Beginn seiner Argumentation noch etwas zaghaft, dass "[diese neue] Nostalgie tatsächlich ein zentrales Charakteristikum westlicher Medienkultur zu sein [scheint]" (S.10), untermauert er im Anschluss diese These auf knapp 400 Seiten. Die große Stärke von Schreys Zugangsweise ist, dass er visuelle, audiovisuelle und auditive Phänomene jeweils mit gleicher Intensität und analytischer Schärfe betrachtet und miteinander in Beziehung zu setzen vermag. Auf diese Weise gelingt es Schrey, die Bandbreite, aber auch Heterogenität des Phänomens analoger Nostalgie darzustellen. Mit Katharina Niemeyer (Media and Nostalgia. Yearning for the Past, Present and Future, 2014) versteht Schrey Nostalgie als "eine Art Schirmbegriff für verschiedene, zwar miteinander verwandte, aber nicht identische Formen des Rückbezugs auf eine historische oder imaginierte Vergangenheit" (S. 15). Daher präferiert er eine Verwendung des Begriffs im Plural, was sich im Titel leider nicht in letzter Konsequenz durchgesetzt hat.

 

Seinem Ziel, Analoge Nostalgie nicht nur als ästhetisches Phänomen, sondern als Diskursphänomen zu erfassen, nähert sich Dominik Schrey in einem Drei-Schritt, der von einer ausführlichen Einleitung und einer nicht minder ausführlichen Zusammenfassung gerahmt ist. Im ersten theoretischen Teil setzt er sich mit der Geschichte des Nostalgiebegriffs (Kapitel 2) sowie seiner Theoretisierung seit den 1970 Jahren (Kapitel 3) auseinander. Geschickt werden hier seine Leser_innen auf eine argumentative Reise eingeladen, die mit dem Ursprung des Nostalgiebegriffs im späten 17. Jahrhundert als Soldatenkrankheit beginnt, welche durch die Sehnsucht nach der Heimat ausgelöst wurde. Die Brücke zur Medienwissenschaft schlägt Schrey abschließend, indem er den wechselseitigen Einfluss von Nostalgie und medientechnischen Wandel thematisiert.

 

Die Etappen seiner Argumentation wurden bewusst und geschickt ausgewählt. So gelingt es in der Rekonstruktion der Begriffsgeschichte zu zeigen, dass der Wandel von einem vormodernen, räumlich-orientieren zu einem modernen, zeitlich-orientierten Sehnen nicht plötzlich mit der Renaissance des Begriffs in den 1970er Jahren einherging, sondern diese Doppeldeutigkeit bereits im vormodernen Verständnis angelegt war. Zugleich gilt es, so Schrey, die mit der Industrialisierung einhergehende Entpathologisierung des Nostalgiebegriffs, durch die aus einem krankhaften Heimweh ein (z. T.) wohliges Sehnen nach einer verlorenen oder verloren geglaubten Vergangenheit wurde, in gewissem Maße zu relativieren. Denn dieser semantische Wandel besitzt nicht die umfassende Radikalität, die ihm vielfach zugeschrieben wird: In der Kulturkritik des ausgehenden 20. Jahrhunderts bleibt eine pathogenetische Perspektive erhalten, die sich nun allerdings vom Individuum auf die Gesellschaft verlagert hat.

 

Ähnlich geschickt verfolgt Schrey die in den 1970er Jahren parallel zur Ästhetisierung des Begriffs einsetzende Theoretisierung der Nostalgie, indem er drei Schlaglichter setzt, die gerade aufgrund ihrer Verbindung ästhetischer mit kognitiven und emotionalen Modi ausgewählt wurden. Mit Hilfe der Differenzierungen, die Fred Davies (Yearning for Yesterday. A Sociology of Nostaligia, 1979), Paul Grainge (Monomchrome Memories. Nostalgia an Style in Retro America, 2002) und Svetlana Boym (The Future of Nostalgia, 2001) leisten, gelingt es Schrey, die Doppelwirksamkeit von Nostalgien als ästhetischer Modus und soziokultureller Funktionalität darzustellen und als Ausgangsbasis für seine späteren Analysen starkzumachen.

 

Komplettiert wird diese theoretische Verortung durch den konkreten Brückenschlag zur Medienwissenschaft. Ausgehend von Wolfgang Schievelbuschs[1] Betonung der Nostalgie als "[expliziter] Effekt einer materiellen Kultur" (S.103), führt Schrey im zweiten Teil dieses Kapitels die Rolle der Nostalgie im Kontext des Medienwandels aus: Medientechnologien sind nicht nur als Artefakte Gegenstand nostalgischer Sehnsucht, als Medien können sie gleichermaßen der Ort der selbstreflexiven Verhandlung dieser Mediennostalgie sein.

 

Im zweiten und dritten Schritt untermauert Schrey seine Argumentation mit  Beispielanalysen, wobei es gerade diese mediale Selbstreflexivität ist, die es ihm ermöglicht, seine – überzeugend gewählten – Bespiele nicht als reine Illustrationen zu platzieren, sondern als Stützen und Fortsetzungen seiner Argumentation zu konzipieren. Der zweite Schritt (Kapitel 4) ist der medienwissenschaftlichen Diskursgeschichte der Gegenüberstellung von analog und digital gewidmet. Schrey geht es hier explizit um einen "Beitrag zur Theorie und Geschichte der 'Wahrnehmung' dieser Differenz" (S. 32), da es ihm gerade um die affektiven Zuschreibungen und Aufladungen dieser Differenzierung geht. Besonders dieses Kapitel profitiert von den treffenden Close-Readings, die der Text immer wieder leistet. Zwei dieser detaillierten Analysen bilden den Rahmen seiner Auseinandersetzung mit den Aufladungen und der Genese der Analog/Digital-Differenz innerhalb der Medienwissenschaft: Den Auftakt macht Walter Benjamins berühmter Aura-Aufsatz (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1936/1991), der sich als einer der Fixpunkte seiner Argumentation erweist. Die Auseinandersetzung mit der Publikationsgeschichte von Vivian Sobchacks The Scene of the Screen (1988/1990/1994/2004) bildet den Übergang zu den Gegenständen des Kapitels. Insbesondere in diesem Kapitel kommt der Kenntnisreichtum zum Tragen, mit dem sich Schrey sowohl innerhalb der Visual Culture als auch der Sound Culture bewegt: Seine ausführlichen und prägnanten Analysen der Schallplatten vs. CD-Debatte sowie der Indexikalitätsdebatte innerhalb der Bild- und Filmwissenschaft runden das Kapitel ab.

 

Der abschließende dritte Schritt (Kapitel 5) widmet sich weiteren konkreten Analysen. Allerdings stehen diesmal medienkünstlerische Reflexionen populärkultureller Phänomene im Zentrum, die ihrerseits eine Transformation des Nostalgiephänomens leisten und damit als eigener Beitrag zum Nostalgie-Diskurs gewertet werden müssen. Mit diesem Kapitel, in dem sich Schrey der Auseinandersetzung mit analogen Oberflächeneffekten widmet, schließt sich gleichsam der Kreis zum Buchtitel: Er geht auf Laura Marks zurück, die mit dem Begriff "analog nostalgia" 2002 (Touch. Sensous Theory and Multisensory Media) die Simulation selbiger als explizit digitale Praxis beschrieben hat. Schrey hat diesen Begriff ausgeweitet und der Verwendung analoger Medien gegenübergestellt.

 

Schreys Buch ist geeignet eine ganze Reihe von Leser_innen anzusprechen, da es verschiedene Sichtweisen geschickt miteinander vernetzt. Es ist jedoch nicht nur als gleichzeitiger Beitrag zur Nostalgie-Debatte, zur Visual Culture, zur Sound Culture und zur Medienhistoriografie bzw. Medientheoriehistoriografie zu lesen. Seine Überzeugungskraft gewinnt das Buch, da es Schrey geling, all diese Ebenen geschickt miteinander zu verknüpfen und Parallelen wie Eigenheiten herauszuarbeiten. Hier liegt eine besondere Stärke seiner Argumentation: Obwohl er übergeordnete Zusammenhänge im Blick behält und geschickt Fluchtlinien des Diskurses herausarbeitet, verfällt er nie in die Bestrebung, die Heterogenität und Bandbreite der Phänomene vereinheitlichen zu wollen.

 

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[1] "Das nostalgische Syndrom. Überlegungen zu einem neueren antiquarischen Gefühl". In: Frankfurter Hefte, 28, 1973

 

Veröffentlicht am 15.11.2017 (Ausgabe 2017/2)

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