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Marie-Luise Angerer: Affektökologie: Intensive Milieus und zufällige Begegnungen.

Lüneburg: meson press 2017. ISBN: 978-3-95796-090-0. 72 S. Preis: € 11,90. Open-Source-Version

Rezensiert von: Melanie Konrad und Stefan Schweigler

Marie-Luise Angerers neue Publikation Affektökologien. Intensive Milieus und zufällige Begegnungen (2017) aktualisiert ihre Studie zum Begehren nach dem Affekt (2005) hinsichtlich theoriebildender Felder (bei Angerer "Milieus"), die gegenwärtig in je unterschiedlicher Weise Zugriffe auf Affekttheorie forcieren. Die kurze Verschriftlichung ihrer Potsdamer Antrittsvorlesung (2016) verdichtet ein kompliziertes Vorhaben, denn der zum Nachdenken und Nachschlagen anregende Text steigt auf einer recht komplexen Stufe des Einschätzens der Gegenwart von Affektologie ein. Die Autorin bespricht einige Traditionen von Affekttheorie, legt zentrale, wiederkehrende aber auch minoritäre Argumentationen akzentuiert frei und führt diese in einem Votum für eine Affektlehre der Intensitäten, des Politischen und radikaler Zeitlichkeit zusammen, welche sie skizzenhaft in Aussicht stellt.

 

Angerer geht dabei zum einen der Frage nach, inwiefern die verschieden motivierten Interessen am Affektbegriff und das damit einhergehende In-den-Hintergrund-Treten des Symbolischen, des Sprachlichen und der Psychoanalyse die Relevanz eines anderen Denkens über 'das Humane' abermals illustrieren. Zum anderen zeigt sie auf, dass in der Kategorie des Zufalls bislang ausgeklammerte theoretische Leerstellen zwischen Diskurssträngen sichtbar werden. Es sei vor allem der Zufall, welcher dazu ermutige, das Leben in posthumanen Verschaltungen und im Geflecht von Affekt- und Psychotechnologien stärker in Bezug auf affektive Intensitäten, auf stete "Prozesse des Verbindens, Unterbrechens und Übersetzens", zu perspektiveren, die "nicht einfach reibungs-, rausch- und konfliktfrei ablaufen" (S. 48).

 

Eingangs wird Bezug auf eine Reihe ausgerufener Paradigmenwechsel (material turn, performative turn etc.) genommen sowie auf Interferenzen von Begriffen in posthumanistischen Theorien eingegangen: Entangled Ontologies (Barad), Medianatures (Parikka), NatureCulture (Harraway) etc., innerhalb deren Relevanzbereich sich die Autorin auch mit ihren Überlegungen positioniert. Den Kern dieser Anschauungen bildet eine Kritik an der dichotomen Trennung des Diskursiv-Symbolischen und Materiell-Physischen sowie am Abgrenzen des Menschen von nicht-menschlichen Entitäten – Demarkationen, die durch Digitalisierung, Bio-Medien, Neurowissenschaften uvm. durchlässig geworden sind und stattdessen etwa als "Bio-Mediale Schwelle[n]" (S. 19) gedacht werden. Das Humane anders zu fassen impliziert in diesem Sinne eine radikale Skepsis am Anthropozentrismus. Angerer unterstreicht die Notwendigkeit einer Wissenschaft in der "present tense" (S. 16), d.h. einer Wissenschaft im Bewusstsein um die gegenwärtigen Verschränkungen mit 'den anderen' (Tier, Pflanze, Maschine) 'im Jetzt', womit sie in Anschluss an Whitehead und Simondon das "Denken" nicht nur "in Relationen", sondern "als Relation" (S. 22) fordert.

 

Auf dieser Basis wird zu medien- und kulturwissenschaftlichen Anwendungen neu-materialistischer Herangehensweisen übergeleitet, welche vor allem die Prozesshaftigkeit der Relationen von Gesellschaft und Natur, die "Kybernetisierung des Sozialen" oder das "Verhältnis von Medientechnologien, Umwelt und Körper" (S. 24) performativ fassen. Da Realität im 21. Jh. "nicht erkennbar im Sinne des Spekulativen Realismus" ist, sondern "zu einer Frage ihrer technologischen Verfasstheit in ihrer biologischen, physischen und psychischen Dimension geworden" (S. 25) ist, gilt es "intra-aktive Kippbewegungen [zu] begreifen", in denen Technologie und Medien "mehr als nur Prothesen sind" (S. 26). Wir müssen also von ständigen Binnen-Verschränkungen (intra!) zwischen human und non-human ausgehen, in denen es die Affekte sind, die Leben miteinander "verzahnen" (S. 27).

 

Zentral für den Affektbegriff ist dabei seine spezifische Zeitlichkeit als (nicht-)wahrgenommene Dauer im Moment des Geschehens. Damit ist Affekt kein Zustand, sondern überfüllt ein Intervall mit Intensität (Virtualität bei Massumi). Auch Zugriffe auf die Figur von Resonanz (Ritornell, Schwarmbildung) privilegieren eine Fokussierung auf präreflexives Erfahren in der "Zone des Affekts" (S. 30), in welcher "Langsamkeit und Schnelligkeit", "Ruhe und Bewegung" (S. 37) die Intensität eines Empfindens betonen, das der Subjektkonstitution vorgelagert ist. Angerer zufolge teilen die Beschreibungen von Empfindungsvermögen (Diderot), Intra-Aktionen (Barad) und blindem Fühlen (Whitehead) die Grundannahme, dass es eine Form des Empfindens gibt, die "kein Ich voraussetzt" (S. 36) – eine basale und machtvolle Dimension der Affizierung, die humans und non-humans gleichermaßen betrifft und "die Metaphysik einer individuell gefassten Entität radikal in Frage" (S. 39) stellt. Wie Angerer mit Whitehead hervorhebt, müssten Affekte in Intra-Aktionen nicht als Operationen "eines intentional agierenden Subjekts gedacht" werden, sondern als nicht-intentionale "Form der physischen Erfahrung" (S. 41) im "Hier und Jetzt" (S. 42).

 

Darin wurzeln auch die Schwierigkeiten in den Anstrengungen Affekte psycho-logisch zu erklären, subversiv zu politisieren oder neoliberal zu regieren. In der Analyse dreier theoriebildender Milieus trägt Angerer den damit verbundenen Hinwendungen und Ambivalenzen Rechnung. Mit einem Milieu meint sie eine Bündelung von unter ähnlichen Vorzeichen, Motivationen und Perspektiven ausgerichteten (Forschungs-)Praxen.

Im ersten Milieu zirkulieren Diskussionen, mit denen rund um das Stichwort 'sensing' "die technologische Beziehung zwischen Körper und Umwelt befragt wird" (S. 45). Gesprochen wird hier also von einer Ausweitung der Auffassung von Empfindsamkeit auf technische Apparaturen über Sensoren und komplexe Verschaltungen von Mensch und Maschine (smart houses). Insbesondere Übersetzungsprobleme stehen im Vordergrund der Positionen von Hird, Parisi und Hörl, die "versuchen einer voranschreitenden medientechnischen Infra(re)strukturierung gerecht zu werden" (S. 47). Im zweiten Milieu sind Traditionen des Tomkin'schen Affektmodells und der Computerforschung sowie der Arbeit Rosalind Picards am Schaupatz 'affective computing' versammelt. Derartige Projekte arbeiten mit Eifer daran, humane Affekte zu dekodieren, sodass Maschinen diese nicht nur lesen, sondern auch reproduzieren können. Angerer problematisiert daran zu recht sowohl den Mangel an ethischer Reflexion in Bezug auf die Ökonomisierung des Affekts sowie das Ausklammern der längst stattfindenden, rückwirkenden "Implementierung von affektiven Normierungen" (S. 50) – wir müssen gleich an Emojis denken ☺. Das dritte Milieu fokussiert ausgehend von Malabous Perspektivierung der Plastizität des Gehirns die Frage nach den affektiven Vorgängen 'unter der Haut' – insbesondere betreffend "Autoaffektion" (S. 57). Sie liefert damit Argumente für ein Nicht-Ausreichen psychoanalytischer Erfassung von Emotion und Affekt, da die Aktivität des Gehirns zuallererst ein prä-subjektives "emotional self" ausbilde, welches das primäre In-Bezug-Setzen mit Welt ermögliche und gestalte. Unter der Haut (die Haut, welche Massumi zufolge schneller als das Wort sei) operiert folglich wieder jene 'andere', affektive Zeitlichkeit, auf die Angerer wiederholt zu sprechen kommt: Unser subjektives 'Ich' denkt in Sekunden, Stunden, kalendarischen Tabellen; das emotional self, denkt in der "fehlende[n] halbe[n] Sekunde" (S. 30), in "zelebrale[r] Zeitlichkeit", in "Sequenz[en] (in purer Zeit)" (S. 57), intuitiv, intensiv, impulsiv.

 

Eben solche Dimensionen des Kontingent-Impulsiven, in denen eine "radikal zeitliche Fremdheit" (S. 57) entsteht, ein Aus-der-Zeit-Fallen als In-die-Zeit-Fallen vielleicht, behielten wir in unserer Lektüre des Schlusskapitels im Hinterkopf. Die Autorin kommentiert hier Oliver Marcharts Nominierung einer politischen Affektologie. Von Laclau und Mouffe ausgehend beschäftigt er sich mit radikaler Demokratie, in welcher das Konzept des Antagonismus grundlegend ist. Dieses entwickelt er weiter zu einem Verständnis von Antagonismus 'als' Intensität(serfahrung) – etwas, das kritisch-produktive Störungen hervorruft und impulsartig das aushebelt, was uns in eingefahrenen Bahnen hält.

Damit begründet sich seine Forderung nach einer politischen Affektologie. Zu untersuchen wie die Ebene des Affektiven einerseits im Populismus reguliert werden kann und andererseits zugleich (als Chance begriffen) die Eintrittsstelle für Subversion in Form des Antagonismus sein könnte, wäre die Aufgabe einer solchen Affektforschung. Angerer stellt dem Antagonismus zusätzlich die Dislokation zur Seite: Ersterer betone das Eintreten des Zufälligen, Unvorhergesehenen und dessen produktive Kraft; letztere thematisiert "die notwendige Offenheit eines jeden Systems, das Sich-in-Bewegung-Setzen von Leben" (S. 62f). Mit ihrem Rekurs auf Althusser ergeben sich auch Ähnlichkeiten zu Benjamins Beschreibungen von (Kontingenz-)Erfahrungen und Schocks, die etwas aushebeln und ein neues Sich-in-Beziehung-Setzen ins Spiel bringen können. Das Beeindruckende an Angerers Emphase für das politische Potenzial des Zufalls ist dabei, dass sie ganz explizit und systematisch die Ebene der Affekte als diejenige 'im Humanen' benennt, die mit solchen Kontingenzerfahrungen umgeht – präreflexiv, vor-diskursiv, vor-perzeptuell –, anstatt seine Produktivität bereits direkt auf die Ebene des Mentalen (die Heimat der gesellschaftskritischen Reflexion) zu verrechnen.

 

Angerer gelingt es inspirierende Vorschläge für Forschungsrichtungen der systematischen Untersuchung dessen zu erwägen, wie Affekte operieren und wie das Verhältnis von Affekt, Politik und Medien 'anders' beschrieben werden kann. Der Aufsatz bewegt sich als eine sehr fortgeschrittene Anschlussdiskussion in einem dichten Referenzrahmen. Sprache und Stil sind durchwegs angenehm zu lesen und teilweise poetisch beflügelt. Die Nachvollziehbarkeit von Inhalten im Detail fordert aber eine sehr genaue Lektüre. Letzteres trifft in besonderem Maße auf das Vorwort von Felicity Colman zu, das als Textsorte eher einem sehr voraussetzungsvollen, kommentierenden Nachwort entspricht, und wahrscheinlich vor allem für Neueinsteiger_innen ins Feld der Affect Studies Hürden mit sich bringt. (Empfehlung: Vorwort am Schluss lesen!)

 

Veröffentlicht am 15.11.2017 (Ausgabe 2017/2)

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